Das Sportmedien-Experiment

Tobi Trenner 28.05.2016

Pep Guardiola und die Medien. Die Medien und Pep Guardiola. Zugegeben, es ist inzwischen ein erschöpftes, geradezu ausgelutschtes Thema, das sich jetzt so langsam zur Ruhe setzen und in die Archive der Bundesliga verschwinden kann. Wenn da nicht dieser eine Artikel zum Thema wäre…

Falls Ihr es verpasst habt, der Spiegel veröffentlichte diese Woche das sogenannte „Guardiola-Experiment“. Thematisch lässt es sich schnell zusammenfassen: Der Spiegel unternahm hier einen Praxistest, um herauszufinden, ob Guardiola wirklich nur von der Oberflächlichkeit der Presse genervt ist. Zudem ist das Stück visuell wunderbar gestaltet, eine Leseempfehlung ist auszusprechen.

Wenn man sich jedoch vor Augen führt, mit welchen Methoden das Experiment durchgeführt wurde, dann entlarvt es weniger den Noch-Trainer der Bayern als vielmehr die Medienlandschaft Fußballdeutschlands.

Die Spiegel-Journalisten hatten den Plan, Guardiola bei Pressekonferenzen mit Taktikfragen zu überraschen und seine Reaktionen zu analysieren. Ein guter Plan. Nur beendet dieser Plan ein anderes „Experiment“ bereits, ein andauerndes nämlich: die Verfassung des Sportjournalismus.

Wenn es auch nur irgendwie möglich erscheint, einen Trainer – bei Pressekonferenzen, also den direkt spielabhängigen Fragerunden – mit Detailfragen zum betroffenen Spiel zu überraschen, dann beweist die Idee, welch eine grauenvolle Veranstaltung Pressekonferenzen üblicherweise sind. Man stelle sich vor, die Bundeskanzlerin könnte nach Beschließung einer Steuerreform von Fragen zu eben dieser Reform überrascht werden.

Die gewollte Oberflächlichkeit der Medien

Der Sportjournalismus wird dominiert von den Kräften der Boulevardblätter. Das ist weder eine Überraschung noch eine Ausnahme. Die Menschen, die sich für eine inhaltlich tiefgehende Berichterstattung entscheiden, sind in fast jedem Sektor des Journalismus in Unterzahl. Doch im Bereich Sport, der in Deutschland eigentlich nur den Fußball beinhaltet, ist die Schere – gefühlt – besonders weit auseinander. Große WM-Spiele werden von etwa 50% der Bevölkerung verfolgt. Weniger zelebrierte Vereinsspiele können sich meist glücklich schätzen, wenn sie ein Zehntel dessen erreichen. Die Menge von Fußballinteressenten im Land, die von den Geschehnissen Kenntnis nehmen, aber überhaupt kein Interesse an jeglichen Feinheiten haben – ein Kreis, der weit über die sogenannten Eventfans hinaus geht – bewegt sich in zweistelliger Millionenhöhe. Diese Leute sehen den Fußball als eine Form des Entertainments, als ein kleines Zahnrad im modernen Brot-und-Spiele-Konzept. Dramen zwischenmenschlicher Art kommen immer gut an, sie können von allen verstanden und verfolgt werden, ohne dass irgendwelche Fach- oder Vorkenntnisse nötig sind.

Im Fußball gibt es solche Dramen am häufigsten, schon alleine wegen der Vielzahl von Akteuren, aber auch wegen der komplexen Natur der Sache, dass der individuelle Erfolg in massiver Abhängigkeit von Gruppendynamiken steht. Der teils mittelmäßige Bildungsgrad der Beteiligten sowie deren erhöhtes Maß an realitätsfernem Denken füllen das Pulverfass weiter. All dies ist keine neue Entwicklung. Seit Jahrzehnten werden die verführerischsten Schlagzeilen der Fußballmedien über Dramen und Spekulationen geschrieben. Das Spiel selbst? Da steht doch das Ergebnis, was will man sonst darüber wissen? Ein Fußballspiel ist endlich und definitiv. Fragen nach dem Wie sind für die Mehrheit zu detailliert, komplex und schlicht uninteressant. Entertainment soll von den Belastungen und Komplexitäten des Lebens ablenken, das gelingt am besten mit der Keule und nicht mit dem Seziermesser.

Das Gros der Fußballjournalisten im Lande beherzigt dieses Verlangen, es wuchs damit auf und wurde daraufhin ausgebildet. Es ist, wie in vielen Zusammenspielen von Medien und Gesellschaft, die Frage nach Henne und Ei, es ist eine Art Teufelskreis. Sind Medien oberflächlich und ohne Graustufen, da die Gesellschaft nach diesen simplen Ansätzen lechzt? Sucht die Gesellschaft leichte Antworten, weil sie diese ständig von den Medien serviert bekommt? Man kann sich darüber streiten, was zuerst da war. Fest steht aber, dass sich die beiden Faktoren inzwischen gegenseitig anfeuern – ähnlich der (zugegeben simplifizierten) Geschichte, dass Champions League-Spiele von Bayer Leverkusen nicht im Free TV gezeigt werden, da sie kaum Fans haben, und sie kaum Fans gewinnen können, weil Kinder diese Spiele nicht im Free TV sehen können.

Nun gab es mit diesem Verfahren zuletzt kaum Probleme, denn Trainer kooperierten stets in irgendeiner Art. Manche lieferten der Presse solche Geschichten in blinder Art und Weise frei Haus (die Nachwirkungen des FC Hollywood der späten 90er), andere konnten die Schlagzeilen spielerisch beeinflussen (z.B. Jürgen Klopp, Ernst Happel), im schlimmsten Fall blieben sie auf höfliche Art und Weise ruhig und neutral (z.B. Jupp Heynckes).

Dieses Gentlemen’s Agreement zwischen Mannschaftsleitern und Journalisten fand ein schleichendes und doch krachendes Ende mit der Amtszeit Pep Guardiolas. Zuerst griffen noch die üblichen Prozesse, die Boulevardmedien präsentierten den neuen Trainer des FCB in völlig überspitzter Manier. Der Inbegriff des Erfolgstrainers der neuen Generation kam nicht nur nach Deutschland, er ordnete sich sogar unter.

Abhängige Dominanz

Guardiola landete in München nicht nur mit der Hoffnung der Öffentlichkeit, dass seine Fähigkeiten das goldene Zeitalter des deutschen Fußballs – eingeleitet durch den Germanico im CL-Finale von 2013 und fast noch mehr durch die Zerstörung der spanischen Giganten in den Halbfinals – zementieren würden. Nein, er tat dies sogar mit überraschender Bescheidenheit und in deutscher Sprache. Dem Medienhype waren keine Grenzen gesetzt, getreu dem Motto „wenn schon importierte Dominanz, dann wenigstens auf deutsche Art“.

Die Erwartungen konnten nicht erfüllt werden. Die Erfolge der deutschen Teams waren nur zu einem gewissen Limit Erfolge der eigenen Dominanz, denn sie waren auch aus Schwächephasen anderer geborene Erfolge.

In der Saison 2013/14 reagierten die nichtdeutschen Topvereine auf ihre Schwächen mit personellen Stärkungen. Während das Transfersaldo von Bayern (-22m€) und Dortmund (-5m€) in diesem Jahr sehr gemäßigt ausfiel, tobten sich PSG (-109m€), Man City (-104m€), Man United (-76m€), Barcelona (-73m€) und Real Madrid (-64m€) auf dem Transfermarkt aus. Der deutsche „Riesentransfer“ Mario Götze war nur Nummer 10 in der Rangliste der Ablösesummen. Drei Spieler (Bale, Neymar, Cavani) kosteten alleine mehr, als der FCB in der Transferperiode überhaupt ausgab.

Ein ähnliches Bild gab es ein Jahr später. Wieder wechselten drei Spieler (Suarez, di Maria, Rodriguez) für Summen, die die Gesamtausgaben der deutschen Topvereine übertrafen. Erst im vergangenen Transfersommer hielt sich insbesondere Barcelona notgedrungen zurück, nachdem man in den zwei Jahren zuvor ein negatives Transfersaldo von fast 160 Millionen Euro erzielte. Zum Vergleich, Bayerns Transferergebnis in dem Zeitraum war ein Verlust von ca. 25 Millionen Euro. Selbst unter Berücksichtigung der ablösefreien Verstärkung durch Robert Lewandowski entsteht hier eine große Lücke, zumal der Unterschied zwischen den Vereinen aus zwei Verpflichtungen (Neymar und Suarez) besteht. Wenn der deutsche Fußball im Jahr 2013 einen Vorsprung hatte, er schmolz durch die Wiedererstarkung der Iberer dahin.

Guardiola als Gefährdung des Erfolges

Damit war einer der zwei Pfeiler der Medienliebe zu Guardiola schon zerbrochen, da eine Phase der Dominanz nie entstand. Viel schlimmer wog jedoch der Wegfall des zweiten Pfeilers. Guardiola hielt sich nicht an die Gepflogenheiten. Er akzeptierte die Prozesse und Automatismen des deutschen Sportjournalismus nie. Bei Pressekonferenzen zeigte er sich zu launig für eine Freundschaft und doch zu zurückhaltend für andere Schlagzeilen. Interviews gab es keine, wodurch nicht nur das persönliche Verhältnis leiden musste, viel mehr brach den Journalisten die vertraute und wohl beliebteste Waffe der Berichterstattung weg. Ohne Einzelinterviews keine private Bindung und Einblicke, ohne private Einblick keine zwischenmenschlichen Dramen. Dem Sportjournalismus blieb nur die Spekulation. Aus jeder kleinen Aktion musste eine große Bedeutung gelesen werden, denn nur so konnte überhaupt über das Zugpferd FC Bayern geschrieben werden. Viel zu wichtig ist die Berichterstattung über diesen Verein in der deutschen Medienlandschaft, als dass man wegen der Eigenart einer Person darauf verzichten könnte.

Die Naivität des Verrückten

Guardiola tat dies nicht willentlich, er war lediglich naiv. Wer eine Ferndiagnose erstellen möchte, der dürfte diesen Trainer als einen eigenartigen Menschen einschätzen. Sein Auftreten lässt darauf schließen, dass er grundsätzlich ein sehr zurückhaltender Mann ist, dessen Schüchternheit und Scheuheit aus Selbstzweifeln entstanden sind. Die detaillierte, akribische Analyse jedes Gegners ist das Resultat einer Angst vor einem Kontrollverlust, vor einem Versagen. Guardiola lebt Fußball, er ist zweifelsohne ein Fußballverrückter. Er widmet sich mit fast krankhafter Hingabe dem Ziel, ein letztendlich unberechenbares Spiel zu entschlüsseln. Er will dem Fußball die Zufallskomponente nehmen.

Hierbei gibt es besonders im mikrotaktischen Bereich viele Feinheiten, die ein Spiel in vielleicht einem Prozent der Fälle entscheiden und deshalb für jeden gesunden Menschen irrelevant sind. Für die Fußballbesessenen hingegen sind diese wenigen Prozente wichtige Meilensteine auf dem Weg zur Entschlüsselung, zur totalen Kontrolle. So wie ein Physiker jahrelang ein minimales Detail untersucht, um der großen Antwort ein Stückchen näher zu kommen. So wie ein Briefmarkensammler eine Obsession mit eigentlich wertlosen Briefmarken entwickelt, da diese seine Sammlung vervollständigen würden.

Der große Unterschied ist, dass Physiker und Sammler nicht im Rampenlicht stehen, nicht Teil einer Unterhaltungsbranche sind. Schon mit gemäßigten Verrückten wie „Professor Rangnick“ konnten die meisten Sportjournalisten nicht viel anfangen, bis auch er mal den einen oder anderen Spruch raushaute und endlich mal eine Story produzierte. Deutschland, ein Land mit klarem Handelsdefizit im Fußball, der Importweltmeister der taktischen Revolutionen – für vollkommen detailversessene Philosophen und Taktikanalysten ist hier nur Platz, wenn sie ihre Arbeit forsch verkaufen können. Das Detail kümmert keinen, sondern nur das große Ganze und das Drumherum. Dies konnte oder wollte Pep Guardiola nicht verstehen.

Ein Stück Hoffnung

Wie eine chemische Reaktion verwandelte sich das Verhältnis im Laufe der drei Jahre in ein völlig verdorbenes und toxisches. Das wahre Experiment war nicht die Beobachtung Guardiolas, sondern die Beobachtung der Medien. Wie reagieren sie darauf, wenn ihnen jemand einen Stock zwischen die Beine wirft? Was passiert, wenn sich in der von Klickzahlen und Reichweiten abhängigen Presselandschaft ein Gegenspieler weigert, am seit Jahrzehnten etablierten Spiel teilzunehmen? Das Ergebnis war eindeutig: statt Anpassung gab es immer aggressiver und extremer werdende Versuche, die bekannten Mechanismen am Leben zu erhalten. Die Eigenwahrnehmung und gewisse Selbstkritik der letzten Wochen lässt die Hoffnung aufkeimen, dass man aus den Fehlern gelernt hat und in der Zukunft flexibler und innovativer sein wird.

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