Fünferpack-Kolumne: Anker-Neuner verhindert den KOvac

Maurice Trenner 28.10.2019

1. Außerirdischer Lewandowski 

Es wurde schon viel geschrieben über den außergewöhnlichen Saisonstart von Robert Lewandowski. Auch wir bei Miasanrot haben ihn bisher zum Spieler des Monats August sowie September gewählt, und für den Oktober steht der Pole ebenfalls ganz oben auf der Favoritenliste. In einem schwerfälligen Bayern-Team ist der Stürmer DIE Konstante und der scheinbar einzige Anker einer Mannschaft, die häufig nahe dran ist, Schiffbruch zu erleiden.

Dennoch lohnt ein nochmaliger Blick auf die atemberaubenden Sphären, in denen sich Lewandowski momentan aufhält. Für die Münchner traf der Pole bisher in jedem einzelnen der dreizehn Pflichtspiele mit Ausnahme des Supercups. Damit übertraf er den Vereinsrekord von Carsten Janker aus dem Jahr 2000. Mit neun Bundesligaspielen samt Treffer zum Saisonstart übertraf er zudem den Ligarekord von Aubameyang. Lewandowski selbst hatte zuvor noch nie in mehr als sieben aufeinanderfolgenden Ligaspielen getroffen. 

Weitere Fakten gefällig? Europaweit hat er 2019 mit 37 Toren vier Treffer mehr erzielt als Messi und doppelt so viele Tore wie Ronaldo. Damit führt er die Torschützenliste der großen fünf Ligen an – sowohl für das Kalenderjahr als auch die Saison 19/20. Ohne seine Tore hätten die Bayern neun Punkte weniger auf dem Konto. In der ewigen Torschützenliste der Champions League zog er unlängst mit bisher 58 erzielten Toren an Ruud van Nistelrooy vorbei auf Platz fünf. Vereinsintern fehlen ihm nur noch acht Treffer, um mit dann 218 Toren an dem Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge vorbei auf den zweiten Platz zu ziehen. Wohlgemerkt in 160 Spielen weniger. 

In der Laudatio zum Spieler des Monats September hatte ich noch geschrieben, dass “der Pole in den nächsten Wochen seinen Schnitt vermutlich nicht halten können wird.” Nach einem weiteren herausragenden Monat muss ich diese Aussage wohl vorerst zurückziehen. Es läuft einfach zu viel richtig momentan. Lewandowski dürfte sich der Wichtigkeit seiner Tore im Moment bewusst sein, um seine Mannschaft im Titelrennen zu halten.

2. Coutinho oder James? Hauptsache kreativer Zehner

Der Wechsel von Philippe Coutinho zum FC Bayern erlaubte es den deutschen Medienhäusern, ihre alten Schlagzeilen zum Wechsel von James Rodriguez quasi wortgleich wieder aus der Schublade zu holen: Kriselnder Weltstar aus La Liga wechselt auf Leihbasis zum deutschen Rekordmeister. Wie auch James Rodríguez im Sommer 2017, kam Philippe Coutinho aus einem schwierigen Verhältnis in Spanien zum FC Bayern. James hatte bei Real Madrid stets Schwierigkeiten, an die Leistungen anzuknüpfen, die ihn nach der WM 2014 zu dem Club gebracht hatten. Mit seinem Wechsel von Liverpool zum FC Barcelona verbanden sich ähnlich große Erwartungen wie mit dem Wechsel von James zu Real. Aber auch der kleine Magier konnte den 150 Millionen Euro schweren Erwartungen im Starensemble von Barcelona zu selten wirklich gerecht werden. Auch in ihrem Spielerprofil zeigen sich Ähnlichkeiten. Sowohl James als auch Coutinho gelten als Offensiv-Allrounder, die ihre Stärken vor allem am Ball und im Zentrum haben.

Da haben sich zwei gefunden: Doch während Lewandowski momentan die Münchner trägt, hat Coutinho noch Probleme sich zurecht zu finden.
(Foto: Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Nach den ersten zwei Monaten des Brasilianers in München ist es an der Zeit, ein kleines Fazit zu ziehen. Dabei kommt man an einem Quervergleich mit seinem kolumbianischen Vorgänger nicht vorbei. Die ersten Wochen von Coutinho in München glichen dem Auftakt zu einem perfekten Märchen. Fast ohne Startschwierigkeiten fügte er sich nahtlos in die Mannschaft ein und konnte direkt durch Tore, Vorlagen und traumhafte Pässe glänzen. Besonders die Partien gegen Köln und Paderborn blieben im Gedächtnis. Die Presse feierte bereits den – Entschuldigung – Coup-inho.

Doch wie so oft kommt nach dem ersten Bauchkribbeln die harte Realität. In den letzten Wochen blieb Coutinho häufig den Nachweis seiner Fähigkeiten schuldig. Und das obwohl Kovač für ihn das System von einer 1-2-Staffelung im Mittelfeld zu einer 2-1-Aufteilung mit klarer 10er-Position umgestellt hatte. Ein Zugeständnis, das der Kroate für James nicht machen wollte. Deswegen musste James häufig die Rolle des Achters übernehmen, auf der er wiederum defensiv zu wenig in Erscheinung trat.

In der Liga steht Coutinho nach acht Einsätzen momentan bei 1,9 Key Passes pro Spiel. In seinen zwei Saisons für Bayern liegt James hier im direkten Vergleich mit 2,8 bzw. 2,6 deutlich vorne. Dafür schließt Coutinho etwa 0,5 mal häufiger pro Spiel ab (2,3 zu 1,8) und gewinnt fast ein Dribbling mehr (1,5 zu 0,8). Bei den Passquoten zeigte sich James als sicherer Passgeber, der auch deutlich mehr Ballaktionen hatte. In seiner ersten Saison spielte der Kolumbianer etwa 62 Pässe pro Spiel, während Coutinho dieses Jahr im Schnitt nicht einmal 40 Pässe spielt. Bei understat liegen die beiden bezüglich expected Goals pro 90 Minuten nahezu gleichauf (0,45 zu 0,43), doch bei den expected Assists hat James die Nase vorne (0,42 zu 0,30). Eventuell ist dies jedoch auch ein Zugeständnis an das Spielsystem, das dieses Jahr mehr von Einzelaktionen der Spieler abhängt. 

Was kann man also aus den Nummern ableiten? Die beiden Ausnahmekönner unterscheiden sich mehr, als man denkt. Obwohl Coutinho die zentralere Rolle im Team bekommen hat, kreiert er weniger Chancen. Der Brasilianer muss hier noch mehr als Ballmagnet fungieren, um seine offensiven Mitspieler in Szene zu setzen. Allerdings war James in der ersten Saison absoluter Leistungsträger der Bayern. Wenn Coutinho sich nur minimal verbessert, liegen seine Statistiken fast auf Augenhöhe mit der starken Saison des Kolumbianers. 

3. Eine neue Abwehr ist wie ein neues Leben

Der 2:1-Sieg gegen Union Berlin war das sechste Pflichtspiel in Folge mit mindestens einem Gegentor. Die Bayern-Abwehr schwimmt im bisherigen Saisonverlauf teilweise gewaltig. Immer wieder schaffen es auch weniger gute Gegner durch schnelle Passstafetten die Münchner Hintermannschaft komplett auszuhebeln.

Vor der Saison gab man mit Mats Hummels den vermeintlich besten Innenverteidiger der vorherigen Rückrunde ab. Als Ersatz holte man den Rekordmann Lucas Hernández und den französischen Weltmeister Benjamin Pavard. Doch die gewünschte Stabilität hat sich nicht eingestellt. In nur drei Pflichtspielen blieb man bisher ohne Gegentor. Es fehlt an Kontinuität, Präzision und Stabilität. Also an fast allem – und nun fällt mit Süle und Hernández die Stamminnenverteidigung aus.

Die Bayern-Abwehr wackelt bedenklich und nun fällt Chef Süle aus. Neuzugang Pavard wächst noch in seine neue Rolle rein.
(Foto: Christof Stache/AFP/Getty Images)

Aufgrund von Verletzungen hat die vermeintliche Stammverteidigung – Kimmich, Süle, Hernández, Alaba – bisher erst drei Ligaspiele bestritten, von denen bei zwei Spielen Kimmich jedoch im Mittelfeld auflief. So ergibt sich keine Routine im Zusammenspiel, das vor allem für die Verteidigung überproportional wichtig ist. In den Vorjahren hatte es jeweils eine feste Besetzung gegeben, die aufeinander abgestimmt war. Dadurch wusste jeder Spieler genau, wann er auch mal spekulieren kann und dennoch abgesichert ist.

Zudem fehlt es an Präzision in den Aktionen. In nur neun Ligaspielen hat man bereits 18 gelbe Karten bekommen. Ein klares Zeichen dafür, dass Spieler in einzelnen Aktionen häufig zu spät agieren oder sich nur noch durch ein Foul zu helfen wissen. In den Vorjahren hatte man meist in der gesamten Saison nur 35-45 Verwarnungen.

Mit 9,2 zugelassenen Schüssen pro Spiel liegt man deutlich über dem Wert von 7,6 der letzten Saison. Auch bei den abgefangenen Bällen liegt man leicht unter der Messlatte der Vorsaison. Dafür kommt man ganze zwei Mal pro Spiel häufiger in die Not, eine klärende Aktion vollziehen zu müssen. Das unterstreicht das erhöhte Risiko und die fehlende Stabilität. 

4. Die Kovac-Out-Szenarien

Nach dem 3:2 in der Liga gegen Paderborn wackelte der Stuhl von Niko Kovač, zumindest in meiner Twitter-Blase, schon bedenklich. Doch ist eine Entlassung des Kroaten tatsächlich ein realistisches Szenario?

Hier gibt es zwei unmittelbare Hürden. Zum einen stellt sich die Frage, wer eine solche Entscheidung beim FC Bayern zum aktuellen Zeitpunkt treffen würde. Uli Hoeneß steht kurz vor seinem Abschied. Auf der Jahreshauptversammlung steht sein letzter großer Auftritt vor seinen Mitgliedern an. Kaum vorstellbar, dass der Präsident den Publikumsliebling Kovač noch auf seine letzten Tage vor die Tür setzen würde. Sein Nachfolger Herbert Hainer wird sich hüten, direkt in seinen ersten Wochen eine solch folgenreiche Entscheidung zu treffen. Außerdem ist davon auszugehen, dass er seine Rolle als Aufsichtsratsvorsitzender grundsätzlich statutenkonformer interpretieren wird als Uli Hoeneß und deutlich weniger in das operative Tagesgeschäft eingreifen wird. Bliebe also noch Karl-Heinz Rummenigge. Doch auch der Vorstandschef wird nicht den Hausfrieden vor der Mitgliederversammlung gefährden wollen und danach keinen Scherbenhaufen an den anrückenden Sport-Vorstand Oliver Kahn übergeben wollen.

Zum anderen ist komplett offen, wer denn überhaupt als Kovač-Nachfolger in Frage käme. Die Auswahl auf dem internationalen Trainermarkt ist momentan vergleichsweise dünn. Massimo Allegri, Arsene Wenger und José Mourinho sind die größten Namen. Die letzteren beiden kommen aufgrund ihrer starken Persönlichkeit und ihrem Streben nach viel Einfluss nicht in Frage. 

Dennoch ist wohl davon auszugehen, dass man nach einem Ende des “Kovač-Experiments” beim nächsten Trainer wieder auf einen erfahrenen Mann an der Seitenlinie setzen würde. Falls man sich doch gegen einen alten Hasen und für einen frischen Trainer entscheiden sollte, landet man gedanklich beinahe zwangsläufig bei den beiden holländischen Ex-Münchnern Erik ten Hag und Mark van Bommel. Beide könnte man jedoch erst zum Saisonende holen. 

Für den Übergang müsste man dann entweder Co-Trainer Hansi Flick befördern oder eine andere Lösung, wie ein erneutes Comeback von Jupp Heynckes, finden. Beides erscheint erstmal unwahrscheinlich. 

5. Doppelsechs oder Doppelacht = Doppel-Null?

In der letzten Saison ließ Niko Kovač fast ausschließlich mit einer 1-2-Staffelung im Mittelfeld spielen, bei der zwei Achter vor dem alleinigen Sechser Thiago postiert waren. Aufgrund der Verpflichtung von Philippe Coutinho als Zehner, stellte der Kroate zu dieser Saison auf die 2-1-Staffelung mit Doppelsechs um. Die optimale Besetzung für diese Rollen hat der Double-Trainer allerdings noch nicht gefunden.

Direkt nach der Umstellung auf die Doppelsechs versuchte sich Kovač mit dem spielstarken Duo aus Kimmich und Thiago. Die beiden Kreativen harmonierten gemeinsam im Offensivspiel und interagierten auch gut im Zusammenspiel mit Coutinho. Schon allein ihre taktische Raffinesse reichte aus, um eine gute Staffelung bei eigenem Ballbesitz zu schaffen. Leider fiel diese Aufstellung genau in die Zeit einer kleinen Schaffenskrise von Thiago, weshalb mit der Wiedergenesung von Tolisso diese Doppelsechs zerschlagen wurde.

Wer spielt wo? Die perfekte Aufteilung im Mittelfeld muss noch gefunden werden.
(Foto: Sebastian Widmann/Bongarts/Getty Images)

Der Franzose rückte nun neben Thiago (selten) oder Kimmich (häufig). Mit dem Weltmeister verlor das Offensivspiel jedoch merklich an Struktur. Das alte Problem der zu großen Abstände wurde sofort wieder sichtbar, da Tolisso seine Rolle immer relativ hoch interpretiert und somit die Doppelsechs de facto auflöst. Kimmich ist dann alleine auf der Sechs in einer Rolle, die ihn sichtbar immer wieder in gefährliche Situationen bringt. Dem deutschen Nationalspieler fehlt hier noch die Ruhe am Ball, die einen Thiago auszeichnet.

Als erneute Reaktion brachte Kovač dann Javi Martínez neben Thiago. Allerdings ist der Baske inzwischen defensiv weit von seiner Topform vergangener Tage entfernt. Zu oft wird er einfach überspielt oder verpasst den Moment für sein normalerweise perfekt getimtes Eingreifen. Im Offensivspiel agiert der Triple-Held von 2013 zunehmend als Bremse. Er lässt sich oft zwischen die Innenverteidiger fallen, um seine Schwächen im Aufbauspiel zu kaschieren. Dadurch entstehen jedoch große Lücken. Wenn sich Thiago fällen lässt, um den Ball aus den tiefen Zonen zu holen, fehlt eine wichtige Anspielstation in der Offensive. 

Vor dem Union-Spiel reagierte der Trainer erneut und ließ – entgegen vorheriger Ankündigungen – Coutinho und Müller gemeinsam auflaufen. Eine doppelte Rolle rückwärts zu einer 1-2-Staffelung. Während sich gegen die Hauptstädter die defensiven Probleme dieser Formation zeigten, war das Aufbauspiel weiterhin wackelig. Die Suche nach der perfekten Mittelfeldstaffelung geht somit weiter.

Eine Option wäre es, wie Kovač bereits experimentierte, stärker auf einrückende Außenverteidiger im Aufbauspiel zu setzen. Diese könnten abwechselnd Thiago unterstützen, wodurch Tolisso oder, nach seiner Rückkehr, Goretzka ihre Rolle wieder freier interpretieren könnten. Die dafür benötigten polyvalent einsetzbaren Verteidiger hat der Kroate mit Kimmich, Alaba, Pavard und Hernández im Kader. Alle vier könnten sowohl im Aufbau einrückend unterstützen und gegen den Ball als verschobene Dreierkette absichern. 

Die richtige Mittelfeldstaffelung könnte der fehlende Schlüssel für Kovač sein, um die Münchner wieder an die Tage alter Dominanz heranzuführen. Fehlende Ideen kann man dem Kroaten nicht vorwerfen. Jetzt muss nur noch eine seiner Umsetzungen zünden.

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