Telekom Cup 2017: Erste Tendenzen

Justin Trenner 15.07.2017

Im Halbfinale traf der Rekordmeister zunächst auf die TSG Hoffenheim. Die Elf bot dabei mit das beste, was die Münchner derzeit zu bieten haben. Lediglich Alaba und James hätte man sonst vielleicht noch in der Startelf erwartet.

Dank des sehenswerten Treffers von Lewandowski (7.) zog die Ancelotti-Elf auch ins Finale ein. Dort wartete Werder Bremen, die sich mit 5:3 im Elfmeterschießen gegen Gladbach durchsetzten.

Hier rotierte Ancelotti dann etwas durch. Früchtl und Pantovic durften ran und Lewandowski pausierte. Für den Polen bekam Evina die Gelegenheit, vor Rodríguez, Müller und Coman im Angriff zu spielen.

Trotz der vielen Wechsel wussten die Bayern in beiden Spielen zu überzeugen. Das Finale gewannen sie mit 2:0, womit das erste kleine Titelchen eingefahren wurde.

3 Dinge, die auffielen

1. Ancelotti setzt auf Tempo.

Aus den ersten Testspielen der Saison lässt sich oft schon eine erste Tendenz ablesen. Im vergangenen Jahr zeigte die Vorbereitung, dass Ancelotti ein direkteres, offensiveres und schnelleres Spiel einfordert, das nicht mehr ganz so sehr auf die absolute Kontrolle ausgelegt ist. Die daraus resultierenden Probleme kompensierte er im Laufe der Saison mit einer Systemänderung vom 4-3-3 auf ein 4-2-3-1, in dem Thiago der zentrale Mann wurde.

Der Spanier brachte wichtige Elemente des Positionsspiels wieder ein, wodurch das Spiel etwas weniger verändert wirkte, als in der frühen Ancelotti-Phase. Aus den Erfahrungen der ersten Saison hat der Italiener aber lernen können. Ein erster Schritt waren Transfers von Spielern, die seinen Ideen vielleicht etwas mehr entsprechen. Darunter Tolisso und James Rodríguez.

Beim Telekom Cup konnte man beobachten, dass die Münchner sehr wenig auf lange Ballbesitzphasen gaben. Vielmehr haben diese sich durch den Offensivdruck automatisch ergeben. Im ersten und auch im frühen zweiten Drittel waren sie stets bemüht, das Spielgerät vertikal zu spielen und schnell zwischen die Ketten des Gegners zu kommen.

David Alaba und Neuzugang James Rodríguez saßen gegen Hoffenheim noch auf der Bank.
(Foto: Lars Baron / Bongarts / Getty Images)

Gegen Hoffenheim starteten Tolisso und Thiago vor Martínez und Hummels. Das Viereck harmonierte im Aufbauspiel in Ansätzen recht gut. Ein Sechser, meist Tolisso, schob etwas höher, während vor allem Thiago für die Eröffnungsaktionen zuständig war. Auch Hummels brachte natürlich viel Vertikalität ein. Das Zusammenspiel der Sechser war noch nicht perfekt, aber doch interessant zu beobachten.

Da Vidal und Thiago sich häufig im ersten Drittel nicht gut ergänzten, ist eine Alternative natürlich wichtig. Auf der Doppelsechs waren die Abstände zwischen dem Spanier und Neuzugang Tolisso, aber auch die Positionierung regelmäßig nahezu perfekt.

Das führte nicht nur zu mehr Anspielstationen, sondern auch zu einer Entlastung Thiagos. Unter Druck zeigte sich das Duo meist sicher, obwohl Tolisso den ein oder anderen Ballverlust hatte. Hier wird sich aber erst in Zukunft zeigen, ob er in engen Situationen einen kühlen Kopf bewahren kann.

In der Offensive gelang vor allem die Einbindung Müllers sehr gut. Die 3-1-Staffelung wurde meist eingehalten, wobei Müller als Freigeist eine gute Figur machte. Die vier Offensivkräfte rotierten, unterstützten sich und wurden vor allem durch die aufrückenden Außenverteidiger immer wieder perfekt hinterlaufen. Es entstanden viele Dreiecke und dementsprechend gab es wenige Ballverluste.

Verbesserungsmöglichkeiten gab es im Offensivspiel vor allem in der Genauigkeit. Doch auch in den Halbräumen war die Besetzung nicht immer optimal. Hin und wieder waren die Außenspieler zu Flanken gezwungen. Dies verbesserte sich gegen Bremen durch James Rodríguez.

Auch das eigentlich schon sehr effektive Gegenpressing litt manchmal unter schlechtem Stellungsspiel. Besonders die Sechser beziehungsweise Achter können sich hier noch mehr einbringen, ohne aber dabei die Absicherung zu vergessen.

Insgesamt wirkte der Bayern-Auftritt jedoch deutlich variabler als in vielen Spielen der letzten Saison. Ein fast schon vergessenes Mittel – die Seitenwechsel – feierte beim Telekom Cup sogar sein Comeback. Die Verlagerungen waren in der Debütsaison Ancelottis meist zu langsam, zu ungenau oder schlicht nicht existent.

In den beiden Halbzeiten gegen Hoffenheim und Bremen zeigten die Bayern aber eindrucksvoll, dass man den Flügelspielern dadurch viel Platz verschaffen kann. Coman profitierte enorm von den langen Bällen, die meist von Ribéry und später von James kamen.

Grundsätzlich lässt sich erkennen, dass der FC Bayern noch vertikaler und direkter spielen möchte. Dafür wird das Team weiter an der Genauigkeit und der Präsenz in den Halbräumen arbeiten müssen. Doch in Ansätzen waren die beiden Auftritte beim Telekom Cup schon sehr stark.

Zudem wird immer deutlicher, dass Ancelotti auf mindestens einen einrückenden Flügelspieler setzt. Vergangene Saison war dies meist Ribéry. Mit James kam nun jemand hinzu, der die Kontrolle durch diese Spielweise erhöhen kann.

Der Rekordmeister zeigte sich vor allem variabel und nicht so ausrechenbar. Im Angriffsdrittel gab es viele verschiedene Zonenüberladungen zu beobachten, die in schönen Kombinationen in den Strafraum mündeten.

2. Die zweite Reihe muss und wird Druck machen.

Ein großer Faktor für das Ausscheiden im Champions-League-Viertelfinale gegen Real Madrid war, dass die Ersatzspieler der Königlichen mehr positiven Einfluss hatten, als die der Bayern. Carlo Ancelotti ließ 12 bis 13 Akteure regelmäßig auflaufen, doch der Rest kam zu kurz. Dementsprechend verunsichert waren Kimmich, Bernat und Coman, wenn sie eingewechselt wurden.

Das muss sich in dieser Saison ändern. Die Qualität in der zweiten Reihe wurde bereits durch Transfers gesteigert. Doch die müssen natürlich auch spielen. Die ersten Minuten der Saison waren von einigen Spielern sehr vielversprechend. Coman und Bernat wussten beispielsweise direkt zu überzeugen. Beide zeigten Durchschlagskraft in der Offensive, aber auch gute Kombinationen mit ihren Mitspielern.

Kingsley Coman schienen das Tempo des Bayernspiels und die vielen Seitenverlagerungen entgegen zu kommen. Ein ums andere Mal ließ er seine Gegenspieler alt aussehen und brach in den Strafraum ein. Dort ging ihm die Genauigkeit seiner Hereingaben etwas ab, doch ist es lange her, dass man den Franzosen so aktiv erlebt hat.

Wenn er im Laufe der Saison diese Präsenz bestätigen kann, wird Ancelotti ein Luxusproblem bekommen. In der stark besetzten Offensive der Münchner könnte Coman eine kleine Überraschung gelingen, wenngleich man die Leistung im Telekom Cup noch nicht überbewerten sollte.

Selbiges gilt für Juan Bernat. Der Spanier harmonierte gegen Hoffenheim mit Franck Ribéry, dribbelte selbst das ein oder andere Mal erfolgreich in den Strafraum des Gegners und überzeugte auch mit präzisen Flanken, wie beispielsweise der zum Lewandowski-Tor.

Sowohl das Zusammenspiel mit Ribéry gegen Hoffenheim, als auch das mit Alaba am Ende der zweiten Halbzeit gegen Bremen funktionierte sehr gut. Das Tor im Finale war die Krönung.

Bernats Aussichten auf einen Stammplatz sind offensichtlich sehr gering, aber mit dieser Spielfreude sollte Ancelotti sich mehrfach überlegen, ob er dem Spanier nicht etwas mehr Spielzeit schenkt.

Lewandowski traf gegen Hoffenheim sehenswert per Seitfallzieher. Die Flanke kam von Juan Bernat.
(Foto: Lars Baron / Bongarts / Getty Images)

In der Endphase der Saison wird der Trainer mindestens 14 oder 15, im besten Fall sogar noch mehr fitte Spieler brauchen, die das Niveau über die volle Distanz halten und in den letzten Minuten einer Partie sogar nochmal anheben können. Nur dann wird der FC Bayern auch in mehreren Wettbewerben bis zum Schluss um Titel spielen.

3. James Rodríguez und Thomas Müller

Wurde der Transfer des Kolumbianers vielerorts noch als Zeichen gegen Thomas Müller gewertet, zeigten beide im Finale gegen Werder Bremen, dass sie zusammen nicht nur eine Alternative sein können.

Rodríguez besetzte bei seinem Debüt gleich mal die von uns beschriebene Hybrid-Rolle im Halbraum – allerdings auf der rechten und nicht auf der linken Seite. Dort hatte er ständigen Kontakt zu Müller.

Beide kreuzten viel, kombinierten zusammen und setzten sich gegenseitig in Szene. Obwohl Kingsley Coman der einzige klassische Flügelspieler auf dem Feld war, zeigten die Bayern sich für ein Vorbereitungsspiel sehr kreativ.

Müller war in beiden Partien einer der besten Spieler im Team. Obwohl er das mit den Elfmetern nicht mehr so draufzuhaben scheint, war er sehr präsent, bereitete viele Szenen vor und entschied mit Assist und Tor das Finale. Er war zudem auch überraschend gut im Kombinationsspiel eingebunden.

Der erste Eindruck von James war ebenfalls gut. Er arbeitete viel, bewegte sich zwischen den Strafräumen und führte so auch den ein oder anderen Defensivzweikampf. Vorne war er an vielen Angriffen beteiligt.

Das Einrücken des Mittelfeldspielers wurde durch einen offensiven Rafinha kompensiert. Sollte Robben mal keine Option sein, ist es durchaus vorstellbar, dass Kimmich, James und Müller ein äußerst attraktives Dreieck bilden.

Einen ersten Vorgeschmack lieferte das Führungstor gegen Werder Bremen. James öffnete den Raum für den diagonal einlaufenden Rafinha. Mit einem Doppelpass kam der Brasilianer schließlich in die Gefahrenzone, wo er Thomas Müller fand. Der Angreifer vollendete den Angriff mit einem schönen Schlenzer (14.).

Beim Telekom Cup deutete sich an, dass Ancelotti im zweiten und letzten Drittel viel mehr Optionen haben wird. Der Grundstein ist ein mehr als ordentlicher, wenngleich natürlich noch nicht alles funktioniert.

Dennoch dürften die ersten Schritte der Saison vielen Fans Lust auf mehr gemacht haben.

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