Vorschau: Sichere drei Punkte gegen Fast-Absteiger Köln?

Justin Trenner 21.08.2021

Eine halbe Stunde lang sah es im Kölner Stadtteil Müngersdorf letzte Woche so aus, als würde der FC in etwa da weitermachen, wo er in der vergangenen Saison aufgehört hatte. Behäbig, irgendwie gehemmt und wenn der Gegner keine klaren Einladungen aussprach, auch ohne klare Chancen. Doch der erste Spieltag gegen Hertha BSC sollte sich in der verbliebenen Stunde noch zum Feiertag entwickeln.

Aus einem 0:1 machten die Kölner noch ein in Phasen souveränes 3:1 – und ließen spätestens ab dem Ausgleich durch Anthony Modeste in der 41. Minute auch die Handschrift des neuen Trainers erkennen. Steffen Baumgart inszeniert sich selbst gern als Freund des einfachen, direkten und leidenschaftlichen Stils – sowohl auf als auch neben dem Platz.

Um einen Spruch ist er nie verlegen, seine Meinung spricht er geradlinig aus. Damit eckt er hin und wieder an, findet jedoch auch viel Zuspruch. Aus sportlicher Perspektive hingegen gibt es kaum zwei Meinungen: Was er mit dem SC Paderborn erreicht hat, ist nicht hoch genug zu bewerten. Diesen Erfolg will er nun mit Köln fortführen.

Der Gegner: 1. FC Köln

Seine Handschrift zeichnet sich vor allem durch ein aggressives, mutiges und intensives Pressing aus. Der Fokus liegt dabei stets auf einem kompakten Zentrum. Dafür setzte Baumgart gegen Hertha auf ein 4-3-1-2. „Eine Mannschaft, in der auch nur einer den Stehgeiger gibt, wird keinen dauerhaften Erfolg haben“, sagt der 49-Jährige im Gespräch mit Sportbuzzer über seine Spielidee. Statt auf den Gegner zu warten, „fangen wir mit dieser Arbeit doch gleich ganz vorne an, wo wir Ballverluste des Gegners noch schneller bestrafen können“, führt er aus.

Und genau das fehlte in der Anfangsphase gegen Hertha noch. Stattdessen wirkten die Kölner, als spielten sie mit angezogener Handbremse. Nach einer halben Stunde, spätestens aber in der zweiten Halbzeit trauten sie sich aggressiver und entschlossener nach vorn. Die Berliner, die schon zuvor viele einfache Abspielfehler machten, wirkten zu Beginn der zweiten Halbzeit überrascht, nahezu überrollt.

Das ist der Kern des Baumgart-Fußballs: Gegner überfordern, unter Druck setzen und die Wege zum Tor für offensive Umschaltmomente möglichst gering halten. Doch die Kölner zeigten auch in längeren Ballbesitzphasen durchaus gute spielerische Ansätze. Die durch die Mittelfeldraute auf dem Papier unbesetzten offensiven Außenpositionen wurden dynamisch von den Achtern und den beiden Stürmern besetzt. Gerade Jan Thielmann (rechter Achter) und Florian Kainz (linker Achter) profitierten sehr davon, dass Hertha sich stark auf die eng gestaffelte Spielfeldmitte konzentrierte. Immer wieder gingen sie den Weg nach außen, um sich dem Gegnerdruck zu entziehen und als Entlastungsoption zur Verfügung zu stehen. Auch Stürmer Modeste zog es häufiger nach außen, um die Defensive der Berliner auseinander zu ziehen.

Stärken

  • Aggressivität
  • Druckvolles Pressing, viele hohe Ballgewinne
  • Defensive Kompaktheit mit guten Abständen
  • Gute offensive Umschaltmomente
  • Wucht im Angriff
  • Abschlussstärke
  • Laufbereitschaft

Schwächen

  • Abstände in der Viererkette passen nicht immer
  • Anfällig auf den defensiven Außenbahnen
  • Große Qualitätsspanne im Kader
  • Viele Fouls in gefährlichen Zonen
  • Verunsicherung bei hohem Gegnerdruck
  • Schnelles Abweichen vom Matchplan bei Rückschlägen

Typische Spielweise

  • Meist Viererkette – davor variabel; zuletzt 4-Raute-2, 4-2-3-1 und 4-3-3
  • Sehr kompaktes Zentrum – Gegner auf außen lenken
  • Hohes Mittelfeldpressing
  • Vertikales und schnelles Passspiel
  • Bevorzugen Kurzpässe
  • Viele Positionswechsel in der Offensive
  • Viele gegenläufige Bewegungen: Ein Angreifer lässt sich fallen, der andere startet diagonal in den dadurch entstehenden Raum
  • Flügelfokus mit Ball trotz kompakter Formation (siehe Rolle der Achter oben)

Es gibt keinerlei Anzeichen und Gründe dafür, dass Köln gegen die Bayern plötzlich Beton anrühren wird. „Ich glaube, das was du in erster Linie brauchst, ist Mut“, sagte Baumgart, als er auf seinen Matchplan gegen den amtierenden Meister angesprochen wurde. Es gehe darum, mutig nach vorn zu spielen und „nicht abwartend“ zu agieren.

„Wir werden das, was ich vorgegeben habe, nicht verändern wollen. Wir werden versuchen, hoch anzulaufen“, ergänzte er. Ob das immer gelinge, sei wiederum eine andere Geschichte und man wisse um das defensive Risiko, aber mit einer offensiven Grundeinstellung sei eine gute Leistung wahrscheinlicher.

Bayerns Hausaufgaben: Mehr Präzision im Ballvortrag

Dass die Bayern es unter der Woche bereits mit einem aggressiven und sehr auf die Spielfeldmitte fokussierten Gegner zu tun hatten, kann ihnen für die Partie gegen Köln vielleicht in die Karten spielen. Unabhängig davon, ob Baumgart wie der BVB auf eine Raute setzen wird, werden die Münchner am Sonntag vor ähnliche Aufgaben gestellt.

Konkret bedeutet das, die Mittelfeldspieler konsequent im Spiel zu halten und die Außenverteidiger zu unterstützen. Die stärksten Phasen gegen Dortmund hatte die Mannschaft von Julian Nagelsmann, wenn Leon Goretzka und Joshua Kimmich sich Räume im Sechser- und Achterraum erarbeiten konnten – oder ihnen diese Räume durch Mitspieler und deren Läufe geöffnet wurden.

Alphonso Davies war zudem ein weiterer wichtiger Schlüssel. Hatte er gegen Gladbach noch den einen oder anderen schwachen Moment bei Gegnerdruck, traf er im Supercup-Spiel deutlich häufiger die richtige Entscheidung. Seine risikoreichen Dribblings sind in vielen Fällen eine für Bayern wohltuende Handlungsalternative, um sich aus dem Stand aus gegnerischem Druck zu befreien. Zugleich können sich dadurch aber auch gefährliche Ballgewinne für Gegner ergeben – wie beim Gladbacher Tor am ersten Spieltag.

Wer nutzt die gegnerischen Schwächen am besten?

Wer druckvoll den Spielaufbau des Gegners attackieren möchte, geht dabei ganz automatisch das Risiko, hinten offener zu sein. Kann der Rekordmeister die individuelle Qualität seiner Aufbauspieler gut einbinden, könnte es für Köln schnell eng werden. Andersherum hat aber gerade Gladbach gezeigt, dass die Bayern noch nicht in jeder Situation sattelfest sind.

„Natürlich werden wir Gegentore bekommen. Aber ich habe keine Verlustängste. Für mich zählt, wie viele Tore wir erzielen“, sagt Baumgart mit Blick auf die gesamte Saison und seine Philosophie. Allein seine bisherige Bilanz gegen die Bayern unterstreicht diese Grundeinstellung. Zwar ging sein erster Versuch im Jahr 2018, als er im Pokal mit 0:6 verlor, ordentlich in die Hose. In zwei Bundesliga-Spielen mit dem SC Paderborn verlor er jeweils aber nur knapp mit 2:3. In beiden Spielen gab es viele Momente, in denen der Serienmeister ordentlich damit zu tun hatte, die Kontrolle an sich zu reißen.

Belohnt wurde Baumgart für seinen Mut zwar noch nicht, aber die Erfahrung sollte den Bayern eine Warnung sein. Auch beim viel gelobten Supercup-Sieg in Dortmund verloren sie den Ball noch zu oft in gefährlichen Zonen. Einzig der konzentrierten Defensivarbeit und einem überragenden Manuel Neuer war es zu verdanken, dass es nicht mehr Gegentore gab. Letzterer wird gegen Köln aber voraussichtlich mit einer Kapselverletzung fehlen und auf eine weitere Topleistung der Innenverteidigung sollten sich die Bayern nicht verlassen – zumindest nicht ausschließlich.

Die Karten sind vor dieser Partie neu gemischt, von einem Sieg geht man in München aber dennoch aus. Den einzufahren könnte ein hartes Stück Arbeit werden. Gegen eine Mannschaft, die allein von der Einstellung her nur noch wenig mit der gemein hat, die im letzten Jahr fast abgestiegen ist.



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