Verstehen wir uns nicht?

In den letzten Wochen führe ich mit Freunden und Bekannten auch im privaten Kreis ständig die in den Medien geführte Diskussion über Gewalt im Fußball. Viele erlebten die leere Südkurve im Fernsehen und fragen daraufhin natürlich wie die Stimmung im Stadion war. Ist man Fußballfan und beschäftigt sich mit der Materie wird eine Antwort auf die Probleme verlangt und Halbwahrheiten oder falsche Unterstellungen fliegen nur so durch die Gegend. Die Anzahl von Verletzten und Gewalttätern wird noch dramatischer gemacht als sie leider ist und zu allem Übel werden voreillige Schlüsse gezogen. Man spricht über das letzte Ereignis vom Wochenende und nicht über das allem zu Grunde liegende Problem.

Inzwischen glaube ich fest daran, dass das nicht an den Personen liegt mit denen ich spreche. Das sind alles intelligente Menschen die sich ihre Meinung nicht nur aus Artikel der Sportbild zusammensetzen, sondern filtern und analysieren können. Ein wichtiger Punkt geht ihnen aber ab: Sie kennen nicht das Gefühl in einer Fankurve zu stehen und Enthusiasmus & Enttäuschung im Wochenrhythmus zu erleben. Ihre Ansichten gegenüber Fußball sind anders motiviert.

Dabei sind wir uns zumindest in einer Sache völlig gleich: wir lieben Sport und opfern viel Freizeit und Geld um unserem Hobby nachgehen zu können. Egal ob beim Fußball, Volleyball oder in der Formel 1 begeistert uns der Wettkampf.

Wir sind gegen Gewalt. Egal was die Polizei hier sagt, oder in der Presse verdramatisiert wird, trifft das für den Großteil aller Stadionbesucher zu. Auseinandersetzungen und Verletzungen haben in keiner Sportstätte irgendetwas verloren. Genauso wenig wie Hass und Intoleranz. Dennoch steht für die meisten der Fußball für die pure Verrohung des Menschen in Form von betrunkenen Schalträgern und randalierenden Fans. So wurde das mir gegenüber mehrfach angeprangert und berichtet. Vom Volkssport war wenig zu hören.
Dabei ist es unerheblich wenn ich sage, dass ich noch nie Angst auf dem Weg ins Stadion oder beim Spiel selbst hatte. Selbst als wir beim Stadtderby in die falsche S-Bahn gerieten, ging uns die Muffe, aber es passierte nichts. Ein paar Pöbeleien muss man verkraften und sicher werden wir nie alle Freunde. Seit etlichen Jahren sah ich vor kurzem mal wieder eine Schlägerei. Nicht beim Fußball, sondern bei einem Eishockeycup. Das wurde im Gespräch meist als »Ach, da hattest du wohl Glück« abgetan. Polizeieinsätze werden rein aus dem Gesichtspunkt »Kosten für den Steuerzahler« betrachtet. Dass eine Verbesserung der Situation nicht durch mehr, sondern effektivere Polizeiarbeit möglich wäre, wird nicht betrachtet. Man kennt die Probleme nicht.

Ich bin gegen Ganzkörperkontrollen und die Versuche von Liga oder Verbänden, sich über meine Rechte als Bürger hinwegzusetzen und diese mit vage formulierten Sicherheitskonzepten auszuhebeln. Mich wundert es wie man in Gesprächen mit dieser Meinung alleingelassen werden kann. Im Urlaub sprachen wir über die Kontrollzelte beim Spiel gegen Frankfurt. Niemand akzeptierte, dass das Ausziehen und Kontrollieren genau so wie der Generalverdacht meine Recht als freier Bürger einschränkt. Gegenüber Fußballfans wird eine andere Gerichtsbarkeit angelegt und die Hürde, sich dieser Presse & Verbandsmeinung einfach anzuschließen, ist äußerst gering. Es ist doch nicht normal, wenn ganze Innenstädte gesperrt werden und Fanutensilien direkt verdächtig wirken. Man stelle sich ein Stadtderby FC Bayern gegen die Giesinger vor. Müssen wir dann eine Mauer durch München ziehen und um Leib und Leben fürchten? Wir befinden uns auf einem dramatischen Weg und eine Lösung ist nicht in Sicht.

Viele (selbst Sportinteressierte) verstehen nicht, was für uns alles zum Fußball dazugehört. Dazu zählt hüpfen in der U-Bahn genauso wie das frühe Treffen mit Freunden am Stadion oder hinter der Kurve. Das Kribbeln im Bauch, wenn man an einem wichtigen Spieltag morgens aufwacht und noch die Zeit bis zum Abend überstehen muss. In der Fankurve stehen und beim Anfeuern langsam die Stimme verlieren um in Ekstase auszubrechen wenn es klappt und fassungslos dazusitzen falls etwas schief läuft. Gemütlich Fußballschauen können andere. Wir wollen es erleben. Mitmachen und unterstützen. Da wird man belächelt, sobald man zu einem Spiel der Amateure geht während im Fernsehen Champions League läuft. Schließlich könnte man das auch entspannt Zuhause anschauen. Unverständliches Kopfschütteln erntet man erst recht, wenn man mit seiner 35€ Sitzplatzkarte trotzdem in die Kurve geschmuggelt wird. Man hat ja für den Oberrang bezahlt – wieso sollte ich mit mit denen da unten abgeben? Weil sie genauso empfinden wie ich! Dort fiebert man gemeinsam mit, umarmt sich oder stützt sich beim Heimweg. Findet Freundschaften und macht auch im größten Gedränge Platz um noch mehr Personen in seinen Kreis aufzunehmen.

Fußball findet nicht nur auf dem Platz statt. Viel wichtiger als der sportliche Wettkampf sind für mich die Menschen um das Spiel herum. Aus ihnen ziehe ich meine Begeisterung und Motivation mich für Verein und Mannschaft einzusetzen. Wegen ihnen möchte ich auch weiterhin diskutieren, aufklären und mich für die Lösung von Problemen einsetzen. Problemen denen man nur mit einer offenen Einstellung und ohne Populismus beikommen kann.

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Leserkommentare
  1. Angesichts der größtenteils verfälschenden Berichterstattung kann ich das Befremden auch bei zur Differenzierung fähiger Menschen nachvollziehen. Dagegen zu argumentieren und anzureden, ist fast schon vergebliche Liebesmüh. Wen der Fußball nicht interessiert, wird sich mit der Berichterstattung zufrieden geben, auch wenn sie falsche Vorurteile bestätigen. Das sind zumeist auch Menschen, die Massenveranstaltungen grundsätzlich aus dem Weg gehen.

    Insofern kann ich Dir weitgehend zustimmen, mit einer Einschränkung jedoch:
    Hüpfen und Krakeelen in der U-Bahn gehören für mich nicht dazu. Es nervt mich kolossal, selbst wenn ich auf dem Weg ins Stadion bin. Mich befremden auch als Wiesngänger Menschen, die in der U-Bahn zur Festwiese alle anderen lautstark darauf hinweisen müssen, wohin sie fahren.

  2. »Dagegen zu argumentieren und anzureden, ist fast schon vergebliche Liebesmüh.«

    Da könntest du recht haben, aber hier mag ich die Hoffnung einfach nicht aufgeben nicht doch ein wenig positiv wirken zu können. Die Gespräche auf die ich mich bezogen habe, fanden ja doch mit Sportinteressierten statt, die auch ab und an mal in Stuttgart auf der Haupttribüne sitzen.

    »Hüpfen und Krakeelen in der U-Bahn gehören für mich nicht dazu.«

    Hiermit verbinde ich so viele gute Erinnerungen von Fahrten ins Stadion oder vom Stadion mit breitem Grinsen im Gesicht und toller Atmosphäre. Denke deswegen hab ich nichts gegen eine schwankende Bahn. Solang es sicher bleibt.

  3. […] Miasanrot ärgert sich über die Berichterstattung zum Thema “Gewalt im Stadion” und bekennt sich dazu, dass er gegen diese Gewalt ist. […]

  4. […] »Dabei ist es unerheblich wenn ich sage, dass ich noch nie Angst auf dem Weg ins Stadion oder beim Spiel selbst hatte. Selbst als wir beim Stadtderby in die falsche S-Bahn gerieten, ging uns die Muffe, aber es passierte nichts.« Miasanrot: Verstehen wir uns nicht? […]

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