Min-jae Kim reißt die Arme hoch und jubelt nach einem Tor für den FC Bayern.
Bild: Lars Baron/Getty Images

Min-jae Kim: Warum die Kritik an ihm zu hart ist – und ein Wechsel trotzdem richtig wäre

Justin 26.02.2026



Min-jae Kim steht bei Fans des FC Bayern München oft in der Kritik. Nicht handlungsschnell genug, zu naiv, zu fehleranfällig, zu schwach im Spielaufbau – das und vieles mehr ist regelmäßig zu lesen.

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Einen wahren Kern hat diese Kritik. Unvergessen ist die Schelte von Trainer Thomas Tuchel, als er nach dem Hinspiel des Halbfinals in der Champions League den Südkoreaner öffentlich zur Schau stellte: „Zu gierig“ war der Tenor. Kim verschuldete damals beide Gegentore.

Auch rund um das zweite Gegentor am vergangenen Wochenende gegen Eintracht Frankfurt gab es Diskussionen um den Nationalspieler. Viele kritisierten Joshua Kimmich für den Pass. Einige davon vor allem deshalb, weil Kim der Empfänger war und man um seine Schwächen wissen müsse.

Fußball ist ein emotionaler Sport. Insofern verwundert die Härte der Kritik, mit der sich Kim konfrontiert sieht, kaum. Miasanrot hat sich mit Wyscout über 300 Szenen und etliche Statistiken des Südkoreaners aus dieser Saison nochmal angesehen, um einen Eindruck davon zu gewinnen, wie „schlimm“ es wirklich ist.

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Min-jae Kim beim FC Bayern: Seine Daten überraschen

Gerade die Werte des 29-Jährigen sorgen für mindestens kleine Überraschungen. Denn Kim hat auf den ersten Blick sehr solide Statistiken im Spielaufbau. Mit 75 Pässen pro 90 Minuten hat er die meisten unter den drei Top-Innenverteidigern des Kaders. Dayot Upamecano kommt auf rund 66, Jonathan Tah auf rund 68.

Jetzt könnte man sagen, dass Kim deshalb besonders viele Pässe spielt, weil er vom Gegner bewusst anspielbar gelassen wird, um seine Schwäche im Aufbau zu nutzen. Das ist sicherlich ein Teil der Wahrheit. 31 seiner Pässe pro 90 Minuten sind vertikale Zuspiele – also rund 41 Prozent. Wobei vertikal eine Richtung im 90-Grad-Winkel zum gegnerischen Tor beschreibt. Upamecano hat 24 solcher Pässe (36 Prozent), Tah 22 (32 Prozent).

Interessant zudem: Kims Vorwärtspässe haben eine Genauigkeit von 92 Prozent. So gut wie Tah und besser als Upamecano (86 Prozent). Nun ist das Problem bei einer solchen Statistik, dass sie nicht beinhaltet, wie viel Druck ein Spieler hat und wie riskant ein Zuspiel ist. Hier taugen die progressiven Pässe etwas mehr. Denn diese beschreiben einen echten Raumgewinn, der beim Spiel aus der eigenen Hälfte heraus immerhin 30 Meter zum gegnerischen Tor betragen muss, beim Übergang in die gegnerische Hälfte 15 Meter und in der gegnerischen Hälfte zehn Meter.

Kim spielt davon ungefähr acht pro 90 Minuten – so viele wie Upamecano. Tah kommt auf sechs. Letzterer hat mit 78 Prozent die höchste Passquote. Kim kommt auf 74 Prozent, Upamecano auf 73 Prozent. Und auch beim Thema Andribbeln gibt es spannende Zahlen, die so manches Klischee zumindest in Frage stellen.

Der ehemalige Abwehrchef von Napoli kommt auf etwas mehr als einen progressiven Lauf pro 90 Minuten – also quasi Dribblings mit dem Ball am Fuß, die einen vertikalen Raumgewinn erzeugen, aber ohne direkten Gegenspieler. Upamecano hat marginal weniger und kommt fast genau auf einen, Tah steht bei 0,7.

Gute Werte im Defensivverhalten

Auch gegen den Ball hat Kim im Vergleich interessante Werte. Im direkten Zweikampf sind alle drei Innenverteidiger ungefähr auf einem Niveau. Upamecano hebt sich mit 71 Prozent gewonnenen Duellen leicht von Tah (68 Prozent) und Kim (66 Prozent) ab. Letzterer fängt dafür deutlich mehr Pässe ab: Fast fünf pro 90 Minuten. Upamecano kommt auf drei, Tah auf fast vier.

Außerdem foult Kim seltener. 0,8 Fouls pro 90 Minuten sind etwas weniger als die von Tah (1,3) und Upamecano (1). Dass der Südkoreaner ein hervorragender Zweikämpfer ist, ist einer der Hauptgründe, weshalb er vom FC Bayern verpflichtet wurde. In der Serie A galt er nicht umsonst als „Abwehrmonster“.

Kim kann Aufbauspiel – manchmal

Ist also eigentlich alles gut mit Kim und die ganze Aufregung der Fans und derjenigen, die das von außen beobachten, ist falsch oder umsonst? Natürlich nicht. Das Problem mit Quoten, sei es bei Pässen oder Zweikämpfen, ist, dass sie nicht erzählen, welche Art von Pass da gespielt wurde oder wo der Zweikampf exakt stattgefunden hat. Ein Pass, der von der Mittellinie aus ohne Bedrängnis diagonal auf den Flügel gespielt wird, gilt bei entsprechendem vertikalen Raumgewinn ebenso als progressiv wie einer, der eine Pressinglinie vertikal durch die Mitte überspielt.

Deshalb haben wir uns den Großteil von Kims 129 progressiven Pässen in dieser Saison nochmal angesehen – ebenso wie zahlreiche Pässe von Upamecano und Tah. Und tatsächlich ist vor allem der Unterschied zum Franzosen erwartbar groß. Upamecano geht mehr Risiko, spielt anspruchsvollere Pässe und hat ein besseres Gefühl dafür, wann er solche Pässe spielen kann und wann nicht. Kim wiederum geht häufiger das Risiko eines Vertikalpasses durch die Pressinglinie des Gegners ein als Tah.

Und das häufiger erfolgreich, als man ihm unterstellen mag. Gegen Frankfurt hatte er beispielsweise eine Szene, in der er einen zu kurz geratenen Ball der SGE abfing und direkt durch eine enge Schnittstelle auf Jamal Musiala eröffnete. Ein kluger und handlungsschneller Pass.

Gegen den FC St. Pauli leitete er das 1:1 von Raphaël Guerreiro mit einem herausragenden Chipball auf Luis Díaz ein. Im Bundesliga-Duell gegen Leverkusen gab es gleich mehrere Szenen, in denen er einen entgegenkommenden Mittelfeldspieler oder Angreifer sauber und teils anspruchsvoll bediente. Und es gäbe noch mehr Partien, in denen man solche Beispiele anführen könnte.

Der Punkt dabei ist nicht, aus Kim einen hervorragenden Aufbauspieler herbeizukonstruieren, der er schlicht nicht ist. Es geht eher um Einordnung. Darum, diese Situationen wahrzunehmen, in denen er sehr viel richtig macht und zeigt, warum der FC Bayern ihn einst verpflichtet hat.

Szenenanalyse: Kim fehlt Konstanz in der Entscheidungsfindung

Natürlich sind auf der anderen Seite aber auch Szenen dabei, in denen er nicht sehr vorausschauend agiert. Bei langen Bällen beispielsweise trifft er oft eine falsche Entscheidung, was entweder seine Positionierung anbelangt oder seine Passrichtung. Exemplarisch ist eine Szene gegen Leverkusen, als der lange Ball mit hohem Pressing erzwungen wurde.

Kim geht zunächst mit seinem Mitspieler mit ins Mittelfeld, was richtig ist. Beim langen Ball orientiert er sich dann richtigerweise nach hinten. Statt aber den Ball zur Seite zu köpfen, wo er deutlich ungefährlicher gewesen wäre, köpft er ihn ins Zentrum, wo kein Bayern-Spieler in der Nähe ist. Leverkusen bekommt den Ball, kann verlagern und hat einen gefährlichen Angriff.

Eine weitere Schwäche, die so oft vorkommt, dass es ein Muster ist, ist seine zu aggressive Spielweise. Kim wird von Gegenspielern regelmäßig aus der Position gezogen und hat Probleme, wenn er den Ball nicht erobern kann. Szenen wie damals gegen Real Madrid kommen oft bei ihm vor: Vinicius Junior zog ihn aus seiner Position, Toni Kroos spielte den Tiefenball und nach einer schnellen Drehung des Brasilianers konnte Kim nicht mehr folgen. Seine Entscheidungsfindung ist mal auf den Punkt da, im nächsten Moment dann aber wieder suboptimal.

Warum Jonathan Tah die bessere Lösung für Bayerns Innenverteidigung ist

Das macht aus Kim aber nicht grundsätzlich einen für dieses Niveau untauglichen Verteidiger. Was die Besten von den anderen Spielern unterscheidet, ist, dass sie die guten Aktionen, die nahezu jeder Fußballer mal hat, dauerhaft und konstant auf den Rasen bringen. Das konnte Kim bisher nicht nachweisen.

Und doch sieht man seine Qualitäten regelmäßig. Die Frage bei Kim ist eher eine, die das Spielsystem betrifft. Tah ist in den meisten Einzelaspekten des Spiels nicht besser oder schlechter als Kim. Beide lösen viele Situationen gut, beide haben aber ihre Limitationen. Tah ist aber zuverlässiger, weil er insgesamt mit weniger Risiko spielt. Gegen den Ball hat er eine bessere Entscheidungsfindung, wenn es darum geht aus der Kette zu rücken oder tief zu bleiben.

Mit dem Ball hat er weniger vertikale Lösungen als Kim, verliert aber auch seltener den Ball in gefährlichen Situationen. Kim bringt seine Mitspieler mit so manchem Pass in Bedrängnis. Das sieht man von Tah nur selten. Generell ist es die ruhige Art des ehemaligen Leverkuseners, die auch Upamecano zu helfen scheint.

Kim ist derweil ein Spieler, der selbst Absicherung braucht. Seine stärksten Leistungen zeigte er in Defensivreihen, die nicht so hoch verteidigt haben und in denen es klare Absicherungsmechanismen für sein aggressives Herausrücken gab. Mit Upamecano fand er hier nie eine zuverlässige Balance. Beide zusammen sind auf dem Feld einen Tick zu angriffslustig.

Min-jae Kim: Kein perfektes Match mit dem FC Bayern

Und trotzdem ist die Kritik an Kim oftmals zu hart. Er macht viele Dinge sehr gut, er macht wenige Dinge schlecht und dazwischen hat er so manche Aktion, die unsicher wirkt. Das Problem ist vor allem die Erwartungshaltung, die mit der damals hohen Ablösesumme und seinem Gehalt einhergeht.

Kim ist ein guter dritter Innenverteidiger. Aber er ist dafür eben auch zu teuer. Zumal er selbst den Anspruch haben wird, Stammspieler zu sein. Zuzutrauen ist ihm das auf dem höchsten Niveau allemal. Sein Profil passt perfekt zu einer Topmannschaft, die etwas tiefer verteidigt. In München wird er über die aktuelle Rolle wohl nicht mehr hinauskommen.

Deshalb kann eine Neuaufstellung im Sommer sinnvoll sein. Für den 29-Jährigen kriegen die Münchner dann bestimmt noch eine gute Ablösesumme. Denn auch andere Klubs wissen, dass Kim nicht so schlecht ist, wie ihn so manche Situation wirken lässt. Der FCB könnte mit dem Geld dann einen Spieler kaufen, der besser ins Anforderungsprofil von Vincent Kompany passt.

Kim wiederum hätte die Chance, seinen Kritikern woanders zu zeigen, dass er immer noch ein richtig guter Innenverteidiger ist und die immer noch guten Werte im Bayern-Trikot kein Zufall sind.

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