Bayern Munich's Polish forward Robert Lewandowski reacts during the German first division Bundesliga football match between Borussia Dortmund and FC Bayern Munich in Dortmund on November 19, 2016. / AFP / PATRIK STOLLARZ

Analyse: Borussia Dortmund – FC Bayern München 1:0 (1:0)

Christopher Trenner 19.11.2016

Carlo Ancelotti wirkte bei der obligatorischen Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Borussia Dortmund sichtlich angefressen. Kein Wunder: Mit Coman, Robben und Vidal fallen gleich mehrere Spieler aus. Für Coman ist sogar die Hinrunde beendet. Die Länderspielpause war ein Schlag ins Kontor.

Falls Ihr es verpasst habt:

Carlo Ancelotti setzt gegen Dortmund wie erwartet auf ein 4-3-3. Vor der Partie war lediglich unklar, wer den linken Außenstürmer geben wird. Der italienische Trainer entschied sich für Ribery. Mit ihm in der Startelf hat der FC Bayern bisher alle fünf Partien in der Bundesliga gewonnen.

Der Rest der Aufstellung liest sich relativ gewöhnlich.

Die Anfangsformationen beider Teams. Die Anfangsformationen beider Teams.

Alaba, Boateng, Hummels und Lahm bilden vor Neuer die Abwehr. Im Mittelfeld agiert Alonso in der Schaltzentrale auf der Sechserposition. Thiago und Kimmich decken die beiden Halbräume. Vorne wie bereits erwähnt Ribery neben Lewandowski und Müller.

Auch Dortmund muss bezüglich der Aufstellung etwas tricksen. Zwar sind nicht mehr so viele Spieler verletzt wie noch vor gut vier Wochen, dennoch hat Thomas Tuchel auch ein paar Ausfälle zu verkraften. Guerreiro, Reus und Rode können nicht mitwirken. Ebenfalls fehlen die noch länger verletzten Bender und Subotic. Am Ende entscheidet sich der Dortmunder Trainer für eine 3-4-3 Grundformation. Ginter, Sokratis und Bartra in der Abwehr. Schmelzer und Piszczek als Außenverteidiger. Hinzu kommt Weigl als ebenfalls alleiniger Sechser. Davor spielen Schürrle, Götze, Aubameyang und Ramos in einem sehr variablen Staffelung. Wobei Aubameyang als klarer Stürmer auflief, während die anderen Spieler sich sehr fluide auf die jeweilige Situation reagierten.

Die Vorzeichen sind vor der Partie also klar. Der BVB setzt mit seinem Trainer auf ein sehr variables System, während Ancelotti sein gewohntes 4-3-3 ins Rennen schickt.

Der BVB beginnt die Partie mit viel Druck. Hummels und Boateng werden von Aubameyang und Ramos konsequent attackiert. Schürrle und Götze, sowie die beiden Außenverteidiger Schmelzer und Piszczek schieben ebenfalls früh drauf und zwingen die Münchner dadurch zu vielen langen Bällen. Da diese meist bei den Dortmunder landen, gibt es von Beginn an zunächst lange Ballbesitzphasen für den BVB.

Der FC Bayern versucht diese relativ tiefstehend, in einem 4-4-1-1 zu verteidigen. Wobei Müller seinen Nationalmannschaftskollegen Weigl in Manndeckung nimmt. Dadurch soll der Spielaufbau Dortmunder unterbunden werden.

Dies gelingt bis zur 10. Minute. Dann unterlaufen den Münchnern eine Reihe von Fehlern. Götze läuft sich von der Achterposition zunächst sehr gut auf dem rechten Flügel frei. Ribery verliert hier seinen Gegenspieler aus den Augen und auch Alaba rückt zu passiv raus. Die Flanke von Götze kann Boateng zwar abfangen. Allerdings klärt dieser nur ins Zentrum. Dort verliert Alonso ein Kopfballduell klar gegen Schürrle. Dieser legt ab auf Aubameyang, der mit der Hacke weiter zu Piszczek spielt. Hier ist abermals Alaba zu passiv. Piszczek findet noch Götze und dieser tunnelt Hummels, weil der Bayernspieler zu früh die Abwehrbewegung macht. Im Zentrum trifft dann Aubameyang, weil Boateng bereits zwei Gegenspieler deckt.

Das Tor für die Borussia zeigt abermals die Lücken im bayerischen Deckungsverbund auf, wobei es hier eher eine Ansammlung an individuellen Nachlässigkeiten waren. Spätestens Alonso darf den Kopfball gegen Schürrle nicht verlieren. Alle Folgefehler gaben dennoch die Möglichkeit die Situation zu klären.

Im Anschluss an die Führung ist die Mannschaft von Tuchel deutlich souveräner. Die Bayern können sich in dieser Phase nur befreien, wenn es ihnen gelingt Alaba auf den Flügel frei zu kombinieren. Seine Flanken sind aber alle zu ungenau. Dadurch ergeben sich auf der Gegenseite immer wieder gute Konterchancen, weil Ramos gegen Boateng und Aubameyang gegen Hummels immer wieder direkte Duelle erzwingen. 10 Minuten nach der Dortmunder Führung hat so Schürrle nach einer Flanke von Aubameyang noch eine sehr gute Schusschance.

Die Münchner werden erst ab der 25 – 30. Minute zwingender. Zum einen, liegt das am zunehmend höheren Pressing der Münchner, die nun Ginter, Sokratis und Piszczek konsequent anlaufen und immer wieder zu Befreiungsschlägen zwingen. Zum anderen aber auch, weil die Münchner es schaffen die rechte Seite in das Angriffsspiel zu integrieren. Hier gewinnt Müller im Verlaufe der ersten Halbzeit immer wieder Laufduelle gegen Bartra, der nach einer gelben Karte und einem weiteren taktischen Foul deutlich zurückhaltender auftritt.

Allerdings enden viele Aktionen der Bayernspieler in Flanken. 16 Versuche schlagen sie bereits in den ersten 45 Minuten. Alle von diesen fanden keinen Abnehmer. So wird das Spiel der Münchner zwar bis zur Pause immer gefälliger, zumal die Dortmunder das strukturelle Loch im Mittelfeld nicht gänzlich aufgelöst bekommen. Thiago und Kimmich bekommen ungewohnt viele Freiheiten. Erstgenannter kommt vor dem Seitenwechsel auf 74 Ballaktionen.

Die zwingende Chance können sich die Münchner dennoch nicht erspielen. Vieles lässt sich summieren unter dem Credo Halbchancen.

So geht die Elf von Carlo Ancelotti zwar mit einer optischen Überlegenheit der letzten 15 – 20 Minuten in die Kabine, aber aufgrund der individuellen Fehler in der Anfangsviertelstunde nicht unverdient mit einem Rückstand.

Beide Trainer verzichten in der Pause auf einen Wechsel. Der BVB beginnt die zweite Halbzeit ähnlich wie die Erste. Hohes Pressing auf die Bayernabwehr bzw. das Mittelfeld und gleich wird Dortmund belohnt. Kimmich verspringt der Ball und Aubameyang kommt nach einer Flanke zu einer Kopfballchance.

In der 55. Minute zappelt der Ball zum ersten Mal auch im Dortmunder Netz. Abermals kann sich Müller auf der rechten Seite durchsetzen. In der Mitte findet sein Zuspiel Ribery. Dieser trifft mit der Hacke, aber steht deutlich im Abseits, was das Schiedsrichtergespann richtig erkennt.

Carlo Ancelotti regiert für seine Verhältnisse früh und bringt bereits in der 57. Minute Costa für Kimmich. Dadurch verändert sich das 4-3-3 der Münchner hin zu einem 4-2-3-1. Müller spielt jetzt im Zentrum hinter Lewandowski. Costa übernimmt die rechte Angriffsseite.

In der 59. Minute nähert sich der FC Bayern abermals an. Alonso setzt einen Distanzschuss aus dem linken Halbfeld mit seinem schwachen linken Fuß an das rechte obere Kreuzeck.

Die Münchner setzen in der letzten halben Stunde auf eine fünfer Offensivreihe. Alaba, Ribery, Lewandowski, Müller und Costa stehen fast auf einer Line. Thiago und Alonso mimen die Verbindungsspieler zwischen Hummels, Boateng und Lahm. Letztgenannter wurde in der 67. Minute durch Rafhina ersetzt.

Nur wenig später hält Neuer den FC Bayern im Spiel. Alonso begeht einen kapitalen Fehler im Spielaufbau, indem er den Ball Aubameyang mustergültig in die Füße legt. Dieser rennt alleine auf das Bayern-Tor zu, doch scheitert mit seinem viel zu unplatzierten Schuss an Neuer. Ancelotti reagiert umgehend und bringt in der 73. Minute Sanches für Alonso.

Den Münchnern gelingt bis zum Abpfiff aber keine weitere sinvoll vorgetragene Angriffsaktion mehr. Tuchel schafft es durch ein paar taktische Anpassungen den Wechsel von Costa nahezu verpfuffen zu lassen. Lediglich durch Halbfeldflanken kommt es noch zu Gelgenheitsaktionen. Drei Schüsse gelangen den Münchnern in den letzten 30 Minuten. Keiner davon ging aufs Tor.

So verdient sich Borussia Dortmund am Ende den Sieg. Aufgrund der klareren Tormöglichkeiten geht der Sieg vollkommen in Ordnung. Der Elf von Carlo Ancelotti wurden so deutlich wie noch in keinem Spiel in dieser Saison die Grenzen aufgezeigt. Mit dieser Niederlage verliert der FC Bayern zudem die Tabellenspitze an Leipzig.

Unter der Woche steht für die Münchner das Champions League Auswärtsspiel in Rostov an, bevor es abermals an einem Samstagabend gegen Bayer Leverkusen geht.

Stats, BVB - FCB
Die Spieldaten zum Spitzenspiel.
(Grafik: Lukas)

Drei Dinge, die auffielen:

1. Zu großer Flankenfokus

So gut die Phase zwischen der 25. – 45. Minute war, so sehr hat sie doch Bayerns größten Makel erneut aufgedeckt. Die Mannschaft von Ancelotti hat einen zu starken Flankenfokus. 16 Versuche alleine in der ersten Durchgang zeugen von einer gewissen taktischen Eindimensionalität. In der zweiten Halbzeit ergeben sich durch ein taktisch abwartendes agierendes Dortmund, dass nun die Außenbahn zwingender doppelt, noch weniger nachhaltige Versuche. Stattdessen wird auf Halbfeldflanken zurückgegriffen, die für Sokratis und Ginter aber sehr leicht zu verteidigen waren. Insgesamt 30 Flanken schlug der FC Bayern in diesem Topspiel. Keine fand ihr Ziel. Eine Anpassung fand also weder während der Partie, noch in der Halbzeit statt.

Das Dortmunder 5-3-2 in der Verteidigung bot eigentlich genau im Zentrum immer wieder Lücken an. Zumal dieses mit Schürrle und Götze recht offensivdenkend besetzt war. Den Münchner fehlt es in der jetzigen Saisonphase an einem schlüssigen Konzept den Zehnerraum effektiv zu nutzen. Ancelotti hat hier zum Teil schon mit einrückenden Außenspielern experimentiert, ist aber bisher einem nachhaltigen Konzept schuldig geblieben.

Überdies schafften es die Münchner in keiner Phase ihren Stürmer Robert Lewandowski, aber auch seinen Sidekick Thomas Müller in Abschlussaktionen zu bringen. Zusammen kamen sie zwar auf sechs Schüsse, davon fand aber keiner einen Eintrag ins Chancenheft.

Dazu beigetragen haben auch die katastrophal ausgeführten Standardsituationen. Die Eckbälle wirken wenig einstudiert und symbolisieren schon während der laufenden Saison die eigentliche Harmlosigkeit der Münchner Offensivbemühungen.

2. Umbruch früher als gedacht?

Die Wechsel des FC Bayern haben angedeutet, was den Münchnern gegebenenfalls früher als gedacht bevorsteht. Der Umbruch steht vor der Tür. Alonso und Lahm können dieser Mannschaft nicht mehr helfen. Beide versuchen zwar durch ihre Präsenz immer wieder Struktur zu geben, scheiterten dabei aber zum Teil kläglich.

Aktuell ist dies am ehesten bei Xabi Alonso zu beobachten. Beim Gegentor und in einer weiteren Szene in der 70. Minute zeigte er, wie überfordert er mit dem Tempo mittlerweile ist. Zwar blieb sein Aussetzer wie gegen Hoffenheim folgenlos, trägt aber auch nichts zur Souveränität des Teams bei.

Zudem kam es im Spielaufbau immer wieder zu eigentlich unnötigen Redundanzen zwischen ihm und Thiago. Beide neigen dazu die gleiche Position einnehmen zu wollen. Zwar hat Alonso vier Keypässe gespielt und einen Lattenschuss abgeliefert, aber richtig dominant, wie noch während seiner ersten Bayern Saison, wirkt sein Spiel nicht mehr.

Bei Lahm ist die Gemengelage schwieriger. Der sehr starke Flankenfokus – siehe Punkt 1 – benötigt eigentlich einen ebenfalls sehr aufrückenden rechten Außenverteidiger, der mit Tempo die Grundlinie beackert. Lahm kann und will dieser Spieler aktuell nicht sein. Nur noch selten schaltet er sich in das Offensivspiel mit ein, ohne aber nachhaltige Wirkung zu erzielen. Rafinha ist unter den gegeben Umständen da der effektive Spieler.

Hinzu kommen noch Spieler wie Ribery und Robben, die zwar in vereinzelten Partien noch den Unterschied ausmachen können, aber aufgrund ihrer Verletzungsanfälligkeit keine Garantie auf Siege mehr sind. Es gleicht einem Roulettespiel, ob und wenn ja welcher der beiden genannten Spieler einsatzfähig ist.

Es wird in diesen Spitzenspielen deutlicher den je, dass sich eine Ära dem Ende nähert. Vielleicht hat sich auch die Vereinsführung zu sehr von dem Gedanken infizieren lassen, dass der Kader nicht über seine Verhältnisse gelebt hat, obwohl genau dies der Fall ist.

3. Lichtblick Thiago?

An diesem Abend gab es wenig löbliches. Dennoch stach auf Seiten der Münchner Thiago einmal mehr heraus. 125 Ballaktionen, 91% Passquote und acht von neun langen Zuspielen fanden ihren Abnehmer. Thiago ist einer der wenigen Gewinner unter Carlo Ancelotti. Mit einem sehr guten Positionsspiel hat Thiago das Spiel ab der 25. Minute an sich gezogen und immer wieder gute Lösungen im Aufbau gefunden. Allerdings baute auch eher ab der 75. Minute spürbar ab und versuchte es dann mit Hilfe der Brechstange Halbfeldflanke, anstelle auf Kombinationen zu setzen.

Grundsätzlich kann man an Thiago nach wie vor kritisieren, dass es bei ihm an der letzten Torgefahr fehlt. In einem Spiel, in dem es nicht gelingt, Müller und Lewandwoski einzubinden, muss mehr Torgefahr aus dem Mittelfeld herauskommen. Thiago hat sicherlich die ein oder andere gute Möglichkeit des Nachschiebens in den Strafraum verpasst, allerdings dürfte Thiago aufgrund seines fehlerfreien Spiels und seiner pressingresistenz in den kommenden Wochen gesetzt sein.

Borussia Dortmund – FC Bayern 1:0 (1:0)
Borussia Dortmund Bürki – Ginter, Sokratis, Bartra – Weigl – Piszczek, Götze (77. Castro), Schürrle (68. Durm), Schmelzer (88. Pulisic) – Aubameyang, Ramos
Bank Weidenfeller, Sahin, Kagawa, Dembele
FC Bayern München Neuer – Lahm (68. Rafinha), Boateng, Hummels, Alaba – Kimmich (58. Costa), Xabi Alonso (75. Sanches), Thiago – Müller, Lewandowski, Ribéry
Bank Ulreich – Bernat, Badstuber, Green
Tore 1:0 Aubameyang (11.)
Karten Gelb: Bartra, Götze, Ramos / Ribéry, Sanches
Schiedsrichter Tobias Stieler (Hamburg)
Zuschauer 81.360 (ausverkauft)

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