Ein nächster Schritt zum Titel

Maurice Trenner 06.06.2020

Fast schon traditionell tut sich der FC Bayern bei der Werkself schwer. Nur eins der letzten fünf Auswärtsduelle mit dem Pharma-Team konnte man gewinnen. Letzte Saison unter Niko Kovač lief man nach 1:0-Führung ins offene Messer und verlor 1:3. Auch in der Hinrunde zeigte die Mannschaft von Peter Bosz, dass sie die Münchner ärgern kann.

Falls ihr es verpasst habt

Die Aufstellung

Wenige Überraschungen beim Tabellenführer. Hansi Flick blieb sich treu und wechselt nur sporadisch. Boateng ersetzte Hernández in der Innenverteidigung, ansonsten durfte die Mannschaft auflaufen, die in der Vorwoche Düsseldorf dominiert hatte. Für den genesenen Thiago, der noch Trainingsrückstand hatte, blieb nur ein Platz auf der Bank.

Für Bayer-Fans hingegen gab es kurz vor Anpfiff eine echte Schockmeldung. Der in der Rückrunde überragende Kai Havertz musste mit Knieproblemen passen. Er wurde im Sturm durch Alario vertreten. Nationalverteidiger Tah wurde durch Tapsoba ersetzt. Zudem spielten Diaby und Bellarabi für Sinkgraven und Talent Wirtz. Durchaus eine angriffslustige Aufstellung des Niederländers.

Die erste Halbzeit

Anders als viele Teams versuchten die Leverkusener zu Beginn nicht durch aggressives Pressing den Münchner Spielaufbau zu stören, sondern warteten bis zur Mittellinie, um die Bayern-Spieler dann zu attackieren. Durch die Aufstellung mit verkappter Fünferkette, waren die Wing Backs Amiri und Bailey oft auch defensiv gegen Gnabry und Coman gefragt. 

Dennoch wurde Leverkusen immer aktiver. Und in der neunten Minute ging die Heimelf in Führung. Nach einem Einwurf spielten die Münchner auf Abseits, aber der Pass von Baumgartlinger auf Alario erfolgte genau richtig. Auch eine Überprüfung durch den VAR hielt die Entscheidung stand. Ein früher Rückschlag für den Rekordmeister. Der früheste Gegentreffer seit dem Spiel in der Hinrunde.

Nach dem Treffer wurde die Werkself etwas aggressiver und presste in höheren Zonen. War das Pressing aber überspielt, zogen sie sich aber zurück und machten das Zentrum dicht. Vor der Fünferkette agierte man dabei relativ variabel. Die Münchner fanden nur langsam die Lücken in dieser Verteidigung.

Doch diese Lücken wurden zunehmend größer. Gerade in Umschaltsituationen waren die Gäste gefährlich. Einmal stand Müller im Abseits, ein anderes Mal konnte er einen langen Ball von Boateng nicht verarbeiten. In der 27. Minute gewann Goretzka den Ball im Mittelfeld und schickte Coman steil. Der Franzose war der Abwehr im Rücken entlaufen und blieb vor Hradecky cool. Der verdiente Ausgleich.

Nach etwas über einer halben Stunde zeigte Gräfe, der zuvor mit gelben Karten sparte – gerade Bellarabi hätte sich über eine frühe Verwarnung nicht beschweren durfte – innerhalb von zehn Minuten Lewandowski und Müller den Karton. Für beide war es die fünfte gelbe Karte der Saison. Dadurch fehlen der Ausnahmestürmer sowie der vielleicht beste Bayer der Rückrunde im Top-Spiel gegen Gladbach nächste Woche. Kurz danach wurde auch Bellarabi verdientermaßen ermahnt.

Umso wichtiger sollte ein Sieg für die Münchner heute sein. Nach einer Ecke der Leverkusener laufen die Bayern einen Gegenangriff. Als sich die Heimelf schon fast wieder sortiert hatte, schloss Goretzka aus der zweiten Reihe ab. Seinen Flachschuss konnte Hradecky nicht abwehren. Der Tabellenführer hatte das Spiel gedreht (42.).

Vor dem Pausenpfiff hatte Gnabry noch eine Doppel-Chance. Der deutsche Nationalspieler konnte komplett frei auf Hradecky zulaufen, scheiterte doch im Eins-gegen-Eins. Keine Minute später machte er es besser. Ein weiterer langer Ball von Kimmich erreicht Gnabry, der den Ball über den Torhüter hob (45.). Innerhalb von wenigen Minuten war Leverkusen in sich zusammengefallen.

Die zweite Halbzeit

Nach der Pause ließ Bosz direkt dreifach wechseln. Wirtz, Demirbay und Wendell kamen für Bailey, Amiri und Bellarabi. Das Experiment mit dem Jamaikaner als linker Wingback wurde nach 45 Minuten also abgebrochen. Dadurch stellte sich Leverkusen nun mit klassischer Viererkette auf.

Leverkusen war nun bemüht wieder aktiver am Spiel teilzunehmen. Dennoch kamen die Bayern immer wieder zu gefährlichen Aktionen, wenn sie es schafften im Konter mit Tempo die Hausherren anzulaufen. Nach 50 Minuten streifte Müllers Schuss nur knapp am rechten Pfosten vorbei.

Die Münchner kontrollierten nun die Partie und erspielten sich nach wie vor kleinere Chancen. Nach einer Stunde wechselte Bosz bereits zum vierten Mal und brachte Paulinho für Baumgartlinger. Doch Chancen erspielte sich die Werkself nicht wirklich. Vielmehr war es Gnabry, der ein 4:1 nach toller Vorarbeit von Coman verpasste.

Besser machte es aber Lewandowski (65.). Erneut versetzte ein langer Ball die Hausherren in Unruhe. Müller flankte von rechts und ein spät einrückender Lewandowski köpfte ein. Für den Polen der 30. Saisontreffer. Für den Deutschen die 20. Vorlage. Für die Bayern der 90. Torerfolg. Während die Spieler noch jubelten, wechselte Flick erstmals und brachte Perišić für den starken Coman.

Auf Seiten der Roten feierte Thiago dann noch sein Comeback. Der Spanier kam für Goretzka in die Mannschaft. Zeitgleich kam auch Martínez in die Partie. Gnabry verließ den Rasen (73.). Auch bei Bayer gab es noch ein Comeback. Kevin Volland wurde nach 76 Minuten eingewechselt.

Auf beiden Seiten gab es noch vereinzelte Torchancen. Als alle schon auf den Abpfiff warteten, tänzelte Bayers Top-Talent Wirtz mit Hernández Salsa und schloss sehenswert ins lange Eck ab (89.). Für ihn war es der erste Bundesligatreffer. Das 4:2 markierte dann aber den Endstand. So viele Tore hatte Bayern zuletzt 2005 in Leverkusen erzielt. Damals traf Makaay dreifach.

(Foto: Matthias Hangst/Getty Images)

Für beide Teams geht es unter der Woche im DFB-Pokalhalbfinale weiter. In der Liga steuert man weiterhin souverän auf den Titel zu. Das inoffizielle Ziel von 100 Saisontoren scheint ebenfalls machbar. 

Vier Dinge, die auffielen

1. A (Co)man on a mission

Die Angriffsmaschinerie der Münchner läuft. Der Rekordmeister ist auf dem Weg zu 100 Saisontoren. Doch gerade in der Rückrunde war dies selten der Verdienst der offensiven Flügelstürmer. Coman und Gnabry setzten zwar ihre Akzente und waren auch im Spiel gegen den Ball aktiv, doch nach dem Wiederstart warteten beide noch auf einen eigenen Treffer.

Heute war besonders bei Coman von Beginn an zu sehen, dass der Franzose für das Spiel andere Pläne hatte. Bereits nach einer halben Stunde hatte er drei Torschüsse. Einer davon sorgte für den Ausgleich. Dieser fiel im direkten Duell gegen Torhüter Hradecky. Gerade eine Situation in der Coman sonst schon häufig die Nerven versagt hatten. Nicht aber heute.

Ein wichtiger Aspekt an dem starken Auftritt war, dass Flick bereits nach wenigen Minuten Gnabry und Coman die Seiten tauschen ließ. Auf der linken Seite, auf der Coman seine besten Spiele im Münchner Dress absolvierte, bildete der 23-Jährige ein D-Zug-Duo mit dem schnellen Davies. Für Amiri war dies eins ums andere Mal zu viel.

2. Lange Bälle ohne Ende

Lange Bälle hinter die Verteidigungslinie der Leverkusener waren wohl im Matchplan von Hansi Flick dick unterstrichen gewesen. Gerade wenn sich die Heimmannschaft defensiv etwas höher positionierte, suchten die Bayern-Spieler in der Zentrale immer wieder den langen Ball. Bereits zur Halbzeit hatten Alaba und Boateng je sieben, Kimmich fünf solcher Pässe versucht. Von diesen 19 Versuchen kamen 14 an. Gerade Boateng spielte Pässe wie zu seinen besten Zeiten, während Alaba so langsam auch einen echten Gefallen an diesen genau platzierten Bällen gefunden hatte. 

Doch zu einem Pass gehört auch immer ein Empfänger. Die Läufe der offensiven Dreierreihe der Münchner (Gnabry, Coman und Müller) gingen immer wieder in die Tiefe und in den Rücken der Werkself. Besonders ab Mitte der ersten Hälfte ergaben sich so Chancen im Minuten-Takt. Kein Wunder, dass so auch das 1:1 und 1:3 fielen.

Zwei Faktoren spielten den Gästen hierbei jedoch in die Karten. Zum einen war Bailey mit seiner Rolle als Wingback besonders in diesen Szenen überfordert. Immer wieder war er überrascht, wenn ein Spieler ihm enteilte, während er den ballführenden Spieler noch beobachtete. Zum anderen ließ sich die Elf von Bosz eins ums andere Mal entblößen und stand ohne Absicherung da. 

3. Ohne Zwei zum Top-Spiel

Ganze 59+1-Torbeteiligungen in der Bundesliga fehlen den Münchnern nächste Woche im Top-Spiel gegen Borussia Mönchengladbach. Sowohl Thomas Müller als auch Robert Lewandowski sahen ihre jeweils fünfte gelbe Karte in dieser Saison. Beide Aktionen waren unnötig, Müller bekam Gelb für das Nichteinhalten von Abstand, während Lewandowski seine Verwarnung wegen Meckerns erhielt. Für den deutschen Nationalspieler ist es übrigens die erste Gelbsperre seiner Karriere.

Es wird spannend zu sehen sein, wie Flick den Verlust seiner zwei Leistungsträger im eventuell vorentscheidenden Spiel um die Meisterschaft auffangen wird. Denkbar wäre es Thiago neben Kimmich ins Zentrum zu stellen, Goretzka auf die Zehn vorzuziehen und Zirkzee eine Chance in der Sturmspitze zu geben. Mit dem physischen Zirkzee könnte man eine ähnliche Ausrichtung beibehalten. Fraglich aber, ob Flick den Youngster ein Top-Spiel im Rampenlicht schon zutraut. 

Genauso denkbar scheint es jedoch auch Gnabry in die Neuner-Rolle zu stecken. Diese Position bekleidete er schon mehrfach in der Nationalmannschaft. Perišić könnte ihn dann auf der Außenbahn ersetzen. In diesem Fall würde jedoch ein Zielspieler für lange Bälle fehlen. Diese Rolle könnte theoretisch Goretzka befüllen, der dann auf einen durchstartenden Gnabry ablegen könnte. 

Sicherlich wird sich Flick bereits im Kopf einen ersten Plan zurechtlegen, den er dann bis 18:30 Uhr am nächsten Samstag verfeinert.  

4. Passives Ende

Mit der komfortablen 4:1-Führung im Sack und der englischen Woche im Hinterkopf, schalteten die Roten mindestens zwei Gänge zurück. Dadurch ließen sie in der Phase ab der 65. Minute die Souveränität vermissen. Am Ende stand sogar eine ausgeglichene Ballbesitzstatistik, obwohl man zur Halbzeit noch 60 % Ballbesitz zu Buche stehen hatte.

Die Abwägung hier ist durchaus interessant. Ist dieses Zurücknehmen von Flick geplant? Sein Vorgänger Kovač hatte ja immer wieder davon gesprochen, dass seine Mannschaft diese Ruhephasen benötigt und sich auch bewusst nimmt. Gefährlich wird das natürlich, wenn man dadurch einen Gegner unnötig ins Spiel zurückholt und selbst nicht wieder schnell genug die alte Souveränität ins Spiel bekommt.

Zudem ist es fraglich, ob das Verteidigen der Leverkusener Passstafetten schonender ist als selbst den Ball laufen zu lassen. Ein gewisser Pep Guardiola war hier in der Vergangenheit anderer Meinung. Festzuhalten ist auf jeden Fall, dass man sich dadurch unnötige Gegentore einfangen kann, wie der Treffer von Wirtz auch direkt belegte.

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