Vorschau: Hoffenheims (T)Raum vom Sieg in München

Justin Trenner 22.10.2021

Im Verlauf der zweiten Halbzeit in der Champions-League-Partie des FC Bayern München bei Benfica gab es eine Phase, in der die Kontrolle über das Geschehen ein bisschen verloren ging. Zwischen der 55. Minute und dem Freistoßtor von Leroy Sané erspielten sich die Portugiesen vier Torschüsse und zwei gefährliche Standardsituationen, während die Bayern nur einen Schuss verbuchten.

Es war genau die Phase, in der Julian Nagelsmann per Funk einen Wechsel durchgab, der für ein Champions-League-Auswärtsspiel eher ungewöhnlich ist: Benjamin Pavard raus und Serge Gnabry rein. Pavard agierte zuvor als sehr offensiv ausgerichteter Rechtsverteidiger, fast schon als Flügelverteidiger – allerdings in einer Viererkette. Insofern mag die Entscheidung, den offensiven Franzosen gegen einen tatsächlichen Angreifer zu tauschen, erstmal unspektakulär klingen.

Gerade weil die Bayern aber das Spiel gerade etwas aus der Hand gaben und Pavard somit in viele Defensivaktionen verwickelt war, ist es mutig, Gnabry für ihn zu bringen. Andere Trainer hätten vielleicht mit dem Auftrag umgestellt, die Defensive mit einem weiteren Abwehrspieler zu stärken oder einen zusätzlichen Mittelfeldmann für mehr Kontrolle zu bringen. Nagelsmann aber setzte alles auf die Karte Offensivpower – und wurde belohnt. Die Bayern gingen in Führung und wenig später kam Josip Stanišić, um die Defensivstärke auf der rechten Abwehrseite wieder herzustellen.

Hoffenheims Griff nach dem Strohhalm gegen Bayern

Diese knapp zwölf Minuten, in denen Benfica durchaus hätte in Führung gehen können, müssen in der Retrospektive aber auch nicht heißer gekocht werden, als es nötig wäre. Immerhin waren die Bayern zu Gast beim portugiesischen Tabellenführer, der sich bisher in der Königsklasse gut präsentiert und einige gefährliche Offensivspieler im Kader hat. Dass es da mal ein oder zwei Situationen geben würde, in denen es die Klasse von Manuel Neuer braucht, war absehbar.

Zumal die Bayern selbst in dieser kurzen Phase keinesfalls unterlegen waren. Robert Lewandowski stand einmal sträflich frei im gegnerischen Strafraum, konnte eine etwas zu hoch angesetzte Flanke jedoch nicht erreichen. Wenn dieser Tage also von Chancen für einen Gegner des FC Bayern die Rede ist, dann sind das in Wahrheit oft kleine Strohhälme.

Die Dominanz der Roten ist sowohl auf individueller Ebene als auch auf struktureller, also taktischer Ebene bemerkenswert. Zwar zählt Benfica nicht zu den besten Teams Europas, aber ihr Pressing war in vielen Situationen gut bis sehr gut. Die Bayern aber waren mit ihren Lösungsansätzen in Ballbesitz einfach besser. Ein paar Beispiele gefällig?

Bayerns Dominanz gegen Benfica

Zunächst mal zur Grundausrichtung der Bayern: Wie so oft in den letzten Wochen agierten sie sehr flexibel, gleichzeitig aber auch durchaus strikt. Flexibel, weil sie ständig in Bewegung sind und so ihren Gegner unter Druck setzen. Strikt, weil die Raumbesetzung dann doch in den meisten Phasen recht klar war.

Aus dem Nagelsmann’schen 2-3-5 in Ballbesitz wird so auch gern mal ein 3-2-5 oder 2-3-2-3, aber die Prinzipien bleiben gleich:

  • Vor allem im Spielaufbau nicht unnötig breit, sondern nur so breit wie nötig
  • In letzter Linie breiter gestaffelt
  • Den Gegner mit gegenläufigen Bewegungen vertikal auseinanderziehen, um die Zwischenräume zu vergrößern

Gerade Letzteres funktionierte in den letzten beiden Spielen gegen Leverkusen und Benfica herausragend. Bayern hat es im Spielaufbau jeweils sehr oft geschafft, den Gegner zu locken und in ein höheres Pressing zu zwingen. Während das Anlaufen der gegnerischen Offensivspieler stattfindet, sind die Angreifer der Bayern darum bemüht, die Defensivreihe zu binden und ihr die Entscheidung zu erschweren, ob sie durchdeckt und nach vorn verteidigt, oder ob sie ihre Position hält.

Wird beispielsweise auf Hernández eröffnet, kann Sané sich im Zwischenraum neben den Sechsern anbieten.

Deckt Benfica durch, entsteht hinter dem Halbverteidiger Raum für einen vertikalen Flachpass oder einen hohen Ball, dem in dieser Situation Lewandowski hinterherlaufen kann. In der ersten Halbzeit hatte Sané seine erste große Chance in einer ähnlichen Szene, als Benfica durchdeckt und er in die Tiefe starten kann.

Bleibt der Halbverteidiger in der Kette, entsteht jedoch die Möglichkeit, dass Sané aufdrehen und mit Tempo andribbeln kann – ebenfalls gefährlich. Die Verteidiger müssen Entscheidungen treffen und das kostet mindestens einen Bruchteil einer Sekunde an Zeit. Zumal die Bewegungen der Bayern so gut aufeinander abgestimmt sind, dass diese Reaktionszeit nochmal schwerer wiegen kann.

Nagelsmann bringt Bayern aufs nächste Level

Doch es ist eben nicht nur die strukturelle Überlegenheit, die den Bayern das Leben fast schon einfach macht. Es ist auch die Klasse der Einzelspieler, die nach wie vor den Unterschied macht. Wären die Bayern ein Marathonläufer und wäre die Bundesliga die Konkurrenz, so würden wohl auch Stiefel reichen, um am Ende zu gewinnen.

Nagelsmann aber verschafft ihnen nicht nur ein Paar der besten Laufschuhe, sondern gibt ihnen auch noch Tipps, wie sie die Strecke am besten meistern.

Die Entscheidungsfindung der Spieler wird immer besser. Auch weil Joshua Kimmich als Herz dieser Mannschaft nochmal besser geworden ist. Er zieht die Fäden im Zentrum und entscheidet darüber, wann das Tempo angezogen und wann das Spiel beruhigt wird.

Being Joshua Kimmich: Was würdest du tun?

Gegen Benfica bekommt Kimmich in der 19. Minute den Ball von seinen Mitspielern. Er kann ins Zentrum aufdrehen und sieht auf der ballfernen Seite Pavard in die Tiefe starten. Was wird er wohl tun? Oder anders: Was würdest du an seiner Stelle jetzt tun?

Bevor wir die Antwort geben, kommt hier noch eine weitere Szene aus der Partie in Lissabon. In der 20. Minute wird Kimmich im Zentrum angespielt und hat viel Raum um sich herum. Für welchen Pass entscheidet er sich hier wohl? Und für welchen würdest du dich entscheiden?

Zeit für Antworten! In der ersten Szene scheint die Lösung doch recht simpel zu sein. Auf Pavard verlagern und den Raum nutzen. Doch Kimmich entscheidet sich dagegen, verschleppt das Spiel und dribbelt einmal quer über den Platz, ehe Pavard per Kurzpass bedient wird und Bayern nochmal neu hinten aufbaut. Aber warum?

Kimmich hat sich schon bevor er den Ball bekommt mit mehreren Kopfbewegungen einen Überblick verschafft. Warum er sich genau gegen eine Verlagerung entscheidet, müsste er selbst beantworten, aber die Intuition ist wohl richtig. Denn was würde die Verlagerung in diesem Fall bringen?

Ja, Pavard würde etwas Raum vor sich haben, aber da viele Bayern-Spieler auf der linken Seite noch gebunden sind, wäre ihr Weg in den Strafraum zu weit, als dass eine Flanke oder ein Ball in den Rückraum erfolgsversprechend wären. Im Gegenteil noch könnte es passieren, dass Benfica kontrolliert klären kann, weil die Struktur nicht gut genug für ein druckvolles Gegenpressing ist.

Weiter zur zweiten Szene, die einfach nur die Qualität Kimmichs unterstreichen soll. Hättest du mit diesem Pass gerechnet?

Viele Worte zur Erklärung braucht es da nicht. Kimmich schickt Sané durch die engstmögliche Gasse in einen großen Raum. Weil die Ballverarbeitung der Bayern dann nicht gut ist, führt die Szene nur zu einem Freistoß.

Spielintelligenz gegen hohes Pressing

Doch Kimmich ist auch gegen die angesprochenen hohen Pressingmomente einer der entscheidenden, vielleicht sogar der entscheidende Spieler. In dieser Szene gegen Ende der ersten Halbzeit stellt Benfica gut zu und schiebt von hinten auch aggressiv nach. Nachdem Süle den Ball von Neuer erhält, zieht Kimmich aus dem Stand an und erarbeitet sich so Abstand zu seinem Gegenspieler.

Dadurch kann er den rechts freistehenden Sabitzer bedienen. Was die Bayern dann machen, ist sowohl beeindruckend gut als auch nicht.

Zunächst mal reagiert Müller gut. Er sieht rechts von sich Sané im Zwischenraum und erkennt, dass sein Gegenspieler auf seinen Lauf in Richtung Sabitzer gut reagiert hat. Also bricht er ab und startet sofort in die Tiefe.

Das wiederum öffnet für einen ganz kurzen Augenblick die Möglichkeit für Sabitzer, Sané im grün markierten Raum freizuspielen. Es wäre eine Pressingauflösung aus dem Schulbuch gewesen, in deren Folge Sané auf eine Gleich- oder gar Überzahlsituation hätte zudribbeln können. Aber Sabitzer zögert einen Tick zu lang, weshalb Benfica die Räume wieder schließen kann.

Dem Österreicher ist da kein großer Vorwurf zu machen, weil Benfica in dieser Situation hellwach ist und schnell reagiert. Ihr Pressing greift gut und doch gab es dieses kurze Zeitfenster für die Bayern. Weil sie sich schnell, klug und extrem variabel bewegen.

Wie geht es Hoffenheim gegen die Bayern an?

Jetzt darf sich Hoffenheim probieren. Der 5:0-Erfolg über Köln sollte der TSG durchaus Selbstvertrauen geben, es in München mit Mut zu probieren. Allerdings muss Ex-Münchner Sebastian Hoeneß auf wichtige Spieler verzichten. Neben Ermin Bicakcic, Benjamin Hübner, Havard Nordtveit und Marco John fallen nun auch Pavel Kaderabek und Christoph Baumgartner aus.

Hoeneß zeigt sich dennoch positiv und klammert sich an die oben beschriebenen Strohhalme: „Die beiden letzten Spiele haben gezeigt, dass es auch für den Gegner hier und da mal eine Chance gibt.“ Vor allem Standards und offensive Umschaltsituationen stünden hier im Fokus.

Hoffenheim wird sich demnach also eher an den mutigen Pressingsituationen Leverkusens und Benficas orientieren als sich am eigenen Strafraum zu verschanzen.

Umstellung auf Dreierkette

Die Frage wird sein, wie gut sie von hinten nachschieben und ob sie die Zwischenräume für die Bayern möglichst klein halten können, ohne ihnen zu viel Platz für lange Bälle anzubieten.

Andersherum hat Hoffenheim ebenso Qualitäten mit dem Ball, auf die die Bayern Acht geben sollten. Nachdem Hoeneß in dieser Saison meistens mit einer Viererkette startete, scheint er diese nun wieder verworfen zu haben. Sowohl defensiv als auch in der Ballzirkulation gegen höher pressende Mannschaften gab es Probleme.

Innenverteidiger wie Chris Richards oder Kevin Vogt fühlen sich in einer Dreierkette womöglich wohler, weil sie so andere Passwinkel ins Mittelfeld und eine bessere Absicherung neben sich haben. Ein ganz entscheidender Faktor war beim überraschenden 5:0-Sieg aber Florian Grillitsch.

Grillitsch als Schlüsselspieler

Der Österreicher, eigentlich im Mittelfeld zu Hause, hat in den vergangenen Monaten einige starke Partien im Zentrum einer Fünferkette absolviert. Vor allem weil er dort mehr Zeit für seine Aktionen hat. Nur selten pressen gegnerische Angreifer bis zu ihm durch. So kann er das Spiel optimal beobachten und die Bälle wie ein Quarterback verteilen.

Insbesondere seine langen Diagonalbälle sind gefährlich. Gegen Bayern wird er sich wohl häufiger mal in Drucksituationen wiederfinden. Im Gegenpressing agieren die Münchner meist sehr kompakt. Findet Grillitsch mal ein wenig Raum, um einen seiner Diagonalbälle überlegt zu spielen, könnte es gefährlich werden für die Restverteidigung des Rekordmeisters.

Auch weil die TSG mit dem Ball umgehen kann. Wie beim 1:0-Führungstreffer gegen Köln:

In der Entstehung des Treffers besetzt Hoffenheim nahezu perfekt die Zwischenräume in der kompakten Kölner Pressingformation. Grillitsch verlagert auf den rechten Flügel, wo sie es dann gut ausspielen und Bebou in ein Eins-gegen-eins mit Horn bringen. Bayern wird der TSG nicht so viel Zeit am Ball lassen wie es Köln trotz recht hoher Positionierung getan hat, aber wenn sie es doch mal tun sollten, zeigt diese Szene, was sie dann erwarten könnte.

Wohin dreht sich die Hoeneß-Bilanz?

Es sind im Moment eben nur kleine Strohhalme, an die sich Gegner des FC Bayern klammern. Aber es gibt sie. Hoffenheim wird sich die etwas mehr als zehn Minuten in der zweiten Halbzeit des FC Bayern am Mittwochabend genau angesehen haben.

War Benfica in dieser Phase dominant oder klar besser als die Münchner? Sicher nicht. Aber mit Standards und klug ausgespielten Umschaltsituationen, so wie Hoeneß es bereits angekündigt hat, ist vielleicht was drin gegen eine Bayern-Mannschaft, die sich im Moment wohl nur selbst schlagen kann.

Immerhin: Hoeneß blickt nach zwei Anläufen gegen den Rekordmeister auf eine ausgeglichene Bilanz zurück. Auf den furiosen 4:1-Sieg gegen damals müde Bayern folgte eine 1:4-Niederlage in der Rückrunde. Jetzt also hat er die Chance, sie wieder ins Positive zu drehen – entgegen aller Quoten.



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