FC Bayern München – FC Porto 6:1 (5:0)

Steffen Trenner 21.04.2015

Falls ihr es verpasst habt:

Guardiola verzichtete vor dem bisher wohl wichtigsten Saisonspiel auf personelle Experimente und veränderte die Mannschaft im Vergleich zum Hinspiel in der Vorwoche nur auf einer Position. Badstuber rückte für Dante in die Startelf. Schweinsteiger zunächst nur auf der Bank. Porto musste auf Grund der Sperren von Danilo und Alex Sandro auf den Flügelverteidigerpositionen improvisieren und brachte mit Reyes und Marcano zwei eher größere Verteidiger in die Mannschaft.

Trotz der erwarteten Aufstellung überraschte Guardiola erneut viele mit seiner Ausrichtung und der breiten Interpretation dieser durch die nominellen Achter Lahm und Götze (mehr dazu folgt in Punkt 1). Bayern begann sehr konzentriert und druckvoll und hatte bereits nach neun Minuten eine Riesenchance, als Lewandowski Müller schickte und dieser an Portos Schlussmann Fabiano scheiterte. Lewandowski setzte den Nachschuss aus sieben Metern stark bedrängt an den Pfosten. Fünf Minuten später dann die Führung. Bernat brachte einen zunächst abgewehrten Ball nach einem guten Solo in die Mitte, wo Thiago aus kurzer Distanz den Kopf hinhielt und traf.

Bayern war in den folgenden Minuten spürbar darum bemüht, sich von der Euphorie des Führungstreffers nicht anstecken zu lassen und die Offensive zu kontrollieren. Nach einigen Halbchancen war es Boateng, der nach einer Ecke und Kopfballvorlage von Badstuber zur 2:0-Führung einnickte (22.). Spätestens jetzt wirkten die Münchner wie im Rausch. Lewandowski nach Traumkombination (27.), Müller mit einem Fernschuss (36.) und erneut Lewandowski nach glänzender Vorarbeit von Thomas Müller (40.) machten die deutliche Pausenführung perfekt. Mit 5:0 ging es in die Halbzeit.

Nach der Pause stellte Porto um, verstärkte das Mittelfeld, stellte Jackson Martínez für Alonso ab und schob die Außenverteidiger weiter nach vorne. Damit gelang es der Elf von Julen Lopetegui, das Spiel etwas offener zu gestalten. Die Bayern waren nun aufs Verwalten bedacht und geriet erst spät noch einmal in Bedrängnis. Jackson Martínez wurde nun viel direkter angespielt und stellte vor allem Badstuber vor ein paar Probleme. In der 73. Minute traf der Angreifer sogar zum 1:5-Anschlusstreffer. Auch wenn es gefühlt noch einmal spannend wurde, blieb es bei nur einer weiteren Möglichkeit von Jackson, der einen Schrägschuss knapp neben das Tor setzte. Bayern zog das Tempo danach wieder etwas an und erspielte sich einige gute Kontermöglichkeiten. Kurz vor Schluss musste Marcano nach einem heftigen Einsteigen gegen Thiago mit Gelb-Rot vom Platz (87.). Den anschließenden Freistoß verwandelte Alonso zum 6:1-Endstand.

Champions League-Halbfinale. Tatsächlich. Zum vierten Mal in Folge. Respekt Jungs.

Drei Dinge, die auffielen:

1. Guardiolas Plan geht voll auf

Es wirkte zunächst verdächtig unspektakulär, als etwas mehr als eine Stunde vor Spielbeginn die Aufstellung der Münchner bekannt gegeben wurde. Große Überraschungen gab es nicht. Keine Dreierkette, kein Rode, kein Schweinsteiger, kein Verzicht auf die zuletzt formschwachen Alonso oder Götze. Schon nach 30 Sekunden wurde aber klar, dass Guardiola sich auch dieses Mal etwas besonders überlegt hatte. Lahm und Götze spielten nicht zentral im 6er-, 8er- oder 10er-Bereich, sondern machten das Spiel auf den Flügelpositionen extrem breit. Beide standen sogar breiter als Robben und Ribéry über weite Strecken dieser Saison. Das zentrale Mittelfeld überließen beide komplett Xabi Alonso und Thiago, die meist gestaffelt vor der Viererkette agierten. Zogen Lahm und Götze einmal nach innen, ging meist Thiago auf eine der beiden Flügelpositionen oder Rafinha beziehungsweise Bernat besetzten den meist ballfernen offensiven Flügel. So entstanden gerade in der ersten Halbzeit häufig 4-2-4 oder 4-1-4-1-Staffelungen.

Das Kalkül Guardiolas war es, das im Hinspiel zurecht so gelobte Pressing der Portugiesen auseinander zu ziehen. Dort gelang es der Elf von Julen Lopetegui, das Aufbauspiel zunächst in die Breite und dann ins Zentrum zu zwingen und dort durch physisches Spiel zuzupacken. Im Rückspiel gelang das nicht. Dort wurde das Aufbauspiel meist durch das Zentrum über Alonso und Thiago vorgetragen und ging erst danach auf die gut besetzten Flügel und Halbpositionen. Auch der ein oder andere lange Diagonalball in der Anfangsphase zwang Porto dazu, diese Breite zu akzeptieren und die Defensivformation entsprechend auseinanderzuziehen. Auch das Hinterlaufen der Münchner Außenverteidiger wurde so wieder deutlich gefährlicher, da echte Pärchen auf den Flügeln entstanden und Porto trotz der fehlenden Dribbelstärke auf dem Flügel häufiger zum Doppeln gezwungen war. Gerade auf Götzes Seite gelang es so mehrmals, Bernat im Rücken freizuspielen – wie vor dem 1:0 durch Thiago. Auch das 3:0 und das 5:0 wurden über den Flügel vorbereitet. Hier über Lahms Seite. Ob Guardiola auch darauf setzte, dass Porto mit 1.89-Mann Reyes und 1.87-Mann Martins Indi zwei ungelernte Außenverteidiger aufbieten würde, ist Spekulation. Bayern spielte dies trotzdem extrem in die Hände. Reyes musste bereits nach 30 Minuten überfordert ausgewechselt werden.

Gerade in der ersten Hälfte spielten die Münchner dadurch über weite Strecken so hoch und dominant, wie man es aus vielen Heimspielen in der Bundesliga gewohnt ist. Auch das Gegenpressing funktionierte durch die hohe Positionierung der fünf Offensivspieler mit Alonso als Absicherung glänzend. So wie vor dem 5:0, als Lahm und Müller den Ball weit in der gegnerischen Hälfte eroberten. Elf Torschüsse allein in der ersten Hälfte waren die direkte Folge. Thiago war zudem überhaupt nicht in den Griff zu bekommen und löste auch in engen Räumen beinahe jede Situation. Er macht im Moment absolut den Unterschied aus und war an vier der sechs Tore entscheidend beteiligt. Porto verpasste es in dieser Phase den hohen Druck der Münchner zu akzeptieren und sich darauf zu konzentrieren, konsequent die Passwege in den Strafraum zuzustellen. Stattdessen verteidigte Porto lange weiter recht mutig beziehungsweise vorschiebend und wurde dafür von effektiven Münchnern eiskalt bestraft.

Erst nach der Pause stellte Lopetegui um, verstärkte das zentrale Mittelfeld, um gegen nun zurückhaltendere Bayern etwas mehr Spielkontrolle zu erlangen. Guardiola reagierte seinerseits und schob Lahm und Götze, später Rode nun wieder nach innen. Weil Porto in der Folge auch die Flügel stärker besetzte, waren sogar mehrere Umstellungen nötig, um entstandene Unterzahlsituationen wieder auszugleichen. Am Ende blieb dies eine Randnotiz. Guardiolas Plan war aufgegangen.

2. One-Two Punch im Angriff trifft weiter

Es war den Verletzungen von Arjen Robben und Franck Ribéry geschuldet, dass Pep Guardiola im Ligaspiel gegen Dortmund zum ersten Mal auf einen Zweimannsturm mit Robert Lewandowski und Thomas Müller umstellte. Die Maßnahme hat sich für beide Spieler und auch insgesamt für die Mannschaft voll ausgezahlt. Beide ergänzen sich in ihren Stärken sehr gut und wirken als Duo extrem harmonisch. Müller ist der deutlich raumgreifendere Spieler und hat deutlich mehr Freiheiten im Offensivspiel. Seit dem Dortmundspiel sind die beiden Angreifer an 9 der 13 Bayernpflichtspieltore direkt beteiligt. Vier Tore legten sie sich dabei gegenseitig auf. Auch am Dienstagabend bereitete Müller zwei Tore seines Pendants direkt vor. Dazu erzielte er einen weiteren Treffer selbst, schoss vier Mal aufs Tor und bereitete insgesamt drei Torschüsse vor. Eine herausragende offensive Allround-Leistung von Bayerns Nummer 25. Lewandowski traf in der beschriebenen Saisonphase fünf Mal selbst und hat endgültig alle Kritiker verstummen lassen. Acht Mal schoss er gegen Porto aufs Tor. Mehr als doppelt so oft wie die gesamte Gästemannschaft. Wenn er in einigen Szenen noch etwas ruhiger im Abschluss agieren würde, hätte er sein Torekonto in den letzten Wochen sogar noch deutlich steigern können.

Natürlich profitieren beide Spieler von der Abwesenheit zwei so dominanter Offensivakteure wie Robben und Ribéry. Bayerns etwas verändertes Offensivspiel, das insgesamt etwas variabler wirkt und sogar den ein oder anderen Konter oder die direkte Überbrückung des Mittelfelds einbaut, kommt beiden zu Gute. Guardiolas Aufgabe wird es sein, Elemente dieses Spiels auch nach der Rückkehr der beiden etatmäßigen Flügelspieler beizubehalten, um die Stärken von Müller und Lewandowski auch über diese Saisonphase hinaus zu konservieren. Beide hatten gegen Porto großen Anteil am Weiterkommen.

3. Auch ein Sieg der Einstellung

Es ist nach so einem klaren Sieg wahrscheinlich nicht gerade typisch, auf den Einsatzwillen und die Einstellung des FC Bayern am Dienstagabend hinzuweisen. Trotzdem war das 6:1 bei aller taktischen und spielerischen Finesse auch ein Sieg der Moral. Wie konzentriert, fokussiert und klar die Münchner aus der Kabine kamen, muss jedem Respekt abnötigen. Die erste Halbzeit war nicht unbedingt ein klassisches Offensivspektakel (auch wenn es sich so anfühlte), sondern vor allem das Produkt einer enorm disziplinierten Leistung mit extrem hohem Tempo und der notwendigen Präzision im Schlussdrittel. Und all das als Reaktion auf die Debatten der letzten Tage, die teilweise so wenig mit Fußball zu tun hatten. Auch von der zunächst sehr harten Gangart der Portugiesen ließ sich die Elf von Pep Guardiola nicht aus dem Rhythmus bringen.

Dabei war es nicht so, dass den Münchnern alles gelang in diesem Rückspiel. 55 Prozent Ballbesitz, 81 Prozent Passquote, 47 Prozent Zweikampfquote. Nur Holger Badstuber kratzte bei der Passquote die 90er-Marke. Für Bayern-Verhältnisse sogar eher unterdurchschnittliche Zahlen und auch nicht allein mit der etwas schwächeren zweiten Halbzeit zu erklären. Schon zur Pause waren die Werte ähnlich. Auch Guardiola wies in der Pressekonferenz nach dem Spiel darauf hin, dass er längst nicht mit allem zufrieden war.

Mario Götze stand deshalb an diesem Abend vielleicht sinnbildlich für diese Bayern-Mannschaft und den absoluten Willen und die Überzeugung ins Halbfinale einzuziehen. Götze gelang es nicht, die Formschwankungen der letzten Wochen abzustreifen. Keine Torbeteiligung, nur ein erfolgreiches Dribbling, nur ein Torschuss und zwei Torschussvorlagen. Trotzdem machte Götze kein schlechtes Spiel. Er warf sich defensiv ins Gegenpressing, hatte gemeinsam mit Bernat die meisten erfolgreichen Tackles zu verzeichnen (5), zog die meisten Fouls (6), führte 34 Zweikämpfe und gewann respektable 16. Er fand in diesem Spiel einen Weg, der Mannschaft zu helfen, ohne dass er durch die ganz besonderen Offensivmomente auffiel. Auch der extrem emsige Bernat, der unheimlich lauffreudig agierte sowie der kompromisslose Boateng sind in diesem Kontext zu nennen.

Die Zuschauer in der Münchner Allianz Arena hatten genau dafür ein gutes Gespür und klatschten weitestgehend stehend bei Götzes Auswechslung kurz vor Schluss. Es passte zu diesem Abend, der so viele große aber eben auch kleine Geschichten schrieb.

FC Bayern – FC Porto 6:1 (5:0)
FC Bayern Neuer – Rafinha (72. Rode), Boateng, Badstuber, Bernat – Xabi Alonso, Lahm, Thiago (90. Dante) – Götze (86. Weiser), Müller, Lewandowski
Bank Reina, Gaudino, Schweinsteiger, Pizarro
FC Porto Fabiano – Reyes (33. Pereira), Maicon, Marcano, Martins Indi – Herrera, Casemiro, Oliver – Quaresma (46. Neves), Martínez, Brahimi (67. Evandro)
Bank Helton, Quinteros, Aboubakar, Hernani,
Tore 1:0 (14.) Thiago, 2:0 (22.) Boateng, 3:0 (27.) Lewandowski, 4:0 (36.) Müller, 5:0 (40.) Lewandowski, 5:1 (73.) Jackson Martínez, 6:1 (88.) Xabi Alonso
Karten Gelb: Badstuber / Herrera, Jackson / Gelb-Rot: Marcano
Zuschauer  70.000
Schiedsrichter Martin Atkinson (England)

 

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