Vorschau: VfB Stuttgart – FC Bayern München

Das Kalenderjahr 2017 neigt sich dem Ende zu, aber der FC Bayern hat noch zwei sehr wichtige Spiele zu bestreiten. Am Wochenende geht es für den Deutschen Meister nach Stuttgart, wo Hannes Wolf schon überlegt, wie er es den Münchnern am schwersten macht, drei Punkte mitzunehmen.

Schon für Hoffenheim war der VfB unter der Woche ein sehr unangenehmer Gegner. Die Schwaben verteidigten kompakt, aggressiv und hatten durchaus die eine oder andere Gelegenheit, um selbst in Führung zu gehen. Ein kollektiver Blackout sorgte schlussendlich aber dafür, dass die Nagelsmänner drei Punkte einfuhren und nicht die ambitionierten Stuttgarter.

(Foto: Alexander Hassenstein / Bongarts / Getty Images)

Gegnervorschau: Unangenehm flexibel

Stuttgart hat in den vergangenen Wochen sehr häufig mit einer Fünferkette agiert. Nur selten setzte Trainer Hannes Wolf auf vier Abwehrspieler. Davor variierte die Staffelung immer mal wieder. Besonders spannend war dabei das 5-2-1-2, weil der VfB so sehr kompakt stehen konnte. Die Halbräume waren dadurch gut abgedeckt und die Wege auf die Flügel oder ins Zentrum waren oft kurz genug, um in jeder Situation Kompaktheit zu erzeugen.

Außerdem hatte der VfB dann jemanden in der Mitte des Vierecks, der – je nachdem wo er gerade gebraucht wurde – unterstützen oder überladen konnte. Auch die Flügelverteidiger konnten ohne Sorgen nach vorne schieben, um Überzahlsituationen gegen den Ball zu kreieren. Gegen Wolfsburg funktionierte diese Ausrichtung beispielsweise sehr gut. In anderen Partien hatte der VfB wiederum kleinere Probleme im Verschieben. Speziell dann, wenn der Gegner das Spiel temporeich gestalten konnte.

Etwas häufiger agieren die Stuttgarter aber im mittlerweile fast schon klassischen 5-2-3 bzw. 3-4-3. So auch im Heimspiel gegen Borussia Dortmund, als Gentner und Ascacibar die Doppelsechs hinter Akolo, Ginczek und Özcan bekleideten. Auch in diesem Gerüst bewegte sich der VfB aber sehr flexibel.

Abgesehen davon, dass der BVB zu diesem Zeitpunkt in einer tiefen Formkrise steckte, verstand es die Wolf-Elf sehr gut, die wichtigen Räume zu verdichten, gut zu verschieben und in Umschaltmomenten Gefahr zu erzeugen. Eine Kombination, die an guten Tagen ausreichen kann, um den FC Bayern zu ärgern.

Wolf hat mit seiner 5-2-2-1-Staffelung viele Möglichkeiten. Mit wenigen Umstellungen kann sich die Grundformation in ein 5-2-1-2, 5-2-3, 5-4-1 oder 3-4-2-1 verändern. Natürlich sind auch weitere Variationen möglich.

In den letzten Wochen legte sich Wolf auf eine etwas abgewandelte Form des 5-2-3 ab. Gegen den FC Bayern ist zu erwarten, dass die Staffelung vor der Abwehr zwischen 4-1, 2-2, 2-1-2 und einem 2-3 variieren wird. Bei Balleroberungen schieben dann die Flügelverteidiger mit nach vorn und es entsteht ein 3-4-2-1 und wenn Gentner einen seiner dynamischen Läufe anbringt, sogar eine noch offensivere Staffelung.

Was die Münchner also erwarten können, ist, dass der VfB natürlich versuchen wird, kompakt zu verteidigen. Das können sie bisweilen sehr gut. Wolf weiß um die spielerischen Schwächen des Rekordmeisters und wird seine Mannschaft deshalb so ausrichten, dass sie in der Schaltzentrale kompakt steht, aber auch schnell Zugriff bekommt. Viel wird auch davon abhängen, wie effektiv die Angreifer des VfB agieren können. Nur 13 Tore erzielten die Schwaben bisher. Zu wenig. Gerade weil Stuttgart es immer wieder verpennt, die guten Kontersituationen besser auszuspielen.

Zu Hause sind sie etwas besser. In 7 Spielen erzielten sie dort 9 Tore und kassierten nur 4 ihrer insgesamt 20 Gegentreffer – 2 dieser 4 zudem in der Schlussphase. Dementsprechend dürften die Münchner gewarnt sein. Es wird sehr wahrscheinlich ein zähes Spiel. Zumal es für den VfB ein wichtiges Spiel ist. Verlieren sie, könnten sie auf einem Relegations- oder sogar Abstiegsplatz überwintern. Trotz dieser unangenehmen Situation hat man aber das Gefühl, dass in Stuttgart wieder etwas wachsen kann.

Der FC Bayern kann sich am Samstag auf Flexibilität beim Gegner einstellen. Stuttgart wird nicht stur im 5-4-1 hinten drin stehen und darauf warten, dass der große Gegner das Tor erzielt. Es wird mal mehr und mal weniger mutige Gegenwehr geben. Das Pressing von Hannes Wolf wird von einer tiefen Verteidigung bis hin zu einem höheren Mittelfeldpressing einiges zu bieten haben. Mit diesen Rhythmus- und Formationswechseln muss die Heynckes-Elf dann zurecht kommen.

Hannes Wolf bringt frischen Wind nach Stuttgart. Der Aufsteiger könnte mit einer Niederlage aber auf die Abstiegspositionen rutschen.
(Foto: Alexander Scheuber / Bongarts / Getty Images)

System wieder hochfahren

Zuletzt hatten die Bayern große Schwierigkeiten, ihr Spiel kreativ zu gestalten. Es gab genau zwei Ansätze, um zu Torerfolgen zu kommen. Der Erste erinnerte an typische Kreisliga-Mannschaften, die vorne einen schnellen und technisch begabten Spieler haben: den Ball irgendwie zu Coman bringen und der wird schon etwas damit machen.

Allerdings schafften die Münchner es zu selten, ihren Flügeldribbler in Eins-gegen-Eins-Situationen zu bringen oder gänzlich zu isolieren. Dafür fehlte im Zentrum schlicht die Kreativität. Außerdem verlagerten die Bayern das Spiel zu wenig und zu langsam. Sie hatten das notwendige Tempo in der Ballzirkulation einfach nicht. So war das alles sehr berechenbar.

Die Folge daraus war dann der zweite Lösungsansatz, um zu Toren zu kommen: So lange Flanken in den gegnerischen Sechzehner schaufeln, bis mal eine erfolgreich ist. Und das ohne Kimmich, der als Einziger den Eindruck macht, als hätte er vor seinem Engagement beim FC Bayern schon mal einen hohen Ball in den Strafraum gekickt.

In Stuttgart wird es sehr wahrscheinlich mehr brauchen als das. Sich nur auf Coman und bisweilen auch James zu verlassen, ist zu wenig. Der VfB ist durchaus in der Lage, diesen “Plan” zu verteidigen.

Die Mannschaft von Hannes Wolf ist genau dann am anfälligsten für individuelle Fehler, wenn man sie ständig herausfordert und somit irgendwann überfordert. Von Beginn an müssen die Bayern daher das Tempo hochhalten, oft die Seiten verlagern und Wege in die zentralen Räume vor der gegnerischen Abwehr suchen, um dann aus der Enge in die freien Halbräume zu kommen.

Dafür benötigt das Team wieder Mats Hummels. Der Innenverteidiger war zuletzt der einzig zuverlässige Spielmacher in tieferen Zonen, weil Rudy seine Form aus dem Herbst nicht in den Winter transportieren konnte und Thiago verletzt ist. Immerhin wurde Boateng wieder stärker mit dem Ball am Fuß. Das Weltmeister-Duo könnte somit ein Schlüssel zum Erfolg in Stuttgart sein.

Darüber hinaus ist der VfB anfällig, wenn er schnell verschieben muss. Hier bieten sich Chancen für Coman, wenn seine Mannschaft ihn wieder isolieren kann. Das alles in Kombination mit einem immer besser werdenden James Rodríguez könnte schon reichen, um den Stuttgartern den ein oder anderen Ball ins Tor zu legen.

Aber dafür muss das System wieder vollständig hochgefahren werden. Am Wochenende zeigt sich, ob der FC Bayern ein Windows-Rechner ist, der erstmal 149 Updates ziehen muss, bevor er vollständig betriebsbereit ist, oder ob sie innerhalb kürzester Zeit wieder in die Spur kommen. Einen Vergleich mit etwaiger Microsoft-Konkurrenz vermeide ich an dieser Stelle bewusst.

Und Wolfram Eilenberger möge mir diesen maschinellen Vergleich doch bitte nachsehen.

Statistiken zum Duell.

Fantipp

Im Fantipp tippt einer unserer Leser den Spielausgang. Für den richtigen Tipp gibt es drei Punkte und für die richtige Tendenz (Sieg, Unentschieden, Niederlage) einen Punkt. Verglichen wird dies dann mit einem Tipp aus der Miasanrot-Redaktion. Am Ende der Saison wird sich zeigen, ob die eingeladenen Fans mehr Punkte erreicht haben, als die Redaktion.

“Ja gut, ähhh” – um es mit Felix Magath oder Franz Beckenbauer zu sagen. Der erste Fantipp war gar nicht mal so erfolgreich. Am Ende waren die Bayern noch lustloser, als wir das erahnen konnten. Wir erhalten für die Tendenz aber jeweils einen Punkt und so steht es jetzt 25:16 für die Redaktion.

In dieser Woche haben wir Florian aus den Kommentaren gefischt. Er ist Bayern-Fan, seit Olli Kahn seine Gegenspieler anknabberte und Mehmet Scholl die Gegner schwindelig spielte und hofft, dass Thomas Müller bis Anfang 40 noch für die Bayern spielt. Florian liest Miasanrot seit Anfang 2013 und liebt das Gefühl, wenn er auf dem Weg in die Allianz Arena ist.

Florian: Nach dem Sieg aus dem Spiel gegen Dortmund holte der VfB aus den folgenden vier Spielen lediglich einen Punkt (Unentschieden gegen Hannover) und verlor drei Mal (Bremen, Leverkusen, Hoffenheim). Dies lag zuweilen nicht an einer mangelhaften Defensive, sondern eher an der fehlenden Qualität, die im Angriff schlichtweg noch nicht vorhanden ist. Daher tippe ich darauf, dass es ein Geduldsspiel für den FCB wird, da der VfB zuhause, bis Leverkusen kam, ein Jahr ungeschlagen war und sie sich am besten siegreich von ihren Fans ins neue Jahr verabschieden wollen. Sollten unsere Bayern allerdings ihre PS auf die Straße bringen, gehe ich doch sehr stark von einem Sieg aus. Mein Tipp: 3:1 für unsere Bayern.

Justin: Ich sehe das tatsächlich ähnlich wie Florian. Stuttgart wird den Bayern das Leben schwer machen. Einen höheren Sieg mit vielen Toren erwarte ich nur, wenn die Münchner früh in Führung gehen. Passiert das nicht, wird der Nachmittag sehr zäh für den Rekordmeister. Mit der Zeit wird der VfB aber müde und Bayern erzielt dann das erste Tor. Vielleicht folgt noch ein zweiter Treffer und dann steht am Ende ein hart erarbeiteter 2:0-Auswärtssieg.

P.S.: Wer noch mehr zur Partie, den FC Bayern und zum VfB Stuttgart lesen möchte, dem sei das Interview von “Rund um den Brustring” mit mir empfohlen. Der Blog ist generell eine gute Adresse, wenn es um den VfB geht.

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Leserkommentare
  1. Cickham

    Im Gegensatz zur Köln Vorschau gehe ich diesmal konform mit den Tipps. Ein Torfestival wird es sicher nicht geben, eher wird es ein Spiegelbild des Frankfurt-Spiels, da der VfB mit einer ähnlich kompakten und aggressiven Defensive ausgerüstet ist.

    Bei Bayern werden sich alle die Kräfte für Mittwoch aufheben wollen und da Coman wohl angeschlagen ist, wird es diesmal Müller richten müssen. Irgendeine gelöffelte Halbfeldflanke wird er schon ins Netz stoßen. Das gäbe dann das dritte 1:0 in Folge.
    Mit 41 Punkten in die Winterpause wäre nach diesem Saisonstart wahrlich fast wie ein 5er im Lotto.

  2. wipf1953

    @Justin: Warum sprichst Du Wolfram Eilenberger an? Der hat sich doch in letzter Zeit gar nicht mehr so sehr zu Fußball geäußert ..

    1. Hat auf Twitter geschrieben, dass Modeverben wie „abrufen“ in Bezug auf Leistung nur zeigen würden, dass der Nutzer des Verbs keine Ahnung von Mensch und Sport habe.

      1. wipf1953

        Ah, o.k., danke, immer interessant, sich philosophisch-außersportlich auszutauschen. :-)

        Für Leute aus der Generation “Wipf” hat “abrufen” übrigens eine primär kaufmännische Bedeutung: Bestellte Waren werden “abgerufen”.

        Den FC Bayern mit einem Windows-Rechner zu vergleichen hat was. Wer ihn wirklich ausreizen will muss ein paar Tricks draufhaben. Dafür ist die Flexibilität höher als beim Konkurrenzsystem. Und es gibt viel mehr umsonst oder zu günstigen Preisen .. das wäre so ziemlich die Stellenbeschreibung für den Heynckes-Nachfolger ..

      2. Nicht schlecht, haha.

  3. Thomas

    Diese Vorschau ist wieder einmal sehr gut geschrieben! Es ist ansprechend zu lesen — bis auf die Telefonnummern. Danke für diesen kritischen und stilistisch guten Text.

    Vom Spiel in Stuttgart selbst erwarte ich mir wenig.
    Bayern wird sich weiter durch die Liga rumpeln, weil der Pokal-Kracher wartet. Heynckes sagte in der PK, daß er wegen angeschlagegen Spielern lieber vorsichtig sei. Daß man bedenken müsse, daß mehrere Spieler erst aus einer Verletzung kommen. Heynckes deutete an, daß er Ribery auf die Bank setzen könnte, daß aber Coman beginnen könnte. Dann würde der andere Flügel vermutlich mit James Rodriguez besetzt. Im Mittelfeld wird Heynckes wohl wieder Vidal und Tolisso bringen und damit wird es eine zähe Angelegenheit, denke ich.

    Ich erhoffe mir ein 2:1 oder ein 1:0 für unsere Bayern.

    Gruß!
    Thomas

  4. Osrig

    “Wolf weiß um die spielerischen Schwächen des Rekordmeisters…”

    Ähm, spielerische Schwächen des Rekordmeisters? DAS halte ich dann doch für mindestens missverständlich! Das klingt so, als würden elf Holzhacker im Trikot des FCB auflaufen und gelungene Spielzüge Mangelware sein. Arg übertrieben! ^^ Ich nehme an, es ist gemeint, dass wir in einigen Begegnungen Schwierigkeiten hatten, gegen kompakt stehende und energisch verteidigende Gegner unsere spielerische Klasse umzusetzen, weshalb phasenweise recht ideenlos und uninspiriert gespielt wurde.
    Rumpelfussball war es trotzdem nicht, selbst nicht gegen Frankfurt und Köln.

    Allerdings waren diese Spiele wiederum kein Ruhmesblatt für uns, und so wird die Mannschaft engagierter auftreten und wieder mehr spielerische Klasse zeigen.
    Ich denke nicht, dass sich der VfB hinten reinstellen wird. Es ist ein Heimspiel, und gegen uns sind die Stuttgarter ohnehin immer besonders motiviert, gerade vor eigenem Publikum, für das ein Sieg gegen uns ein besonderes Weihnachtsgeschenk wäre. Daher kann ich mir vorstellen, dass Stuttgart recht offensiv spielen wird, relativ weit vor zu schieben und früh zu pressen versucht.
    Da unsere Jungs mit diesem Herangehen eines Gegners mittlerweile – meistens jedenfalls – recht gut zurecht kommen, nicht in Unruhe ausbrechen, wenn die Gegenspieler anlaufen, sondern überlegt den Ball weiter spielen, werden wir durchaus gute Spielzüge nach vorn entwickeln können, aus denen hoffentlich auch Tore entspringen. Chancenwucher können wir uns allerdings nicht erlauben, denn defensiv lässt der VfB nur wenig zu, sofern er Zeit hat, seine Defensivformation wieder einzunehmen. Ich sehe es daher genauso, wie Justin: Wenn die Jungs schnell spielen, beweglich sind und den Ball laufen lassen, bekommt Stuttgart Probleme, erst recht, wenn es unserer Mannschaft gelingt, sich bietende Umschaltsituationen auch zu nutzen. So oder so, es werden dann hoffentlich spielerische Lösungen sein, die zu unseren Toren führen ;-)

  5. Axel

    Es wird ein zähes Spiel, genau wie Justus schreibt. Zu oft schon in dieser Saison hat die Motivation für die 100% gefehlt und vieles deutet darauf hin, dass es heute wieder so wird.

    Was ich aber gerne einmal fragen würde, @Justus: Ich kann mich erinnern, dass Boateng im Spiel gegen Köln vier spektakulär misslungene Flankenversuche in der ersten Halbzeit und einige Fehlpässe auf dem Deckel hatte. Anhand welcher Art von Aktionen hast Du Dir das Urteil gebildet, dass “Boateng wieder stärker mit dem Ball am Fuß” wurde? War er vorher noch schlechter? Ich kann mich auch nicht an gute Pässe zw die Linien erinnern, lasse mich aber gerne eines Besseren belehren.

    1. Thomas

      Und ich kann mich erinnern, daß Boateng vom Innenverteidiger zum Achter wurde. Nämlich in der zweiten Halbzeit. Und ich erinnere mich an eine tolle Flanke von rechts, die Lewy leider übers Tor knallte. Die Flanke jedenfalls kam punktgenau.

  6. Schwarzenbeck

    Zähe Angelegenheit das. Hoffe zur Pause auf wahlweise Alaba oder Bernat für Rafinha. Müller könnte auch nicht schaden.

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