Der Status-quo des (deutschen) Frauenfußballs: Es braucht einen Aufbruch

Justin Trenner 28.09.2020

Stell dir vor, eine Nationalspielerin vom Format einer Lina Magull schreibt öffentlich über die Missstände einer ganzen Branche und keinen interessiert es. Gut, diese Aussage mag etwas überspitzt sein, doch wirklich Wellen geschlagen hat ihr Text nicht. Und das zeigt abermals, welches Problem die Medienlandschaft in Deutschland im Bezug auf Frauenfußball hat.

Worum geht es Magull? Wie sie selbst schreibt, geht es ihr nicht um Mitleid und schon gar nicht darum, dem Männerfußball in irgendeiner Form zu schaden. Vielmehr geht es um die gemeinsame Zusammenarbeit und um Anerkennung dessen, was die Frauen leisten. Und es geht darum, die Missstände klar zu benennen und sich Vorbilder im Ausland zu suchen, die progressiver und besser agieren.

Wo ist die Anerkennung für die Frauen?

Frauenfußball mag nicht so athletisch und dynamisch sein wie der Männerfußball, aber was ist das auch für ein Vergleich? Seit weit über einem Jahrhundert kann sich der Fußball der Männer nahezu ungestört weiterentwickeln, während dem Frauenfußball allein in Deutschland über Jahrzehnte hinweg Steine in den Weg gelegt wurden. Verbote, strenge Auflagen und vor allem gesellschaftliche Ablehnung erschwerten eine angemessene Entwicklung.

Hier gibt es mehr zur Geschichte des Frauenfußballs auf Klubebene in Deutschland.

Es ist unangemessen und ungerecht, den Frauenfußball vor diesem Hintergrund auf sportlicher Ebene mit dem der Männer zu vergleichen. Magull hat aber recht, wenn sie anmerkt, wie viel Aufwand die Frauen betreiben und welche Opfer sie bringen müssen, um ihre Profikarriere zu verwirklichen. Ihr ist es wichtig, das nicht als Jammern interpretiert zu wissen, aber gleichzeitig muss gesagt sein, dass viele Frauen im Profibereich nebenher studieren oder einen Zweitjob ausüben, weil die Fußballkarriere nicht ausreicht. Auch die Familienplanung ist weitaus komplizierter: Mal eben mit 25 ein Kind bekommen? Für einen Mann gar kein Problem, aber Frauen müssen dafür ihre Karriere unterbrechen, möglicherweise sogar beenden.

Die Frauen trainieren genauso hart wie die Männer, opfern genauso viel Zeit, kriegen letztendlich aber nicht mal einen Bruchteil von dem zurück, was die Männer bekommen. Magull berichtet von 1-2 Einheiten am Tag und auch von hoher Disziplin bei der Ernährung. Das verdient Anerkennung. Wenn heutzutage von Gleichberechtigung und “equal pay” gesprochen wird, dann geht es nicht darum, dass eine Frau im Profifußball genauso viel verdient wie ein Mann – auch wenn der Begriff da in die Irre führt. Es geht darum, dass der Frauenfußball so professionalisiert wird, dass es diese Hürden nicht mehr gibt. Die Fokussierung auf den Fußball als Beruf ohne die Sorge, nebenher arbeiten zu müssen oder sich bereits große Sorgen um die Zeit nach der Karriere zu machen – das ist das Ziel, das es zu realisieren gilt. Professionalisierung auf allen Ebenen.

Frauenfußball wird immer besser

Aber es geht eben auch um gesellschaftliche Anerkennung dessen, was die Frauen dort leisten. Stellt man den unfairen Vergleich mit den Männern mal beiseite und schaut sich allein die Entwicklung des Frauenfußballs in den letzten Jahrzehnten an, ist bereits ein Quantensprung zu erkennen. Eine Analyse der FIFA ergab 2019, dass sich die Intensität und das Tempo im Frauenfußball stark erhöht haben. Wie Magull schreibt, hat sich viel getan in den letzten Jahren. Gerade taktisch sind die Spiele viel unterhaltsamer und besser geworden.

Auf dem Weg zu mehr Anerkennung, aber auch zu einer weiteren Professionalisierung sieht Magull vor allem zwei Bereiche in der Hauptverantwortung: Erstens die Fußballklubs sowie zweitens die Medien und hier ganz besonders der öffentliche Rundfunk.

Auf der Ebene der Klubs gibt es spätestens seit diesem Jahr durchaus positive Nachrichten: Borussia Dortmund und Schalke 04 haben endlich eine Frauenabteilung gegründet, Eintracht Frankfurt ist mit dem 1. FFC Frankfurt fusioniert und Hertha BSC kooperiert mit Turbine Potsdam. Es sind sehr verschiedene Modelle, deren Erfolg vor allem von der Nachhaltigkeit des Interesses abhängen wird. Eine Frauenmannschaft zu unterstützen oder zu gründen, um dem Trend zu folgen, wird keine Lösung des Problems darstellen. Kurz Schulterklopfer abholen und es dann einfach so laufen lassen? Das wäre fatal. Insofern muss darauf gehofft werden, dass dieser Aufschwung anhält und etwas bewegen kann. 

Halbherzige und lieblose Berichterstattung

Die andere Ebene ist medialer Natur. Als selbsternanntes Fachmagazin ist es vor allem der Kicker, der beispielhaft für den größten Teil der gesamten Landschaft kein gutes Bild abgibt. Während die Bayern Frauen am Wochenende gegen Freiburg in der Bundesliga spielen, stehen sie auf der Homepage fast ganz unten. Wer das Ergebnis checken möchte, ist über die Navigation oben schneller am Ziel. Wer keine Ahnung von Frauenfußball hat, wird tendenziell gar nicht erfahren, dass überhaupt gespielt wird.

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Begründet wird die lieblose Einbettung des Frauenfußballs oft mit dem mangelnden Interesse der Leser*innen. Doch ist das Produkt im Supermarkt auch an seinen schlechten Verkaufszahlen Schuld, wenn es in einem Regal landet, an dem maximal 1 % der Kundschaft vorbeiläuft? Zumal oftmals so leidenschaftslos über den Frauenfußball berichtet wird, dass man es in der Tat nicht langweiliger und eintöniger tun könnte.

In dieser Form hat niemand etwas gewonnen. Auch hier gilt: Ohne nachhaltiges Interesse an der Entwicklung macht es keinen Sinn. Zumal dabei nicht selten Fehler unterlaufen, die für eine Sportredaktion schlicht peinlich sind. Die Aufstellung der Bayern Frauen wurde am Wochenende vom Kicker komplett falsch präsentiert – und sogar nochmal falsch korrigiert. Das fiel auch der sportlichen Leiterin des FC Bayern auf:

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Mittlerweile hat der Kicker angepasst – allerdings mit Rechtsverteidigerin Glas im Mittelfeld. Lieblos, ungenau und langweilig – leider ist das der Alltag in der Berichterstattung zum Frauenfußball. Wer qualitativ hochwertigen Content möchte, muss in den meisten Fällen auf unbekanntere Magazine, Blogs und/oder Podcasts ausweichen, die sich intensiver mit dem Thema auseinandersetzen als viele Sportjournalist*innen. “Ich muss mich schon manchmal wundern, welche Lappalien in den Medien hochgekocht werden, während andere Sportarten völlig unter dem Radar verschwinden. Wenn ein Zoff auf dem Trainingsplatz mehr medialen Raum einnimmt als das Pokalfinale der Frauen, irritiert mich das”, schreibt Magull. 

Sie sieht vor allem den öffentlichen Rundfunk in der Verantwortung, der nicht auf Klickzahlen angewiesen ist und dementsprechend aktiv etwas zur weiteren Entwicklung beitragen kann. Aber Magull kritisiert nicht nur, sie zeigt auch auf, dass es anders geht: 

Gegenbeispiel: Die BBC bringt bald die zweite Staffel einer Doku über die Frauenmannschaft von West Ham United heraus. Und auch sonst gibt es im UK zahlreiche Plattformen für den Frauenfußball, wie die App FA Player, wo alle Spiele der Frauen live gestreamt und kommentiert werden, während das Thema in Deutschland wenig greifbar ist. Ein bisschen mehr Diversität täte uns also manchmal ganz gut.Lina Magull

England als Vorbild?

Gerade England kann vielleicht als Positivbeispiel dienen. Der Frauenfußball hat dort in einer Fußballkultur, die der deutschen recht ähnlich ist, massiv an Bedeutung gewonnen. Marketing, mediale Berichterstattung und das Engagement vieler Klubs aus dem Männerbereich eignen sich als Vorbild – vielleicht nicht kritiklos als Schablone, aber durchaus als Ansatz für weitere Fortschritte. Beispielsweise hat England verschiedene Aktionstage und Veranstaltungen eingeführt, wo es den Frauen teilweise sogar ermöglicht wird, in großen Stadien vor mehreren tausend Zuschauer*innen zu spielen. 

In Deutschland befindet sich die Frauen-Bundesliga unter dem Dach des DFB, während die Männer der DFL zugehörig sind. Eine Zusammenführung innerhalb der DFL, auch das zeigt das englische Beispiel, könnte durchaus vorteilhaft sein. In England profitiert der Frauenfußball enorm von den Geldern, die durch die FA und ihre Sponsoren frei werden. Vor allem aber sind es die Strukturen und die Erfahrungswerte, die der Professionalisierung des Frauenfußballs helfen. In Deutschland könnte ein ähnlicher Effekt angestoßen werden. Ralf Kellermann, sportlicher Leiter der Frauen des VfL Wolfsburg, forderte schon 2018 eine Eingliederung der Frauen-Bundesliga in die DFL – auch mit Blick auf die Fernsehvermarktung könnte das für alle Seiten positiv sein.

Zusätzlich sind Aspekte der Terminierung und Abstimmung unter einem Dachverband deutlich einfacher und effizienter zu lösen. Auswärtsfahrten von Fans, auf denen sowohl die Frauen als auch die Männer besucht werden können, oder die Vermeidung von konkurrierenden Spielen sind nur zwei von vielen Punkten, die für eine Eingliederung sprechen. 

Zeit für einen Aufbruch

Es geht auch hier um Wertschätzung und bewusstes Marketing. Ein Extrembeispiel: Als Hansi Flick gegen Dortmund sein Bundesliga-Debüt als Cheftrainer des FC Bayern feiert, findet zeitgleich ein Spiel zwischen den Frauen-Nationalmannschaften Englands und Deutschlands im Wembley Stadion statt – vor einer Rekordkulisse. Ungefähr 77.000 Zuschauer*innen sind da, aber in Deutschland bekommt kaum jemand etwas davon mit, weil die Bundesliga-Partie der Herren alles überstrahlt. 

Der DFB hätte hier schlicht einen anderen Termin oder zumindest eine andere Uhrzeit anstreben sollen. Eine Woche vor diesem Spiel stand nicht mal ein Fernsehsender fest, der die Partie überträgt – am Ende erklärte sich Eurosport dazu bereit. Ein Debakel in vielen Bereichen. “Ziel muss es sein, zumindest eine Diskussion über die Bedeutung und Anerkennung des Frauenfußballs in Deutschland anzuregen”, schreibt Magull im Juli. Seitdem hat kaum ein Medium nennenswert darauf reagiert. Es ist der Status-quo eines Sports, der in Deutschland – wie eigentlich alle Sportarten, die nicht Männerfußball sind – stark unter dem Radar läuft. 

Und das, obwohl er sich trotz aller ihm im Weg stehenden Hürden außerordentlich gut entwickelt hat. Es ist Zeit für einen Aufbruch. Der gelingt nicht, wenn man die Zustände einfach akzeptiert und mit Klickzahlen für Nichtigkeiten im Männerfußball argumentiert. Seiten wie der Kicker werden nicht daran kaputtgehen, wenn sie den Frauenfußball prominenter bewerben – und zwar mit fachlich korrekter und angemessener Berichterstattung. Im Gegenteil: Sie haben viel zu gewinnen. Das zeigt auch der Blick ins Ausland. Und vielleicht wäre es der Anstoß für gesellschaftliche sowie mediale Veränderung, wenn große Sportmedien den ersten Schritt machen. Der Frauenfußball hat mehr verdient als das, was er zurückbekommt.  

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Mit Dank an Petra Tabarelli und Sebastian Buch.



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