Erste Niederlage für Nagelsmann nach Freakspiel – 1:2 gegen die Eintracht

Daniel Trenner 03.10.2021

Falls Ihr es verpasst habt

Die Aufstellung 

Nach der erneuten Gala in der Champions League sah Julian Nagelsmann keinerlei Gründe für Personalwechsel und schickte die exakt gleiche Elf auf das Feld, die Kiev 5:0 nach Hause schickte. Die einzige Frage, die sich vor dem Anpfiff stellte, war die der Formation. Am Ende wurde es erneut ein 4-3-3.

Oliver Glasner vertraute wie zuletzt in der Champions League auf eine Fünferkette, diesmal im 5-2-3.

1. Halbzeit

Keine drei Minuten war die Partie alt, als die Bayern um ein Haar bereits führten. Müller steckte vertikal unnachahmlich auf Lewandowski durch, wodurch er Frankfurts ganze Hintermannschaft überwand. Der polnische Torjäger scheiterte wenige Meter vor dem Tor am hinausstürzenden Trapp.

Bayern blieb auch im Nachklapp am Drücker, bekam mehrere gute Torchancen, die Führung kam jedoch erst kurz vor der dem Ende des ersten Spieldrittels zustande. Aus einem hohen Ballgewinn nach Pressing konnte Lewandowski Goretzka schicken, der direkt mit dem ersten Kontakt in die lange Ecke abschloss.

Lange hielt die Führung jedoch nicht, denn so wie Hinteregger beim Ballverlust gab, nahm Hinteregger es auch wieder. Kostić brachte von links eine Ecke, wo der lange Österreicher auf der Fünfmeterlinie wie ein Turm in der Luft stand. 

Gegen Ende der Halbzeit ging es nochmal Turbulent zu. Beide Teams bekamen sichere Tormöglichkeiten, beide Teams vergaben sie. Zunächst enteilte Touré völlig überraschend Davies, Neuer rettete hier mit einer unfassbaren Parade. Sekunden später schaffte Gnabry es aus zugegeben spitzem Winkel und vollem Lauf, das leere Tor nicht zu treffen, so endete die Halbzeit 1:1.

2. Halbzeit 

Beide Teams kamen ohne Wechsel aus der Partie. Bayern rannte weiterhin an, die Präzision nahm jedoch nun ab. In der 56. Minute hatten sie sich trotzdem eine neue annähernd Hundertprozentige herausgespielt, diesmal war es jedoch an Kevin Trapp um eine unfassbare Parade zu zeigen. Seine Fußabwehr war wahrscheinlich noch beeindruckender als Neuers in der ersten Hälfte.

Von diesem Zeitpunkt an wurde der FC Bayern wieder konzentrierter, zielführender, stärker. Die erneute Führung wollte jedoch auch weiterhin nicht kommen, wodurch sich Nagelsmann auf seine Bank berufen fühlte. Erst Musiala, dann Sabitzer kamen für die letzten 20 Minuten, jeweils für Gnabry und überraschender Weise Süle. In den finalen zehn Minuten ging Nagelsmann mit Choupo-Moting für den starken Sané nochmal komplett all-in. Leider sollte sich dies auch fast sofort rächen. Frankfurt spielte eine Kontersituation in Gleichzahl eigentlich ziemlich schwach aus, als die Situation bereits größtenteils vorbei schien, entschloss sich Kostić aus spitzem Winkel für beinahe einen Verlegenheitsschuss, den der zuvor so brillante Manuel Neuer allerdings katastrophal fehleinschätzte. Sensationell führte die Eintracht wenige Minuten vor Spielende und brachte das Ergebnis auch über die Zeit.

Nach der Länderspielpause reist der FC Bayern zu Bayer Leverkusen.

Dinge, die auffielen

1. Nagelsmannscher Chancenwucher

20 mal schossen die Bayern am heutigen Tag auf das Tor von Kevin Trapp. 17 von diesen Versuchen gingen auch direkt auf seinen Kasten. Mindestens zehn mal verhinderte Trapp höchst selbst, dass es hinter ihm einschlug. Nur ein einziges mal überwanden die Bayern den Frankfurter Giganten in diesem Spiel.

Es ist natürlich müßig darüber zu sprechen, dass dies heute natürlich im Abschluss nicht gut genug war. Aus 2,1 Expected Goals (bei Amazon gar 2,84) müssen mindestens zwei Tore entstehen, besser drei und bei Topmannschaften kann man auch vier erwarten. In Hoffenheim und Leipzig war Nagelsmann berüchtigt dafür, dass er, neben all den Verdiensten, seinen Mannschaften auch eine gewisse Schludrigkeit im Abschluss mitgab. Bei Bayern konnte er das bislang auf beeindruckendste Art und Weise widerlegen. Lewandowski, Müller, Gnabry, selbst Kimmich und heute Goretzka schienen einfach zu gut um nicht regelmäßig zu treffen.

Heute war dies anders. Ein Spiel macht aber noch keinen Trend. Solche Spiele wie heute, wo der Torwart des Gegners die Grenzen zwischen Raum und Zeit überwindet und zum wahren Hexenmeister aufsteigt und nur der Bruch in der Physik Tore ermöglicht, gibt es immer wieder. Jeder kennt sie, das macht den Fußball eben aus (fünf Euro ins Phrasenschwein). Wegen dieses eines Spiels den Stab über Nagelsmanns bislang so beeindruckenden Neuerungen zu brechen, wäre absurd. Nun erhält die Phase zwischen den beiden Länderspielpausen zum Schluss einen Dämpfer, aber womöglich ist dieser kleine Motivationsschub der Mannschaft ja auch ganz zuträglich.

2. Kleiner Rückfall in Flicksche Defensivprobleme?

Vorne die klaren Chancen nicht nutzen und hinten lächerliche Gegentore fressen, nicht nur wegen seiner Präsenz auf der Zuschauertribüne wehte Flickscher Wind durch die Allianz Arena. Zu Nagelsmanns Ehrenrettung lässt sich hier sagen, dass sein Team eigentlich größtenteils defensiv ganz ordentlich stand. Unterzahl- und Gleichzahlsituationen wurden kompetent verteidigt, Neuer erwischte was das Herauslaufen anging einen bärenstarken Tag und so fallen die zwei Gegentore ein Stück weit aus dem Spielmuster heraus.

Das erste entspringt einer der seltenen Ecken der Eintracht. Bis zu diesem Zeitpunkt waren Nagelsmanns Bayern bei Standards des Gegners nicht schludrig aufgefallen, an diesem Tag machten sie aber alles derart falsch, dass es fast im negativen Sinne beeindruckte. Frankfurts mit großem Abstand besten Kopfballspieler einfach bei einem Eckstoß mutterseelenallein zu lassen, muss man erstmal hinbekommen.

Auch das am Ende entscheidende zweite Gegentor fällt nicht so, wie man es bei all dem defensiven Harakiri, den die Bayern zum Schluss spielten (mehr dazu gleich), hätte erwarten können. Eigentlich bereinigen sie diese Situation ja fast tadellos, bei Gleichzahl möchte man ja eigentlich auch, dass der Gegner so einen überhasteten Schuss aus spitzem Winkel nimmt. Dass dieser dann reingeht, hat nichts mit Taktik zu tun, sondern ist einfach ein überraschender Fehler des besten Torhüters der Welt.

Auch hier gilt die Devise: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Bislang wurde Nagelsmann ja für die Beseitigung von Bayerns Defensivproblemen, die sie in der gesamten letzten Saison plagten, gefeiert. Zurecht. Ein Spiel ist kein Trend. Noch ist kein Grund zur Panik.

3. Nagelsmann geht bei den Wechseln All or Nothing…  und kassiert Nothing

Bald erscheint ja eine neue Staffel der Reihe “All or Nothing”, diesmal mit dem FC Bayern im Mittelpunkt. Julian Nagelsmann nahm dies womöglich etwas zu wörtlich. Möglicherweise angestachelt von den fantastischen letzten Wochen, wo scheinbar alles zu klappen schien, ging er auch an diesem Tag mit seinen Wechseln gerne ins Risiko… und verzockte sich. Nach schweren ersten 10, 15 Minuten in der zweiten Hälfte fand Bayern eigentlich wieder besser ins Spiel, bevor Julian Nagelsmann ins Spiel personell eingriff. Beim ersten Wechsel Musiala für Gnabry kann man höchstens den Zeitpunkt kritisch beäugen, 15 Minuten früher hätte Bayerns Müdigkeit in dieser Phase vielleicht noch eher beendet.

Doch bei den anderen Wechseln war weniger die B-Note des Zeitpunkts fragwürdig als die Wechsel selbst. Niklas Süle erwischte als Rechtsverteidiger einen guten Tag, spielte freudig vorne mit, währenddessen Dayot Upamecano gar nicht gut war (das 1:1 war mehrheitlich seine Schuld). Trotzdem entschloss sich Nagelsmann Süle vom Platz zu nehmen, um dann einen Achter auf die rechte Defensivseite zu stellen. Marcel Sabitzer ist ein Mittelfeld-Allrounder, wie er im Buche steht, doch Rechtsverteidiger gehört merklich nicht zu seinem Repertoir. Wenig überraschend gelang ihm auch wenig in seiner Viertelstunde als Aushilfsaußenverteidiger, vor allem jedoch gelang ihm weniger als Süle. Wenn man ganz böse sein will, kann man hier gar anmerken, dass Frankfurts Siegtor eben schlussendlich über die rechte Seite erzielt wurde, doch wie oben erläutert, hielte ich dies für nicht ganz fair. Die Szene war ordentlich verteidigt, die Torwartparade nicht.

Auch Nagelsmanns finaler Wechsel wirft Fragen auf. Leroy Sané war an diesem Tag ziemlich klar Bayerns bester Offensivspieler, dennoch nimmt er ihn vom Feld um mit Choupo-Moting mehr Präsenz im Zentrum zu kreieren. Logisch, nur fehlen dann eben Sanés Durchbrüche. Bayerns Spiel verschlechterte sich somit. Wenn man an der alten Regel “Müller-spielt-immer” nicht rütteln mag, wäre eine Auswechslung Goretzkas logischer.

Wie bei den anderen Punkten muss man hier die Begleitumstände der Premiere anmerken: Nagelsmann war bislang keinesfalls mit offensivem Harakiri aufgefallen. Ein Trend ist hier nicht zu erkennen. Sicherlich wird er analysieren, dass die Brechstange bei Wechseln manchmal dem Gegner mehr hilft, als dem eigenen Team.

Ein wenig flog der Trainer heute zu nah an der Sonne und kokelte seine Flügel an, abgestürzt ist er aber nicht. Heute kam ohnehin -wie man so schön sagt- wirklich alles zusammen.

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