Lea Schüller im Fokus: Die Raumschleicherin

Justin Trenner 13.10.2021

23 Jahre alt, 210 Partien im Profibereich für ihre Klubs und das deutsche Nationalteam, 128 Tore und 25 Torvorlagen – Lea Schüller kann schon früh in ihrer Karriere auf außergewöhnlich gute Werte zurückblicken. Am 12. November wird sie 24 und man könnte trotz des schon Erreichten sagen, dass ihr Weg jetzt erst so richtig startet.

Als das deutsche Nationalteam im September mit 0:1 gegen Serbien zurücklag, tat es sich schwer, ins Spiel zu kommen. Das WM-Qualifikationsspiel drohte in eine unangenehme Richtung zu kippen. Doch nach der Halbzeitpause wurde das Team durch vier Tore von Lea Schüller befreit. Es waren typische Schüller-Tore, die stellvertretend für all ihre Qualitäten stehen: Tempo, Gefühl für den Raum, Abschlussstärke und eine beeindruckende Spielintelligenz.

Die Angreiferin ist unter anderem eine herausragende Raumdeuterin. Sie hat eine sehr gute Vororientierung und weiß stets, wie sie auch nur den kleinsten Raum für sich oder andere nutzen kann. Ihre Läufe und Bewegungen sind für Gegenspielerinnen nur schwer zu verteidigen, weil sie nicht nur vor allen anderen weiß, was sie selbst tun wird, sondern auch lesen kann, wie sich eine Situation entwickelt. Es ist schon selten, dass Fußballer:innen über eine derartige Spielintelligenz verfügen, noch seltener ist es, dass Spieler:innen so handlungsschnell agieren und reagieren wie Schüller. Sie ist fast immer einen Schritt schneller als alle anderen.

Analyse: Wenn der Raum Lea ist, ist Schüller bald da

Szenenanalyse 1: Typisch Schüller!

Anhand des 1:1-Ausgleichs, den sie im besagten Spiel gegen Serbien kurz nach der Halbzeitunterbrechung erzielte, lässt sich das gut veranschaulichen (=> hier ab 2:06; das Einbetten auf anderen Websites wurde vom DFB leider deaktiviert).

Ausgangssituation vor dem 1:1 gegen Serbien.

Schüller hält sich bei Flanken gern zwischen der ballfernen Außenverteidigerin und der ballfernsten Innenverteidigerin auf, um sich entweder am langen Pfosten freizulaufen, oder diagonal einlaufen zu können. In dieser Szene wird sie sich mit Hilfe von Jule Brand am zweiten Pfosten positionieren. Ihre Vororientierung richtet sich zunächst darauf aus, den Zwischenraum vor sich zu erkennen. Die Innenverteidigerin vor ihr macht einen Schulterblick, weshalb Schüller selbst zunächst versucht, bei der Außenverteidigerin zu bleiben und sie mit körperlichem Einsatz hinter sich zu halten.

Ausgangssituation kurz vor der Flanke zum 1:1 gegen Serbien.

Das gelingt allerdings nur kurz und wenig später ist die Außenverteidigerin vor ihr. Schüller orientiert sich aber wieder gut und erkennt den Laufweg von Brand ins Zentrum. Auch Schüllers Gegenspielerin sieht Brand im Augenwinkel und konzentriert sich deshalb zunächst darauf, den Abstand zu ihrer Teamkollegin zu schließen, falls Brand (wie oben eingezeichnet) in den Zwischenraum läuft. Schüller sieht das alles nicht nur mit ihren kurzweiligen Kopfbewegungen, sondern reagiert auch klug. Sie nimmt Tempo aus ihrem Lauf und steht deshalb komplett frei am zweiten Pfosten, wo sie nun alles vor sich im Blick hat. Als würde sie Raum und Zeit für einen kurzen Augenblick kontrollieren, alles entschleunigen und sich selbst dadurch einen Vorteil verschaffen:

Wäre es nicht schön, könnte Schüller die Fähigkeit der Entschleunigung auch auf soziale Netzwerke anwenden? Aber wir schweifen ab. Zurück zur Szene: Es ist deshalb eine typische Aktion für sie, weil sie immer wieder Situationen provoziert, in denen sie aus dem Rücken ihrer Gegenspielerin agieren kann. Das gibt ihr die Möglichkeit, überraschendere Laufwege zu starten. Die Verteidigerin muss sich ständig umdrehen, um sie im Blick zu behalten, während Schüller selbst bestimmen kann, wann der perfekte Augenblick ist, um aus dem Deckungsschatten heraus in Aktion zu treten. Gerade bei Flanken hat sie dieses Timing nahezu perfektioniert. Wäre in der beschriebenen Szene der Ball hoch an den zweiten Pfosten gekommen, hätte sie womöglich schon wenige Sekunden früher den Ausgleich erzielt.

Stattdessen geht der Ball auf den Elfmeterpunkt zur ebenfalls freistehenden Lina Magull, die vom Laufweg Brands profitiert hat. Ihr Versuch wird abgewehrt, aber obwohl die eigentliche Gegenspielerin von Schüller näher am nun freien Ball ist, ist es die Angreiferin, die handlungsschnell aus dem Deckungsschatten heraus reagiert und den versuchten Befreiungsschlag der Außenverteidigerin ins Tor lenkt.

Szenenanalyse 2: Aus dem Deckungsschatten zum Abschluss

Viele ihrer Laufwege wirken unscheinbar und unwichtig, aber plötzlich ist sie in einer Position, die ihr oder eine Teamkollegin die Möglichkeit für einen gefährlichen Abschluss gibt. Vielleicht ist deshalb auch „Raumschleicherin“ der passendere Terminus. Wenn Schüller den optimalen Deckungsschatten einer Gegenspielerin erstmal gefunden hat, ist sie nur noch schwer zu verteidigen. Und Spoiler: Das gelingt ihr ziemlich häufig.

In dieser Szene (=> ab 0:38) aus dem Spiel des DFB-Teams gegen Australien ist ihre frühe Vororientierung während eines Angriffes sehr gut zu erkennen. Zunächst positioniert sie sich genau zwischen zwei Verteidigerinnen, was die Zuordnung schwieriger macht und ihr die Möglichkeit gibt, sich im Zwischenraum für einen Kurzpass anzubieten. Sobald sie einen Lauf startet, könnte es Zuordnungsprobleme bei den Gegenspielerinnen geben.

Szene gegen Australien.

Weil der Ball nicht zu ihr gespielt wird, sondern auf die rechte Außenbahn, orientiert sich Schüller nun ins Zentrum. Mit mehreren Kopfbewegungen scannt sie den Raum um sich herum und sucht den Rücken der Gegenspielerin, um sich eine gute Ausgangssituation für den Lauf in den Strafraum zu verschaffen (=> ab 0:50 sind die Kopfbewegungen sehr gut zu sehen).

Szene gegen Australien.

Am Ende der Szene kommt sie zwischen zwei Gegenspielerinnen zum Kopfball. Zwar bekommt sie zu wenig Druck auf den Ball, aber die Art und Weise, wie sie sich den Abschluss erarbeitet hat, ist typisch für sie. Aus dem Rücken der Gegenspielerin heraus findet sie einen kleinen Raum, in dem sie unbedrängt sein kann.

Anhand dieser Szene lässt sich noch ein weiteres Merkmal ihrer Spielweise erklären: In Ballbesitzphasen hält sie nur selten ihre Neunerposition. Sie weicht gern in die Halb- und Zwischenräume aus, um dann mit Tempo auf die gegnerische Verteidigung anlaufen zu können oder sich aktiv am Spiel zu beteiligen. Auch hier versucht sie sich dem Fokus der direkten Gegenspielerin(nen) für einen Moment zu entziehen.

Schüller braucht beim FC Bayern noch mehr Einbindung

Beim FC Bayern bekommt sie dafür die Unterstützung der oft einrückenden Außenspielerinnen und der Zehnerin Linda Dallmann.

Bietet sich Schüller in einer Szene wie der hier dargestellten im Zwischenraum an, müssen die Innenverteidigerinnen entscheiden, ob eine von ihnen mitgeht. Ist das der Fall, öffnet sich der Raum für einen Chipball auf die anderen Offensivspielerinnen. Bleiben sie in ihrer Position, kann Schüller womöglich aufdrehen. Und selbst wenn sie gar nicht angespielt wird, kann sie mit einem Tiefenlauf aus diesem Bereich wieder den Rücken einer Gegenspielerin suchen.

Bayern nutzt das Raumverständnis von Schüller fast noch zu selten. Sie könnte deutlich mehr am Spiel nach vorn teilnehmen, indem sie im oben rot markierten Raum aktiver einbezogen wird. Stattdessen wirkt sie aber fast wie eine reine Strafraumstürmerin, weil die Mannschaft unter Scheuer sehr flügellastig agiert.

Technisch herausragend

Doch nicht nur ihr Verständnis für Räume und ihr Kopfballspiel machen Schüller zu einer herausragenden Stürmerin. Auch ihre technischen Fähigkeiten sind bemerkenswert gut, wie sich zuletzt gegen Benfica zeigte, als sie einen anspruchsvollen Drehschuss an die Latte setzte.

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Wieder zeigt sie in dieser Szene, dass sie genau weiß, wann sie welchen Lauf machen muss. Wie sie die Szene dann aber abschließt ist schlicht Weltklasse. Obwohl ihre Mitspielerin den besten Augenblick für ein Abspiel verpasst, macht Schüller die Szene nochmal heiß.

Diese technische Grundqualität befähigt sie dazu, auch eine starke Kombinationsspielerin zu sein. Schüller bringt für eine moderne Stürmerin alles mit, was es braucht. Wenn es überhaupt etwas gibt, was noch ausbaufähig ist, dann ist es die Sauberkeit in ihren Aktionen. Es sind eher Ausnahmesituationen, aber in wenigen Fällen wirkt sie fast schon zu gedankenschnell. Als würde sie bereits an den nächsten und übernächsten Schritt denken, dabei aber die Präzision für den ersten verlieren.

Sprungbrett FC Bayern oder Ära prägen?

Schüller hat zweifelsohne das Potential, zu den besten zehn Spielerinnen der Welt zu zählen. Ihre Fähigkeiten am Ball und ihr Gespür für Räume sind nahezu einzigartig gut. Behält sie ihren Torriecher bei und schaffen es die Bayern, sie noch intensiver ins Spiel einzubinden, könnte bereits in dieser Saison ein weiterer großer Entwicklungsschritt erfolgen.

Das Ziel des FC Bayern muss es sein, den im Sommer 2023 auslaufenden Vertrag möglichst bald zu verlängern. Eines ist ganz offensichtlich: Schüllers Weg zur Weltspitze beginnt gerade. Die große Frage wird sein, ob der FC Bayern sich im Konzert der ganz Großen ebenfalls so schnell in Richtung Weltspitze entwickeln kann wie die Stürmerin.

Ansonsten droht ihnen womöglich ein Szenario wie damals bei Viviane Miedema, die den Klub 2017 in Richtung England verließ, um genau das zu erreichen, was Schüller auch erreichen kann und will: Sich regelmäßig mit den Besten zu messen. Insofern wird das Abschneiden in dieser Saison nochmal doppelt wichtig für die Bayern Frauen: Erstens zur Bestätigung der eigenen Entwicklung und zweitens, um Spielerinnen wie Lea Schüller zu zeigen, dass sie jetzt in München das erreichen können, was Miedema dem Klub damals zurecht noch nicht zugetraut hatte.

Am Donnerstagabend spielen die FC Bayern Frauen daheim gegen den BK Häcken in der Champions League. Anstoß ist 18:45 Uhr, DAZN überträgt live – auch kostenfrei auf YouTube.



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