Goretzka und Kimmich mit Liebesgrüßen aus Moskau

Maurice Trenner 27.10.2020

Der FC Bayern wollte den Schwung aus dem Auftakttriumph gegen Atlético Madrid mitnehmen und durch einen weiteren Sieg die Führung in der Gruppe A ausbauen. Die Münchner reisten mit Rückenwind nach Russland, hatten sie doch in vier der letzten fünf Partien mindestens vier eigene Treffer erzielt. 

Falls ihr es verpasst habt

Die Aufstellungen

Eine milde Rotation bei Trainer Hansi Flick spülte Pavard, Süle, Hernández und Tolisso in die Mannschaft. Dadurch ergab sich vor allem in der Abwehrkette vor Neuer ein frisches Bild. Boateng, Sarr und Davies fehlten hier im Vergleich zum Wochenende.

In der Offensive bildeten Coman, der beim Auftakt gegen Atlético doppelt erfolgreich war, Müller und Tolisso die Dreierreihe. Gnabry, Sané, Costa und Musiala standen als Ersatz auf einer prominent besetzten Bank. Müller bestritt zudem heute sein 545. Pflichtspiel für die Münchner, wodurch er mit Klaus Augenthaler als Bayern-Spieler mit den drittmeisten Einsätzen gleichzog.

Lok-Trainer Marko Nikolić stellte seine Mannschaft passend zu den rot-grünen Trikots und der kalten Jahreszeit in einem kompakten 4-5-1-Tannenbaum-System auf. Die Moskauer Mannschaft, die vor wenigen Jahren noch der Karrierezielbahnhof für internationale Spieler der Klasse von Höwedes, Ivanović und Farfan war, bestand auch an diesem Dienstagabend größtenteils aus Spielern, die bereits auf der anderen Seite der 30 angekommen waren. Dem etwas versierteren Leser waren sicherlich die Namen Ćorluka, Krychowiak und Smolov sowie der zu Beginn auf der Bank sitzende Eder ein Begriff.

Die erste Halbzeit

Das Spiel war keine drei Minuten alt, da hatte Smolov die erste Chance für die Hausherren. Der Stürmer kam aus fünf Metern komplett frei zum Kopfball. Doch Neuer war auf dem Posten. Bayern hatte anfänglich seine Mühe das Spiel zu beruhigen. Nach einer ersten Ecke wurde Lewandowski von einem Abpraller überrascht und konnte nicht verwandeln.

Wie es besser geht, zeigten die Münchner kurz später. Tolisso verlagerte auf die rechte Seite, wo Pavard den Ball direkt hoch in die Mitte legte. Dort stand einmal mehr Goretzka und köpfte ein (14.). Der plötzliche Tempowechsel fungierte als Dosenöffner.

Auch nach dem Gegentor blieb Lokomotive bei seinem Matchplan und lauerte auf Fehler der Münchner, um in Umschaltsituationen die Gäste ins Schwimmen zu bekommen. Doch diesen Gefallen tat ihnen der Triple-Sieger nicht. In einer nahezu exakten Kopie des Führungstreffers vergab Coman die beste Chance dieser Phase (24.).

Bis zur Pause fehlte den Münchnern die Präzision in ihren Bällen. Auf der anderen Seite kam Moskau zu einigen Halbchancen. Schlussendlich wurden jedoch mit der knappen Führung die Seiten gewechselt. 

Die zweite Halbzeit

Etwas überraschend wechselte Flick bereits zur Halbzeit doppelt. Gnabry und Martínez ersetzten Müller und Goretzka. Dadurch agierte Bayern nun im vertrauten 4-3-3 mit stärkerem Flügelfokus.

Den Münchnern gehörte auch die erste Chance der zweiten Hälfte. Erneut war es ein Seitenwechsel, dieses Mal verpasste Kimmich in der Mitte die Vorentscheidung (57.). Mit viel Ballbesitz aber ohne den allerletzten Druck pressten die Bayern in der Folge auf das Tor. Einen Elfmeter nach Foul von Kulikov an Lewandowski nahm der VAR zurück (64.).

Moskau hingegen war nicht ungefährlich. Neuer musste gegen Ignatjev retten (68.). Die Gefahr einer knappen 1:0-Führung. Und nach einer Großchance durch Coman trat eben jener Worst Case ein. Zé Luis wurde im Rücken von Hernández geschickt und legte in die Mitte, wo Miranchuk ohne Gegenwehr einschießen konnte (70.).

Bereits vor dem Gegentreffer hatte Flick Costa für Coman gebracht. Doch die Chancen blieben vorerst aus. Vielmehr hätte Zé Luis bei einem Konter sogar die Führung einleiten können, doch er verpasste den Pass in die Mitte. Immer wieder wurde es nach langen Bällen hinter die Münchner Abwehrkette gefährlich.

Doch ist das Spiel einmal zu schwer, kommt von irgendwo ein Kimmich her. Der Sechser mit der neu gefundenen Torgefahr traf aus dem Nichts per Fernschuss zur erneuten Führung (79.). Dass dies jedoch noch lange nicht die volle Miete ist, zeigte eine weitere Konterchance von Lok nur eine Minute später.

Nach weiteren zehn zittrigen Minuten war dann allerdings Schluss. Die Münchner gewinnen auch das zweite Spiel in der Gruppenphase und damit die 13. Partie in Folge in der Königsklasse. Ein unangenehmes Spiel, aber auch ein Arbeitssieg und Charaktertest, den die Bayern dank eines unwiderstehlichen Kimmich gewinnen.

Dinge, die auffielen

1. Das gesunde Maß an Rotation

Das Spiel in Moskau war der Auftakt zu einem kleinen Roadtrip für den Rekordmeister. Insgesamt vier Spiele in Folge bestreiten die Bayern nun auswärts mit dem Duell gegen Dortmund als finales Bonbon. Dementsprechend war die Devise, sich die Kräfte gut einzuteilen. Speziell in dieser durch Corona zusätzlich angespannten Lage.

Daher mögen die Veränderungen der Startelf von Flick dem ein oder anderen vor dieser Partie etwas zu moderat erschienen haben. Gerade Müller, Goretzka, Coman oder Alaba hätte eine Pause gut zu Gesicht gestanden. Doch Flick blieb sich mit seinen verhaltenen Wechseln treu. Stattdessen wollte der Triple-Trainer den Rhythmus seiner Mannschaft nicht stören, sondern setzte auf Wechsel nach der Pause. Somit bekamen Goretzka und Müller doch ihre verdiente Pause. 

Besonders in diesen englischen Wochen sollte man als Fan der Münchner dem unaufgeregten Kadermanager Flick wohl fast blind vertrauen

2. Seitenverlagerung als Schlüssel

Man musste kein Takitkfuchs sein, um zu erkennen, dass sich die Münchner ein Muster überlegt hatten und im Spiel immer wieder zurecht legten. Auf Höhe der Strafraumkante spielten sich zwei, drei Münchner im linken Halbraum den Ball zu, um dann mit einer Seitenverlagerung auf die verwaiste rechte Seite das Tempo zu verschärfen. Dort war vor allem Lok-Verteidiger Rybus heillos mit der Situation überfordert, konnten sich doch Pavard oder Müller regelmäßig in seinem Rücken freilaufen.

Die Rechtsaußen spielten dann direkt in den Rücken der unsortierten Abwehr. Goretzka traf so zum 1:0, Coman hatte kurz später so die Chance zum Nachlegen und Tolisso wäre beinahe auf diese Weise ein Treffer gelungen.

3. Hinter Javi geht die Sonne unter

Lange Bälle hinter die Münchner Abwehrkette bleiben weiterhin die Achillesferse des Titelverteidigers.  Besonders in der zweiten Hälfte nach der Hereinnahme von Javi Martínez offenbarte sich diese Schwachstelle erneut. Allzu oft schaffte man es nicht bei den langen, hohen Bällen der Moskauer in die Zweikämpfe zu kommen, so dass diese den Ball abtropfen und dann lang hinter die Münchner Kette spielen konnten.

Die bayerische Verteidigung war dann zu unsortiert und oft auch schlichtweg zu langsam. Erneut war es alleine dem Unvermögen von Moskau diese Situationen besser auszuspielen zu verdanken, dass dieses Verhalten nicht bestraft wurde. Gerade die zentrale Kombi aus Alaba, Süle und Martínez hatte schon bessere Spiele in Sachen Abstimmung und Zweikampfverhalten.

Und doch kann man den Fehler auch weiter vorne ausmachen. Nach der Auswechslung von Müller fehlte das konzentrierte hohe Pressing, um die kontrollierten langen Bälle der Hausherren zu unterbinden. 

4. Das Trio Müller, Goretzka und Tolisso

Das Mittelfeld mit Müller, Goretzka und Tolisso hatte zuletzt zu gut funktioniert, um es nicht erneut aufzustellen. Heute sah man jedoch gegen einen defensiven Gegner auch die Limitierung dieses Trios. Alle drei zeichnet ihre Stärke ohne Ball aus. Wie beispielsweise ihre Laufwege, die gegnerische Verteidigungen stets im Ungewissen halten, oder das überraschende Nachrücken in den Strafraum. 

Allerdings sind alle drei kein Ballmagnet. Das offensive Kombinationsspiel litt sichtlich unter dem Fehlen eines weiteren Kreativspielers oder Passverteilers. Ohne Müller als hängende Spitze ergaben sich für Lewandowski nicht die gewohnten Räume. Ohne Gnabry oder Sané auf dem Flügel verwaiste die rechte Seite fast komplett. Gegen eine kompakte Defensive kann dies dann so aussehen wie in der ersten Halbzeit heute.

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