Vorschau: FC Bayern München – Hertha BSC

Justin Trenner 02.10.2020

Wenn man als Hertha-Fan beim Rekordmeister Punkte erwartet, lohnt sich eine Reise nach München eigentlich nicht. Der letzte Auswärtssieg der „alten Dame“ ist so lange her (1977), dass beim FC Bayern noch Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß auf dem Platz standen.

Um hoffen zu dürfen, diese Horror-Statistik endlich wieder aufzuhübschen, werden die Männer von Bruno Labbadia allerdings ein ganz anderes Gesicht zeigen müssen als im Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt, und sich am besten etwas von der TSG Hoffenheim abschauen.

Die junge „alte Dame“ noch nicht erwachsen

Schnell war es vorbei mit den selbstironischen „Spitzenreiter, Spitzenreiter“-Rufen in der ersten Halbzeit gegen Eintracht Frankfurt. Es dauerte keine 36 Minuten, da lag Hertha bereits mit 0:2 hinten. Eine schwache Leistung der blutjungen Mannschaft, die sich in Hälfte zwei zwar zurückkämpfte, die Partie am Ende aber trotzdem mit 1:3 verlor. Ausgerechnet die „erfahrenen“ Leistungsträger schwächelten: Vladimir Darida (der konstanteste Spieler der letzten Saison bei Hertha) und Peter Pekarik (noch der Held des Bremen-Spiels) wurden beide zur Halbzeit nach einer enttäuschenden Leistung ausgewechselt. Auch Neu-Kapitän Dedryck Boyata, eigentlich der sicherste Innenverteidiger der Berliner, verursachte einen Elfmeter zum 0:1 und strahlte nicht die gewohnte Souveränität aus. 

In drei Pflichtspielen erlebten Hertha-Fans also eine Achterbahn der Gefühle. Erst die erstaunliche Pokalblamage gegen Eintracht Braunschweig (4:5), dann der eindrucksvolle Sieg in Bremen (4:1), um dann ganz schnell wieder im Heimspiel auf dem Boden der Tatsachen zurückgeworfen zu werden. Dieser Saisonstart ist ein Vorgeschmack dafür, wie die Saison des Hauptstadtklubs ablaufen wird. Denn die „neue Hertha“ von Bruno Labbadia ist noch lange nicht auf dem Niveau, um eine Europa-League Qualifikation anzupeilen. Vom Chaos-Klub zum Europa-League-Anwärter? Das kann nicht auf wundersame Weise innerhalb von sechs Monaten passieren, auch nicht mit Windhorst-Millionen.

Und so begann Hertha im Sommer den Umbruch und verabschiedete sich von mehreren erfahrenen Spielern: Vedad Ibisevic (36), Salomon Kalou (35), Per Skjelbred (33), Thomas Kraft (31) und Alexander Esswein (30) verließen den Verein. Diese Abgänge wurden gezielt nicht durch erfahrene Neuzugänge kompensiert: „Damit wir nicht nur kurzfristig denken, sondern auch mittelfristig etwas aufbauen können. Das ist unser Ziel und deshalb haben wir uns gegen sehr geschätzte Spieler entschieden“, erklärte Labbadia. Herthas Kader ist mit durchschnittlich 25 Jahren der fünftjüngste der Bundesliga. Eigentlich eine gute Sache, nur sind damit Leistungsschwankungen vorprogrammiert.

Nicht anders wird es am Sonntag sein: So diszipliniert und eingespielt wie Hoffenheim ist Hertha noch lange nicht. Den jungen Wilden in Herthas Offensive fehlen noch die Automatismen und die Konstanz über 90 Minuten. Ein großes Problem bleibt außerdem das Fehlen der Anführer auf und neben dem Platz. Es müssen sich noch eine Hierarchie und echte „Leader“ herauskristallisieren. Dazu kommt: Aufgrund von individuellen Fehlern stellt sich Hertha immer noch zu oft selbst ein Bein. 

Dreierkette, oder nicht? – Viele Optionen für Bruno Labbadia

Schließlich sucht Bruno Labbadia noch nach den richtigen Spielern, um die restlichen Baustellen im Team zu beseitigen. Insbesondere im zentralen Mittelfeld wird noch ein kreativer Spieler gesucht, für die Außenbahn ebenfalls. Der eine oder andere Spieler sollte noch vor Ende der Transferperiode an der Spree auftauchen, doch für das Spiel am Sonntag wird es wohl zu spät kommen. Wie Herthas Cheftrainer da seine Mannschaft aufstellen wird, ist durch die vielen Optionen eine spannende Frage.

Die TSG aus Hoffenheim hat vorgemacht, wie man in einer besonderen Lage durch eine besondere Taktik den FC Bayern bezwingen kann. Zweifellos werden sich Labbadia und sein Team davon inspirieren lassen. Ob diese Inspiration aber so weit geht, dass sich das Spielsystem der Berliner zu einer Dreierkette umwandelt, wird sich zeigen. Die Spieler dafür hat man, doch die bereits angesprochene Instabilität und Anfälligkeit für individuelle Fehler spiegelt sich ausgerechnet in der Innenverteidigung wider. Karim Rekik ist als Fehlerherd keine besonders beliebte Option und Nationalspieler Niklas Stark wird lieber als Sechser eingesetzt, auch um Foulspiele in Strafraumnähe möglichst zu vermeiden. 

Des Weiteren stellen sich viele personelle Fragen: Vertraut der Trainer lieber auf den erfahrenen Peter Pekarik auf der rechten Verteidigerposition, oder setzt er lieber auf den schnellen Deyovaisio Zeefuik, um das Tempo von Alphonso Davies zu kontern? Sollte Hertha mit drei Innenverteidigern spielen, wäre der Niederländer tatsächlich eine gute Option. Durch sein Tempo und seine Vorstöße könnte er sowohl defensiv als auch offensiv besonders wertvoll werden. Allerdings ist auch er sehr jung, spielte bisher noch kein Pflichtspiel bei Hertha BSC von Anfang an und muss sich noch in mehreren Bereichen steigern.

Herthas letzte Aufstellung im Spiel gegen Eintracht Frankfurt – Quelle: www.meineaufstellung.de
Mögliche Aufstellung bei Umstellung auf eine Dreierkette – Quelle: www.meineaufstellung.de

Bekommt Jhon Córdoba möglicherweise seine Chance von Beginn an, nachdem Konkurrent Krzysztof Piatek nicht überzeugte? Der 27-jährige Neuzugang aus Köln hat bisher Joker-Einsätze gehabt, konnte jedoch insbesondere gegen Werder Bremen einen starken Einstand feiern und wäre durch seine Geschwindigkeit und Physis vielleicht sogar die bessere Wahl als der Pole.

Bruno Labbadia will eine Mannschaft aufbauen, die taktisch sehr variabel agieren kann, und das zeigt sich insbesondere in der Offensive. Dort hat Hertha wohl seine größten Waffen. Dodi Lukébakio wird mit großer Sicherheit in der Startelf stehen, im flexiblen System von Labbadia wird er im Laufe des Spieles überall in der Offensive zu finden sein – mal auf der Seite, mal in der Spitze. Ähnlich agieren dürfte der Brasilianer Matheus Cunha, der nicht an einer Position festgemacht werden kann.

Kompliziert gestaltet sich die Aufstellung im zentralen Mittelfeld. Dort scheinen Vladimir Darida und Neuzugang Lucas Tousart die Nase vorn zu haben. Doch darüber hinaus fehlen Labbadia die Optionen: Arne Maier verletzte sich gegen Eintracht Frankfurt kurze Zeit nach seiner Einwechslung, Santiago Ascacibar war lange verletzt und ist noch lange nicht bei 100 Prozent. Die Sechserposition übernahmen daher bislang der gelernte Linksverteidiger Maximilian Mittelstädt (dann spielte Marvin Plattenhardt als linker Verteidiger) oder der gelernte Innenverteidiger Niklas Stark. Letzterer müsste jedoch, falls Hertha mit einer Dreierkette spielt, zurück in die Innenverteidigung.

Viele Fragen also, die sich wohl erst am Sonntag klären werden. Immerhin wurde die Torhüter-Frage endgültig beseitigt: Neuzugang Alexander Schwolow wird im Kasten der Blau-Weißen stehen und mit großer Sicherheit einiges zu tun bekommen.

Worauf muss der FC Bayern aufpassen?

Der FC Bayern dürfte erneut enorm viel Ballbesitz haben, doch genau das spielt Hertha zumindest in die Karten: die größten Schwierigkeiten machten sich die Berliner im Aufbauspiel, und dann, wenn sie das Spiel machen mussten. Gegen so spielstarke Gegner wie den FC Bayern allerdings sind die schnellen Angreifer der Hauptstädter besonders gefährlich. Durch schnelles Umschalten bei Ballverlust des Gegners können Lukébakio oder auch Córdoba im Vollsprint geschickt werden und selbst die Bayern-Abwehr vor große Probleme stellen. 

Besonders wichtig für dieses Umschaltspiel wird dabei Herthas auffälligster Spieler sein, der bereits angesprochene Matheus Cunha. Die neue Nummer „Zehn“ bringt seit seiner Ankunft in Berlin immer mehr einen „Marcelinho“-Vibe mit und ist an fast allen Berliner Offensivaktionen beteiligt. Seine Technik und Unberechenbarkeit sowie sein Zug zum Tor sorgen oft für besondere Momente.

Zudem sollte seine Motivation am Sonntag besonders groß sein: der 21-Jährige wurde für die Brasilianische Seleção nominiert und was das für brasilianische Fußballprofis bedeutet, kann man nicht überschätzen. Cunha ist jedenfalls der Spieler, den die Münchener sofort unter Kontrolle haben müssen. Wie das geht, hat leider Eintracht Frankfurt im letzten Spiel sehr gut vorgemacht, am letzten Spieltag wurde er fast komplett aus dem Spiel genommen. 

Auch deshalb wird Hertha die Last auf weitere Schultern verteilen müssen. Der zweikampfstarke und unermüdliche Lucas Tousart wird im zentralen Mittelfeld kein körperliches Duell scheuen und wahrscheinlich den einen oder anderen Bayern-Profi von den Beinen holen. Noch wichtiger als Schnelligkeit, Technik oder Zweikampfstärke wird jedoch am Sonntag die Disziplin, die Laufbereitschaft und das Positionsspiel der Berliner sein, um die Münchener nicht in die gefährlichen Zonen zu lassen und zu Risikopässen zu zwingen. Ob die junge Mannschaft in dieser frühen Phase der Saison dazu in der Lage ist, bleibt unsicher. 

Umso wichtiger wird es sein, dass Spieler wie Vladimir Darida sich in guter Form präsentieren. Der 30-Jährige hat diese Woche seinen Vertrag an der Spree verlängert und könnte erneut rekordverdächtige Strecken laufen. Andere werden es ihm nachmachen und eine starke Laufleistung zeigen müssen. Unter die Räder kommen möchte man auf keinen Fall, doch das Spiel gegen Eintracht Braunschweig und die letzte Partie gegen Eintracht Frankfurt haben gezeigt, dass es auch schnell nach hinten losgehen kann. Die „junge Hertha“ ist also als Außenseiter gefordert und wird alles geben, um wie letzte Saison zumindest einen Punkt aus München mitzunehmen.

Fazit: Stimmt die individuelle Form, ist was drin für Hertha

Die Mannschaft der „alten Dame“ ist noch mitten im Aufbau. Doch völlig chancenlos im Hinblick auf das Sonntagsspiel in München ist man trotzdem nicht. Aktuell hängt noch zu viel von der Form individueller Spielerleistungen und von Geistesblitzen ab. Erwischt Hertha einen Sahnetag in dieser Achterbahnsaison, ist es gut möglich, dass man es der TSG Hoffenheim nachmacht.

Auf einen Sieg von Hertha zu wetten wäre jedoch ähnlich riskant, wie vor der Saison eine andere Mannschaft als den FC Bayern auf Platz „1“ der Bundesligatabelle zu tippen. Ein guter Kampf wird es trotzdem werden und torlos sollte die Partie nicht enden: Dodi Lukébakio trifft bekanntlich besonders gerne in München.

Unsere Vorschau auf den FC Bayern findet ihr bei Hertha BASE.

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