Goretzka verlängert seinen Vertrag – und füllt die Worthülsen seines Klubs

Justin Trenner 16.09.2021

Die Bayern haben im Laufe dieses Jahres etwas spürbar in Angriff genommen: Ihre Kommunikation hinsichtlich der eigenen Zukunftsplanung. Vielleicht ist das schon der erste große Effekt, der von Oliver Kahn als neuem Vorstandsvorsitzenden ausgeht. Worte wie „Zukunft“, „Ära“, „Strategie“, „Planung“, „Kreativität“, „prägen“, „Philosophie“, „Energie“, „Effizienz“, „Weiterentwicklung“, „Potential(e)“, „Strukturierung“ und einige mehr zeigen, was Kahn konkret eingebracht hat – nämlich eine Unternehmenssprache, die viel Kompetenz, Ruhe und eine Leidenschaft für neue Ideen vermittelt. Nicht, dass die Worte vorher keinen Gebrauch fanden, aber sie werden vom FC Bayern in letzter Zeit doch recht häufig verwendet.

Zugleich ist diese Sprache aber auch bewusst limitiert, was konkrete Inhalte angeht. Sie wirkt äußerst vielsagend, ohne dabei aber wirklich etwas zu verraten. Das grobe „Was“ in Verbindung mit Überzeugungskraft ist entscheidend, nicht das „Wie“: „Wir wollen eine Ära prägen“; „Wir müssen kreativ sein.“; „Der strategische Radar muss ständig an sein.“ Sowohl Sportvorstand Hasan Salihamidžić als auch Präsident Herbert Hainer und eben Kahn sind darum bemüht, mit diesem Stil alle Seiten zu bedienen, ohne sich in die Karten schauen zu lassen.

Natürlich. Warum auch sollte der FC Bayern detailliert seine Strategie für die Zukunft preisgeben, oder Wasserstandsmeldungen in Prozessen wie Vertragsgesprächen abgeben? Die vollendeten Tatsachen sollen am Ende zu Buche stehen und die Worthülsen mit Inhalt füllen. Kahn gelingt diese Art der Kommunikation schon sehr gut, während andere ihre Emotionen und Gedanken nicht immer so sortieren können wie er. Und doch ist das vielleicht der Beginn einer (Weiter-)Entwicklung im kommunikativen Bereich.

Es bleibt immer noch viel Arbeit

Mit Blick auf die Zukunft des FC Bayern fürchteten viele Fans dennoch, dass der Klub auseinanderfallen könnte, weil Schlüsselspieler sich reichlich Zeit gelassen haben, ihre bald auslaufenden Verträge zu verlängern. Und auch jetzt, wo immerhin die Mittelfeldachse des Rekordmeisters verlängert hat, sind noch viele Fragen ungeklärt.

Am Ende der Saison laufen die Arbeitspapiere von Niklas Süle und Corentin Tolisso aus, ein Jahr später enden jene von Serge Gnabry, Kingsley Coman, Robert Lewandowski, Manuel Neuer und Thomas Müller. Und doch haben die Verlängerungen von Kimmich und Goretzka eine Signalwirkung: Das Herz dieser Mannschaft hat sich dazu entschieden, langfristige Verträge zu unterschreiben. Die Überzeugung ist also da, dass dieser Klub in den kommenden Jahren weiterhin eine Rolle im Kampf um den Champions-League-Titel spielen wird.

Goretzka hat sich in den vergangenen Monaten zum Schlüsselspieler entwickelt. Zwischen Müller und Kimmich ist er eine Art Dauerbrenner. Er interpretiert seine Achterrolle variabel und sehr ganzheitlich. Oft ist die Rede von Box-to-box-Spielern, Spielmachern oder reinen Zweikämpfern. Goretzka, früher eher als dynamischer Spieler zwischen den Strafräumen kategorisiert, kann mittlerweile sehr viele Kernkompetenzen verschiedener Rollen auf hohem Niveau vereinen.

Goretzkas Entwicklung zum Schlüsselspieler

Das letzte Spiel vor seiner endgültigen Unterschrift unter dem neuen Vertrag ist dafür womöglich das beste Beispiel. Sein Markenzeichen ist für viele die Körperlichkeit im Spiel geworden. Gegen den FC Barcelona gewann er sieben von zwölf geführten Zweikämpfen am Boden und auch sein einziges Kopfballduell. Ständig tauchte er im Mittelfeld auf, um Barças Angriffe zu stoppen – mit hoher Erfolgsquote.

Auch seine Tiefenläufe sind europaweit gefürchtet. Immer wieder gelingt es ihm, die letzte Linie zu überladen und so für zusätzliche Torgefährlichkeit zu sorgen. Mit seinen Bewegungen schafft er Freiräume für Lewandowski und Müller, entlastet aber auch Kimmich, der für den Takt des Spiels verantwortlich ist.

Goretzka ist eine Pressing- und Laufmaschine. Doch mittlerweile ist er noch mehr. Will man Kritik an seiner bisherigen Zeit beim FC Bayern äußern, so war es sicher auffällig, dass er in vielen Spielen etwas abtauchte, wenn es um die Ballzirkulation seiner Mannschaft ging. Unter Hansi Flick und jetzt Julian Nagelsmann scheint er dahingehend aber eine Entwicklung durchzumachen. Gegen Barcelona kam er auf 73 Ballberührungen – nur vier weniger als Kimmich.

Thiagos Abgang schmerzt immer weniger

Das lag auch ein bisschen an der Spielidee des Gegners, der Kimmich bewusst zustellen wollte. Dass das nicht wirklich gelang, war auch Goretzka zu verdanken, der im Zusammenspiel mit Müller viele Wege ging, sich immer in den Zwischenräumen angeboten hat und so ein aktiver Teil des Kombinationsspiels war. Der 26-Jährige mag kein astreiner Spielmacher mit besonders ausgeprägten technischen Fähigkeiten sein, aber er integriert sich mit seiner Interpretation der Achterrolle perfekt in das Dreiergespann im Mittelfeld. Weil er die richtige Balance aus Offensivdrang und Entlastung der zentralen Aufbauspieler gefunden hat.

Als Thiago vor rund einem Jahr den Klub verlassen hatte, fragten sich viele, wie er zu ersetzen sei. In der Spitze des Kaders wird der Spanier allerdings nur noch selten vermisst – wenn, dann eher in der Breite. Goretzka ist an dieser Herausforderung weiter gewachsen. Kimmich, Müller und er sind aktuell eines der besten, wenn nicht sogar das beste Mittelfeldtrio der Welt.

Ihre Fähigkeiten unterscheiden sich mitunter stark voneinander, passen aber wohl gerade deshalb perfekt zueinander. Was sie eint, ist neben ungeheurer Qualität mit dem Ball der Hunger auf Ballgewinne. Sie sind das dreieckige Herz des FC Bayern. Und dass sie dem Klub mindestens bis 2023, wo Müllers Vertrag ausläuft, erhalten bleiben, ist ein kaum zu überschätzender Erfolg.

Die Worthülsen füllen sich

Die Münchner zeigen damit einerseits, dass sie durchaus attraktiv sind für Top-Spieler. Interessant ist dahingehend auch immer wieder die Betonung auf die besondere Dynamik innerhalb des Teams. Sowohl Kimmich als auch Goretzka sprachen mehrfach davon, dass sie in München mit Freunden erfolgreich sein könnten. Dieser besondere Teamspirit ist nicht nur sportlich wertvoll, sondern zugleich ein gutes Argument für den Klub, wenn es um Vertragsverlängerungen oder neue Spieler geht.

Andererseits dürfte spätestens mit diesen beiden Verträgen, die recht hoch dotiert sein sollen, klar sein, dass es dem Klub trotz der Pandemie nicht so schlecht geht, wie es die Kommunikation nach außen manchmal vermuten ließe. Wer sich kurz vor Ende des Transferfensters doch noch zu einem Sabitzer-Einkauf entschließen kann und zugleich zwei Spieler in das obere Drittel der Gehaltshierarchie hievt, der hat noch einige Reserven übrig.

Aber auch das ist ja etwas, was dem FC Bayern schon immer gut gelungen ist: Sich selbst wirtschaftliche Grenzen zu setzen und dennoch erfolgreich zu bleiben. So banal dieser Satz ist, so stark repräsentiert er vielleicht das offene Erfolgsgeheimnis dieses Klubs – und zugleich ist er auf den ersten Blick genauso vage wie die Kahn’sche Kommunikation. So besorgt einige Fans vor wenigen Monaten aber noch waren, so erleichtert werden sie jetzt sein. Goretzkas Verlängerung ist ein weiteres zentrales Puzzleteil in der strategischen Planung für die kommenden Jahre. Und füllt die hochprofessionellen Worthülsen des Sommers wieder ein kleines bisschen mehr mit Inhalt.



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