FC Bayern schlägt Union – sogar mit eiserner Kontrolle!

Daniel Trenner 19.03.2022

Falls Ihr es verpasst habt

Die Aufstellung 

Nachdem Julian Nagelsmann zuletzt seine Aufstellung noch unverändert ließ, sah er sich nach diversen Verletzungen und Corona-Infektionen gezwungen, die Startformation zu ändern. Aus dem Hut zauberte er zwei vergessene Talente, Tanguy Nianzou und Josip Stanišić zogen in die Viererkette ein anstelle von Niklas Süle und Benjamin Pavard. Seit dem Hinrundenspiel gegen exakt dieses Union musste Stanišić auch wegen Verletzungen draußen bleiben. Sonst blieb die Elf frei von Überraschungen, Musiala begann erneut an der Seite Kimmichs, Gnabry blieb die Joker-Rolle.

1. Halbzeit

16 Minuten lang trabte das Spiel vor sich hin, bis Coman mit einer wahren Fackel das Geschehen so richtig aufweckte. Von links legte Coman den Ball wie bekannt aus dem Stand nach rechts und setzte ansatzlos zum Schuss an. Luthe entschloss sich fatalerweise für eine Parade mit nur einer Hand – den gewaltigen Flatterschuss konnte er so nicht abblocken – 1:0.
Union kam daraufhin zu zwei Großchancen, zwang einmal gar Neuer zu einer Weltklasseparade nach einem Freistoß. Doch wie so oft im Fußball hieß es auch an diesem Tag: Machst du deine Standards vorne nicht rein, kassierst du sie hinten. Kimmich schlug eine Ecke von rechts mit Schwung in den Fünfmeterraum, wo Tanguy Nianzou in bester Mats-Hummels-Manier sein Kopfballduell gewann und einnickte. Es war sein erstes Tor für den FC Bayern.

In der Folgezeit taten die Bayern etwas, was sie schon monatelang nicht mehr geschafft hatten: Sie kontrollierten ein Fußballspiel. Union wurde konsequent abgeschirmt, während man selbst auf kontrollierter Sparflamme versuchte anzugreifen. Diese verloren geglaubte Taktik wurde kurz vor Halbzeitschluss auch mit Erfolg bedacht: Lewandowski witterte bei einer Jaeckel-Kopfballablage zum Keeper seine Chance, sprintete dazwischen und wurde von Luthe nonchalant gefällt. Wie immer blieb der Pole vom Punkt eiskalt – die Bayern führten zur Pause mit 3:0.

2. Halbzeit 

Kaum ging das Spiel weiter, netzte Lewandowski erneut ein. Der bis dahin blasse Müller öffnete herausragend für Musiala, der nur noch zum Polen querschieben musste – 4:0.

In der 61. Minute erlöste Nagelsmann seinen gelbrot-gefährdeten Musiala und brachte Marcel Sabitzer. Kurze Zeit später wich auch Dosenöffner Coman für Gnabry. Das Spiel war gelaufen und trudelte nur noch vor sich hin. Union bekam noch zwei Szenen, wo man gut über Elfmeter diskutieren konnte, viel zwingendes war aber nicht dabei. Die Bayern wirkten gefestigt. In der 75. Minute gönnte Nagelsmann seiner Bank noch einen Dreifachwechsel: Choupo-Moting, Roca und Tolisso kamen für Müller, Kimmich und Sané. Es blieb aber ereignisarm, so pfiff Osmers das Spiel pünktlich ab – der Abstand auf Borussia Dortmund bleibt so mindestens gleich.

Dinge, die auffielen:

1. Kontrolle? Bei einem Bayern-Spiel?!

Mitte der ersten Halbzeit rieb sich Fußball-Deutschland schockiert die Augen: Die Bayern versuchten sich an einer innovativen Taktik, welche doch eigentlich schon längst vergessen zu sein schien: Spielkontrolle. Anstatt einfach kopflos trotz Zwei-Tore-Führung das Heil in der Offensive zu suchen, um sich so ein bis drei Kontertore einzufangen, rationierten sie ihren Offensivgang und liefen nicht ins offene Messer. Das Ergebnis war, dass Union nach der kurzen Phase mit drei guten Chancen kaum noch vorne Akzente setzen konnte. Erst als Bayern schon lange mit vier Treffern führte, kamen weitere Chancen und nicht gegebene Elfmeterszenen dazu.

Alles in allem war es zwar womöglich nicht die beste, aber wohl reifste Leistung des FC Bayerns in diesem Jahr. Der Mittelgang zwischen absoluter Total-Offensive und Mauern ist für ein Team wie die Bayern brutal wichtig. Unter Guardiola und in diversen Phasen unter Heynckes beherrschte das Team diese Kunst wie kaum eine andere Fußballmannschaft, doch bei Flick und Nagelsmann entglitt diese Fähigkeit, ein Team mürbe zu spielen, mürbe zu kontrollieren, völlig.

Kein Zufall, dass die Bayern hier seit längerem mal wieder gegentorlos blieben. So abgedroschen es auch klingen mag: Aber so wird man tatsächlich Meister. Und vielleicht ja sogar noch ein bisschen mehr.

2. Nianzou und Stanišić überzeugen auf ganzer Linie

Tanguy Nianzou und Josip Stanišić waren beide lange Zeit aus diversen Gründen weit von der Startelf entfernt. Doch durch diverse unglückliche Zufälle ihrer Kollegen konnten sie nun beide gemeinsam ihr Comeback feiern und überzeugten auch komplett. Heruntergebrochen auf ein Wort lässt sich ihre Leistung wohl mit dem Wort “reif” gut beschreiben. Trotz ihres jungen Alters war da wenig dummes dabei, alles wirkte durchdacht. Wenn Nianzou und Stanišić nach vorne verteidigen mussten, taten sie es, wenn insbesondere Nianzou die Kette halten musste, tat er das. Natürlich war viel Sicherheit dabei, doch das ist beim kopflosen Harakiri der Bayern sonst ja auch gar nicht so schlimm.

Stanišić konnte Pavard komplett vergessen machen und wird womöglich auch in den nächsten Wochen mehr Möglichkeiten bekommen, dem oft blassen Franzosen Beine zu machen. Nianzou überzeugte derweil sogar als Torschütze. Heute konnte er Süle, Pavard und in der Innenverteidigung Hernández gut ersetzen. Er stützte sogar den oft instabilen Upamecano, der ebenfalls sicher spielte. Mit dieser Leistung muss Nianzou sich auch vor keinem verstecken. Nicht nur wegen der ständigen Abwehrprobleme gehört er in die Rotation.

3. Lewandowski weiter unbedrängt auf Kurs Golden Shoe

Lange Zeit hatte die Bundesliga mit der Vergabe des Goldenen Schuhs gar nichts zu tun. Bayern holte zwar mit Roy Makaay und Luca Toni zweimal den Gewinner des besten Torschützen der europäischen Ligen, doch hierzulande gewann zuletzt -wer auch sonst- Gerd Müller den Preis. Bis Lewandowskis letzte Saison kam. Doch seine astronomische letzte Saison läuft gerade Gefahr seine aktuelle kaum minder galaktische als etwas selbstverständliches dastehen zu lassen. 31 mal hat er nun bereits genetzt, heute gleich wieder doppelt. Das sind zwar vier Treffer weniger als zum selben Zeitpunkt letztes Jahr, doch musste er da nun in eine Verletzungspause gehen. Neun Treffer in nun sechs Spielen fehlen ihm um erneut die Schallmauer der 40 Tore zu knacken. Knifflig, aber machbar. Der Rennen um den Goldenen Schuh ist derweil bereits entschieden, Lewandowski zieht seine Kreise alleine. Und doch merkt man von all dem gar nicht so viel. Das überirdische scheint selbstverständlich geworden zu sein. Doch das ist es nicht. So oft er auch gefeiert wird, Lewandowski ist alles andere als selbstverständlich.