Vorschau: Borussia Dortmund – FC Bayern München

Justin Trenner 02.11.2017

Jupp Heynckes war dieses Szenario bewusst, als er am Dienstag auf Hummels, Kimmich und Thiago verzichtete. Während die beiden Erstgenannten bereits über 1000 Minuten Spielzeit gesammelt haben, stand Thiago gegen Leipzig zwei Mal sehr lange auf dem Platz. Dafür nahm der routinierte Trainer in Kauf, dass die Leistung gegen Celtic Glasgow spielerisch etwas leiden würde.

Auch Robben hätte eine Pause vertragen können, doch vielleicht plant Heynckes diese ja ausgerechnet in Dortmund. Eigentlich schwer vorstellbar, doch bei James und speziell Kingsley Coman ist der Trend sehr positiv. Der Franzose war seit der Rückkehr des Tripletrainers an vier Toren direkt beteiligt und damit an so vielen wie kein anderer im Kader. Wahrscheinlicher ist aber, dass Robben nochmal 90 Minuten durchhalten muss. Umso spannender werden die Personalentscheidungen in Dortmund sein.

(Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images)

Über Personalentscheidungen und den besten Nebendarsteller der Welt

Am wichtigsten wird es sein, dass Lewandowski wieder spielen kann. Am Dienstag machte der Pole erste Laufeinheiten und auch sonst geht der Klub davon aus, dass er fit sein wird. In Glasgow wurde deutlich, dass es keinen adäquaten Ersatz für ihn im Kader gibt. Ein Problem das den FC Bayern schon länger verfolgt. Die offensivste Position wurde je nach Situation von James, Coman oder dem nachstoßenden Vidal besetzt. Auf dem Niveau vom Mittwoch eine Lösung, die mit etwas Glück funktioniert hat, doch am Wochenende braucht es Lewandowski wieder.

Im Mittelfeld darf sich das Trainerteam wieder die Königsfrage stellen: Wer bekommt den Platz auf der Acht neben Thiago? Javi Martínez dürfte auch in Dortmund wieder gesetzt sein. Der Spanier wird vielerorts bereits als defensiver Stabilisator und Anker der Mannschaft gefeiert. Das auch durchaus zurecht. Martínez gewinnt viele wichtige Zweikämpfe und sorgt dafür, dass Thiago – wie einst Schweinsteiger – die nötigen Freiheiten hat.

Im März nutzten wir ein Tor des Spaniers, um ihn als unbesungenen Helden der Mannschaft zu feiern – damals noch als Innenverteidiger. Er hielt seinem Partner Mats Hummels den Rücken frei und sorgte dafür, dass dieser selbstbewusster spielen kann.

Nostalgie und die schlechten Leistungen unter Ancelotti führten nun dazu, dass seine Rückkehr ins Mittelfeld als längst überfällige Entscheidung wahrgenommen wurde. Es spielt aber keine große Rolle, ob Martínez nun der beste zweite Innenverteidiger oder der beste zweite Sechser ist. Vermutlich ist er sogar beides. In den letzten Jahren war er hinten wertvoller, jetzt wird er wieder eine Position weiter vorne gebraucht. Der Spanier ist das, was Robin für Batman oder Dr. Watson für Sherlock Holmes darstellen: Der perfekte und unverzichtbare Sidekick für die Hauptfiguren und somit der beste Nebendarsteller der Welt.

Massiv unterschätzt wird bei all seiner Zweikampfstärke, Physis und Präsenz aber vor allem die technische Komponente. Martínez verbindet die klassischen Tugenden der Position nämlich mit einer sehr ordentlichen Pressingresistenz und einem ansehnlichen Passspiel. Das unterscheidet den Spanier von Vidal oder Tolisso, die oft planlos zwischen den Strafräumen von Zweikampf zu Zweikampf jagen. Gerade auf der Sechserposition füllt Martínez damit ein Loch, das Xabi Alonso schmerzlich hinterlassen hatte. Natürlich ganz anders, denn es braucht schon noch die Kreativität der Achter. Aber auf seine eigene Art und Weise kann er vergessen machen, dass Bayern keinen typischen Spielmacher auf der Sechs mehr hat.

Javi Martínez hat nämlich eine hohe Spielintelligenz. Nicht immer hat er – bedingt durch seinen Körper – die Eleganz, um seine Ideen umzusetzen, doch er weiß was er kann und was nicht. Sein Spielaufbau ist mindestens so gut, dass er keine Fehler macht und trotzdem in der Lage ist, seine Vorderleute in Szene zu setzen. Wie beim 2:0 Lewandowskis gegen Leipzig. Es besteht kein Zweifel daran, dass Martínez erneut ein Schlüsselspieler für Bayerns Saison sein wird.

Besonders stark ist der 29-Jährige aber, wenn um ihn herum mindestens einer, wenn nicht sogar zwei kreative Spieler aufgestellt sind. Am Samstag deutete sich an, dass die Kombination aus ihm, Thiago und Rudy im 4-1-4-1 vermutlich nicht nur die stabilste, sondern sehr wahrscheinlich auch die spielerisch stärkste Lösung im Bayern-Kader darstellt. Denkbar ist auch, dass Heynckes erneut auf Rudy verzichtet und James in einem 4-2-3-1 vor Thiago und Martínez auflaufen lässt. Das wäre weniger stabil, aber dafür noch durchschlagskräftiger in der Offensive.

Vielleicht setzt Heynckes am Wochenende dennoch wieder auf Vidal, weil er gegen die Offensive des BVB ein noch zweikampfstärkeres Mittelfeld aufstellen möchte, doch das wäre erneut gleichbedeutend mit einem spielerischen Kompromiss, den es gegen Borussia Dortmund diesmal nicht braucht.

Beim letzten Pflichtspiel in Dortmund gab es einen Bayern-Sieg nach Elfmeterschießen.
(Foto: Patrik Stollarz/AFP/Getty Images)

Ist Dortmund ein großer Konkurrent um die Meisterschaft?

Gerade weil der BVB in dieser Saison nämlich nicht mehr so gefährlich zu sein scheint, sollten sich die Bayern um eine dominante Leistung ohne Kompromisse bemühen. Unter Tuchel waren die Dortmunder zwar defensiv auch anfällig, aber strukturierter und nicht so berechenbar. Das Bosz-System wirkt sehr statisch und das hohe Pressing nicht mehr so detailbesessen und erdrückend wie noch in den letzten Jahren.

Am Anfang der Saison täuschte der Eindruck speziell in der Bundesliga, wo die Dortmunder zunächst keinen Gegner auf Augenhöhe hatten. Selbst gegen kleinere Teams ließen sie einige Chancen zu und offenbarten Probleme in der Stabilität. Grundsätzlich reichten aber Intensität und hohes Gegenpressing, um diese Mannschaften zu besiegen. Da die Offensive des BVB immer noch schnell, technisch stark und durchschlagskräftig ist, erzielte sie auch viele Tore, die alle Probleme kaschierten, aber nicht lösten.

Gegen Tottenham, Real Madrid und auch RB Leipzig zeigten sich auf höherem Niveau dann die Schwachstellen. Die großen Abstände zwischen den Spielern sorgen für Lücken, die bei Ballverlusten teuer bezahlt wurden. Dazu zählen vor allem die sehr hoch schiebenden Achter.

Das Gegenpressing funktioniert trotz vieler Spieler im letzten Drittel nicht immer reibungslos und auch die Innenverteidiger sind häufig nicht in der Lage, die Halbräume neben dem Sechser mit situativen Mannorientierungen zu verteidigen. Genau in diesen Zonen bieten sich große Chancen für die Bayern. Erst recht wenn Nuri Sahin den Vorzug gegenüber Weigl erhalten sollte.

Ein weiteres Plädoyer für ein 4-1-4-1 mit Thiago und Rudy in genau diesen Räumen hinter den Achtern des BVB. Bisher konnten sie diese Lücken noch am besten auffangen, wenn mindestens zwei aus Weigl, Dahoud und Götze spielten. Sie sind spielerisch die stärksten Optionen und machen tendenziell die wenigsten Fehler. Aber auch sie sind im Bosz-System nicht optimal positioniert.

Es ist wegen der anfälligen Struktur durchaus vorstellbar, dass der FC Bayern in Dortmund weniger Probleme haben wird als in Leipzig. Am spannendsten dürfte die Partie werden, wenn beide Trainer ihr Mittelfeld so aufstellen, dass die jeweilige Spielkultur am besten hervorgehoben wird. Bei den Münchnern also Martínez, Thiago und Rudy, beim BVB Weigl, Dahoud und Götze. Gerade Letzterer läuft derzeit etwas unter dem Radar, weil er immer noch unter Erwartungen leidet, die ihm nicht gerecht werden.

Götze ist der perfekte Achter für Borussia Dortmund. Dort kann er Struktur geben, enge Situationen auflösen, Passdreiecke bilden, die Halbräume überladen und für kreative Impulse sorgen. Das macht er in dieser Spielzeit sehr gut und so wird er auch gegen seinen Ex-Klub eine wichtige Rolle einnehmen.

Ohnehin müssen die Bayern dahingehend aufpassen, dass sie gut verschieben. In Ballbesitz müssen Überzahlsituationen in den Halbräumen provoziert werden, um die Verbindungen zwischen den Außenspielern und Lewandowski zu gewährleisten. Gegen den Ball wird es darauf ankommen, Dortmunds Passwege zur Offensive zuzustellen.

In einem Spiel hat Borussia Dortmund weiterhin alle Möglichkeiten, um den Bayern gefährlich zu werden. Spätestens auf langer Strecke wird das aktuelle Bosz-System aber immer mehr dafür sorgen, dass RB Leipzig zum Hauptkonkurrenten um die Meisterschaft avanciert.

Wissenswertes zum Spiel:

  • Die beiden besten Offensivreihen der Liga treffen aufeinander. Dortmund erspielt sich pro Spiel 17,4 Abschlüsse und traf bereits 27 Mal. Die Bayern liegen bei 20 Schüssen pro 90 Minuten und insgesamt 24 Toren.
  • Der BVB lässt pro Spiel zwar nur 8,7 Schüsse zu, doch 68% dieser Abschlüsse kommen von innerhalb des Sechzehners, was in der Relation dem höchsten Wert der Liga entspricht. Bei den Münchnern sind es 8,3 Schüsse des Gegners pro Spiel und nur 53% innerhalb der Box. Kein endgültiger Beweis, aber ein Hinweis darauf, dass Borussia Dortmund deutlich bessere Chancen zulässt als der FCB.
  • Dortmund sucht gerne die 100%-Chancen. 9% all ihrer Abschlüsse haben sie im Fünfmeterraum abgegeben.
  • Der BVB (20) und Bayern (26) schlagen die meisten Flanken der Liga. Die Münchner spielen zudem die meisten langen Bälle (75) und kurzen Pässe (606) pro Spiel.
  • Übertragen wird die Partie nur bei Sky (Anstoß: Samstag 18:30 Uhr).
Einige ausgewählte Statistiken zum Duell mit Borussia Dortmund.

Expertentipp

Im Expertentipp tippt ein externer Experte den Spielausgang. Für den richtigen Tipp gibt es drei Punkte und für die richtige Tendenz (Sieg, Unentschieden, Niederlage) einen Punkt. Verglichen wird dies dann mit einem zweiten Expertentipp, der vom Autorenteam von Miasanrot.de kommt. Am Ende der Saison wird sich zeigen, ob die eingeladenen Experten mehr Punkte erreicht haben, als die Redaktion.

Das Pokalspiel tippten beide in der Tendenz richtig, beim Bundesliga-Spiel hatte die Redaktion ein glücklicheres Händchen. Insgesamt steht es nun 20:13 für Miasanrot. Stephan Uersfeld von ESPN versucht den Rückstand in dieser Woche zu verkürzen.

Stephan Uersfeld: Borussia Dortmund gegen Bayern München. Das klang vor der letzten Länderspielpause verheißungsvoll. Der glorreiche Ballspielverein gegen den kriselnden Rekordmeister. Klare Nummer. Eine exzellente Offensive, konstanter Druck, immer drauf. Wie verrückt. Dazu eiskalte Abschlüsse von Aubameyang, Wucht von Yarmolenko. Wow.

Mit dem Ausfall von Lukasz Piszczek, dem in die Jahre gekommenen Rechtsverteidiger, brach alles weg. Die Abwehr wird mit einfachen langen Bällen ausgehebelt, das Pressingverhalten der Borussen ist in manchen Phasen kaum noch existent. Dazu noch fehlendes Matchglück. Und schon ist die Krise da. Auch wenn es Schmelzer dann so genau auch nicht benennen wollte.

Die Bayern sind im Heynckes-Modus, spielen alles souverän runter, haben in Glasgow sogar Lewandowski schonen können. Nach kurzem Kampf gegen stark beginnende Dortmunder wird das Spiel dann für Candos Jungs laufen.
BVB 1 Bayern 4

Justin: Selten hatte ich vor einer Partie gegen Borussia Dortmund ein so gutes Gefühl. Was das am Ende des Tages heißt, wird man sehen. Natürlich ist der BVB weiterhin in der Lage, in einem Spiel den FC Bayern alt aussehen zu lassen. Letztendlich glaube ich aber wie Stephan an eine klare Angelegenheit. Heynckes wird clever aufstellen und sein Team mindestens drei Tore schießen. Die Offensive der Borussia werden sie aber auch nicht immer stoppen können. 1:3 für den Rekordmeister.

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