Roundtable: „Diesmal sind sie fällig!“ Der FC Bayern vor dem Duell mit Real Madrid
Der FC Bayern trifft im Viertelfinale der Champions League auf Real Madrid. Am Dienstag in Madrid und acht Tage später in München. Ausgerechnet Real. Jene Mannschaft, die es immer wieder schafft, in der Champions League zur Höchstform aufzulaufen. Jene Mannschaft, die den FC Bayern in den letzten vier K.-o.-Duellen aus dem Wettbewerb schmiss.
Doch diesmal scheint die Ausgangslage eine andere zu sein. Vincent Kompanys FC Bayern präsentiert sich stabil und in guter Form, während Real eine wechselhafte Saison hinter sich hat. Auch der neue Trainer Álvaro Arbeloa konnte das Team noch nicht nachhaltig stabilisieren. Zuletzt unterlag Real Madrid bei der Generalprobe auf Mallorca. Allerdings demonstrierten sie davor in der Champions League gegen Manchester City ihre Klasse.
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Bleibt die Frage, welche Aussagekraft die wechselhafte Saison Rolle für das direkte Duell spielt und welches Madrid sich diesmal zeigen wird. Die Miasanrot-Redaktion blickt im Roundtable vor dem europäischen Schwergewichtsduell auf die Stimmungslage und die Chancen für den FC Bayern.
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Im Hype-Train zum Nonplusultra: Pack ma‘ die Kirsche auf der Torte
Vorfreude, Optimismus, Nervosität – was beschreibt eure Gefühlslage vor dem Duell des FC Bayern mit Real Madrid am besten?
Daniel: Hype! Absoluter Hype! Jürgen Klinsmann emotionalisierte seine Nationalmannschaft einst gegen Argentinien mit: “Zwei Mal haben wir sie fast gehabt, aber heute sind sie fällig, die sind absolut fällig, Jungs!” Und genau das spüre ich auch.
2014 sind sie durch schnöde Standards weitergekommen, 2017 hatten wir auf ihrem Level nichts verloren, trotzdem war’s eng, 2018 wären sie fällig gewesen, aber Ulreich und Tolisso haben… Naja, ersparen wir uns die Details. 2024 waren sie im Bernabeu klar das bessere Team und doch war man nur wenige Sekunden vom Finale entfernt.
Nein, dieses Jahr sind sie fällig. Endlich, endlich trifft eine großartige Bayern-Mannschaft wieder auf ein strauchelndes Real. Pack ma’s!
Florian: Spiele gegen Real Madrid – das ist das Salz in der Suppe, die Kirsche auf der Torte, der Oberkörperfrei-Jubel nach einem Last-Minute-Siege. Auf solche Duelle fiebern wir hin, diese fußballerischen Highlights sorgen für Vorfreude und Anspannung. Real Madrid – da denke ich automatisch an das weiße Ballett, an Spieler wie Zidane, die beiden Ronaldos, Guti, Raul, Beckham – Spieler, zu denen man aufgeschaut hat, vor denen man Respekt hatte und auch etwas Angst.
Beim heutigen Real ist das etwas anders. Natürlich ist das Team immer noch gespickt mit Top-Spielern, doch für mich persönlich sind Bellingham, Vini Jr. oder Mbappe noch lange nicht auf derselben Stufe wie die oben genannten Legenden. Das liegt nicht an den Leistungen der hochbezahlten Kicker auf dem Platz, sondern an ihrem Verhalten auf selbigem. Angst habe ich daher nicht und bin bei Daniel: Die sind jetzt fällig – pack ma’s!
Justin: Ich bin ja nach nur einem anderen Redaktionsmitglied, das es irgendwie schafft, noch pessimistischer zu sein als ich, derjenige, der normalerweise auf die Bremse tritt. Normalerweise. Dieses Duell ist die ganz große Ausnahme in meinem Dasein als Berufspessimist, der in jeden Hauch von Optimismus seine negativen Gedanken reinpustet.
Denn dieses Duell ist für mich das Nonplusultra im europäischen Fußball. Es gibt NICHTS, was geiler ist als Real Madrid gegen Bayern München. Kommt mir nicht mit irgendwelchen Derbys aus der Arbeiterklasse in Gelsenkirchen und Dortmund. Kommt mir nicht mit neumodernen Plasticos zwischen Paris und Manchester City. DAS ist der Fußball der Spitzenklasse, den ich sehen will. Mit all seiner Historie, all seiner Leidenschaft und all seinen Geschichten, die er zu erzählen hat.
Bayern gegen Real Madrid – besser wird es nicht. Insofern habe ich nicht nur immense Vorfreude in mir, die ich vor diesen Duellen selbst dann in mir getragen habe, als es fußballerisch viel schlechter lief als jetzt, sondern auch großen Optimismus. Ich stimme dem Tenor daher zu: Diesmal sind sie fällig. Aber sowas von.
Blick auf Real: starke Einzelspieler, fehlender Stratege?
Jude Bellingham, Kylian Mbappé, Vinícius Júnior. Der Kader von Real ist voll mit Weltstars. Gegen Manchester City war Fede Valverde der Matchwinner. Wo seht ihr aktuell Stärken und Schwächen bei Real Madrid?
Daniel: Die Stärken liegen glasklar in der individuellen Stärke der Offensive. Man kann noch so im angeblichen Formtief sein, Vinícius ist und bleibt ein Weltklasse-Angreifer und Mbappé ist eben Mbappé: der beste Stürmer seiner Generation und ein Spieler von historischem Kaliber.
Dazu gesellen sich im Mittelfeld brillante Individualisten, die diese absolut jederzeit bedienen können, das französische Duo von Camavinga und Tchouaméni vereinen dazu noch eine athletische Komponente, die den Bayern abgeht.
Dafür fehlt es den beiden an der strategischen Brillanz ihrer Vorväter. Arbeloa geht wieder in Richtung Ancelotti und Zidane: Real Madrid wurde ja häufig mit gutem Recht der Ruf des Heldenfußballs attestiert, nur ist dieser auch verschmerzbarer wenn Toni Kroos und Luka Modrić das Hirn deiner Mannschaft bilden.
Sören: Ich sehe die Stärken von Real Madrid ebenfalls ganz klar in ihrer offensiven individuellen Klasse. Besonders der zuletzt wieder formstarke Vinícius Júnior kann ein Spiel an einem guten Tag alleine entscheiden. Für mich ist er der beste 1-gegen-1-Spieler der Welt. Auch Fede Valverde kann uns wehtun mit seinen Läufen aus der Tiefe hinter die Kette.
Das, was Real Madrid aktuell fehlt, ist ein Dirigent im Mittelfeld, der die Fäden zieht und das Tempo bestimmt. Seit dem Karriereende von Toni Kroos und dem Abgang von Luka Modrić tut sich die Vereinsführung schwer, adäquaten Ersatz zu finden. Daher wirkt das Spiel mit Ball bisweilen etwas chaotisch. Ich bin gespannt, ob Arda Güler von Beginn an spielen darf. Mit seiner Kreativität konnte er zuletzt immer wieder Impulse setzen.
In der Defensive wirkt die Mannschaft auch unter Arbeloa nicht wirklich sattelfest. Auffällig viele der Gegentore gehen auf das Konto gegnerischer Stürmer. Umso wichtiger wird ein Einsatz von Harry Kane sein.
Justin: Es gibt die „Urban Legend“, dass das Wort „Heldenfußball“ in Madrid erfunden wurde. Auf der Welt gibt es keinen Klub, dem konzeptloses Gekicke so gut steht wie Real Madrid. Fast schon ironisch, dass sie mit Xabi Alonso einen strukturierten Weg gehen wollten und im Rekordtempo daran scheiterten.
Dann doch lieber zurück zu Gebolze und Champagner. Natürlich alles eine Überspitzung, aber Real Madrid hat seit jeher die besten Spieler und kann es sich erlauben, taktisch wenig komplexen und durchdachten Fußball zu spielen. Dann holzt Rüdiger die Pille eben einmal lang auf Mbappé und der knallt dir nach 1:33 Schüssen das 1:0 rein. Auch Schwarze Magie wurde in Madrid erfunden, sagt man.
Insofern ist dieser teilweise extrem zähe und langweilige Fußball gleichzeitig Stärke und Schwäche. Bayern wird Chancen bekommen, aber die müssen sie unbedingt frühzeitig nutzen. Je länger sie sich von Madrids Fußball einlullen lassen und je länger das Spiel ausgeglichen ist, desto besser stehen die Chancen, dass die Königlichen in der Schlussphase einmal beschleunigen und das Ding für sich entscheiden.
Bayerns Aufstellung: keine Überraschungen und Musiala als Waffe von der Bank
Beim FC Bayern fehlte gegen den SC Freiburg nur Harry Kane verletzt. soll aber gegen Real spielen können. Die lange verletzten Jamal Musiala und Alphonso Davies wurden beide eingewechselt. Einige Stars wie Michael Olise wurden zu Beginn geschont. Mit welcher Aufstellung geht ihr ins Hinspiel gegen Real und warum?
Daniel: Eigentlich stellt sich das Team von alleine auf: Durch Urbigs jüngste Verletzung ist klar, wer der frischere Keeper ist, links beginnt Laimer, rechts Stanišić, Davies hat noch nicht die Frische. Selbiges gilt für Musiala, der allerdings mehr als der Kanadier von der Bank eine echte Waffe sein kann, schon alleine durch seine Aura. Musiala genießt eine wahnsinnige Anerkennung im Ausland.
Justin: Ich bin bei Daniel. Leider wird Neuer im Tor stehen, den ich im Vergleich mit Urbig derzeit für das größere Risiko halte. Davor Upamecano und Tah zwischen Laimer und Stanišić, wobei ich Laimer da erwarte, wo Vinicius am häufigsten auftaucht. Kimmich und Pavlovic verbinden Abwehr und Offensive, wo Díaz, Olise, Gnabry und Kane versuchen werden, die Bayern ins Halbfinale zu schießen. Karl kann sich dann von der Bank aus für einen Wechsel nach Madrid bewerben.
Andi: Hier gibt es keinen edgy Take. So viel dürfte nach über eineinhalb Jahren Vincent Kompany klar sein: Er ist nicht der Mann für Experimente in dieser Situation. Da können wir jetzt Verrücktes wollen, es wird nicht passieren.
Urbig wäre aktuell vielleicht wirklich die sichere Variante, aber Manuel Neuer – Konrad Laimer, Dayot Upamecano, Jonathan Tah, Josip Stanišić – Joshua Kimmich, Aleksandar Pavlović – Michael Olise, Serge Gnabry, Luis Díaz – Harry Kane wird es sein.
Ich befürchte, man wird Alphonso Davies irgendwann brauchen, weil Laimer gegen Vinícius Júnior im Laufe des Spiels Gelb-Rot-gefährdet sein wird. Aber wenn Davies links spielt, wo Real Madrid gerade ein durchschlagskräftiger Offensiver fehlt (Federico Valverde ist gut, aber kein klassischer Rechtsaußen), dann glaube ich, kann er eine ähnliche Waffe wie Jamal Musiala sein. Vielleicht sehen wir sogar nur diese beiden Wechsel.
Der Kompany-Spirit als großes Plus für den FC Bayern
Zuletzt konnte sich der FC Bayern in einer K.-o.-Runde gegen Real Madrid durchsetzen, als es Miasanrot noch nicht gab. 2012 setzte sich der FC Bayern im Elfmeterschießen in Madrid durch und zog ins Finale dahoam ein. Seitdem scheiterte der deutsche Rekordmeister viermal in Folge an den Königlichen, zuletzt 2023/24 im Halbfinale. Was macht euch optimistisch, dass der FC Bayern es diesmal packt?
Florian: Für den FC Bayern sprechen Vincent Kompany und der Spirit innerhalb der Mannschaft, nie aufzugeben und alles in die Waagschale zu werfen für drei Punkte bzw. den Sieg. Symptomatisch ist hier der Sieg in Freiburg zu nennen: In einem – auf Grund der Tabellensituation – vermeintlich unbedeutenden Spiel hat man sich trotz 0:2-Rückstand nicht aus der Ruhe bringen lassen und den Last-Minute-Sieg eingefahren. Dieser Hunger nach Erfolg zeichnet Kompany und sein Team aus, gepaart mit der individuellen Klasse um Olise, Díaz und Kane wird es gegen Real daher zum Weiterkommen reichen.
Sören: Mich erinnert der Spirit in der Mannschaft unter Trainer Vincent Kompany stark an die Amtszeit von Jupp Heynckes 2011 bis 2013. Dieser Hunger, den die Mannschaft damals ausgestrahlt hat, ist wieder sichtbar. In jedem Spiel. Da kann ich mich Florian nur anschließen.
Was mich zudem optimistisch stimmt, ist der gesamte Saisonverlauf. Selbst bei Rückstand bleibt immer das Gefühl, dass der FC Bayern das Ruder noch herumreißt. Die Mannschaft hat unter Kompany ein Selbstverständnis entwickelt, das in Europa seinesgleichen sucht. Daher ist es für mich nur schwer vorstellbar, dass irgendwer diese Mannschaft über zwei Spiele hinweg schlagen kann.
Andi: Ich bin gestern über die 2000 gestolpert, als Bayern in der zweiten CL-Gruppenphase Real Madrid zweimal mit 4:1 und 4:2 in Madrid auseinanderschraubte. Mehmet Scholl, Giovane Élber und Thorsten Fink – es war eine Freude. Trotzdem scheiterte man dann im Halbfinale wieder gegen Real.
Sie haben einfach meist die Qualität und die Erfahrung. Aber dieses Mal sehe ich die Qualität bei Bayern. Während Real ein zerstrittener Haufen zu sein scheint, bei dem sich die Stars nicht an der Defensive beteiligen, ist Bayern eine Maschine.
Eine Maschine mit bereits 100 Ligatoren. Den zweitbesten Wert der europäischen Top-5-Ligen hat der FC Barcelona mit 80, Real liegt mit 64 auf Platz vier. Defensiv könnte es Probleme geben, aber ich erwarte, dass die bayerische Offensivwalze Real erdrückt.
Prognose: Optimismus pur
Und jetzt ohne rosarote Brille: Auf einer Skala von 1 bis 10 (10 am optimistischsten), wie sehr glaubt ihr wirklich daran, dass Bayern es schafft?
Florian: Wenn der Schiedsrichter und der VAR einen „normalen“ Tag haben, klappt es dieses Mal: 9,5.
Daniel: Acht.
Sören: Neun mit Harry Kane. Sieben ohne ihn.
Justin: Pffffff. Normalerweise sind ja nur drei Antworten erlaubt, aber wer hier nicht mindestens mit einer Zehn antwortet, hat doch keine Ahnung. Sicheres Ding. Wie eingangs bereits gesagt: Die sind fällig.
Andi: Liebe für Justin, ich bin mir auch recht sicher, aber das war ich schon öfter. Ich sage eine Neun. (Mit einem wirklich fitten Harry Kane eine Elf 😉.)



