Heute 13:30 Uhr: Chelsea FC – FC Bayern Frauen

Justin Trenner 02.05.2021

Meisterschaften, Pokalsieg, 26 Pflichtspielsiege in Serie – die Bayern Frauen haben in ihrer Klubgeschichte schon viel erlebt. Ein Champions-League-Finale zählt aber nicht dazu. Sollten sie am kommenden Sonntag das Ticket für Göteborg tatsächlich buchen, wäre das deshalb wohl der bisher größte Erfolg in der Historie des Klubs. Das wird allein schon deutlich, wenn Vereinslegende Carina Wenninger über das erste Champions-League-Halbfinale mit bayerischer Beteiligung im Jahr 2019 spricht. Die nationalen Titel waren Meilensteine, aber diese beiden Duelle mit Barcelona, wenngleich letztendlich mit negativem Ausgang, bleiben ihr besonders in Erinnerung.

Jetzt aber, zwei Jahre später, sind die Bayern reifer als damals. Zumindest haben sie das im Hinspiel andeuten können. Scheuers Matchplan ging über weite Teile auf – weil Chelsea womöglich etwas überrascht war. Die 5-3-2-Grundordnung hatte Bayerns Trainer schon länger nicht mehr ins Feld geführt. Vielleicht hatte Emma Hayes, Trainerin der Blues, eher mit einer offensiveren Ausrichtung der Bayern gerechnet.

Im Rückspiel wird sie jedoch vorbereitet sein. Hayes ist bekannt für Akribie und Detailversessenheit. Ihre Mannschaften sind taktisch meist hervorragend geschult, wissen genau, was sie in welcher Situation zu tun haben. Auch während des Spiels kommentiert sie die Szenen ihrer Mannschaft fast schon melodisch. Scheuer und die Bayern sollten deshalb nicht glauben, dass die Hinspiel-Taktik allein ausreichen wird. Die Münchnerinnen müssen im Rückspiel nochmal über ihre Grenzen hinauswachsen, um den historischen Einzug ins Finale zu packen.

Scheuers Grundidee gegen den Ball

Es ist dennoch damit zu rechnen, dass die Bayern erstmal ähnlich, wenn nicht sogar genau mit der gleichen Formation auflaufen werden wie am vergangenen Sonntag. Nicht nur der Erfolg gibt ihnen recht, sondern vor allem die mitunter sehr präzise Durchführung der Spielerinnen auf dem Platz.

Der Fokus wird erneut darauf liegen, Chelsea den Spielaufbau zu erschweren. In der ersten Aufbaulinie ließen die Bayern die gegnerischen Innenverteidigerinnen meist gewähren. Erst in der zweiten Ebene des Aufbaus setzte das Pressing von Scheuer so richtig an. Klara Bühl und Lineth Beerensteyn hatten als Doppelspitze die Aufgabe, die meist allein aufbauende Sechserin (flexibel besetzt, oft aber Melanie Leupolz) aus dem Spiel zu nehmen. Eine Reihe dahinter pendelte ein Dreiermittelfeld der Bayern immer so, dass die ballnähere Achterin Chelseas potentiell immer zwei Gegenspielerinnen hat.

Chelsea war dadurch gezwungen, in die grün markierten Zonen zu spielen, wo die Flügelverteidigerinnen sowie die aus dem Mittelfeld verschiebenden Spielerinnen häufig durch schnelle Reaktion und Überzahlsituationen Ballverluste erzwingen konnten. Bayern blieb in den guten Phasen des Spiels stets aggressiv und aktiv, sodass Chelseas Freilaufbewegungen fast immer gut verteidigt werden konnten.

Was mitunter aber aus Sicht der Engländerinnen gut funktioniert hat, ist das diagonale Abkippen der ballfernen Achterin. Im Rücken der Bayern-Spielerinnen hat Chelsea dann insbesondere in der ersten Halbzeit versucht, sich Räume zu erlaufen und schnelle Verlagerungen vorzubereiten. Diese kamen letztendlich zwar su selten, aber wenn die Blues sich mal auf der “Druckseite” befreien konnten und verlagert haben, war Platz da.

Im Zentrum entzog sich Leupolz zunehmend dem Druck der beiden Stürmerinnen, indem sie den Aufbau situativ in erster Linie unterstützte – also zwischen den Innenverteidigerinnen eine Dreierkette bildete. Vor allem auf der linken Seite bemühte sich Chelsea, durch die immer wieder diagonal nach hinten kippende So-Yun Ji, Räume zu öffnen. Ji übernahm so teilweise die Position der Außenverteidigerin, während Jonna Andersson nach vorn schieben konnte. Das brachte Bayerns rechte Schienenspielerin Hanna Glas mehrfach in einen Konflikt: Trotzdem herausschieben, oder hinten absichern? Plötzlich zog sich auch das kompakte Dreiermittelfeld der Bayern ein Stück weit auseinander, weil der abkippenden Bewegung der Achterin aus dem Zentrum heraus gefolgt wurde. Chelseas Angreiferinnen positionierten sich indes clever für Anschlussoptionen.

So bekamen die Engländerinnen sukzessive Kontrolle in ihr Spiel. Wäre die erste Halbzeit noch ein paar Minuten länger gelaufen, hätte vielleicht das zweite Tor fallen können. Die Bayern müssen daraus fürs Rückspiel lernen. Viele Laufwege wirkten unvorbereitet und improvisiert. Auch wenn die Fünferkette hinten meist stabil stand, ist das Risiko durchaus gegeben, dass sich die individuelle Qualität der Chelsea-Offensive am Sonntag stärker durchsetzt. Die Mannschaft muss also auf solche veränderten Freilaufbewegungen eingestellt sein und vorbereitet werden. Wer geht dann mit Ji mit? Wer sichert dahinter ab? Wie wird im Zwischenraum durchgedeckt? Wie wird Chelsea der diagonale Weg von den Flügeln ins Zentrum versperrt? Diese Fragen sind für das Rückspiel entscheidend.

Darüber hinaus wird es darum gehen, möglichst oft aktiv zu bleiben. Wenn die Bayern von Beginn an nur versuchen, den Vorsprung ins Ziel zu bringen, wäre das ein Fehler. Am Sonntag waren sie deshalb so stark, weil sie immer wieder aktiv gepresst haben und mit dem Ball für Entlastung sorgen konnten.

Mehr Mut mit dem Ball

Denn auch wenn Chelsea favorisiert ist, weil sie über mehr Erfahrung verfügen, so müssen sich die Bayern-Spielerinnen keinesfalls verstecken. Am Sonntag haben sie bewiesen, dass sie in eigenen Ballbesitzphasen durchaus die Qualität haben, Gegnerinnen wie Chelsea hinterherlaufen zu lassen. Das ist neben schnellen Tempoangriffen wie beim 2:1 durch Hanna Glas ganz wichtig, um sich nicht in einem ewigen Schlagabtausch wiederzufinden. Ruhephasen, in denen die Bayern mal durchschnaufen, können sie sich in Ballbesitz erarbeiten.

Mit Marina Hegering (im Bild am Ball) haben die Münchnerinnen einen Trumpf im Spielaufbau, den sie öfter ausspielen sollten. Die Dreierkette ist insgesamt eigentlich ballsicher genug, um das Risiko einzugehen, Chelsea ein Stück weit herauszulocken. Gerade wenn auf die Flügel eröffnet wird packen die Engländerinnen meist aggressiv zu. Hegering hat sich in einigen Situationen clever ein paar Meter nach vorn ins Mittelfeld geschoben, um sich als Option für einen Kurzpass anzubieten. In zu vielen Fällen haben die Bayern aber direkt den Weg nach vorn gesucht und den Ball dann relativ schnell wieder verloren. Auch Seitenverlagerungen könnten sie häufiger einbringen, um vor allem die Qualitäten von Hanna Glas noch mehr ins Spiel zu bringen.

Ansonsten wird es für die Bayern darum gehen, die Kontersituationen konsequenter auszuspielen. Der letzte Pass, der letzte Kontakt, die letzte Genauigkeit im Abschluss – im Hinspiel waren mehr als zwei Tore möglich, aber immer wieder fehlten am Ende Nuancen.

Öffnet sich die Tür?

Die Bayern können mit viel Selbstvertrauen in dieses Rückspiel gehen. Klar ist aber auch, dass Chelsea aus dem Hinspiel seine Lehren gezogen hat. Umso wichtiger ist es, dass die Bayern diese Woche gut genutzt haben, um sich auf das einzustellen, was sie nun erwartet. Chelsea wird von Beginn an aggressiver, druckvoller und mutiger agieren wollen.

Bei allem berechtigten Lob für den 2:1-Sieg: Am Wochenende zählt es und dann ist die Herausforderung nochmal eine andere. Scheuer und seine Mannschaft können ganz befreit aufspielen. Der Druck liegt bei Chelsea, während die Bayern in der Champions League ihre Erwartungen bereits übertroffen haben.

So nah waren sie aber noch nie dran an der Tür, die ins Champions-League-Finale führt. Noch ein Spiel. Noch einmal so eine hervorragende Defensivleistung auf den Platz bringen wie am Sonntag. Noch einmal die Phasen aushalten, in denen die Mannschaft richtig leiden muss. Und dann geht diese Tür vielleicht auf. Es wäre ein Riesenerfolg. Vielleicht der größte der Klubhistorie.

Die Partie findet am Sonntag um 13:30 Uhr statt. Übertragen wird sie von Sport1 und auf dem YouTube-Kanal des FC Bayern München.



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Munich Legend
  1. Hallo Justin, guter Artikel in dem Du schön die Tatktik analysierst.

    Ich dachte erst bei der Aufstellung mit drei Innenverteidigerinnen “nicht schon wieder” der ängstliche Herr Scheuer :-) Aber dann im Spiel sah das verdammt gut aus, wie Du gut aufgezeigt hast. Gegen Ende des Spiels als Simone Laudehr dann völlig platt war, sah es nach deren Auswechslung und Einwechslung von Carina Wenninger nicht mehr ganz so gut aus. Laudehr, die ja eigentlich aus dem Mittelfeld kommt und unendlich viel Erfahrung hat (schon 2007 Weltmeisterin), hat das zusammen mit ihren Partnerinnen Hegering und Ilestedt extrem gut hinbekommen, sicher zu stehen und so gut wie nichts zuzulassen, aber eben auch im Aufbauspiel geschickt zu verfahren. Aufgrund der Ballsicherheit aller drei Spielerinnen hatte ich nie das Gefühl, dass die Bayern plötzlich im Spielaufbau in Tornähe in einen Ballverlust laufen könnten.

    Funfact, einen Tag nach dem Spiel hat FCB-TV Marina Hegering interviewt, und unter anderem danach gefragt, wie intensiv diese Dreier-/Fünferkette einstudiert wurde. Laut Hegering wurde das zwar trainiert, aber nicht sonderlich intensiv. Was wieder für die Spielerinnen und deren Spielintelligenz spricht. Auch für Jens Scheuer, der inzwischen wohl sehr gut einschätzen kann, was er seinen Spielerinnen abverlangen/zutrauen kann.

    Wie Du schreibst, haben auch auf den Außenbahnen vor allem Glas, aber auch Caro Simon das richtig gut gemacht. Auch Caro fand, genau wie Hanna Glas die richtige Mischung zwischen Druck nach vorne, im Aufbau anspielbar sein, und der Sicherheit nach hinten.

    Im zentralen Mittelfeld machen das die ganze Saison über Magull, Zadrazil und Lohmann ziemlich gut, insbesondere in der Defensive. Die drei haben das inzwischen sehr gut im Griff, wer absichert, wer nach vorne schiebt und wer die Verbindung herstellt. Meistens sicher Zadrazil ab, Lohmann gibt die Box to Box Spielerin und Magull organisiert das Ganze. Aber man findet auch mal Zadrazil im Zehnerraum und dann eben Magull oder Lohmann auf der sechs, das passt meistens sehr gut.

    Am Ende des Spiels sah das dann nicht mehr ganz so perfekt aus, weil zum einen Chelsea richtig Druck machte, aber auch Lohmann m.E. völlig platt war. Ich glaube, dass daher auch die Konter der Bayern nicht mehr zu dem dritten Tor führten. Der Wechsel vorne von Bühl/Beerensteyn zu Schüller/Dallmann brachte nochmal neue Power, leider musste dann Laudehr raus und Lohmann war eigentlich auch reif für einen Tausch. Es hat mich da ein wenig gewundert, dass nicht Asseyi kam. War Scheuer dann vielleicht mit Dallmann, Asseyi und Schüller zu offensiv.

    Ich denke, dass auch im Rückspiel sehr viel davon abhängt, wie der Spielstand in der 75. Minute ist. Ich schätze, dass wieder Simone Laudehr startet und die wird wieder so ab der 75. Minute eine Kandidatin für einen Wechsel sein und damit dann das Aufbauspiel der Bayern an Qualität verlieren. Lohmann ist dann eine Woche weiter, vielleicht reicht es bei ihr dann.

    Noch was zu den Spielerinnen. Immer mehr zeigt sich, wie geschickt der FCB seine Mannschaft verstärkt hat.

    Hegering ist für mich aktuell die beste deutsche Innenverteidigerin überhaupt. Kampfstark, klasse Stellungsspiel, gut im Aufbau, muss kaum mal eine Grätsche riskieren und wenn es sein muss, dann passt es aber auch. Siehe das Foto über diesem Artikel :-)

    Bei Hanna Glas fragte ich mich zu Anfang, warum ? Gulia Gwinn war ja eigentlich die Spielerin für die rechte Seite. Aber inzwischen denke ich, dass auch ohne die Verletzung von Gwinn, Glas sich durchgesetzt hätte. Sie ist schon die ganze Saison eine meiner Lieblingsspielerinnen, pendelt auf der Außenbahn die beiden Pole – Offensive und Defensive – perfekt aus. Hinten passiert über ihre Seite nix und nach vorne macht sie heftig Druck. Da hatte ich mich zu Anfang der Saison mächtig geirrt, als ich bezweifelte, dass sie den FCB Frauen hilft. :-)

    Die dritte Spielerin, die für mich den Unterschied zur Vorsaison ausmacht ist Zadrazil. Auf den ersten Blick ist sie vielleicht individuell einen Hauch schwächer als Leupolz, die ja zu Beginn der Saison gegangen ist. Aber Zazdrazil gibt dem Mittelfeld genau die Balance, die vorher fehlte. Eine tolle Leistung bis hierhin!

    Bevor ich es vergesse, Schüller und Bühl sind natürlich auch tolle Zugänge, auch im Hinblick auf die Zukunft, da sich beide m.E. noch weiter steigern werden.

    Nun bin ich gespannt, was das am Sonntag gibt … danach kommt ja das Spiel gegen Wolfsburg, die Saison ist in der entscheidenden Phase. Ich drücke die Daumen – möge Simone Laudehr ihren Meisterschaftsfluch besiegen (Simone hat alles gewonnen, wirklich alles, nur die Meisterschaft fehlt – ich würde es ihr so sehr gönnen) und die Mannschaft Chelsea und Wolfsburg besiegen.

    Antwortsymbol1 AntwortKommentarantworten schließen
    1. Gute Punkte. Gerade das Wechselmanagement könnte wieder spannend werden.

  2. “Ich denke, dass auch im Rückspiel sehr viel davon abhängt, wie der Spielstand in der 75. Minute ist.”

    Ich denke, dass im Rückspiel sehr viel davon abhängt, wie der Spielstand in der 95. Minute ist. :-))

    Im Ernst: Eure Ausführungen machen mir etwas Hoffnung. Denn ich habe vom Hinspiel nur die Schlussphase gesehen und auf Basis von der (Druck Chelsea, keine zu Ende gespielten Konter des FCB) wurde mir Angst und Bange.

    Noch bitterer als ein Ausscheiden wäre aber tatsächlich, nach diesem Saisonverlauf gegen WOB und damit wohl sicher die Meisterschaft zu verlieren. Wenn ich eine Sache wählen würde, wäre das ein Sieg gegen WOB.

    Antwortsymbol1 AntwortKommentarantworten schließen
    1. “Ich denke, dass auch im Rückspiel sehr viel davon abhängt, wie der Spielstand in der 75. Minute ist.”
      Ich denke, dass im Rückspiel sehr viel davon abhängt, wie der Spielstand in der 95. Minute ist. :-))

      Da hast Du nun auch wieder recht :-))

  3. Scheuer startet mit Viererkette und Schüller im Angriff. Er will es nun wohl wirklich wissen. Finde ich gut, Arsenal muss kommen und so kann man genügend Druck aufbauen. Schaun mer mal ….

    Antwortsymbol2 AntwortenKommentarantworten schließen
    1. @Pe Wi, ich vermute du meinst Chelsea ;)

      Mich hat es verwundert, warum der Trainer Laudehr nicht von Anfang an gebracht hat. Bisher ein Kick and Rushspiel meiner Meinung nach und wenig Ruhephasen. Zadrazil für mich Spielerin des Spiels bisher.

      1. Jepp :-) Das kommt davon wenn man hektisch vor den Spiel noch was hier rein schreibt …. Asche auf mein eh schon graues Haupt :-)

  4. Großer Kampf und auch Nachweise für die Schauspielschule von Chelsea wurde wieder erbracht. Ich weiß, warum ich diesen Verein überhaupt nicht leiden kann. Ich vermute, dass die Herangehensweise zu offensiv war. Der Ball ist immer von der einen Hälfte in die andere geflogen. Oft auch der lange Schlag nach vorne, weiß nicht ob das so gewollt war. Aber war recht ausrechenbar.

    Schade Mädels, Kopf hoch

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