Deutschland im Check: Wie startet der DFB in die WM 2026?
Das größte Fußballturnier der Welt hat begonnen. Nach den ersten Duftmarken einiger Teams, etwa dem starken Auftritt der USA gegen Paraguay, wartet man hierzulande gespannt darauf, wie die deutsche Nationalmannschaft in die WM 2026 startet.
Bundestrainer Julian Nagelsmann lässt sich bekanntlich nie vollständig in die Karten schauen. Auch in der Vergangenheit traf er immer wieder Entscheidungen, über die diskutiert wurde oder mit denen im Vorfeld kaum jemand gerechnet hatte.
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Entsprechend ist auch bei dieser Ausgabe des Wettbewerbs innerhalb der deutschen Mannschaft noch nicht alles in Stein gemeißelt. Das Fehlen einer klaren ersten Elf während der Vorbereitung wurde nicht nur von Bayern-Patron Uli Hoeneß kritisiert. In den vergangenen zehn Spielen standen neun unterschiedliche Startformationen auf dem Platz.
Auch jetzt sind einige Positionen und taktische Fragen noch nicht endgültig geklärt. Das gibt Miasanrot die Möglichkeit, darüber zu spekulieren und zu analysieren, wie Curaçao am Sonntagabend bespielt werden könnte.
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WM 2026: Deutschland im vereinstaktischen Korsett
Im taktischen Ansatz der deutschen Nationalmannschaft kommt deutlich der Vereinstrainer an der Seitenlinie zum Vorschein. Deutschland verfolgt eine relativ klare Marschroute, die mal mehr und mal weniger gut funktioniert. Vor allem aber ist Nagelsmann bekannt dafür, immer kleine Detailanpassungen vorzunehmen, die im Klubfußball üblicher sind als bei Nationalteams – was auch gern mal zu Kritik führt.
Im Spielaufbau wird Joshua Kimmich trotz seiner veränderten Position prominent eingebunden. Der Rechtsverteidiger rückt häufig ins Zentrum ein, erhält dort den Ball und verteilt ihn aus zentraleren Räumen. Mit dem spielstarken Nathaniel Brown kann man ähnliche Bewegungen vermehrt auch auf der linken Seite beobachten.
In der Offensive setzt Deutschland auf eine sehr flexible Positionsbesetzung. Das entspricht nicht nur dem taktischen Trend einiger Topteams wie Paris Saint-Germain, sondern passt auch gut zu den individuellen Fähigkeiten der DFB-Spieler. Durch das aggressive Anlaufverhalten sollen gezielt dynamische Angriffsaktionen erzeugt werden, aus denen die Mannschaft anschließend Kapital schlagen kann. Nagelsmann lässt offensiv und mit vielen frühen Pressingmomenten spielen.
Laufwege müssen automatisiert und die defensiven Abläufe perfekt aufeinander abgestimmt werden, daran arbeitet Nagelsmann jetzt schon länger und puzzelte mit seinem Personal an den Details. Dank der vielen spielintelligenten Akteure und eines taktisch versierten Trainers hatte Deutschland zuletzt aber eine starke Phase. Vor allem offensiv funktioniert der Ansatz phasenweise sehr gut. Die Frage bleibt, ob sich die defensive Abstimmung im Laufe des Turniers weiter verbessern kann.
Selbst schwächeren Gegnern gelang es in der Vergangenheit mehrfach, die deutsche Defensivordnung durch schnelle Umschaltsituationen vollständig auseinanderzunehmen. In der Gruppenphase dürfte die Mannschaft allerdings noch etwas Zeit bekommen, ihre Abläufe zu verfeinern.
Durch den neuen Turniermodus und die vergrößerte Weltmeisterschaft könnte bereits ein hoher Sieg gegen Curaçao ausreichen, um sich am Ende für das Sechzehntelfinale zu qualifizieren. Der muss aber auch erstmal gelingen. Ein weiteres Vorrundenaus wäre aber ein kaum vorstellbarer Super-GAU.
Deutschlands WM-Kader im Check
Disclaimer: Vor der Verletzung von Karl.
Wer übernimmt die noch vakanten Positionen in der Offensive von Deutschland?
Trotz der Kritik an den zahlreichen Rotationen haben sich in den vergangenen Testspielen einige Akteure herauskristallisiert, deren Startplätze weitgehend sicher sein dürften. Auf wenigen Positionen ist jedoch noch offen, wer die Mannschaft komplettiert. Besonders im Angriff gibt es mehrere mögliche Kombinationen.
Als Referenz können die Vorbereitungsspiele gegen Finnland und die USA sowie die beiden Tests im März dienen, in denen Deutschland Ghana und die Schweiz besiegte. Besonders interessant ist die Frage: Wer spielt im Sturm? Auf dieser Position kamen zuletzt drei unterschiedliche Angreifer zum Einsatz: Nick Woltemade, Deniz Undav und Kai Havertz.
Als aktueller Favorit gilt Havertz. Bereits bei der Heim-EM vor zwei Jahren besetzte der Arsenal-Profi diese Position und erledigte seine Aufgabe ordentlich. Auch im letzten Test vor der Weltmeisterschaft, dem 2:1-Sieg gegen Gastgeber USA, begann er als Mittelstürmer. Thomas Müller und auch Jürgen Klopp waren sich als Experten von Magenta TV einig: Havertz sollte spielen, weil er technisch und taktisch am besten ins System passt. Laut Müller sei er ein „Ankerspieler der Mannschaft“, der „jede Minute“ machen soll.
Doch auch Undav steht bei vielen hoch im Kurs. Nach einer starken Saison beim Champions-League-Teilnehmer Stuttgart ist das kaum verwunderlich. 39 Scorerpunkte in 46 Spielen sind eine herausragende Quote. Hinzu kam sein Gala-Auftritt gegen Finnland, bei dem er an den ersten drei Treffern beteiligt war. Für Klopp und Müller kein Widerspruch zu Havertz: Sie würden beide spielen lassen – und dafür Jamal Musiala auf die Bank setzen. Wahrscheinlich ist das aber nicht.
Bis zum vergangenen Jahr spielte auch Woltemade noch für Stuttgart, bevor es ihn nach England zog. Lange Zeit besaß er gute Chancen auf einen Platz in der WM-Startelf. Nach einem starken Beginn in Newcastle verlief seine weitere Saison jedoch so ereignislos, dass er in der Hierarchie inzwischen klar hinter seinen Konkurrenten im Sturm stehen dürfte.
Wo spielt Havertz?
Alle drei kamen in den genannten Referenzspielen im Angriffszentrum zum Einsatz. Diese Einsätze müssen allerdings richtig eingeordnet werden. Gegen Finnland war Havertz aufgrund des kurz zuvor ausgetragenen Champions-League-Finales keine Option. In Chicago gegen die Amerikaner fehlte wiederum der leicht angeschlagene Undav.
Betrachtet man die Spiele im März, in denen alle drei verfügbar waren, zeigte sich über die beiden Partien hinweg eine klare Aufteilung. Woltemade begann im Sturm, während Havertz auf dem rechten Flügel eingesetzt wurde. Diese Variante funktionierte durchaus gut. Daher ist es nicht unrealistisch, sie weiterhin als mögliche Option zu betrachten, vermutlich mit dem nachvollziehbaren Wechsel von Woltemade zu Undav im Zentrum.
Für dieses Szenario ist allerdings auch entscheidend, wer auf der rechten Außenbahn spielt. Ohne Havertz auf der rechten Seite hat Undav nur Startelfchancen, wenn Musiala nicht spielt. Damit rückt auch die nächste Personalie in den Fokus, die zwischen Jokerrolle und Startelf steht: Leroy Sané.
Leroy Sané: Der Umstrittene
Nagelsmann besitzt eine besondere Beziehung zu dem Flügelspieler. Trotz erheblicher Kritik an dieser Personalentscheidung ist Sanés Rolle in der Nationalmannschaft weiterhin bedeutend. Die Kritik an seinen Leistungen ist zwar teilweise überzogen. Dennoch muss man festhalten, dass sein Einfluss auf das Spiel häufig überschaubar bleibt. Sané schwankt ständig zwischen guten Aktionen und leichtfertigen Ballverlusten.
Auch der Bundestrainer hat dies bereits mehrfach eingeräumt, verweist jedoch immer wieder auf die besonderen Stärken des Spielers. Wo genau Sané in der Kaderhierarchie steht, ist nicht eindeutig. Vermutlich bewegt er sich irgendwo zwischen Startelf und Edeljoker.
Havertz dürfte daher gesetzt sein, entweder im Zentrum oder auf der rechten Seite. Florian Wirtz und Musiala genießen ebenfalls großes Vertrauen. Bleibt die Frage, wer den vierten Platz einnimmt. Sané als Tempospieler auf außen oder Undav als Abschlussspieler im Zentrum?
DFB-Team: Nathaniel Brown hat das Zeug für eine prägende Rolle
Die größte Überraschung der jüngsten Testspiele war wohl der konsequente Wechsel auf der Linksverteidigerposition. Abgesehen von einer wenig überzeugenden Schlussphase durfte der zuvor meist gesetzte Raum kaum zum Einsatz kommen. Das dürfte weniger an ihm oder seinen Leistungen im Verein und in der Nationalmannschaft liegen als vielmehr am stark aufspielenden Brown. Der Frankfurter nutzte die beiden Tests vor der Weltmeisterschaft und verlieh dem Team ein neues Profil.
Statt des häufig an der Außenlinie bleibenden Raum steht nun ein technisch sehr starker Außenverteidiger zur Verfügung, der genau diese Qualitäten bereits zeigen konnte. Das kann dem Team Stabilität verleihen. Browns Einbindung in das Spiel geht deutlich über das hinaus, was man zuvor von der deutschen Linksverteidiger-Position gewohnt war.
Nagelsmann hat bereits bestätigt, dass Brown auch gegen Curaçao starten wird. Der DFB besitzt auf der linken Seite ein kleines Luxusproblem. Nach Jahren der großen Leere auf dieser Position ist das eine erfreuliche Entwicklung. Sollte Brown seine starken Leistungen doch nicht bestätigen können, hat man mit Raum eine starke Alternative – wenngleich der Leipziger deutlich stringenter am Flügel agiert.
Spielstärke im Zentrum
Spannend wird auch zu sehen, wie sehr Deutschland seine spielstarke Achse im Turnierverlauf einbringen kann. Nico Schlotterbeck, der einrückende Joshua Kimmich, Aleksandar Pavlović, Felix Nmecha als pendelnder Spielgestalter, Jamal Musiala, Florian Wirtz und Kai Havertz – das ist auf dem Papier sehr viel Qualität.
Will man erfolgreich sein, muss sich exakt diese Spielstärke auch auf dem Platz zeigen. Nagelsmann priorisiert mit dieser Besetzung eindeutig die eigene Ballzirkulation. Mit Dominanz im Zentrum kann man womöglich auch die eine oder andere defensive Schwäche kaschieren.
Deutschland gegen Curaçao: Ein letztes Pflicht-Testspiel oder unerwartete Herausforderung?
Deutschlands erster Gegner ist WM-Neuling Curaçao. Natürlich muss jede Mannschaft beim größten Fußballereignis der Welt ernst genommen werden. Zumal Curaçao bestückt ist mit Europäern – nämlich Niederländern. Der Marktwert der Mannschaft bewegt sich dennoch ungefähr auf dem Niveau eines Abstiegskandidaten der 2. Bundesliga. Von Deutschland kann und muss daher erwartet werden, dieses Duell für sich zu entscheiden – selbst wenn an diesem Tag nicht alles reibungslos funktioniert.
Dementsprechend stellt sich die Frage, ob man die Partie wirklich genauso angeht wie jedes andere Spiel. Möglicherweise nutzt der Bundestrainer den Auftakt je nach Spielverlauf noch einmal, um zu prüfen, ob sich einzelne Spieler für den weiteren Turnierverlauf empfehlen können. Vor allem wird es aber darum gehen, die vermeintliche erste Elf einzuspielen. Routine ist besonders im Nationalmannschaftsfußball ein wichtiges Pfund.
Doch unabhängig davon, wie Deutschland die Partie angeht: Die Weltmeisterschaft beginnt nun auch für das DFB-Team. Damit startet der Ernstfall, und sämtliche Spekulationen aus der Vorbereitung gehören der Vergangenheit an. Nach dem Anpfiff bleibt nur noch, den Status quo zu akzeptieren und diese Mannschaft als Trainerteam von außen bestmöglich zu unterstützen, unabhängig davon, ob Undav, Woltemade, Havertz, Brown oder Raum auf dem Platz stehen. Oder eben nicht.



