FC Bayern München 1:1 Eintracht Frankfurt: U-lian Nagelsmann findet keine Lösung

Justin Trenner 28.01.2023

Julian Nagelsmann und der FC Bayern München standen vor der Partie gegen Eintracht Frankfurt in der Bundesliga massiv unter Druck. Nach zwei Unentschieden zum Beginn des Pflichtspieljahres und Siegen der Konkurrenz musste der Rekordmeister drei Punkte holen, um den Vorsprung in der Tabelle komfortabel zu halten.

Die große Frage war im Vorfeld, wie viel sich an der Startaufstellung ändern würde. Weil Leon Goretzka abermals ausfiel, wurde Nagelsmann zu mindestens einer Änderung gezwungen.

Falls Ihr es verpasst habt:

Nicht Ryan Gravenberch, sondern Thomas Müller stand von Beginn an auf dem Platz. Der FCB-Trainer begründete seine Entscheidung vor allem damit, dass Müller mit seiner Erfahrung aktuell ein wichtiger Anker sei und er dies in einem langen Gespräch mit Gravenberch erklärt habe.

Doch der 35-Jährige ging noch weiter: Josip Stanisic ersetzte Benjamin Pavard und Kingsley Coman rückte für Serge Gnabry in die ersten Elf. Auf dem Feld entstand durch diese sehr offensive Besetzung eher ein 4-1-4-1 als ein 4-2-3-1. Müller und Jamal Musiala waren darum bemüht, Joshua Kimmich im Mittelfeldzentrum abwechselnd zu unterstützen.

Eintracht Frankfurt startete im 3-4-2-1 mit Kolo Muani in der Spitze und Mario Götze sowie Jesper Lindström auf den Halbpositionen. Hinten rückte Makoto Hasebe für den zuletzt starken Hrvoje Smolcic in die Aufstellung.

1. Halbzeit: FC Bayern sucht weiter den Rhythmus

Das Spiel begann wie erwartet auf Augenhöhe. Bayern hatte mehr Ballbesitz, Frankfurt lauerte auf Umschaltsituationen. Zunächst hatten die Münchner eine kleine Chance durch Sané, der sich den Ball zu weit vorlegte, dann kam die SGE zu ihren ersten Halbmöglichkeiten.

Dann flachte die Partie spürbar ab – zumindest bis Yann Sommer aus seinem Kasten kam und die gelbe Karte für ein vermeintliches Foul kassierte (26.). Allerdings spielte der Schweizer klar den Ball. Die ersten guten Möglichkeiten ergaben sich für den FCB nach gut 30 Minuten, als Eric Maxim Choupo-Moting zunächst auf der halbrechten Seite auf Müller ablegte und dessen Schuss abgeblockt wurde. Wenige Sekunden später war es wieder Müller, der aus guter Position zum Abschluss kam. Diesmal parierte Kevin Trapp.

Die Bayern kamen nun in Fahrt, setzten sich in der Hälfte der Frankfurter fest. So auch in der 34. Minute, als die Münchner mit etwas Glück, vor allem aber mit Willen den Ball mehrfach behauptet haben und auf die rechte Seite zu Müller verlagerten. Statt den Ball blind in die Mitte zu schlagen, hatte der Kapitän aber das Auge für Leroy Sané im Rückraum und der schloss überlegt zur Führung ab.

Dayot Upamecano (37.) und Sané (41.) hatten weitere Abschlüsse für die Bayern und es blieb bei der knappen und verdienten 1:0-Führung. Richtig begeisternd war der Auftritt abermals nicht.

2. Halbzeit: Träge und ideenlos – FC Bayern erneut zu harmlos

Ohne personelle Änderungen ging es in die zweite Halbzeit. Auch fußballerisch änderte sich wenig. Bayern fehlte der letzte Punch in der Offensive und Frankfurt konnte aus Ballgewinnen zu wenig machen. Nach gut einer Stunde hatten die Gastgeber eine Dreifachchance zum 2:0 – scheiterten jedoch kläglich. Immerhin: Wegen eines Handspiels von Musiala hätte ein Treffer wohl nicht gezählt.

Bayern lief an, Bayern bemühte sich, doch Frankfurt erzielte mit der ersten ernstzunehmenden Chance den Ausgleich. Ein Konter entblößte die komplette Defensive der Münchner und am Ende schoss Kolo Muani aus spitzem Winkel ein (70.).

Nagelsmann brachte direkt im Anschluss Ryan Gravenberch und Serge Gnabry für Kingsley Coman und Leroy Sané. Eine Veränderung war nicht zu bemerken. Frankfurt kam in der Schlussphase sogar zu weiteren guten Offensivaktionen, während die Münchner kaum zum Abschluss kamen. Und so blieb es beim dritten Bundesliga-1:1 in Serie.

Dinge, die auffielen:

1. Erfahrung statt Talent

Die Aufregung in den sozialen Netzwerken war groß, als die Aufstellung des FC Bayern bekannt wurde. Kein Gravenberch, dafür Müller. Obwohl der Niederländer eine starke Leistung gegen Köln zeigte, bekam er nicht die Chance, es gegen Frankfurt zu bestätigen. Nagelsmann, angetreten als Trainer, der die jungen Spieler an der Säbener Straße mehr fördern soll, blieb nicht zum ersten Mal entsprechende Taten schuldig.

Auf die gesamte Amtszeit des ehemaligen Leipzig-Trainers gesehen, ist die Ausbeute für die jungen Talente eher dürftig. Die Gründe dafür sind vielfältig und längst nicht alle bei Nagelsmann zu finden. Einst kritisierte dieser sogar die Einstellung der jungen Spieler öffentlich und machte so seine Unzufriedenheit deutlich. In diesem Winter gab es dann wiederum explizites Lob.

Gravenberch zeigte jetzt mehrfach, dass er weit genug ist. Aber der Niederländer hat, wenn man sich seine Situation mit etwas Ruhe und Distanz ansieht, auch viel Pech gehabt. Da war die starke Form von Marcel Sabitzer zum Saisonstart, die ihm in seiner Eingewöhnungszeit mehr Spielzeit verwehrte. Und da ist jetzt eine kleine Ergebniskrise, in der Nagelsmann sich in einem Spitzenspiel eben für Erfahrung entschieden hat.

Nachvollziehbar. Der Vergleich zu Louis van Gaal ist schnell gemacht. Einst setzte der Niederländer junge Spieler wie Müller oder Holger Badstuber ein, ohne sich groß einen Kopf über die möglichen Folgen zu zerbrechen. Der FC Bayern war damals aber auch ein anderer Klub. Die Erwartungshaltung war eine andere.

Die letzte Dekade hat diese in München derart in die Höhe getrieben, dass man als Trainer fast nur unter der Messlatte ins Ziel einlaufen kann – egal, was man tut. Nagelsmann weiß darum, dass jedes schlechte Ergebnis seinen Namen auf die Titelseiten der Zeitschriften und Medienportale bringt. Insofern muss er sich in so einer Situation eben gut überlegen, ob er auf einen Müller verzichtet, um Gravenberch eine Chance zu geben.

Bei allem berechtigten Lob für seine Leistung gegen Köln: Die Sterne vom Himmel gespielt hat er auch nicht – was nicht als Kritik, sondern als nüchterne Einschätzung zu werten ist. Was Nagelsmann aber zweifellos lernen muss, ist, dass er sich auf Pressekonferenzen nicht zu weit aus dem Fenster lehnt. Dort hatte er noch wenige Stunden vor Anpfiff angekündigt, dass es “sehr gut” für Gravenberch aussehe. Nun saß er auf der Bank. Die Erklärungsnot hätte er sich mit klüger gewählten Worten sparen können. Was die Entscheidung an sich angeht, muss Nagelsmann sich aber nichts vorwerfen lassen. Er ist eben beim FC Bayern und nicht mehr in Hoffenheim oder Leipzig.

2. U-lian Nagelsmann?

Wer sind Sie? Und was haben Sie mit Julian Nagelsmann gemacht? Plötzlich sitzt da ein gewisser Ulian Nagelsmann auf der Bank. Denn die Bayern spielen in diesem Jahr einen anderen Fußball. Vom Nagelsmann’schen Zentrumsfokus ist nicht mehr viel übrig. Stattdessen geht es viel über die Flügel. Auch die 1:0-Führung wurde nach einer “U”-Kombination auf den rechten Flügel erzielt.

In den meisten Fällen aber raubt diese Ausrichtung den Bayern drei wesentliche Stärken des letzten Jahres: Gegenpressing, Dynamik und Tempo. Das starke Gegenpressing und die damit verbundene Defensivstärke ergaben sich aus vielen, gut gestaffelten Spielern in der Spielfeldmitte. Wurde der Ball verloren, kam Bayern schnell in gute Drucksituationen. Jetzt gibt es sowohl vertikal als auch horizontal zu große Abstände.

In Sachen Dynamik haben die Münchner ebenfalls abgebaut, weil sie im Spielaufbau kaum noch zwischen die Linien kommen. Zwar haben Müller und Musiala mehrfach versucht, sich dort anzubieten, meist aber erfolglos. Natürlich hat Frankfurt das kompakt und gut verteidigt, doch Bayern fand dafür auch in der Vergangenheit Lösungen. Stattdessen ging es aber früh auf die Außenbahnen. Dort wurden die Bälle zu leicht verloren, weil von dort ebenfalls kein Weg ins Zentrum gefunden wurde. Die berüchtigten Steil-Klatsch-Spielzüge der Nagelsmann-Bayern? Eine Seltenheit!

Und die fehlende Dynamik mündet schließlich in fehlendes Tempo. Wer keine Optionen hat, muss den Ball schleppen und halten. Dadurch fehlte auch gegen Frankfurt mehrfach der Druck im letzten Drittel. Ballgeschiebe gab es zu Genüge, aber druckvolle Angriffe fehlen dieser Tage. Es ist bemerkenswert, dass diese für Nagelsmann sonst so prägsame taktische Komponente – nämlich der Zentrumsfokus – kaum noch zu beobachten ist. Selbst die Außenverteidiger rücken nicht mehr so oft ein – und wenn doch, dann nicht so weit, wie es Kimmich und das Gegenpressing manchmal bräuchten.

Auch Julian Nagelsmann sprach nach der Partie bei Sky an, dass ihm das aktuell nicht gefällt: „Wir spielen fast alles nur über die Flügel, bringen keinen einzigen Ball zu den gefährlichen Spielern vorne.“ Es zeigt eine gewisse Ratlosigkeit, die sich womöglich auch in der Form einzelner Spieler begründet, die über den Winter stark abgebaut haben. Immerhin scheint es aber kein vorgegebener Paradigmenwechsel zu sein.

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3. Standards

In der 55. Minute hat sich Kimmich gerade darauf vorbereitet, eine Ecke in den Frankfurter Strafraum zu treten. Zufrieden war er mit der Ballposition aber nicht, also ging er zwei, drei Schritte nach vorn und veränderte diese um wenige Millimeter. Gebracht hat es nichts. Das Leder flog auf den ersten Pfosten und wurde dort geklärt.

Vor der Saison kam Matthijs de Ligt – mit dem Versprechen, das eine oder andere Tor zu erzielen. Bisher traf er einmal. Liegt es an ihm? Liegt es an Kimmich? Eine Ferndiagnose fällt schwer, doch Einzelne trifft die Schuld wohl nicht. Denn Bayerns Kollektivverhalten wirkt bei vielen Standardsituationen schläfrig, wenig strukturiert und einfallslos. Mit Zahlen lässt sich dieser Eindruck weder bestätigen noch widerlegen.

Sechs Treffer haben die Bayern bisher nach Standards in der Bundesliga erzielt – ligaweit Platz sechs. Allerdings hat der FCB auch deutlich mehr Standards als andere Teams. Mit dem Potential einiger kopfballstarker Spieler und feiner Techniker sollte mehr möglich sein. Doch gelingen will es dem Serienmeister nicht.

Übrigens gilt das Problem auch für die Defensive. Dort erzielte der 1. FC Köln einen Treffer nach einer Ecke, indem sie den zweiten Pfosten überladen haben. Frankfurt kam so gleich mehrfach zu einer Chance. Was offensiv nicht funktioniert, ist defensiv derzeit ein Problem.

4. Doch ein Lewandowski-Problem?

Analog zum Saisonstart hat der FC Bayern aktuell eine Phase, in der er die Spiele zwar nicht verliert, aber eben auch nicht gewinnt. In der Vergangenheit war Robert Lewandowski der Mann für die entscheidenden Tore, um auch die vielen engen Duelle zu gewinnen. Ein solcher Spieler fehlt nun.

Ja, das Lewandowski-Thema strapaziert die Nerven der Fans. Doch mittlerweile sind es sieben Unentschieden aus 18 Bundesliga-Partien. Es scheint, als hätte Bayern die Qualität verloren, auch enge Spiele konstant für sich zu entscheiden.

Die Gründe dafür sind sicher vielfältig und nicht allein bei Lewandowski zu suchen, der mittlerweile für den FC Barcelona auf Torejagd geht. Der Pole aber ist gewiss ein Puzzleteil, das der Rekordmeister verloren hat. Insbesondere dann, wenn Choupo-Moting nicht mehr die irren Zahlen liefern kann, die er im Herbst vorgelegt hat. Fakt ist aber auch, dass die Probleme aktuell weit gefächert sind und schon weit vor dem Angriff beginnen.

Als nächstes geht es gegen den FSV Mainz 05 im Pokal – auswärts. Ein Spiel, das den Münchnern selten lag. Es braucht einen ähnlichen Knotenlöser wie zu Beginn der Saison. Angesichts der starken Gegner nach einer langen Pause und auch mit den Verletzungen im Hinterkopf gibt es einige Gründe dafür, dass der Rhythmus aktuell nicht passt. Der FC Bayern hat solche Phasen in der Vergangenheit oft gehabt und sich recht schnell wieder gefangen. Das muss nun aber zwingend im nächsten Spiel passieren. Und der Weg ist ein anderer als zu Saisonbeginn. Damals war es eine Ergebniskrise, diesmal eine, die vor allem fußballerischer Natur ist. Scheidet man gegen Mainz aus, wird sie schnell zu einer umfassenden Krise.