Der Transfersommer der Bayern – Stimmung und Realität – eine Analyse

Alexander Trenner 21.07.2021

Einleitung

Der diesjährige Transfersommer ist noch lange nicht in seine heißeste Phase eingetreten, und doch sind viele Vereine bereits fleißig dabei, ihre wichtigsten Deals einzutüten. Mit Ausnahme vielleicht der von Oligarchen und Scheichs alimentierten Clubs sehen sich dabei alle Vereine mit der Frage konfrontiert, welche Transfers sie sich leisten können und wollen. Nunmehr knapp 16 Monate Pandemie sind an den meisten Vereinen wirtschaftlich nicht spurlos vorübergegangen. Auch der Ausblick auf die kommende Saison ist mit großen Unsicherheiten behaftet. Wann hat die COVID-19-Pandemie ihren Wendepunkt erreicht? Ab wann dürfen wieder Zuschauer ins Stadion, und wenn ja wie viele? Müssen vielleicht noch einmal Turniere abgesagt werden? Welche Verträge müssen gegebenfalls noch während der Pandemie verlängert werden? Welche Investitionen ins Sachvermögen lasen sich nicht länger aufschieben?

Auch der FC Bayern muss sich mit diesen Fragen beschäftigen. Die Lage ist schwierig, die Zukunft unsicher, aber der Transfersommer ist nun einmal jetzt. Wie also handeln? In diesem Artikel versuche ich genau dieses Entscheidungsproblem aus der Perspektive des FC Bayern nachzuvollziehen. Dazu werfe ich zunächst einen Blick in den Geschäftsbericht des Geschäftsjahres 2019/20, zum einen, um die aktuellsten offiziellen Zahlen zu Umsatz, Kosten und Ergebnis nachvollziehen zu können, die ich kurz präsentieren werde. Zum anderen aber auch, um ein Gefühl für die gegenwärtige wirtschaftliche Stimmungslage im Verein zu gewinnen, welches ich anhand einer Reihe von Zitaten aus dem Geschäftsbericht versuchen werde greifbar zu machen. Im Anschluss schildere ich, welche Konsequenzen sich aus diesen Betrachtungen aus Sicht des FC Bayern für das aktuelle Transferfenster ergeben, bevor ich mit einem kurzen Fazit und einer persönlichen Einschätzung dazu schließe, was die gegenwärtige Situation für das aktuelle und die kommenden Transferperioden bedeutet.

Die Einnahmen

Im Geschäftsjahr 2019/20 (GJ 19/20) machte der FC Bayern Konzern einen Umsatz inklusive sonstiger betrieblicher Erträge von € 698,0 Mio., ein Minus von € 52,4 Mio. gegenüber dem Vorjahr. Im Einzelnen schlüsselen sich der Umsatz und seine Veränderungen zum Vorjahr wie folgt auf (alle Angaben in M€):

Laut Geschäftsbericht ist der Rückgang von ca. € 30 Mio. im Spielbetrieb fast gänzlich auf Einbußen im Ticketing in Höhe von € 23,8 Mio (Geisterspiele ab Mitte März) und Einbußen bei der Stadionmiete, Stadionüberlassung und Logenvermietung der Allianz Arena in Höhe von € 6,4 Mio. zurückzuführen. 

Vielleicht etwas überraschend sind die Erträge im Bereich Werbung und Sponsoring trotz reduzierter Werbemöglichkeiten im Stadion und ausgefallener Sponsorentermine während der Geisterspiele nahezu präzise genau auf Vorjahresniveau geblieben. Im Geschäftsbericht heißt es dazu, dass der FC Bayern hier von langfristigen, stabilen Verträgen mit seinen Top-Sponsoren profitiere und sogar im betrachteten Geschäftsjahr noch weitere neue, zusätzliche Verträge abschließen konnte. In der Summe habe dies gereicht, die Einbußen zu kompensieren.

Die Einnahmen aus der medialen Vermarktung profitierten zwar von der grundsätzlich höheren Ausschüttungen der Saison 19/20 im Vergleich zur Vorsaison, das konnte aber die Ausfälle i. H. v. € 10,4 Mio. bei der TV-Vermarktung der DFL aufgrund ausgefallener Zahlungen der Medienpartner nur teilweise wieder ausgleichen. Auch die Verlegung des DFB-Pokal-Finales in den Juli 2020 und damit in das neue Geschäftsjahr hatte laut Geschäftsbericht spürbare Auswirkungen auf die Einnahmen.

Auch die Umsätze im Bereich Handel, die sich im westlichen aus dem Verkauf von Merchandise und Lizenzen an der Marke „FC Bayern“ ergeben, haben unter der COVID-19-Pandemie gelitten und sind um satte 15% zurückgegangen. Wesentlichen Anteil daran hatte die Schließung der Fanshops, deren Umsatzverluste allerdings durch Zulagen im E-Commerce und höhere Lizenzeinnahmen teilweise wieder kompensiert werden konnten.

Die Ausgaben

Den Einnahmen gegenüber stand im GJ 19/20 für den Konzern ein Aufwand i. H. v. € 688,8 Mio. (- € 9,7 Mio.), der sich wie folgt unterteilt und im Vergleich zum vorherigen Geschäftsjahr darstellt (alle Angaben in M€):

Die beiden mit Abstand größten Kostenblöcke unter den Aufwendungen bilden bei den Bayern traditionell der Personalaufwand und die sonstigen betrieblichen Aufwendungen (SBA). Mit knapp € 340 Mio. entfielen nahezu 50% des gesamten Jahresaufwands des Konzerns auf die Kosten für das Personal. Dies zählte im GJ 19/20 im Jahresmittel 663 Mitarbeiter in der Verwaltung und 330 Mitarbeiter im Trainings- und Spielbetrieb. Meinen Schätzungen nach machen allein die Spielergehälter der ersten Herrenmannschaft jedes Jahr ca. 65 bis 70% des gesamten Personalaufwands aus.

Den zweiten großen Kostenblock bilden die sogenannten „sonstigen betrieblichen Aufwendungen“. Die SBA sind ein Sammelposten für verschiedenste Aufwendungen in den Bereiche Transfers, Spielbetrieb, Werbung, Handel und Verwaltung. Dieser Kostenblock bewegt sich bei den Bayern regelmäßig jenseits der Marke von € 200 Mio. pro Jahr. Der Verein tut uns nicht den Gefallen, die Zusammensetzung dieser Kosten in seinen Geschäftsberichten im Detail aufzuschlüsseln. In einem separaten Artikel versuche ich mich dem Mysterium „sonstige betriebliche Aufwendungen“ bei den Bayern einmal intensiver zu nähern und einen Blick unter die Haube der vielfältigen Geschäftstätigkeit des Konzerns FC Bayern zu werfen (forthcoming).

Für die Zwecke dieses Artikels reicht es festzustellen, dass der betrieblich verursachte Aufwand des Vereins im Gegensatz zu den Einnahmen weitgehend konstant geblieben bzw. in Teilen sogar gestiegen ist. Der Materialaufwand ist aufgrund des Rückgangs beim Absatz von Merchandisingartikeln leicht gefallen, ebenso der Personalaufwand, wo Verletzungsausfälle und ein COVID-19-bedingter Lohnverzicht der Spieler zu leichten Einsparungen geführt haben. Der nennenswerte Mehraufwand von € 17 Mio. bei den Abschreibungen ist im Wesentlichen auf die Transfers von Lucas Hernandéz und Benjamin Pavard sowie Investitionen in die Beschallungsanlage, ein Parkhaus und einen der Eingangsbereiche der Allianz Arena zurückzuführen.

Das Ergebnis

Unter dem Strich ist es dem FC Bayern trotz der wirtschaftlich schwierigen Bedingungen in der zweiten Saisonhälfte gelungen, das GJ 19/20 mit einem positiven Jahresergebnis abzuschließen. Der Gewinn nach Steuern lag bei € 9,8 Mio., einem Einbruch von 81,3% gegenüber den € 52,5 Mio. des Vorjahres und der niedrigste Nachsteuergewinn seit der Saison 2010/11. Auch der EBIT, das Ergebnis aus der operativen Geschäftstätigkeit, lag nach dem Rekordwert von € 75,9 Mio. aus dem GJ 18/19 dieses Mal mit € 17,2 Mio. so niedrig wie seit zehn Jahren nicht mehr. 

Die Stimmung

Der Geschäftsbericht 2019/20 beschränkt sich nicht nur darauf, die aktuellen Zahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr aufzulisten, vor dem Hintergrund der alles dominierenden COVID-19-Pandemie wagt er an vielen Stellen auch einen Ausblick auf die Zukunft. Dabei durchströmt ihn an allen Ecken und Enden ein solcher Geist der Vorsicht und Zurückhaltung, dass er stellenweise mit Händen zu greifen ist. Ganz ohne Zweifel sind die „unglaublichen Herausforderungen“, denen sich „die ganze Welt […] seit dem Frühjahr 2020“ gegenüber sehe und viele Wirtschaftsbereiche und dabei „auch die europäische Fußballbranche in einem nicht für möglich gehaltenen Umfang“ getroffen habe, wie es gleich in den ersten Sätzen des Berichts heißt, nicht ohne einen prägenden Eindruck zu hinterlassen an den Entscheidern beim FC Bayern vorübergegangen.

Allgemein…

So heißt es im Prognosebericht im Ausblick auf das Geschäftsjahr 2020/21, dass der Vorstand

in diesem schwierigen Umfeld insgesamt von einer Verschlechterung der Ertrags-, Finanz- und Vermögenslage

ausgehe. Bei der Ertragslage wird erwartet, dass (diese und alle weiteren Hervorhebungen von mir)

im Spielbetrieb unter der Voraussetzung eines Spielbetriebs ohne Zuschauer in der Hinrunde für das Geschäftsjahr 2020/2021 ein Umsatzrückgang von mindestens 15-20% [erfolgt].

Auch im Bereich Sponsoring und sonstige Werbeerlöse sowie in der medialen Vermarktung muss mit einer deutlich reduzierten Einnahmesituation gerechnet werden. Der FC BAYERN MÜNCHEN ist genauso wie die ganze Bundesliga bei einem eingeschränkten Spielbetrieb nicht in der Lage, das ganze Leistungsspektrum zu erbringen.

Im Handel wird mit einem Umsatzrückgang von bis zu 10 % gerechnet, wobei sich hier die große und treue Fanbasis als stabilisierender Faktor zeigt.

Zwar seien die Entwicklung der Personalkosten und der Abschreibungen wesentlich abhängig von den noch zu treffenden Transferentscheidungen im Sommer 2020 und der Vorstand erwartete bei den sonstigen betrieblichen Aufwendungen für das kommende Geschäftsjahr keinen Anstieg des Ausgabenniveaus, aber man wolle 

als Reaktion auf die gegenwärtige wirtschaftliche Entwicklung in allen Geschäftsbereichen Einsparungspotentiale ermitteln und umsetzen, [was allerdings] den prognostizierten Umsatzrückgang nur zu einem Teil ausgleichen kann, weshalb für das Geschäftsjahr 2020/2021 auch ein starker Rückgang des EBIT erwartet wird.

Bezüglich der Finanzlage rechnet der Vorstand mit einer tendenziellen, vorübergehenden Verschlechterung der Kennzahlen. Mehr noch:

Infolge des erwarteten Umsatzrückganges und unter Berücksichtigung anstehender Transfertätigkeiten rechnet der Vorstand für das Geschäftsjahr 2020/2021 mit einem negativen Cash Flow.

Dies bedeutet, dass der FC Bayern Stand 30.06.2020 davon ausging, im Geschäftsjahr 2020/21 aus der laufenden operativen Geschäftstätigkeit heraus einen negativen Zahlungsstrom zu erwirtschaften, also salopp formuliert mehr Geld für Mitarbeiter, Material usw. auszugeben als durch Spielbetrieb, Werbung, Handel usw. einzunehmen.

… und sportlich

Der Geschäftsbericht verpasst es auch nicht, an vielen Stellen auf die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf den sportlichen Bereich des FC Bayern hinzuweisen. Einige Zitate:

Die Entwicklung der Finanz- und Vermögenslage im Geschäftsjahr 2020/2021 wird von dem erwarteten Umsatzrückgang sowie von den Transfer- und Investitionsentscheidungen determiniert. 

Hohe Transferausgaben und langfristige Arbeitsverträge mit Lizenzspielern sind Ursache dafür, dass die größten Aufwandsbereiche im Unternehmen, die Personalkosten und Abschreibungen auf das Spielervermögen, kurzfristig kaum beeinflusst werden können. Damit kann der FC BAYERN MÜNCHEN – Konzern nur eingeschränkt flexibel auf geänderte Marktumfeldbedingungen reagieren.

Aufgrund der volatilen Einnahmesituation infolge der Corona-Pandemie stellen hochdotierte, langfristige Arbeitsverträge mit Lizenzspielern ein Risiko dar. Bei einem starken Umsatzrückgang kann der Club nur bei neuen Vertragsabschlüssen direkt auf die veränderte Einnahmesituation reagieren. Eine Änderung bei bestehenden Vertragsverhältnissen durch Vertragsanpassung ist schwierig, ebenso wie der Abbau von Personalkosten durch Transfers. 

Der Vorstand hat bisher bei personellen Entscheidungen im Lizenzspielerbereich eine einnahmeorientierte Ausgabenpolitik verfolgt und wird auf die aktuelle Lage mit noch größerer Sensitivität reagieren. Ob sich diese einnahmenorientierten Ausgabepolitik auch für das Geschäftsjahr 2020/2021 weiterverfolgen lässt, wird wesentlich von der Entwicklung der gegenwärtigen Covid-19-Pandemie abhängen. 

Auf Grund seiner langjährig aufgebauten, soliden Finanz- und Kapitalstruktur sieht der Vorstand den Geschäftsbetrieb des FC BAYERN MÜNCHEN, insbesondere den Unterhalt seiner Mannschaften und Spielstätten, für die Saison 2020/2021 gesichert. Bis aber die Folgen der Pandemie überwunden sind, wird der Vorstand in seinen unternehmerischen Entscheidungen diese gestiegenen finanzwirtschaftlichen Risiken berücksichtigen müssen. Alle Investitionen in den Kader, in die Infrastruktur oder in sonstigen Bereichen des Clubs werden vor diesem Hintergrund speziell bewertet und auf ihre Notwendigkeit überprüft. Aufschiebbare Investitionen werden auf spätere Zeitpunkte terminiert.

Auswirkungen auf die Transferentscheidungen

Man darf nicht vergessen, dass dieser Geschäftsbericht bereits in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres formuliert worden ist, einer Zeit, als die Dauer und die wirtschaftlichen Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf den Profifußball noch nicht klar abzusehen waren. Bei den geschilderten Prognosen wurde teilweise noch angenommen, dass in der zweiten Saisonhälfte 2020/21 wieder Zuschauer ins Stadion kommen dürften (was, wie wir heute wissen, nicht der Fall war). Allermindestens aber wurde die Entwicklung der wirtschaftlichen Lage des Vereins stets unter den deutlichen Vorbehalt der von starken Unwägbarkeiten behafteten Entwicklung der Pandemie gestellt. 

Mit dem Wissen von 13 zusätzlichen Monaten Pandemie im Rücken sagte Herbert Hainer Anfang Juli dieses Jahres auf der offiziellen Pressekonferenz zur Inauguration Oliver Kahns als neuem CEO der Bayern, dass er bis zum Start der Bundesliga im August 2021 einen Umsatzverlust beim FC Bayern von insgesamt knapp € 150 Mio. Euro seit Beginn der Pandemie erwarte, was im Vergleich zum GJ 19/20 nicht nur noch einmal deutlich weniger Umsatz an sich, sondern auch noch eine signifikante Beschleunigung des Rückgangs bedeuten würde.

In einem Interview mit der TZ sagte (nochmals) Hainer kürzlich:

Wir haben einen starken Kader, den wir mit Dayot Upamecano, Omar Richards und Sven Ulreich auf hohem Niveau ergänzt haben. Wir haben früh unsere Hausaufgaben gemacht. […] Der FC Bayern wird seinen Pfad der wirtschaftlichen Stabilität nicht verlassen. Das kann ich Ihnen versprechen. Darum haben wir ja auch gesagt, dass wir in diesem Sommer keine großen Transfers mehr tätigen werden, weil wir wegen der Corona-Krise auf Sicht fahren und schauen müssen, dass wir das gut überstehen. Wir werden das Gehaltsgefüge nicht sprengen. Herbert Hainer in einem Interview mit der TZ

Natürlich haben solche Aussagen auch immer eine politische und strategische Dimension, aber vor dem Hintergrund der Zahlen und der allgemeinen Stimmungslage im Geschäftsbericht 19/20 und der erwarteten Mindereinnahmen von insgesamt € 150 Mio. legen Hainers Worte nahe, dass die Transferaktivitäten des FC Bayern für diesen Sommer tatsächlich bereits abgeschlossen sein könnten: Wirtschaftlich habe man gerade stark zu leiden, außerdem sei Corona ein schwieriges Umfeld und die wirtschaftliche Entwicklung nicht absehbar, daher müsse man auf Sicht fahren und aufschiebbare Investitionen wo immer möglich aufschieben und Risiken vermeiden. Außerdem sei man ja bereits am Transfermarktarkt aktiv geworden und das Gehaltsgefüge wolle man auch nicht sprengen, so der allgemeine Tenor.

Was Hainer und Co. in ihrer Transferfreudigkeit zudem nicht gerade bestärken wird, ist, dass zu den momentan nicht aufschiebbaren Dingen die Entscheidungen über die Zukunft von Leon Goretzka, Corentin Tolisso und Niklas Süle beim FC Bayern zählen, deren Verträge im Sommer 2022 auslaufen. Die Verhandlungen mit allen drei Spielern laufen zwar, scheinen aber momentan nicht wirklich von der Stelle zu kommen. Wir befinden uns in der post-Alaba-Ära und man muss kein Hellseher sein um zu vermuten, dass die (gestiegenen) Gehaltsvorstellungen der Spieler und der Unwillen der Bayern diese zu erfüllen dabei eine wichtige Rolle spielen. Ähnliches könnte sich im nächsten Sommer mit Spielern wie Kimmich, Gnabry und Coman wiederholen, deren Verträge 2023 auslaufen.

Transfers bei den Bayern: Eine Frage des Wollens und nicht des Könnens

Aber ungeachtet all des Gesagten, könnte der FC Bayern denn – wenn er nur wollte – nicht trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage sich noch den ein oder anderen Spieler am Transfermarkt leisten? Die Fans fragen sich, warum um Gottes Willen man denn all die Jahre so klug und mit so viel Augenmaß gewirtschaftet hat, wenn man die angefutterten Reserven nicht gerade jetzt nutzt und gegebenenfalls die Notlage anderer Vereine ausnutzen kann?!? Warum nicht antizyklisch investieren? Die Notwendigkeit für einen weiteren Rechtsverteidiger beispielsweise wird in Fankreisen gerade heiß diskutiert.

Selbstverständlich könnte der FC Bayern jetzt investieren. Selbst bei größter Vorsicht kann man mit Sicherheit sagen, dass die Situation beim FC Bayern finanziell auf keinen Fall so prekär ist, dass der Verein auf dem Transfermarkt unter keinen Umständen mehr aktiv werden könnte, selbst wenn er es wollte. Mit Abschluss des Geschäftsjahres 2019/20 hatte der FC Bayern Konzern € 131,0 Mio. liquide Mittel zur Verfügung. Der operative Cash Flow, also die aus der operativen Geschäftstätigkeit heraus generierten liquiden Mittel, betrug trotz COVID-19 € 49,0 Mio. Zudem hat der Verein keine langfristigen finanziellen Verbindlichkeiten bei irgendwelchen Kreditinstituten. Im Geschäftsbericht 19/20 heißt es dazu:

Der FC BAYERN MÜNCHEN AG Konzern nimmt die Kapitalmärkte zur Finanzierung des Geschäftsbetriebs nicht in Anspruch und finanziert sich ausschließlich aus Liquiditätsreserven und dem operativen Cash-Flow. Die bei den Geschäftsbanken zur Verfügung stehenden Kreditlinien dienen zur Sicherstellung des laufenden Geschäftsbetriebes und wurden bisher nicht in Anspruch genommen.

Wenn man sich im Kontrast dazu mit Real Madrid und dem FC Barcelona zwei der polaren Gegenentwürfe in Sachen Schuldenpolitik im europäischen Fußball ansieht, die schon seit längerem Verbindlichkeiten i. H. v. hunderten Millionen Euro bzw. im Fall von Barcelona inzwischen sogar mehr als € 1 Mrd. vor sich hertragen und trotzdem weiterhin unverändert existieren, wird klar, dass selbst unter der (unrealistischen) Annahme, dass sämtliche der von Hainer prognostizierten € 150 Mio. Mindereinnahmen in voller Höhe liquiditätswirksam auf das Geschäftsjahr 2020/21 durchschlagen und ergo sämtliche vorhandene Liquidität auffressen würden, der FC Bayern in diesem Sommer theoretisch so viel Geld am Kapitalmarkt aufnehmen könnte, dass er trotzdem seinen gesamten Kader einmal komplett am Transfermarkt umzukrempeln könnte ohne danach zwingend Insolvenz anmelden zu müssen.

Nein, die Frage ist nicht, ob sich der FC Bayern noch den einen oder anderen – auch kostspieligen – Spieler am Transfermarkt leisten kann. Die Frage ist, ob er das will. Die Bayern sind wirtschaftlich ganz ohne Zweifel nicht nur deutlich konservativer als der FC Barcelona oder Real Madrid, sondern sogar als so ziemlich jeder andere mir bekannte Top-Club in Europa. Für den Verein ist sein wirtschaftlicher Konservatismus, der sich nirgends sonst so emblematisch niederschlägt wie in seiner absoluten Schuldenfreiheit, so etwas wie der heilige Gral und seit jeher eines der obersten Leitprinzipien des Vereins.

Bei der Frage Transfers ja oder nein geht es für die Bayern um viel mehr als nur um schnödes Geld. Es geht um weltanschauliche Grundsätze fast schon fundamentaler Natur: Ist man prinzipiell bereit, um eines Transfers zum Stopfen kurzfristiger sportlicher Nöte Willen – selbst wenn er vollständig aus den vorhandenen liquiden Reserven zu finanzieren wäre – das Risiko einzugehen, die ehernen Leitprinzipien der Schuldenfreiheit und finanziellen Autarkie ein für allemal und unwiederbringlich zu opfern, ja opfern zu müssen? Ist man bereit, diesen Rubikon zu überschreiten? Betrachtet man das Problem durch diese Brille, gewinnt die Frage der Verpflichtung neuer Spieler beim FC Bayern plötzlich eine ganz neue Qualität als lediglich die technische Frage eines optimalen Investitionszeitpunktes.

Zusammenfassung

Insgesamt ergibt sich also ein eindeutiges Bild: Der Umsatz im Geschäftsjahr 19/20 hatte mit einem Rückgang von ca. € 50 Mio. im Vergleich zum Vorjahr bereits unter der COVID-19-Pandemie zu leiden, und das Jahresergebnis nach Steuern war das niedrigste seit dem Geschäftsjahr 2010/11. Zudem lassen sowohl die Prognosen aus dem Geschäftsbericht als auch die Aussagen Herbert Hainers erwarten, dass sich diese Abwärtstendenz in dem gerade abgelaufenen Geschäftsjahr 20/21 fortgesetzt hat, höchstwahrscheinlich auf noch einmal höherem Niveau. So geht beispielsweise bereits der Geschäftsbericht 19/20 von einem negativen Cash Flow für das gerade abgelaufene Geschäftsjahr 20/21 aus, wohingegen er im GJ 19/20 noch bei knapp € 50 Mio. lag.

Zugleich atmet der FC Bayern sowohl im Geschäftsbericht 19/20 als auch in allen öffentlichen Aussagen seiner Entscheider gegenwärtig geradezu Vorsicht, Zurückhaltung und Maßhaltung. Es scheint, als habe man mit den nicht aufschiebbaren Vertragsverhandlungen mit Goretzka, Süle und Tolisso gerade schon genug wirtschaftliches Risiko am Hals und sei froh, den vorhandenen wirtschaftlichen Spielraum nicht durch den Kauf eventuell weiterer Spieler noch weiter reduzieren zu müssen. Außerdem habe man ja mit Upamecano, Richards und Ulreich schon gute Verstärkungen verpflichtet und man erwartet ja von Nagelsmann ohnehin, dass er stärker als es bis dato geschehen ist den eigenen Nachwuchs fördert und einbindet.

Vor diesem Hintergrund ist es also höchst unwahrscheinlich, dass die Bayern in diesem Sommer noch einmal am Transfermarkt aktiv werden (Unfälle mit Goretzka, Süle und Tolisso einmal außen vor gelassen). Allerdings bleibt festzuhalten, dass dies eindeutig und dezidiert eine Wollens-Entscheidung ist und keine Müssens-Entscheidung. Denn zwar mögen die aktuellen Geschäftszahlen nicht gut und der Ausblick sogar noch düsterer sein, demgegenüber allerdings stehen beim FC Bayern die beiden Pfunde absolute Schuldenfreiheit und satte Cash-Reserven. Die liquiden Mittel betrugen am Ende des GJ 19/20 € 131 Mio. und selbst wenn sie unter der Annahme einer Vollzahlung zum Erwerbszeitpunkt der Transfers von Sané, Sarr und Roca (zusammen ca. € 65 Mio.) und der Annahme, dass die anteiligen Mindereinnahmen für das GJ 20/21 von € 100 Mio. aus Hainers Prognose (18 Monate, € 150 Mio.) vollständig liquiditätswirksam durchschlagen (was unrealistisch ist), völlig ausgelöscht würden, wäre der FC Bayern immer noch komplett schuldenfrei.

Die Bayern sind mit ihrer Kombination aus Schuldenfreiheit und satter Liquidität ein Solitär in der europäischen Fußballlandschaft. Selbst wenn die COVID-19-Pandemie sämtliche Liquidität aufgefressen hätte, würde jedes Kreditinstitut dieser Welt den Bayern sofort und ohne mit der Wimper zu zucken ein langfristiges Darlehen über dutzende Millionen Euro gewähren. Der Club könnte sich problemlos nicht nur einen weiteren neuen Rechtsverteidiger, sondern gleich mehrere neue, teure Spieler leisten, wenn er nur wollte. Aber er will nicht. Nur wenige Clubs sind wirtschaftlich so konservativ wie die Bayern und nur wenigen Klubs ist ihr mythenumwobenes „Festgeldkonto“ und ihre Schuldenfreiheit so wichtig.

Fazit

Ergo gehe ich persönlich mit Blick auf diesen Sommer konkret davon aus, dass die Bayern keinen weiteren Spieler der Größenordnung € 40 oder 50 Mio. plus Fünfjahresvertrag verpflichten werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass das passiert, halte ich für nahe 0. Allerdings halte ich aus sportlichen Erwägungen heraus die Chance für sehr groß, dass sie mindestens noch einen weiteren Spieler auf dem sportlichen Niveau, dass er der ersten Mannschaft sofort helfen kann, per Leihe unter Vertrag nehmen, vielleicht gar den gesuchten Rechtsverteidiger. Diesem Szenario gebe ich 80% Wahrscheinlichkeit (und sogar 100% – und dann vielleicht sogar als Kauf – wenn entweder Goretzka, Süle oder Tolisso den Verein noch in diesem Sommer verlassen). Denn obwohl Nagelsmann den klaren Auftrag bekommen hat und auch schon damit begonnen hat, die eigenen Jugendspieler stärker als bisher in die erste Mannschaft einzubinden, glaube ich nicht, dass dem Verein noch rechtzeitig vor Beginn der neuen Saison ein weiterer Spieler erwächst, der der ersten Mannschaft auf dem für die Bayern notwendigen sportlichen Niveau, eventuelle Ausfälle auf Schlüsselpositionen adäquat kompensieren zu können, weiterhelfen kann. Auch diese Wahrscheinlichkeit halte ich für 0, vorausgesetzt Chris Richards zählt nicht mehr zu den Jugendspielern.

Ich glaube daher auch für die nächste Zukunft ungeachtet der wirtschaftlich schwierigen Umstände noch weiter an externe Kräfte, wobei ich das Modell Leihe mindestens noch für das aktuelle und die nächsten beiden Transferfenster bis zum Sommer 2022 als einen wesentlichen Bestandteil der Transferpolitik der Bayern einschätze. Kurzfristige Leihen, vielleicht auch im Winter wie im Fall Odriozola wenn Not am Mann ist, halte ich für eine sehr realistische Vorstellung.

Mit Blick auf die wirtschaftliche Lage insgesamt glaube ich, dass der FC Bayern aus der Corona-Krise zwar nicht gestärkt, aber wohl weniger geschwächt als die meisten anderen Vereine in Europa hervorgehen wird (Scheich- und Mäzenen-Clubs ausgenommen): Er hat langfristige und stabile Verträge mit seinen wichtigsten Sponsoren und Werbepartnern, er ist aufgrund seiner sportlichen Erfolge und den mit verbundenen TV-Einnahmen von der DFL und Prämien aus der Champions League weniger auf die Einnahmen aus dem Spielbetrieb angewiesen als viele andere Vereine, der Handel mit Merchandise und Lizenzen ist aufgrund der weltweiten Strahlkraft der Marke „FC Bayern“ krisenresistenter als der von örtlich (und auch sonst) begrenzt attraktiven Vereinen, und – last but not least – die exzellente finanzielle Situation mit reichlich vorhandenen liquiden Mitteln und keinerlei langfristigen Verbindlichkeiten versetzt den Verein in eine Ausgangslage, von der die meisten anderen Vereine nur träumen können.

Ich freue mich auf eure Kommentare zum Text.

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