FC Bayern und Tanguy Nianzou trennen sich mit offener Hintertür

Louisa Trenner 17.08.2022

Obwohl im Verlauf der vergangenen Saison 2021/22 greifbarer wurde, welche außergewöhnlichen Qualitäten er mitbringt, war Tanguy Nianzou zuletzt lediglich Reservespieler hinter Dayot Upamecano, Lucas Hernández, Matthijs de Ligt und Benjamin Pavard.

Ein Vereinswechsel mit potenziell mehr Einsatzzeiten scheint deshalb folgerichtig für den jungen Innenverteidiger, um seine Fähigkeiten durch mehr Spielpraxis auszubauen und zu stabilisieren. Dass der FC Bayern aber weiterhin an einen Durchbruch des jungen Franzosen glaubt, zeigen die vermeintlichen Modalitäten des Deals.

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Nianzou soll nach Informationen von Sky Sport für 16 Millionen Euro zum FC Sevilla wechseln. Weitere vier Millionen Euro können demnach durch Boni erreicht werden. Außerdem soll es zwei entscheidende Klauseln geben: Eine für einen potenziellen Rückkauf sowie ein “Matching Right”. Letzteres garantiert den Bayern, dass Sevilla sie über jedes Angebot informieren muss. Möchte der Serienmeister das Talent zurückholen, können sie das zum Preis tun, der geboten wurde. Mehrere Medien berichten zudem von einer Weiterverkaufsklausel, die bei 22,5 Prozent liegen soll. Holen sich die Bayern Nianzou zurück, entfällt diese natürlich.

“Wir werden Tanguys Entwicklung genau beobachten, denn der FC Bayern hat die Option, ihn nach München zurückzuholen”, bestätigte auch Sportvorstand Hasan Salihamidžić in der offiziellen Mitteilung des Klubs.

FC Bayern: Tanguy Nianzou und sein großes Potenzial

Warum kann das Rückkaufrecht perspektivisch sinnvoll für den FC Bayern sein? Diese Frage beantworten wir mit einer bisher unveröffentlichten Analyse einer Spielleistung von Nianzou am 29. Spieltag der Saison 2021/22 im Spiel gegen den FC Augsburg. 

Tanguy Nianzou bringt außergewöhnliche Fähigkeiten im Spiel mit dem Ball mit. Gegen den FC Augsburg waren seine Spieleröffnungen auffällig gut. Grund dafür ist, dass er nach dem Prinzip „Tiefe zuerst“ zu handeln scheint. Ziel seines Spielaufbaus ist es, den tiefstmöglichen anspielbaren Mitspieler einzusetzen. Dabei scheint er nach einer intuitiven oder stark verinnerlichten Wenn-Dann-Systematik vorzugehen: 

  1. Ist ein tiefer Ball flach und vertikal durch das Zentrum möglich? WENN Nein: 
  2. Ist es möglich, mit einem diagonalen Ball Linien zu überspielen? WENN Nein: 
  3. Ist ein diagonaler Pass auf den ballnahen Außenspieler möglich? WENN Nein: 
  4. Ist ein weiterer Verteidiger auf der eigenen Linie anspielbar? WENN Nein: 
  5. Ball zurück zum Torwart

Seine vertikale Ausrichtung verleiht dem Spiel bereits im Aufbau Tempo. Die Spielgeschwindigkeit erhöht sich durch das schnelle Überspielen gegnerischer Linien gepaart mit präzisen Pässen mit einer hohen, aber zumeist sehr gut differenzierten und situationsangemessenen Passschärfe.

Szenenanalysen: Tanguy Nianzou im Spielaufbau

Die Grafik veranschaulicht das Prinzip “Tiefe zuerst”. Nianzou hat in der dargestellten Spielsituation fünf Anspielstationen. Er entscheidet sich für die anspruchsvollste Lösung, die mit dem für ihn höchsten Risiko, aber auch der größten Erfolgsaussicht auf ein Tor einhergeht. Mit einem Pass überspielt er zwei (bzw. drei – je nach Interpretation der Anordnung) gegnerische Linien und bringt den Zielspieler in eine aussichtsreiche Position. 

Nianzous Stärke liegt im Vergleich zu anderen Innenverteidigern also in seiner Fähigkeit, das Spiel durch vertikale Pässe zu beschleunigen. Als Innenverteidiger kann man im Spielaufbau auch Dynamik erzeugen, indem man selbst Linien überdribbelt. Ein präziser, scharfer Pass, der dieselbe Konsequenz erzeugt (Linie überspielt), ist jedoch in vielen Situationen die bessere Option, da Pässe so gut wie immer “schneller“ als Dribblings sind. 

Dass Innenverteidiger nicht häufiger auf flache, vertikale Pässe durch das Zentrum zurückgreifen, liegt daran, dass zum einen die Wahrnehmung und extrem schnelle Informationsverarbeitung einer sich öffnenden Lücke vorhanden sein muss und zum anderen eine große technische Sicherheit in Bezug auf die Passqualität gegeben sein muss – denn das Risiko, bei einem Fehlpass in Bedrängnis zu geraten, ist hoch. Die Häufigkeit, in der Nianzou solche Pässe spielt und präzise an den Mitspieler bringt, zeigt, wie ungewöhnlich ausgereift diese Fähigkeit bei ihm bereits ist. Gegen den FC Augsburg spielte Nianzou am 29. Spieltag der Vorsaison 17 vertikale Pässe durch das Zentrum, von denen 14 präzise ihr Ziel fanden.

Tanguy Nianzou: Körperhaltung kann Raum gewinnen

Interessant ist auch, dass es Nianzou gelingt, durch seine Bewegungen kurz vor dem Abspiel Lücken freizuziehen, die dem Zielspieler Platz verschaffen. In der dargestellten Grafik deutet Nianzou mit seiner Lauf- und Blickrichtung den Pass zum rechten Außenverteidiger an (grüner Pfeil). Dadurch zwingt er einen Augsburger Achter in eine Bewegung weg vom Zentrum. Das wiederum schafft Raum für den zentralen Mittelfeldspieler, den er schließlich über den Standfuß vertikal anspielt. 

Um sich als Stammspieler auf Top-Niveau in der Innenverteidigung zu etablieren, wird Nianzou vor der Herausforderung stehen, seine außergewöhnlichen Fähigkeiten im Spiel mit Ball mit stabilen Defensivleistungen anzureichern. Für ihn gilt es, Situationen besser einschätzen zu lernen und ein Gespür dafür zu entwickeln, aus dem gelegentlich ungestümen Übermut situationsangemessen die richtige Zweikampfhärte, das richtige Timing zu finden.

Es bleibt zu hoffen, dass Nianzou sich mit steigender Spielpraxis und damit wachsendem Selbstvertrauen in die Lage versetzt, seine Fehleranfälligkeit Schritt für Schritt zu reduzieren und zu konstanten und verlässlichen Leistungen zu finden.

Wenn ihm das beim FC Sevilla gelingt und er seine Fähigkeiten im Spielaufbau weiterhin mit hoher technischer Qualität umsetzen kann, wäre es erfreulich, Nianzou perspektivisch wieder für den FC Bayern auflaufen zu sehen. Dann können Bayern-Fans sich auf überraschende Pässe in der Spieleröffnung freuen, die das Spiel beschleunigen und Unordnung in die gegnerische Grundordnung bringen.

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