Da steppt der Bär: Bayern ideenlos zum Unentschieden

Maurice Trenner 12.12.2020

Im 200. Pflichtspiel für Robert Lewandowski durften die Münchner nicht verlieren, um den ersten Tabellenplatz zurück zu erobern. Den Platz an der Sonne hatte am Nachmittag die Sportabteilung eines gewissen Brausekonzerns durch einen Heimsieg gegen den Bremer Hühnerhaufen errungen.

Falls ihr es verpasst habt

Die Aufstellungen

Hansi Flick tat das einzig Richtige und wechselte im Vergleich zum Sieg gegen Moskau unter der Woche fleißig durch. Insgesamt sechs Neue fanden sich in der Startelf wieder. Auch der Überflieger der letzten Wochen Jamal Musiala durfte erneut von Beginn an ran. Wieder einmal musste dafür Marc Roca auf der Bank Platz nehmen. Mit Gnabry, Coman und Lewandowski stellte Flick die volle Kapelle in der Offensive auf den Rasen.

In der Abwehr mussten die Roten auf Süle verzichten, wodurch die letztjährige Viererkette mit Davies, Alaba, Boateng und Pavard auflief. Die Abwehrreihe und Manuel Neuer wollten aufbauend auf dem Spiel gegen Moskau das erste Bundesliga-Spiel ohne Gegentor seit Oktober absolvieren. Vor dem Spiel wurde noch bekannt, dass der junge Nianzou sich erneut verletzt hat und mit einem Muskelbündelriss länger fehlen wird.

Union musste auf den Unterschiedsspieler Max Kruse ebenfalls mit einer Muskelverletzung verzichten. Bülter und Becker sollten zusammen den Ausfall der Berliner Lebensversicherung abfangen. Im Mittelfeld war Griesbeck die dritte Änderung von Trainer Urs Fischer im Vergleich zur 1:3-Niederlage gegen den Stadtrivalen Hertha.

Die erste Halbzeit

Die erste Chance hatten die Hausherren aus der Hauptstadt bereits nach nicht einmal einer Minute. Doch einen Konter von Awoniyi konnte Neuer parieren. Weitere zwei Minuten später zappelte der Ball dann doch im Münchner Netz. Nach einer Ecke gewann Prömel das Kopfballduell gegen Lewandowski und bugsierte das Leder ins lange Eck (4.). Der perfekte Auftakt für die Eisernen.

Nach dem frühen Schocker waren die Münchner sichtlich bemüht mit Ballkontrolle ins Spiel zu finden. Doch immer wieder scheiterten die Gäste an ihren eigenen Ungenauigkeiten am Ball. Die Offensiven hatten bei Ballmitnahmen zu kämpfen, während die Verteidiger immer wieder Fehlpässe spielten.

Dagegen waren die Berliner immer wieder brandgefährlich. Ein weiteres Missverständnis von Davies und Musiala führte zu einem Konter über Awoniyi, der Alaba noch aussteigen ließ, dann aber denkbar knapp am rechten Pfosten vorbei schob (21.). Auf der Gegenseite wurde Lewandowski frei im Strafraum in Szene gesetzt, dieser suchte allerdings nur den Elfmeter und nicht den Abschluss (24.).

Bereits in der ersten Halbzeit musste Union das erste Mal wechseln. Der angeschlagene Ingvartsen ging vom Feld (36.). Dies sollte auch die letzte notiz-würdige Aktion bis zur Halbzeitpause bleiben.

Die zweite Halbzeit

In typischer Flick-Manier ging es ohne Wechsel in den zweiten Durchgang. Die Münchner waren nun sichtlich besser im Spiel, allerdings ohne sich wirkliche Torchancen herauszuspielen. Diese hatte dafür Union Berlin. Fast aus dem Nichts segelte eine Flanke ungestört durch den Fünfmeterraum vor Neuer. Erneut verpasste Awoniyi (56.). 

Nach knapp über einer Stunde kam Leroy Sané für Musiala, der heute in einer zerfahrenen Partie das Ruder nicht alleine umreißen konnte. Dass so viel an einem 17-Jährigen hängt, zeigt den Zustand der restlichen Mannschaft. Gnabry im Anschluss rückte ins Zentrum, während Sané eher die rechte Außenbahn bespielen sollte. 

Die gesteigerte individuelle Qualität auf dem Platz machte sich bezahlt. In der 67. Minute konnte Coman endlich ein Dribbling auf der linken Seite gewinnen. Der Franzose blieb ruhig, nahm den Kopf hoch und fand Lewandowski, der kalt verwandelte (67.). Das vierte Bundesliga-Tor in Folge, das Coman assistierte – ein Vereinsrekord.

Leicht angeschlagen musste Goretzka das Feld räumen (75.). Ihn ersetzte der frisch genesene Tolisso. Die Vielzahl an Spielen macht sich weiterhin auch in der zunehmenden Anzahl an Blessuren der Bayern-Spieler bemerkbar. 

Kurz vor Schluss kam mit Choupo-Moting für Gnabry nochmal ein weiterer Spieler für die vorderste Spitze (87.). Die Schlussoffensive war eingeleitet. Eine Flanke des nimmermüden Coman köpfte Sané in Richtung Tor, wo Luthe den Ball gerade noch vor der Linie rausfischte (89.). Eine weitere Torchance ergab sich für den Rekordmeister jedoch nicht mehr.

Am Ende stand das dritte Unentschieden aus den letzten vier Spielen und das sechste Ligaspiel mit Gegentor in Folge. Zumindest bis morgen übernimmt der FC Bayern dennoch die Tabellenführung, danach kann Bayer Leverkusen mit einem Sieg den Münchnern den Rang ablaufen.

Dinge, die auffielen

1. Geht noch mehr Zahnfleisch?

Ist denn bald mal Weihnachten? Ähnlich wie Deutschland in der Pandemie wartet der FC Bayern seit Wochen nur noch auf die erlösende (Mini-)Weihnachtspause. Die Mannschaft wirkt mental und physisch komplett erschöpft. Die Folgen sind scheinbar zahllose Ungenauigkeiten und Fehlpässe im Münchner Spiel.

Das Aufbauspiel leidet massiv unter dem Fehlen von Joshua Kimmich, dessen Ausfall von den formschwachen Alaba und Boateng nicht annähernd aufgefangen werden kann. In der Offensive erreichte die Formkurve der Einzelspieler heute in der ersten Halbzeit den nächsten, tieferen Tiefpunkt. Verspringende Bälle bei der Annahme, nachlässige Weiterleitungen und erschreckende Ideenlosigkeit prägten das Münchner Spiel. 

Bis zur Winterpause stehen mit Wolfsburg und Leverkusen allerdings noch zwei schwere Brocken auf dem Spielplan. In der aktuellen Verfassung werden diese Partien zur Herkulesaufgabe.

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2. Davies und der lange Weg zurück


In den letzten Wochen hatten wir oft darüber spekuliert, dass eine Rückkehr von Alphonso Davies den Rekordmeister defensiv stabilisieren könnte. Der schnelle Kanadier könnte mit seinen Sprintläufen die Lücken in der Abwehr kompensieren. So die Idee.

Dass der junge Davies allerdings noch meilenweit von seiner Gala-Form der letzten Saison entfernt ist, zeigte sich heute. Selbst neben seinem gewohnten Partner Alaba schlichen sich einfachste Abstimmungsprobleme ein. Zudem folgten Fehlpässe ins weite Nirgendwo. Am Eklatantesten war sicherlich sein Pass direkt ins Aus – ohne Druck durch den Gegner und mit zwei möglichen Anspielstationen. Viel zu selten zeigte er Ansätze seiner Klasse. 

Es wird sehr wichtig werden, dass Flick den Kanadier uns seine Stärken wieder in das Mannschaftsgefüge einbringen kann. Dabei muss er den Balanceakt zwischen behutsamen Aufbau und der durch Verletzungssorgen ausgedünnten Personaldecke finden, ohne Davies zu verheizen. 

Abschließend noch ein Disclaimer: Bei aller berechtigten Kritik muss man bedenken, dass es erst sein zweites Spiel nach einer langen Verletzung ist.

3. Bruda, ich schlag den Ball lang!

Diese Worte soll der Legende nach Kevin-Prince Boateng zu Ante Rebić vor dem Pokalfinale der Frankfurter gegen den großen FC Bayern gesagt haben. Eine Ansage, die sich scheinbar nun der Halbbruder des Prinzen zu Herzen genommen hat.

Zur Halbzeit hatte Jérôme Boateng 19 – in Worten neunzehn und ja, das ist kein Tippfehler – lange Bälle geschlagen. Doch nur die wenigsten dieser hatten die gewohnte Boateng-Qualität, die den Münchner einst zu Europas bestem Innenverteidiger im Aufbauspiel gemacht hatten. Die meisten der Bälle sahen heute aus wie beim Kreisliga-Vorstopper am Sonntagnachmittag. Entsprechend fanden auch nur acht dieser Bälle einen Abnehmer.

Am Ende der Partie standen 26 lange Bälle des Weltmeisters von denen nur 12 einen Abnehmer fanden.

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