Philipp Lahms Rücktritt – großer Spieler, großer Kapitän, großer Paukenschlag

Philipp Lahm wird nie wieder für die deutsche Nationalmannschaft spielen. Eine Entscheidung, die er am Freitagvormittag bekannt gab und die einem Einschnitt in das wohlige, weltmeisterliche Gefühl, von dem Deutschland gerade beseelt ist, gleichkommt. Der FC Bayern hingegen darf sich auf mehr Lahm freuen.

Seit 2010 war Lahm in einer Kapitäns-Doppelfunktion tätig. Sowohl in der Nationalmannschaft, als auch beim FC Bayern war er unter den Spielern der Herr des Platzes und der Umkleidekabine – kurzum: der mächtigste Fußballer Deutschlands. Sein Wort hatte Gewicht, seine Meinung wurde geschätzt und er galt als der wohl zuverlässigste und, positiv gemeint, bravste Spieler, den Deutschland in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht hatte. Diese Rolle spielte er auch auf dem Platz: Aufgeräumt, ruhig am Ball, zweikampfstark und eben extrem konstant und zuverlässig auf seinem hohen Niveau. Egal ob als Links- oder Rechtsverteidiger oder, seit 2013, im Mittelfeld: Auf ihn war Verlass. Diese Stütze bricht nun weg, innerhalb Jogi Löws Team entsteht nicht nur ein Machtvakuum außerhalb des Platzes, dass gefüllt werden muss, sondern auch auf dem Platz macht Lahm’s Weggang das Ganze nicht einfacher. Auf der Rechtsverteidigerposition kann der Bundestrainer nicht gerade von Alternativen auf hohem Niveau schwärmen. Das angesprochene „Machtvakuum“ wird wohl aufgefüllt werden von Bastian Schweinsteiger, so er nicht ebenfalls beschließt am Höhepunkt seiner Karriere „Ade“ zu sagen. Alternativ wäre auch Manuel Neuer ein Kapitän, der viel Akzeptanz genießt – den allerdings, nach Löws Philosophie, seine Torwartposition ins Hintertreffen geraten lassen könnte. Sami Khedira ist aus meiner Sicht der geeignetste Kandidat: Im richtigen Alter, auf der richtigen Position, meinungsstark und mit einem guten Draht zu Löw – er bringt vieles von dem mit, was ein Nationalmannschaftskapitän braucht.

Klares Bekenntnis zum FC Bayern München

In der Nationalelf warten also Entscheidungen darauf, getroffen zu werden. Beim FC Bayern hingegen wird man sich freuen. Durch den Rücktritt bezieht Lahm klar Stellung: München ist mir wichtig(er). Sicher, man kann argumentieren, die paar Länderspielreisen seien locker machbar, aber andererseits muss man erkennen, in welcher Situation sich Lahm befindet: Im Herbst wird er 31, hat einen kleinen Sohn zuhause und startet in seinen letzten langen Vertrag hinein. Bis 2018 (dann wäre er 34) soll das hohe Niveau, auf dem er jetzt spielt, mindestens gehalten werden. Und Lahm hat längst erkannt, dass er dafür Opfer bringen muss. Regeneration lautet hier das Stichwort und lässt sich gut festmachen an der Anfangsphase der kommenden Saison. Während er als Nationalspieler zwischen dem 2. Und 3. Spieltag schon wieder gegen Argentinien und Schottland ran müsste, wird er diese zwei Wochen dringen benötigen, um die verpasste Vorbereitung in Teilen aufzuholen. Insgesamt „spart“ sich Lahm während der Saison 2014/15 durch den Rücktritt neun Spiele und Reisen nach Israel und Georgien. Pep Guardiola darf sich darauf freuen, in der kommenden Saison andere Säulen zu schonen, Lahm wird in den Spielen nach den Länderspielpausen, gegen Stuttgart (3. Spieltag), Bremen (8. Spieltag) und Hoffenheim (12. Spieltag) sicherlich zur Stammformation zählen. Auch auf seine Position könnte sich der Rücktritt auswirken. Mehr Einsatzzeiten im Mittelfeld werden wahrscheinlicher, schließlich ist von nun an Lahm der Spieler im Kader, der von allen Mittelfeldakteuren am wenigsten Verpflichtungen außerhalb des Vereins hat.

Zu guter Letzt sollte man nicht vergessen, dass die Nationalmannschaft auch psychologisch eine Herausforderung darstellen kann. Nach dem WM-Triumph in Rio ist das nächste Ziel, die EM 2016, noch zwei Saisons entfernt – ein langer Zeitraum für einen Fußballer in seinem Alter. Und die unbändige Motivation, Qualifikationsspiele gegen Gibraltar zu bestreiten, ist möglicherweise nicht mehr gegeben, vor allem nicht dann, wenn im Hinterkopf die nächste wichtige englische Woche mit dem FC Bayern ansteht. So gesehen, lässt sich Lahm’s Rücktritt als Sinnbild dessen wiedergeben, was ihn seine gesamte Karriere über (auf und abseits des Platzes) ausgezeichnet hat: Fundiert und sachlich zu überlegen und dann die Entscheidung zu treffen, die nicht nur für ihn, sondern auch für seinen Verein und seine Mitspieler am besten ist.

Danke, Philipp.

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Leserkommentare
  1. Danke Philipp!
    Cooler Bericht!

  2. Schöne Zusammenfassung, vor allem die Auswirkungen auf seinen Spielplan. Schweinsteiger hatte vor der WM glaube ich 12 Freundschaftsspiele verpasst, ich kann mir durchaus vorstellen, dass Lahm nach der Quali wieder auf der Matte steht. Wenn Jogi lieb fragt.

    Sehe auch Schweinsteiger als Nachfolger im Kapitänsamt, danach kommt Khedira.

    1. Finde es ja schade, dass Löw wohl keinen Torwart als Kapitän einsetzen möchte. Und ebenso komisch, dass Schweinsteiger und Khedira nicht Best-Buddys sind — könnte also eine sehr komische Konstellation geben, wenn Schweinsteiger ablehnt und Khedira die Binde bekommt. Bin ziemlich gespannt. Philipp Lahm reißt neben der richtig großen sportlichen Lücke auch ein Loch in die Teamkonstellation.

  3. […] Fußballer macht, wenn der Körper nachlässt. Doch Lahm hat anders entschieden. Seine Konzentration gilt dem Verein. Mit 30 Jahren ist Schluss in der […]

  4. Karin M. Müller

    Lahm verdient seine Brötchen beim FCB und wird nicht jünger.
    Habe den Verdacht, dass er sich von JOGI trennt, um mit DEPP GUARDIOLA

    1. Mit »Depp Guardiola?« Was hat dir unser Trainer denn getan?

  5. DS

    Danke für den Bericht. Ich denke es ist die richtige Entscheidung für ihn aufzuhören. Die sportlichen Gründe wurden eh im Artikel aufgezeigt. Außerdem könnte er seine Karriere nur noch durch einen EM-Titel krönen, was ihm allerdings angesichts der WM recht egal sein wird und alles andere als der Titel wäre dann wohl schon eine Enttäuschung.

    Zur Kapitänfrage: Ich gehe schon fast davon aus dass Khedira die Binde bekommen wird. Schweinsteiger ist dafür schon zu alt und wird möglicherweise nicht mehr länger als 2 Jahre in der Nationalmannschaft spielen. Ich sehe allerdings Khedira für dieses Amt nicht ganz so geeignet wie du. Man gibt ihm dadurch mehr oder weniger schon eine Garantie auf einen Stammplatz für die nächsten Jahre, welcher möglicherweise besser besetzt werden könnte. Je nachdem wie sich Spieler wie Gündogan, Kramer, die Bender Brüder oder sogar Ginter (der ja auch im Mittelfeld spielen kann) entwickeln und je nach Spielsystem, wo vielleicht kein box-to-box Spieler wie Khedira mehr erwünscht ist, würden sich hier vielleicht bessere Optionen anbieten. Ich würde hier vor allem Neuer aber auch Müller bevorzugen.

  6. Stimme ich dir zu. Denke gegen einen Kapitän Schweinsteiger spricht auch seine (sehr) häufige Abwesenheit in Test- bzw. Vorbereitungsspielen. Da hat er ja mehr als eine Handvoll in den letzten Jahren verpasst und es wäre meiner Meinung nach ein Unding, wenn Löw Schweinsteiger die Kapitänsbinde quasi für die “Turnierphase” gibt und ggf. im Vorbereitungsbetrieb wieder umverteilt. Und die Ausfälle bei solchen Nationalspielern wird Schweinsteiger weiterhin haben – allein seiner Fitness und eventueller ihn ja beinahe ständig begleitender Krankheiten geschuldet. Fraglich bleibt natürlich inwiefern sich die Ausfallzeiten entwickeln. Beachten sollten man diesen Punkt auf jeden Fall.

    Zu Khedira: Da fand ich den Artikel von Rafael Buschmann zur Person Khedira sehr gut: Sami Khedira vor dem WM-Finale: Die Autorität des deutschen Spiels. Wegen der darin beschriebenen Autorität, die er einfach innehat, weist er sicher gute Kapitänsmerkmale auf. So wirklich damit anfreunden kann ich mich einfach nicht mit Khedira und der Kapitänsbinde.

  7. Die Gründe sind alle nachvollziehbar und Lahm dürfte auch der Spieler sein, der in den letzten 10 Jahren die meisten Spiele gemacht hat, da er ja fast nie verletzt ist und nur selten geschont wird.
    Ich bewahre mir aber einen Funken Resthoffnung, dass er sich Anfang 2016 reaktivieren lässt, um noch die EM zu spielen. Vielleicht hat er das auch mit Löw schon abgesprochen, dass er sich die Quali usw. nicht mehr antun mag, aber fürs Turnier nochmal bereitstünde. Löw hat andererseits nun fast zwei Jahre Zeit, sich was auf den Außenverteidigerpositionen zu überlegen.

  8. […] Philipp Lahm und Xabi Alonso verlassen bereits zwei Altstars den FC […]

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