Adventskalender: Unsere Wunschtransfers – Türchen 1

Justin Trenner 01.12.2020

Hinter Türchen 1 versteckt sich: Mesut Özil. Ja, ihr habt richtig gelesen. Meine Wahl fällt aus sehr persönlicher Präferenz auf Mesut Özil. Der Ex-Nationalspieler war in seiner Laufbahn vielleicht so umstritten bei Fans wie kein anderer Spieler beim DFB. Die Gründe dafür waren sehr verschieden.

Dass Özil aber auch sportlich so umstritten war und ihm die Weltklasse regelmäßig abgesprochen wurde, empfinde ich bis heute als eines der größten Rätsel. Özil war insbesondere im ersten Teil der vergangenen Dekade einer der drei besten, vielleicht sogar der beste Spielmacher der Welt.

Was hat den Spieler ausgezeichnet?

Sein Überblick, seine Entscheidungsfindung, seine Technik, sein Gespür für den richtigen Raum, vor allem sein Passspiel – Özil hat alles mitgebracht, um das Offensivspiel seiner Mannschaft auf das nächste Level zu heben. Er hat Dinge gemacht, die in dieser Form in der deutschen Fußballgeschichte nur wenige in der Lage waren zu tun.

Und so verwunderte es recht wenig, dass er 2010 zu Real Madrid wechselte. Es verwunderte aber auch nicht, dass er selbst unter einem Coach wie José Mourinho, der Großen Wert auf die Arbeit gegen den Ball legt, zu den wichtigsten Spielern zählte.

Özil, Ronaldo und Benzema bildeten in der Offensive ein unfassbar durchschlagskräftiges Dreieck, trugen entscheidend dazu bei, dass Real in der Saison 2011/12 nicht nur Meister wurde, sondern sogar einen Punkte- (100) und Torerekord (121) aufstellte. Özil erreichte damals womöglich seinen Peak, ehe er 2013 zu Arsenal ging. Ein Wechsel, der Madrids Lebensversicherung Cristiano Ronaldo stark verärgerte. In London spielte er weiter auf Weltklasseniveau, verlor aber auch wegen seines Abstiegs zu einem Klub aus der zweiten Reihe Europas an Ansehen. Bis heute hat Özil unfassbare Werte in allen für seine Position relevanten Statistiken.

Entgegen seines Rufes sammelte er diese statistischen Top-Werte nicht ausschließlich gegen kleinere Mannschaften, sondern oft auch in den großen und wichtigen Partien.  

Situation bei Bayern im Jahr 2010

2010 sind die Bayern Champions-League-Finalist und Doublesieger geworden. Die Saison darauf verlief holprig. Wahrscheinlich auch deshalb, weil man sich auf den Erfolgen etwas ausruhte. Gerade in der Transferpolitik war man etwas nachlässig. 

Zum damaligen Zeitpunkt hätte ich mir sehr gewünscht, dass Özil zu den Bayern geht. Die Ablösesumme von 18 Millionen Euro wäre für die Münchner drin gewesen und man hätte erstmals seit Ewigkeiten einen spiel- und kombinationsstarken Zehner bekommen. Hätte man sich gegen Real durchsetzen können? Schwierig. Aber einen Versuch gab es wohl nicht.

Ich bin überzeugt davon, dass van Gaal einen solchen Spielertypus gut hätte einbinden können und Özil auch in München auf Weltklasseniveau funktioniert hätte. 

Konkurrenzsituation beim FCB

Allerdings muss man auch realistisch einordnen, dass Thomas Müller damals schon gesetzt war. Was das mit Spielern wie James Rodríguez oder Coutinho machte, ist bekannt. Es ist durchaus möglich, dass Özil und er sich in Verbindung mit einem echten Stürmer wie Gómez oder Mandzukic nicht gut ergänzt hätten. Auch Toni Kroos spielte damals eher in höheren Zonen, wobei bei ihm absehbar war, dass er seine Stärken auch tiefer einbringen könnte. Das Hauptproblem wäre also die Konkurrenz mit Müller gewesen.

Andererseits sind beide zusammen in wichtigen Rollen Weltmeister geworden. Für die genannte Ablösesumme wäre das Risiko wohl auch damals schon tragbar gewesen und: Konkurrenz macht sehr gute Spieler nochmal besser.

Vielleicht hätte van Gaal auch ein neues System etabliert, in dem zwei Zehner ihren Platz fänden. Aber auch dann wäre die Frage, ob Müller und Özil nicht beide am stärksten im rechten Halbraum sind.

Ausblick

Letztendlich lief es für beide dann positiv weiter. Bayern holte mit Müller das Triple, Özil spielte über Jahre auf extrem hohem Niveau erfolgreich woanders – wenn auch ohne die entsprechende Anerkennung. 

Ich bin dennoch überzeugt, dass Özil beim FCB viele seiner Kritiker*innen verstummen lassen hätte. Meine These ist bis heute, dass die Abneigung gegen den Fußballer Özil vor allem aus einer persönlichen Abneigung entstand und viele ihn nicht detailliert genug im Ausland verfolgt haben. Von seinem Transfer hat das Wohl des Klubs offensichtlich trotzdem nicht abgehangen, einen solchen Zauberfuß bei den Bayern zu sehen, wäre für mich aber ein Wunsch gewesen. 

Im Gegensatz zu vielen anderen habe ich die Karriere von Mesut Özil auf dem Platz sehr gern verfolgt. Seine Magie wird vielen für immer ein Rätsel bleiben. Mir wird das wiederum für immer ein Rätsel bleiben. Was neben dem Platz geschah, ist ein Thema, das in dieser kurzatmigen Artikelserie nicht vollends beleuchtet werden kann. Dennoch sei bemerkt, dass ich zumindest nicht unglücklich darüber bin, dass es kein Bayern-Spieler war, der sich mit einem Despoten nicht nur hat ablichten lassen, sondern regelmäßig mit ihm rumkumpelt.

Hinweis für Türchen 2: Dieses Gerücht zog viele Bayern-Fans in seinen Bann. Einer der wenigen Spieler, der zum damaligen Zeitpunkt größer wirkte als der Klub selbst. Dabei gab es ausgerechnet auf seiner Position fast nie ein Problem.



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