Adventskalender: Unsere Wunschtransfers – Türchen 1

Justin Trenner 01.12.2020

Hinter Türchen 1 versteckt sich: Mesut Özil. Ja, ihr habt richtig gelesen. Meine Wahl fällt aus sehr persönlicher Präferenz auf Mesut Özil. Der Ex-Nationalspieler war in seiner Laufbahn vielleicht so umstritten bei Fans wie kein anderer Spieler beim DFB. Die Gründe dafür waren sehr verschieden.

Dass Özil aber auch sportlich so umstritten war und ihm die Weltklasse regelmäßig abgesprochen wurde, empfinde ich bis heute als eines der größten Rätsel. Özil war insbesondere im ersten Teil der vergangenen Dekade einer der drei besten, vielleicht sogar der beste Spielmacher der Welt.

Was hat den Spieler ausgezeichnet?

Sein Überblick, seine Entscheidungsfindung, seine Technik, sein Gespür für den richtigen Raum, vor allem sein Passspiel – Özil hat alles mitgebracht, um das Offensivspiel seiner Mannschaft auf das nächste Level zu heben. Er hat Dinge gemacht, die in dieser Form in der deutschen Fußballgeschichte nur wenige in der Lage waren zu tun.

Und so verwunderte es recht wenig, dass er 2010 zu Real Madrid wechselte. Es verwunderte aber auch nicht, dass er selbst unter einem Coach wie José Mourinho, der Großen Wert auf die Arbeit gegen den Ball legt, zu den wichtigsten Spielern zählte.

Özil, Ronaldo und Benzema bildeten in der Offensive ein unfassbar durchschlagskräftiges Dreieck, trugen entscheidend dazu bei, dass Real in der Saison 2011/12 nicht nur Meister wurde, sondern sogar einen Punkte- (100) und Torerekord (121) aufstellte. Özil erreichte damals womöglich seinen Peak, ehe er 2013 zu Arsenal ging. Ein Wechsel, der Madrids Lebensversicherung Cristiano Ronaldo stark verärgerte. In London spielte er weiter auf Weltklasseniveau, verlor aber auch wegen seines Abstiegs zu einem Klub aus der zweiten Reihe Europas an Ansehen. Bis heute hat Özil unfassbare Werte in allen für seine Position relevanten Statistiken.

Entgegen seines Rufes sammelte er diese statistischen Top-Werte nicht ausschließlich gegen kleinere Mannschaften, sondern oft auch in den großen und wichtigen Partien.  

Situation bei Bayern im Jahr 2010

2010 sind die Bayern Champions-League-Finalist und Doublesieger geworden. Die Saison darauf verlief holprig. Wahrscheinlich auch deshalb, weil man sich auf den Erfolgen etwas ausruhte. Gerade in der Transferpolitik war man etwas nachlässig. 

Zum damaligen Zeitpunkt hätte ich mir sehr gewünscht, dass Özil zu den Bayern geht. Die Ablösesumme von 18 Millionen Euro wäre für die Münchner drin gewesen und man hätte erstmals seit Ewigkeiten einen spiel- und kombinationsstarken Zehner bekommen. Hätte man sich gegen Real durchsetzen können? Schwierig. Aber einen Versuch gab es wohl nicht.

Ich bin überzeugt davon, dass van Gaal einen solchen Spielertypus gut hätte einbinden können und Özil auch in München auf Weltklasseniveau funktioniert hätte. 

Konkurrenzsituation beim FCB

Allerdings muss man auch realistisch einordnen, dass Thomas Müller damals schon gesetzt war. Was das mit Spielern wie James Rodríguez oder Coutinho machte, ist bekannt. Es ist durchaus möglich, dass Özil und er sich in Verbindung mit einem echten Stürmer wie Gómez oder Mandzukic nicht gut ergänzt hätten. Auch Toni Kroos spielte damals eher in höheren Zonen, wobei bei ihm absehbar war, dass er seine Stärken auch tiefer einbringen könnte. Das Hauptproblem wäre also die Konkurrenz mit Müller gewesen.

Andererseits sind beide zusammen in wichtigen Rollen Weltmeister geworden. Für die genannte Ablösesumme wäre das Risiko wohl auch damals schon tragbar gewesen und: Konkurrenz macht sehr gute Spieler nochmal besser.

Vielleicht hätte van Gaal auch ein neues System etabliert, in dem zwei Zehner ihren Platz fänden. Aber auch dann wäre die Frage, ob Müller und Özil nicht beide am stärksten im rechten Halbraum sind.

Ausblick

Letztendlich lief es für beide dann positiv weiter. Bayern holte mit Müller das Triple, Özil spielte über Jahre auf extrem hohem Niveau erfolgreich woanders – wenn auch ohne die entsprechende Anerkennung. 

Ich bin dennoch überzeugt, dass Özil beim FCB viele seiner Kritiker*innen verstummen lassen hätte. Meine These ist bis heute, dass die Abneigung gegen den Fußballer Özil vor allem aus einer persönlichen Abneigung entstand und viele ihn nicht detailliert genug im Ausland verfolgt haben. Von seinem Transfer hat das Wohl des Klubs offensichtlich trotzdem nicht abgehangen, einen solchen Zauberfuß bei den Bayern zu sehen, wäre für mich aber ein Wunsch gewesen. 

Im Gegensatz zu vielen anderen habe ich die Karriere von Mesut Özil auf dem Platz sehr gern verfolgt. Seine Magie wird vielen für immer ein Rätsel bleiben. Mir wird das wiederum für immer ein Rätsel bleiben. Was neben dem Platz geschah, ist ein Thema, das in dieser kurzatmigen Artikelserie nicht vollends beleuchtet werden kann. Dennoch sei bemerkt, dass ich zumindest nicht unglücklich darüber bin, dass es kein Bayern-Spieler war, der sich mit einem Despoten nicht nur hat ablichten lassen, sondern regelmäßig mit ihm rumkumpelt.

Hinweis für Türchen 2: Dieses Gerücht zog viele Bayern-Fans in seinen Bann. Einer der wenigen Spieler, der zum damaligen Zeitpunkt größer wirkte als der Klub selbst. Dabei gab es ausgerechnet auf seiner Position fast nie ein Problem.



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  1. Interessante Reihe. Da freut man sich auf jeden weiteren Artikel. Kleine Ergänzung: bei der Konkurrezsituation sollte auch noch Toni Kroos erwähnt werden, der nach seiner Leihe nach Leverkusen, im Sommer 2010 wieder zurückkehrte. Kroos war es übrigens auch, der Özil 2014 von seiner 10er Position in der Nationalelf verdrängte und eher auf den linken Flügel verschob.

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    1. Man darf auch nicht vergessen, dass Kroos zeitweise selbst Müller beim FCB auf der 10 verdrängt hat (unter Heynckes). Nix gegen den Spieler, aber mit ihm hätten wir 2010 wohl einen 10er zu viel gehabt.

    2. Sehr guter Hinweis, ist ergänzt. Aber mit der Einschränkung, dass bei Kroos absehbar war, dass er auf Dauer auch tiefer funktioniert.

      Danke!

  2. Geiles Format! Freu mich!

  3. Tolle Idee! Bin auch gespannt wer sich noch hinter den Türchen verbirgt.
    Zu Mesut im speziellen: Die Anerkennung ist ihm nicht wegen seiner technischen Fähigkeiten und seinem Zauberfuß verweigert worden, sondern vielmehr aufgrund seiner Körpersprache. Das Spiel gegen den Ball und sein Zweikampfverhalten waren nie die eines Malochers. Wenn man so will, war er der Vorgänger von Thiago und die Diskussion, zwischen bestem Mittelfeldspieler der Welt und Abtaucher in wichtigen Spielen hätte auch bei uns stattgefunden.
    Sein Name ist mir besonders im Zusammanhang mit dem WM-Tunier 2010 in Erinnerung. Damals war er in einer Bombenform!

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    1. Ich weiß schon sehr genau, worum es vielen ging. Halte ich angesichts seiner Rollen aber oft für sehr überzogen. Bei Messi gab es solche Debatten auch nie. Körpersprache und Malochen sind für mich zwei Argumente, die ich insbesondere bei Offensivspielern dieser Art nicht mal mehr aufnehme, weil ich sie falsch finde.

      Unabhängig davon ist es gewiss ein valider Punkt zu sagen, dass er vlt nicht ins Pressing gepasst hätte. Aber: Unter van Gaal und Heynckes hätte ihm das Spiel insgesamt wohl eher gelegen.

      1. Malochen ist, wie du richtig anmerkst kein Kriterium und wir beim FC Bayern werden auch nicht mit dieser Art Fussball identifiziert.
        Körpersprache halte ich jedoch für ein wichtiges Kriterium, auch für Offensivkräfte. Dabei geht es mir um den puren Willen nochmal besser zu sein als bisher, bezogen auf dieses eine Spiel. Du kannst es auch Ehrgeiz nennen oder Brust raus oder Mia San Mia.
        Diese Eigenschaft lässt sich sicher statistisch nicht erfassen, macht aber einen guten Fussballer zu einem sehr guten in meinen Augen.

        Zu N° 2: Eine Position auf der wir (fast) nie ein Problem hatten, kann ja nur der Torwart sein. Ich spekuliere mal T.Schumacher als Sepp Maier sich verletzt hat (1979).

    2. Özil kann man nicht mit Thiago vergleichen. Weder von der Position noch vom Standing.

  4. Schöne Idee – aber Özil als Aufmacher, das ist mutig!

    Jenseits aller persönlichen Ressentiments (die ich zugegebenermaßen habe) bleiben für mich vor allem zwei Fragen:
    1) Zu dieser Zeit hat Bayern bereits ohne klare 10 gespielt – Müller war eher flexibel, oder hängende Spitze. Hätte das mit Robbery überhaupt gepasst?
    2) Wen hätte er dauerhaft ersetzen sollen? Müller war 2010 in Topform, dito Robbery.

    Für mich persönlich eher kein Kandidat für den FCB, aber solche Abweichungen sind ja auch der Sinn dieser Reihe.

    Bin auf Maradona (:-))), Firminho und de Bruyne gespannt.

  5. “Dass Özil aber auch sportlich so umstritten war und ihm die Weltklasse regelmäßig abgesprochen wurde, empfinde ich bis heute als eines der größten Rätsel.”
    100%- Zustimmung. Geht mir genau so. Vielleicht sehen sie ihn so schlecht, weil sie ihn einfach als Person nicht mögen. Als Typ haut er mich jetzt auch nicht vom Hocker, ganz unsympathisch ist er mir aber auch nicht. Sportlich war er für mich über Jahre herausragend, aber viele, sonst so statistikhörige Menschen, stellen ihn nur als Mitläufer hin.
    Der schlimmste Satz den ich dazu hören konnte: “Wir sind 2018 nicht wegen, sondern trotz Özil Weltmeister geworden”

    Ob er bei uns seinen Platz gefunden hätte? Wieso nicht? Klar, wir waren zu der Zeit ziemlich Flügellastig, aber eine Zentrale mit BS31, Kroos, Müller und Özil, wow. Dann hätten wir Götze nie geholt.

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    1. +1

      Das gleiche gilt in diesem Kontext für Löw. Man wird nicht trotz einer – zumal so zentralen – Persönlichkeit Weltmeister. Özil hat in diesem Turnier viel fürs Team gearbeitet. Sogar defensiv, was ihm ja immer abgesprochen wurde. Er hat auf einer Position, die ihm eigentlich nicht liegt, einen sehr guten Job gemacht. Letztendlich ist er genauso Weltmeister wie alle anderen und hat sich die Anerkennung genauso verdient.

      1. Bei Löw kam dieser Satz aber seltsamerweise erst später. 2016 und dann vor allem 2018.

      2. @ wohlfarth: Nach meiner Erinnerung schon 2014. Zumindest von denjenigen, die zuvor stets geunkt hatten, mit dem werde kein Titelgewinn gelingen.

    2. “Wir sind 2018 nicht wegen, sondern trotz Özil Weltmeister geworden.”

      Hmm. Richtiger wäre wohl in jedem Fall: “Wir sind 2018 nicht nur, aber auch wegen Özil als Weltmeister in der Vorrunde ausgeschieden.”

      1. Gemeint war mit Sicherheit 2014.

      2. @Cuesco:
        Genau, ein Königreich für eine Editierfunktion. Nein, ein Königreich für einen Korrekturleser :-)

        @Groninger:
        Sowohl
        “Wir sind 2014 nicht nur, aber auch wegen Özil Weltmeister geworden”
        als auch
        “Wir sind 2018 nicht nur, aber auch wegen Özil als Weltmeister in der Vorrunde ausgeschieden.”
        Beides richtig.

  6. Tolle Idee mit dieser Reihe!
    Ich bin mal gespannt wie historisch das wird. Spieler aus den letzten 10 Jahren haben ja immer etwas den “Nachteil”, dass das Argument “viel besser hätten wir mit dem auch nicht abschneiden können” angesichts der Erfolgsgeschichte dieser Dekade schwer zu toppen ist.

    Bei Özil gab es für mich nie diesen Moment, in dem ich ihn mir konkret hierher gewünscht hätte. Ich kann aber verstehen, wenn man das tut oder tat.
    Dass er einer der “Unverstandenen” seiner Zeit ist, ist offensichtlich. Warum das so ist auch. Aber das zu beschreiben bedürfte es einer längeren Auseinandersetzung mit dem Thema.

    Eine schöne Würdigung, jenseits trockener Zahlen, gab mal so sinngemäß einer seiner langjährigen Mitspieler aus der NM (weiß leider nicht mehr wer das war).
    “Immer wenn du unter Druck bist, oder nicht mehr weiter weißt, kannst du den Ball zu Mesut spielen und du weißt er wird irgendwas draus machen.”

  7. Coole Reihe. Bin gespannt.

    Die 24 ist natürlich Sansone – völlig klar.

  8. Nur Spekulation: 1995 holten wir schon einmal einen hoch veranlagten 10er mit starkem linken Fuß aus Bremen. An guten Tagen verkörperte Andi Herzog Genialität und konnte mit seinen Abschlüssen und Pässen die besten Abwehrreihen zerlegen. An schwächeren Tagen trieb er alle Beteiligten aufgrund seines phlegmatischen Auftretens zur Verzweiflung. Er wirkte – ähnlich wie Özil auch – immer etwas sensibel und nachdenklich. Seine Zeit in München war dann nach einem Jahr wieder beendet, weil er den Sprung vom beschaulichen Bremen ins Haifischbecken München zu keiner Zeit bewältigt hat und scheinbar auch mit Konkurrenzkampf nicht viel anfangen konnte. Hoeneß hatte das sicherlich auch im Hinterkopf, falls damals überhaupt Interesse bestanden hat.

    Antwortsymbol2 AntwortenKommentarantworten schließen
    1. Ein problem war allerdings auch der unausgewogene Kader im Mittelfeld in dieser Saison:
      https://www.fussballdaten.de/vereine/fc-bayern-muenchen/1996/kader/ Sforza sollte der Quaterback von Otto sein, dazu noch Mehmet, da fand Herzog einfach nicht seinen Platz. Unvergessen natürlich auch die Szene mit Olli Kahn und ihm, wo er richtig durch geschüttelt wurde.

      Zu Özil:
      einer der meist – nicht unterschätztesten – unterbewertesten Spieler der letzten Jahrzehnte. Seine Staistiken – ja ich weiß, da wurde in einem anderen Thread schon drauf eingegangen – sind ja herausragend. CR7 soll getobt haben, als Özil von real verkauft wurde.
      Auch seine Defensiv-Skills werden unterschätzt. Macht meist sehr viele Kilometer und stellt zumindest damit Passwege immer wieder gut zu. Zudem 2014 auf der ungeliebten Linksaußen Position unheimlich für die Mannschaft gespielt.

      Hätte ihn mir bei Bayern gut vorstellen können – auch und gerade MIT Müller. Die beiden haben ja auch in der Nationalmannschaft gut zusammen gepasst. Da Müller immer wieder in die Mitte gehen könnte von RA, da Özil die Räume gut öffnete. Zusammen mit Robbery und Kroos aber wahrscheinlich zu viel des Guten. Wobei Uli den wohl auch nie haben wollte.
      Fast tragisch – wenn auch selbst verschuldet zu einem großen Teil – der Abgang aus der Nationalmannschaft.

      Tolle Idee übrigens, bin auf die nächsten Folgen gespannt.

      PS: Spielverlagerung mach dies ja auch immer. Die geben in den Türchen immer einen Hinweis zum Spieler. Macht viel Spaß, vorher etwas zu raten. Wäre das hier auch möglich?

      1. Sehr guter Vorschlag. Ist ergänzt.

  9. Hier ein Ausschnitt aus Martin Rafelts (Spielverlagerung) Würdigung der Rolle Özils im WM-Finale 2014 nach der Auswechslung von Kramer und der Einwechslung von Schürrle:

    Das deutsche 4-3-3, das der Mannschaft die Stabilität für den Titel gab, hatte eine zentrale Leerstelle und völlig improvisiert musste sie Mesut Özil stopfen, der vermeintliche „Schönspieler“ mit den hängenden Schultern, der nicht verteidigt und „in großen Spielen abtaucht“.

    Rein taktisch war Özils Rolle dann gar nicht so spektakulär. Das außergewöhnliche daran war wohl vor allem, wie wenig es auffiel, wie „gewöhnlich“ er die Position spontan zu spielen vermochte. Selbstverständlich spielte er die Position nicht wahnsinnig robust, aber das ist gegen Messi ohnehin quasi unmöglich (und auch gegen den direkten Gegenspieler Mascherano reichlich schwierig).

    In Verbindung mit der generellen Mittelfeldkontrolle, die die deutschen Weltmeister so auszeichnete, gelang es ihm vor allem, nicht auf seiner Position zu fehlen. Das ist nämlich oftmals das Hauptrisiko, wenn man Offensivspieler nach hinten zieht: Dass sie manchmal zu sehr nach vorne spekulieren, zu hohe Positionen einnehmen oder schlichtweg nicht bzw. zu langsam zurückkommen im Umschalten. Özil spielte das aber auf Anhieb sehr balanciert.

    Und das gelang ihm, obwohl er durchaus umtriebig spielte. Er bewegte sich mehr oder minder überall hin: Er schwamm in seiner üblichen Manier zentral und halbrechts zwischen den Linien, manchmal rochierte er nach halblinks oder sogar auf den linken Flügel, um vor Kroos zu überladen, phasenweise sorgte er rechts für Breite hinter Müller und regelmäßig fiel er auch nach hinten zurück und half der Ballsicherung in sehr tiefen Positionen.

    Das alles passierte aber sehr harmonisch im Kontext der deutschen Ballzirkulation: Schweinsteiger, Lahm und Co. konnten sich problemlos so positionieren, dass sich auf Özils Position keine großen Löcher öffneten. Gerade das Wechselspiel mit Lahm funktionierte sehr gut: Durch Özils Vorschieben wurde dem Kapitän immer wieder Raum geöffnet und er konnte aus einer Halbraumposition den Ballbesitz und das Umschaltspiel kontrollieren.

    Auch im Spiel gegen den Ball machte Özil spontan eine ziemlich gute Figur. Etwa war er noch im ersten Durchgang direkt an einer sehr guten Balleroberung Kloses beteiligt, die die vielleicht beste deutsche Konterszene einleitete.

    Wäre es nicht Mesut Özil, man würde an dieser Stelle wohl von der absoluten Professionalität sprechen. Von einem Spieler, der in der wichtigsten Situation, die es im Fußball überhaupt gibt, etwas tut, was er noch nie getan hat und damit Erfolg hat. Man stelle sich vor, Schweinsteiger wäre in die Verteidigung gerückt oder Müller auf die Sechs, sie wären die Helden gewesen. Özils spontane und erfolgreiche Rollenveränderung im Finale der Weltmeisterschaft hingegen, sie wurde nicht einmal wirklich erwähnt, sie fiel den meisten Betrachtern kaum auf. Es ist ein Sinnbild für Özils Karriere, das Spiel seines größten Erfolges. Er hat es allen gezeigt, aber keiner hat hingesehen.

    Dass dieser größte Erfolg mit einer Veränderung seine Rolle einherging, mit etwas, was er normalerweise nicht tut und getan hat, das kann man wiederum so oder so bewerten und interpretieren – von wegen „er kann das eben doch“ oder lieber „soll er es doch immer machen“. Was jedenfalls klar ist: Diese Leistung Özils war eine gegen jedes Klischee, ob man nun ein Befürworter oder Kritiker seines Stils ist.

    Es ist ein nennenswertes Kapitel der Fußballgeschichte. Eine solche Umstellung und Personalwahl, ohne Vorbereitung, in so einem Spiel, gegen den vielleicht besten Offensivspieler aller Zeiten, wo andere Trainer sich tagelang den Kopf zerbrechen, ob der Flügelstürmer nun im nächsten Kreisliga-Spiel mal als Außenverteidiger aushelfen kann, oder ob das nicht zu riskant sei; das ist eigentlich eine Sensation.

    Es hat fast etwas surreales: Wenn man es so vorhergesagt hätte, man hätte wahrscheinlich nicht gesagt „find ich gut“ oder „find ich schlecht“, sondern eher: „So ein Quatsch. Das wird nie passieren.“ Und das unentdeckt im Schatten des allergrößten Rampenlichts. Herr Schiedsrichter? Ist das hier wirklich das WM-Finale?

    Antwortsymbol3 AntwortenKommentarantworten schließen
    1. +1
      Danke für den Beitrag.

    2. Er war im WM Endspiel also doch tatsächlich motiviert.
      Spricht nicht gerade für ihn, dass man das eigens erwähnen und positiv hervorheben muss.

      1. @AlanMcInally:
        Das ist nicht genau das, was der Artikel ausdrücken will. Aber man kann es sich natürlich so zurecht legen, wenn man den Spieler halt nicht mag.

  10. Sorry, ganz vergessen.
    Geile Idee dieser “Adventskalender”

    Bin schon gespannt, wer da aller auftaucht und wie weit es zeitlich zurückgeht.

  11. Sehr interessante Idee.

    Es wurden die herausragenden Werte von Özil genannt, da musste ich gleich mal nachschauen. In 2011/2012 führte er die spanische Liga in Vorlagen (17) und Schlüssel-Pässen (2,9) an. In allen anderen Werten (offensiv und defensiv) ist er nicht unter den Top 20, außer bei Ballverlusten bzw. unsuccessful touches.

    Zum Vergleich: in 2011/12 war Jefferson Farfan Nummer 1 in der Bundesliga mit 2,7 key passes. Ein Spieler namens Franck Ribery führte die Liga mit 12 Vorlagen an.

    Antwortsymbol1 AntwortKommentarantworten schließen
    1. Bei Real 11/12 profitierte Özil enorm von Alonso, der nicht nur ihm, sondern auch Khedira bei seinen Box to Box-Ausflügen den Rücken freihielt. Und key Pässe in der Zeit sind bei dem damaligen Leistungsgefälle in der La Liga, in der Real besonders in Heimspielen gegen unterlegene Gegner gern mal 4-6 Tore machte, auch wenig aussagekräftig. Dass er sich auch in der Saison fast konsequent der Defensivarbeit verweigerte und in Spielen, in denen es nicht lief, unsichtbar bis hilflos wirkte und allein von der Körpersprache nicht derjenige Spieler war, an dem sich sein Team aufrichten konnte, all diese ganzen Özil Kritikpunkte waren schon damals deutlich.
      Der hat das berühmte Bayern-Gen 0,0 und glänzt, insbesondere gegen unterlegene Gegner, wenn sich das Team in einen Rausch spielt oder das Spielglück auf Seiten seiner Mannschaft ist.

  12. Mutig – Gruselig

  13. Klasse Idee, gute Kommentare mit schönen Ergänzungen – dafür liebe ich diese Seite. Vielen Dank, dass ihr – sicher nicht nur mir – immer wieder den Tag versüßt!

  14. …Meinungen sind ja ganz toll und sollte auch bitte jeder haben aber Özil ist sicher nicht einer der 3 besten 10er der vergangenen Dekade und schon mal gar nicht der beste.

    Das ist einfach unsachlich.

  15. Nach dem Lesen des Artikels, ist mir spontan Frank Ribery bei seinem letzten Spiel für die Bayern eingefallen, wie er in die Kurve läuft, sich auf die Brust trommelt und mit großem Pathos und Tränen in den Augen: “Mis san mia”, zu den Fans brüllt. Dann das gleiche nochmal mit Mesut Özil statt Ribery – Özlis letztes Spiel im Bayern-Trikot: Der Schlusspfiff ertönt und Mesut schlurft vom Mittelkreis aus eine gefühlte Ewigkeit in Richtung Kurve, den Blick dabei starr auf den Rasen vor ihm gerichtet. Unter dem Tosen der Menge angekommen hebt er kurz die Hand auf Schulterhöhe und murmelt: “Mi-mi-mi”, bevor er sich zum Kabinengang dreht und für alle Ewigkeit von dannen schlurft.

    Das war jetzt natürlich fies und unfair. Özil war mit Sicherheit einer der talentiertesten Ballstreichler und Passgeber, die Deutschland je hatte und wenn ein Spiel gut gelaufen ist, dann war es sehr schön anzusehen, was Özil gemacht hat. Das Prädikat ‘Weltklasse’ darf jeder individuell so vergeben, wie er es für richtig hält, darum habe ich auch überhaupt kein Problem damit, wenn jemand Özil zur Weltklasse zählt. Für mich persönlich war und ist er das nicht, weil für mich auch dazu gehört, dass ein Weltklassespieler in einem Spiel das überhaupt nicht läuft die Ärmel hochkrempelt und so ein Spiel dann alles dafür gibt, so ein Spiel noch zu drehen. Aus meiner Sicht ist Kimmich gerade ein Paradebeispiel dafür, wie jemand aus dem Nichts ein Tor schießen kann und damit ein Spiel gewinnt, bei dem ich als Zuschauer schon fast die Hoffnung verloren hatte. Das ist natürlich auch nur EIN potenzielles Kriterium für das Attribut Weltklasse und dazu ein sehr individuelles, aber wenn ich bei schlechten Spielen nicht einmal sicher bin, ob ein Spieler überhaupt auf dem Platz ist, dann kann er für mich eben nicht Weltklasse sein, auch wenn er sonst in der besten Mannschaft der Welt Woche für Woche brilliert.

    Ansonsten ist das mit dem Adventskalender eine super Idee und ich freue mich schon darauf, wen ihr noch alles aus dem Hut zaubert.

    Antwortsymbol2 AntwortenKommentarantworten schließen
  16. Ach du Scheiße, Özil!

    Ich bin Gott und Uli Hoeneß dankbar, daß wir diesen Schleicher nicht durchfüttern mußten. Dessen Charakter paßt nie und nimmer zum FC Bayern München.

    Wenn ich das Bild sehe, kommt mir mein Essen hoch, sorry! :-[

  17. Die Schwierigkeit bei dem ganzen Themenkomplex, der sich mit “Körpersprache” betiteln lässt, ist die deutlich subjektive, von Sym- bzw. Antipathien begleitete Ausprägung. Auch Franz Beckenbauer war in weiten Kreisen der Fußballinteressierten viele Jahre lang herzlich unbeliebt wegen seiner Körpersprache, die fast nie eine Anstrengung erkennen ließ. Hier machte es sich einer scheinbar bequem mit seinem überragenden Talent und scheute den Kampf, ein zentrales Element der Sportart. Das wirkte auf viele arrogant, so als mache er sich insgeheim lustig über all die Grätscher und Wadenbeißer, die man doch gerade wegen ihres nimmermüden, weder sich selbst noch den Gegner schonenden Einsatzes liebte.

  18. Liebes MSR-Team, man ist echt schon verwöhnt ;), weil wenn mal zu einem Spiel kein Bericht kommt, fehlt etwas ;).

  19. Eigentlich bin ich auch hier dabei. Özil ist meiner Meinung nach einer der überbewertesten Spieler überhaupt, genau so wie Ballack, aber der war wenigstens torgefährlich.

  20. Sebastian Nechita Seite 02.12.2020 - 07:15

    geiles Format dass leider durch Özil für mich zu Satire wird.

  21. Als sich 2009 ein Abschied von Ribéry im nächsten Sommer anzudeuten schien, stand Özil ganz oben auf meinem Wunschzettel für mögliche Nachfolger. Das schien mir damals die realistischste Möglichkeit, einen ähnlich dribbelstarken, schnellen und technisch beschlagenen Ersatz zu bekommen. Natürlich besser, dass der Monsieur am Ende ‘at gemacht funf Jahre mehr (und noch ein paar weitere oben drauf kamen). Zumal Özil auf der von mir damals angepeilten Linksaussen-Position zwar Weltmeister geworden ist, aber nicht gerade seine stärksten Spiele abgeliefert hat.

    Sonst hätte ich für ihn eher keinen Platz bei Bayern gesehen. Weder van Gaal noch seine Nachfolger (mit Ausnahme Ancelottis) haben auf echte Zehner gesetzt, geschweige denn auf einen vom Typ Özil, der seine grössten Stärken eigentlich in Kontersituationen zeigen konnte. Körperlich und gedanklich schnell, und mit der seltenen technischen Gabe gesegnet, auch bei Höchsttempo noch Bälle kontrollieren und blitzschnell weiterspielen zu können. Eben wie gemacht für Mourinho. Vielleicht hätte seine weitere Karriere noch einen besseren Verlauf genommen, wenn er ihm damals zu Chelsea gefolgt wäre.

  22. Aus diesen von Flick genannten Gründen konnte Özil nie ein FCB Spieler sein. Gut das das UH und KHR genauso gesehen haben:

    Herr Flick, haben Sie bei Ihren Spielern Verständnis für alles?
    „Nein. Ich habe Verständnis für vieles – aber vor allem bei einem Punkt gibt es bei mir eine klare Grenze: Es geht immer um die Qualität. Wenn ich nicht permanent für den Extrameter bereit bin, habe ich beim FC Bayern nichts zu suchen. Und ich habe kein Verständnis dafür, wenn das jemand nicht begreift. Wir brauchen hier keinen Spieler, der immer nur so hoch springt, wie er springen muss. Die Einstellung muss sein, sich jeden Tag verbessern zu wollen. Aber genau das sehe ich in dieser Mannschaft bei jeder Kleinigkeit: Schon beim Fußballtennis im Training will keiner verlieren. Ich finde, Wettkampfhärte ist ein schöner Begriff, wenn man über diese Mannschaft spricht. Unsere Spieler sind da, wenn sie da sein müssen. Jeder bei uns weiß: Ich bin hier beim FC Bayern, ich arbeite beim FC Bayern, da geht es ums Gewinnen, um Meisterschaften, um Titel. Es wird viel verlangt, du musst immer bereit sein. Der Fokus in diesem Team ist da.“

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