Miasanrot-Awards 2020/2021: Basketballer der Saison

Dennis Trenner 26.06.2021

Andrea Trinchieri ist nicht nur einer der besten Trainer Europas, der Italiener ist auch ein Meister der Metaphern. Sich selbst schon mal als Schneider betrachtend, der aus dem Stoff, den er bekommt, einen perfekten Anzug schneidern muss, hat Trinchieri seinen Schützlingen in der abgelaufenen Saison auch immer wieder passende Spitznamen verpasst: Nick Weiler-Babb avanciert wegen seines Motors, der nicht immer im hohen Drehzahlbereich läuft, zum „Volvo.“ Zan Mark Šiško ist wegen seines intelligenten Aufbauspiels, das Trinchieri wohl mit einer Inselbegabung gleichsetzt, der „Rainman“. Und Vladimir Lučić? „Er ist unser wichtigster Spieler, unser Leader, unser Che Guevara.”

Ernesto „Che“ Guevara“, den marxistischen Revolutionär und Guerillaführer, umgibt ein großer Mythos. „Che“ wird von den einen als unbeugsamer Freiheitskämpfer verehrt, von den anderen für seinen brutalen Umgang mit politischen Gegnern kritisiert. Eine streitbare Figur, vor allem im BBL-Kosmos, ist auch Vladimir Lučić. Die einen lieben seinen unbändigen Einsatz und Siegeswillen, die anderen ächten ihn auf Grund seines vermeintlichen Floppings und der Diskussion mit den Schiedsrichtern. Lučić kann die Basketballgemeinde spalten – was aber gleichzeitig bedeutet, dass ihm niemand egal ist. Das ist, gerade dem Sport, irgendwie auch sinnstiftend.

Man kann über Trinchieris Metapher denken, was man will, aber in gewisser Hinsicht trat auch der FC Bayern München in der EuroLeague-Saison wie ein Revoluzzer auf. Denn niemand schien Trinchieris Team vor der Spielzeit eine solch starke Saison zuzutrauen, schon gar nicht mit einem Bein im EuroLeague Final Four zu stehen.

Der Schneider und sein Che Guevara.
(Bild: Imago Images)

21 Siege aus 34 Hauptrundenspielen, der fünfte Platz nach der regulären Saison. Trotz eines Rückstands von 0:2 Armani Mailand über die volle Distanz von fünf Playoff-Spielen gezwungen, in der fünften Partie durch ein Wahnsinns-Drama beinahe das nächste Mega-Comeback hingelegt: Ohne Zweifel war es eine historische Saison für einen deutschen EuroLeague-Vertreter; in der modernen EuroLeague-Historie seit der Saison 2000/01 war es den Bayern als erstem BBL-Team geglückt, in die Playoffs einzuziehen. Den vielleicht größten Anteil daran hatte: Bayerns „Leader, ihr Che Guevara“, Vladimir Lučić.

Ein pars pro toto dessen stellen allein die letzten 3,2 Sekunden des Heimspiels gegen Zalgiris Kaunas dar: Beim Stand von 69:70 haben die Bayern den Ball zum Einwurf an der Seite, Lučić stellt in der Zone einen Block, rotiert in die Ecke, nutzt dabei selbst einen Block von James Gist und wird beim Wurfversuch gefoult. Kaltschnäuzig trifft Lučić an der Linie beide Freiwürfe. Auf der Gegenseite hat Zalgiris danach den Ball ebenfalls zum Einwurf, Lučić switcht zweimal ballabseits und macht seine Gegenspieler zu. Als Kaunas’ Center Joffrey Lauvergne nach dem Einwurf zum Wurf ansetzt, rotiert Lučić zum Center und blockt dessen Wurf – Playoff-Einzug perfekt!

Es sind diese Clutch-Fähigkeiten, mit denen Lučić die Bayern immer wieder in knappen Spielen zum Sieg geführt hat. Damit war der Forward ein Erfolgsgarant für die zahlreichen Comeback-Erfolge der Münchener in der EuroLeague. Als „Clutch“-Zeit wird im Basketball jene Zeit definiert, in der die zwei Teams mit nicht mehr als fünf Punkten Differenz getrennt sind, und das innerhalb der letzten fünf Minuten des vierten Viertels und/oder der Verlängerung.

Weitere Beispiele gefällig? Beim ersten EuroLeague-Playoff-Sieg Münchens überhaupt zeigte sich Lučić mit 5 von 6 verwandelten Freiwürfen in den letzten 34 Sekunden nervenstark, beim anschließenden zweiten Sieg gegen Mailand besorgte Lučić unter anderem per And-One die 83:82-Führung bei 23 Sekunden auf der Uhr. Den 80:79-Heimsieg gegen den späteren EuroLeague-Champion Anadolu Efes Istanbul machte Lučić ebenfalls an der Linie perfekt, neun Punkte legte er in den letzten fünf Minuten auf. Und beim 78:76-Auswärtserfolg gegen Roter Stern Belgrad waren es gar zehn Punkte in den letzten 3:45 Minuten – davor war Lučić komplett ohne Zähler gewesen.  

Folgende Grafik führt besondere Aktionen Lučićs in der „Clutch“-Zeit auf – wie prädestiniert für „Clucic“-Wortspiele.

Lučić übernahm also häufig, wenn seine Mannschaft ihn (offensiv) am meisten brauchte. Ebenfalls bemerkenswert ist, wie effizient der Münchener Allrounder dabei in entscheidenden Phasen agierte. In einer Zeit, in der Teams nochmal fokussierter auftreten, demnach besser verteidigen, und in der die besten Spieler auf dem Parkett stehen.

In der EuroLeague-Saison 2020/21 erzielte Lučić auf 30 Minuten gerechnet 13,1 Punkte. Teilt man die Partien nun in Phasen einer „Clutch“-Zeit und einer „Clutch“-freien Zeit, ergibt sich folgendes Bild: 11,7 Punkte pro 30 Minuten in nicht engen Phase einer Partie und 28,3 Punkte pro Minuten in der „Clutch“! In der Zeit, wo der Druck am höchsten ist, traf Lučić 63,2 Prozent seiner Dreier (12/19 3P) und 87,5 Prozent seiner Freiwürfe (35/40 FT) …

Mit dieser Fähigkeit entscheidenden Momenten zu übernehmen, seinen Allround-Stats von 13,6 Punkten bei 44-prozentiger Dreierquote, 4,8 Rebounds, 1,4 Assists und 1,1 Steals bei nur 1,2 Ballverlusten im Schnitt und seiner Defensivstärke, mit der Lučić Spieler auf den Positionen Eins bis Vier verteidigen kann, wurde er in das All-EuroLeague First Team gewählt, also unter die fünf besten Spieler der Hauptrunde.

Stellt man Lučićs Saison heraus, so sind sicherlich seine EuroLeague-Auftritte hervorzuheben. In der BBL wurde Lučić in der Hauptrunde häufig geschont, dennoch setzte er auch auf nationalem Terrain Akzente: wie beim Pokal-Final-Turnier, als er sowohl im Halbfinale gegen Ulm als auch im Endspiel gegen Berlin mit einem Block in der Schlussminute zur Stelle war. In den BBL-Playoffs steigerte sich Lučić auf immerhin 15,2 Punkte, knapp hinter D.J. Seeleys 15,5 Zähler der teamintern zweitbeste Wert.

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Auch Lučić war in der Final-Serie gegen Berlin die Marathonsaison von letztlich 90 Pflichtspielen anzumerken, auch er konnte das 1:3 nicht verhindern. Beim einzigen Erfolg der Bayern zeigte Lučić aber, wie vielseitig er agieren und wie er in Match-Ups dominieren kann.

In der zweiten Partie suchten die Bayern häufig das Duell zwischen Lučić und Luke Sikma – indem Lučić als Ballhandler eingesetzt wurde. Das heißt, dass Lučić mit dem Ball in den Händen Aktionen forcierte und ihm dabei häufig ein direkter Block gestellt wurde. Eine ungewöhnliche Verteidigungssituation für Sikma: Denn als Big Man ist man es gewohnt, im Pick-and-Roll den Blocksteller zu verteidigen – und nicht den Spieler, für den ein Block gestellt wird. Auch in der Crunchtime war Lučić in zwei solcher Situationen erfolgreich:

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Dies ist eine große Stärke Lučićs: die Fähigkeit, sowohl als Ballhandler als auch als Blocksteller aufzutreten. Gleichzeitig wird der Forward auch durch ballferne Blöcke in Szene gesetzt. Diese Kombination wurde beispielsweise beim ersten Playoff-Sieg gegen Mailand ersichtlich, als Lučić mit 27 Punkten einen persönlichen EuroLeague-Karrierebestwert aufgestellt hatte.

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Trinchieri hat einen Spielzug in sein Playbook implementiert, der vor allem für Lučić gelaufen wird. Dabei stellt Lučić in der Zone einen Back-Screen für einen Mitspieler – also einen Block in den Rücken des Verteidigers –, ehe er zur Dreierlinie rotiert, dort per Hand-Off (also die Ballübergabe) den Ball meist vom Center erhält und dann entweder zum Wurf hochgeht oder nach einem direkten Block zum Korb zieht.

Mehr als Lučić wurde in dieser Saison nur Paul Zipser nach ballfernen Blöcken, sogenannten Off-Screen-Aktionen, in Szene gesetzt. Einen Spielzug passte Trinchieri im Saisonverlauf, von Zipser auf Lučić, mit einem anderen Einstieg an.

Um die Vielseitigkeit eines Spielers zu beurteilen, eignen sich sogenannte Play-Type-Statistiken gut. Dies sind die verschiedenen Abschlussarten in der Offensive, meist unterscheidet man darunter zehn Stück. Die zuvor genannten Off-Screens sind eine davon. In der EuroLeague nahmen bei Lučić laut der Scouting-Plattform InStat acht der zehn Play-Types einen Anteil von mindestens fünf Prozent ein – eine bemerkenswerte Bandbreite. Meist wurde Lučić dabei in Szene gesetzt – wenn er beispielsweise aus dem Catch-and-Shoot abschließt, also auf einen Pass wartet und aus dem Stand abdrückt. Doch auch im Eins-gegen-Eins und als Ballhandler, also in Aktionen am Ball, agierte Lučić sehr effizient.

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Vor der Saison war Trinchieri angetreten, ein „athletisches Team zusammenzustellen, das flexibel bei den Positionen ist“. Viele Neuzugänge kamen zur Saison 2020/21 bei den Münchenern hinzu. Rechnet man Nachverpflichtungen und Rückkehrer nach Ausleihen mit ein, sind es ganze neun Stück. Doch den Grundstein für diese (neue) Philosophie hatten die Bayern davor schon im Kader. Mit Lučić ist es Trinchieri möglich gewesen, zwischen Big und Small Ball zu rotieren. Meist startete Lučić auf der Drei, rutschte aber auch schon mal auf die Zwei, ebenso vor allem auf die Vier. Trinchieris Defensivstrategie der vielen Switches ist für Lučić ebenfalls prädestiniert.

Mit dieser Passgenauigkeit in Trinchieris System, mit seiner Vielseitigkeit und Fähigkeit als „Two-Way-“Spieler – also an beiden Enden des Feldes, sowohl offensiv als auch defensiv, zu überzeugen – und mit seiner „Clutch“-Stärke ist Lučić zum Münchener Spieler der Saison 2020/21 avanciert. Mit dieser verantwortungsvollen und repräsentativen Aufgabe war Lučić, um zum Abschluss Trinchieris Metaphernstärke zu nutzen, auch eines: So sagte der Maestro nach dem Pokalsieg: „Lučić ist Lučić … der Präsident.“

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