Vorschau: FC Bayern München – Atlético Madrid

Justin Trenner 20.10.2020

Wer wissen möchte, was Diego Simeone so besonders macht, der sollte etwas Zeit mitbringen. Der Trainer hat es geschafft, Atlético Madrid in der europäischen Spitzenklasse zu etablieren. Er ist der Star dieses Klubs, weil es ihm gelingt, die Spieler hinter einem Ziel zu vereinen. Egoisten, Starallüren und ungesunde Hierarchien haben bei ihm keinen Platz.

Simeone ist ein Vulkan an der Seitenlinie. Einer, dessen Ruhepuls irgendwo jenseits jeglicher gesunder Grenzen liegen dürfte. Einer, der mit seinen Möglichkeiten zur Beeinflussung des Spiels gern mal die Geduld des Schiedsrichterteams auf die Probe stellt. Aber Simeone ist nicht nur pure Emotion. Er ist auch ein Denker und Philosoph – eine Seite, die so nur selten den Weg in die Öffentlichkeit findet.

Atlético Madrid: Simeones Werk

Wer über einen Zeitraum von rund neun Jahren mit nur einem Klub so erfolgreich ist wie er, der muss besondere Qualitäten mitbringen. Selbst die größten Trainer dieser Zeit können ein Lied davon singen, wie es ist, wenn die eigenen Methoden und Ansätze nicht mehr funktionieren. Es ist ein natürlicher Abnutzungseffekt, den Pep Guardiola seinerzeit in Barcelona spürte und dem er entgehen wollte. Selbiger ereilte Jürgen Klopp einst in Dortmund.

Simeone aber ist einer, bei dem alles zu passen scheint und der dieser Abnutzung irgendwie entkommen kann. Die Gründe dafür sind vermutlich so vielseitig, dass es dafür ein Buch und keinen Artikel bräuchte. Doch ein entscheidendes Element ist, dass er taktisch immer wieder neue Reize setzen kann, die selbst langjährige Spieler wie Koke aufs Neue herausfordern.

Hinzu kommt eine über die Jahre gesunde Weiterentwicklung des Kaders, die ebenso notwendig ist, um eine Abnutzung zu vermeiden. Wenn Klopp und Guardiola die Offensivphilosophen des letzten Jahrzehnts sind, dürfte Simeone aber der Defensivphilosoph sein. Er hat Verteidigen zur Kunst gemacht. Das sollte keinesfalls unterschätzt werden, wenn vom “Vulkan”, seinem Puls oder den vielen Emotionen gesprochen wird.

Die zähe Arbeit an Ballbesitzphasen

Gerade im letzten Jahr befand sich Atlético Madrid erneut im Wandel. Simeone wird gern nachgesagt, dass es nach 2014 nicht mehr zum Meistertitel gereicht hat, weil im Alltag die Durchschlagskraft aus Ballbesitzphasen heraus fehlt. Verteidigen, den Gegner jagen, ihn in Umschaltsituationen überrennen – kaum ein Team kann das so perfekt wie Atlético. Doch wenn sie das Spiel selbst machen müssen, tun sie sich schwer.

In dieser Saison hat Atlético noch nicht viele Spiele absolviert. Gerade die beiden Unentschieden (jeweils 0:0) gegen SD Huesca und FC Villareal bestätigen diesen Eindruck aber. Simeone aber schaut dieser Entwicklung keinesfalls nur zu. Über weite Strecken der letzten Saison brach er sein über Jahre nahezu in Stein gemeißeltes 4-4-2 etwas auf, probierte sich beispielsweise an der Raute im Mittelfeld, um in Ballbesitzphasen mehr Präsenz im Angriffsdrittel zu erzeugen.

Spieler wie Saúl Ñíguez oder João Félix haben zudem unglaubliche technische Fähigkeiten, die mit dem Narrativ des den Gegner zerstörenden Atlético wenig gemein haben. In dieser Mannschaft steckt mehr als ein diszipliniertes Verteidigungsverhalten. Simeone ist auf dem Weg, dieses Potenzial entsprechend auszuschöpfen und möchte gerade in der Liga das Ballbesitzspiel erheblich verbessern.

Gegen Bayern voll in ihrem Element

Doch gegen den FC Bayern ist das ohnehin kein allzu großes Thema. Denn hier kann Atlético so auftreten, wie sie es am liebsten tun: Fokus auf die Arbeit gegen den Ball und blitzschnelle Konter nach Ballgewinnen. Dabei zeigt sich die Simeone-Elf nach wie vor so flexibel, dynamisch und anpassungsfähig wie kaum ein anderes Team auf der Welt.

Die Grundausrichtung ist das von vielen bereits gefürchtete 4-4-2 mit zwei eng beieinander stehenden Viererketten, die in der Breite meist unterschiedlich positioniert sind: Eine enge Defensivreihe (blau gestrichelt) und eine breiter aufgestellte Mittelfeldreihe (grün gestrichelt) hier im Beispiel, manchmal auch umgekehrt – je nach Situation. Die dargestellte Variante erlaubt es den Flügelspielern, auch mal aus dem Mittelfeld in die Abwehr zu kippen und so eine 5-3-2-Struktur herzustellen. Vorn sind dann zwei Stürmer positioniert, die im Abwehrpressing auf die Initialpässe des Gegners warten, beim Herausschieben aber die Laufwege und Orientierung der Mitspieler mitbestimmen.

Entscheidend sind die sechs Spieler im Spielfeldzentrum (rot eingegrenzt und schraffiert) – auch und gerade gegen die Bayern. Sie sorgen dafür, dass es Gegner extrem schwer haben, Bälle in den Zwischenlinienraum zu spielen. Sie stehen eng, sind gut aufeinander abgestimmt und packen sofort zu, wenn ein Ball in ihren Bereich gespielt wird. Gelangt der Ball auf die Flügel, schieben sie gemeinsam rüber, um die beiden Außenspieler zu unterstützen, die Abstände gering zu halten und diagonale Passwege in die vermeintlich offenen Halbräume zu verhindern.

Viel mehr als Abwehrpressing

Atlético geht mit einer unglaublichen Laufintensität und Disziplin vor. Fehler im Verschieben sieht man nur selten. Die Bayern sind wiederum ein Team, das gern über die Außenbahnen spielt, dabei aber immer die Passwege ins Zentrum und die Halbräume im Blick behält, um nicht zu berechenbar zu sein. Atlético wird sie in die berüchtigte U-Form drücken wollen, um dann auf den Außenbahnen Ballgewinne zu erzeugen – gerade weil Spieler wie Alphonso Davies (insofern er spielt) oder Benjamin Pavard zuletzt nicht sattelfest wirkten.

Aber Atlético ist nicht nur Abwehrpressing. Kaum ein Team variiert so zielsicher und effizient die Höhe des eigenen Pressings wie die Rojiblanco. Stets kompakt, immer mit einer guten Orientierung für Raum, Ball und Gegner sowie mit hoher Aggressivität und Intensität schieben sie in Phasen des Spiels auch mal weit raus in ein höheres Mittelfeld–, vereinzelt sogar ins Angriffspressing.

Vor allem wenn der Gegner das Spiel auf den Außenverteidiger eröffnet und die Mannschaft gut positioniert ist, wird der Raum stark verengt. Mindestens fünf Spieler versuchen dann, den Außenspieler zum Ballverlust zu zwingen, indem seine Optionen stark reduziert werden.

Oft bleibt dann nur ein Rückpass auf einen sich fallen lassenden Innenverteidiger, der von Atlético aber ebenfalls sofort unter Druck gesetzt werden kann. Durch klare Abläufe und Positionswechsel haben sie stets einen guten Zugriff und immer noch genügend Spieler in der Defensivreihe, um lange Bälle abzulaufen und zu verteidigen.

Funktioniert Bayerns Pressing auch gegen Atlético?

Es wird extrem spannend, wie die Bayern mit einem derart variablen und gut organisierten Pressing zurechtkommen. In den letzten Wochen waren sie immer für den einen oder anderen gefährlichen Ballverlust gut. Anders als Bielefeld, Düren oder Hertha wird Atlético diese wohl eher bestrafen. Nur mit sehr viel Bewegung und mutigen Laufwegen wird es gelingen, auch in das vielleicht am besten organisierte Defensivsystem Lücken zu reißen. Seitenverlagerungen, gegenläufige Offensivbewegungen, Steil-Klatsch-Spielzüge – viele gute Lösungen haben die Bayern bereits in ihrem Repertoire. Entscheidend wird es sein, die Präzision und das Tempo aufzubringen, um Atlético immer wieder aus der Defensive herauszulocken und dann ins Leere laufen zu lassen.

Die Rojiblanco werden sicher nicht oft aus einem geordneten Spielaufbau heraus agieren, aber auch hier gibt es durchaus Aspekte, die für die Bayern von Bedeutung sind. Atlético spielt insbesondere gegen starke Mannschaften nur selten über viele Kurzpässe von hinten heraus. Der rot schraffierte Bereich ist also eher eine Tabuzone.

Für die Bayern wird es also nicht viel Zeit für Zugriff geben, wenn sie hoch anlaufen, weil der Ball tendenziell schnell in den grün schraffierten Bereich gelangen soll. Atlético versucht mit langen Bällen (hoch, gechipt und flach) schnell in Situationen zu kommen, die sie selbst besser kontrollieren können und die das Risiko für Gefahr minimieren. Denn nach erfolgtem Pass sind sie sofort wieder in ihrem Element: Pressing, zweite Bälle, schnelle Angriffe.

Da Diego Costa ausfällt, werden mit Luis Suárez und Felíx vermutlich zwei Stürmer starten, die nicht so robust sind wie Costa, der als Wandspieler mit Ablagen langer Bälle in den Zwischenraum durchaus seine Qualitäten hat. Dafür ist Felíx aber erheblich wendiger, technisch stärker und cleverer in seinem Positions- sowie Bewegungsspiel.

Im in der Grafik grün schraffierten Bereich wird es für die Bayern darauf ankommen, mannorientierte Schlüsselduelle zu gewinnen, Atlético nicht aufdrehen zu lassen und raumöffnende Bälle auf die nachrückenden Außenverteidiger (schwarze Pfeile) zu verhindern. Denn die Simeone-Elf wird versuchen, die Verteidigung der Bayern zusammenzuziehen und die Flügel so zu öffnen. Dafür ist auch die Verteidigungsarbeit der bayerischen Flügelstürmer wichtig.

Packender Fußballabend ohne Fans

Es ist vermutlich ein Duell auf Augenhöhe, wenngleich insbesondere Fitness und Rhythmus bei beiden Teams sehr unterschiedlich ist. Einerseits die Bayern, die sich vor Spielen kaum retten können, andererseits Atlético, die erst vier Pflichtspiele absolviert haben. Schlägt Rhythmus hier Erholung? Oder andersherum? Oder ist beides relativ egal?

Für Hansi Flick ist es so oder so eine Herausforderung, die er so noch nicht hatte. Es ist ein Test für seinen Spielstil und eine Standortbestimmung für sein Team. Flick und Simeone sind augenscheinlich sehr gegensätzlich – so wie ihre taktischen und strategischen Überzeugungen. Beide haben aber gemein, dass ihre konzeptionellen und fußballphilosophischen Qualitäten in der Berichterstattung über sie oft zu kurz kommen.

Beide sind große Denker und Philosophen ihres Sports. Sie beide zählen auch deshalb im Moment zu den besten Trainern der Welt. Am Mittwochabend treffen sie früh in der Saison aufeinander. Für beide Trainer wird dieser erste Champions-League-Spieltag wichtige Erkenntnisse bringen, die womöglich den weiteren Saisonverlauf entscheidend beeinflussen können. Es ist nur schade, dass dieses Aufeinandertreffen zweier Welten nicht vor Publikum stattfinden kann. Ein solches Fußballspiel hätte zweifelsohne mehr verdient gehabt.



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