Bayern nach turbulentem 5:2 gegen Benfica im Achtelfinale

Daniel Trenner 02.11.2021

Falls Ihr es verpasst habt

Rund sechs Tage nach dem Desaster in Mönchengladbach und rund drei Tage nach der teilweisen Rehabilitation gegen Union Berlin, empfing der FC Bayern am vierten Spieltag der Champions League Benfica Lissabon in München.

Die Aufstellung 

Julian Nagelsmann überraschte bei seiner Rückkehr auf die Bank gleich zweimal in der Anfangsformation. Thomas Müller wurde auf der Bank geschont, für ihn sollte Leroy Sané zentral wirbeln. Dazu schmiss er völlig überraschend nach Wochen und Monaten an Tristesse fernab des Platzes und teilweise gar fernab des 18er-Kaders Tanguy Nianzou ins kalte Wasser der Startelf. Zuletzt kamen auch auf Nachfrage von Sportreportern eher kritische Töne zum jungen Franzosen.

An Nianzous Seite startete Upamecano, Süle und Hernández standen nicht im Kader. Zudem kehrte der wiedergenesene Leon Goretzka in die Startelf zurück. Weder Marcel Sabitzer, noch Corentin Tolisso konnten sich wirklich beweisen.

1. Halbzeit

Von Beginn an konnte dem Bayern-Fan mulmig werden. Wie schon gegen Gladbach kam der FC Bayern wenig gegen das Pressing des Gegners durch. Der Ballbesitzanteil war zwar höher, doch die Torchancen gehörten Benfica. Mehrfach konnte Bayern nur in letzter Sekunde blockieren. Lissabon erzielte gar ein Abseitstor, welches nur denkbar nicht gegeben wurde.

Doch was Gladbach vorbildlich vorgemacht hatte, konnte Benfica nicht einlösen – die wenigen Chancen auch nutzen. Und so geschah das, was geschehen musste. Entgegen des Spielverlaufs traf der FC Bayern mit seiner ersten wirklich guten Chance, folgerichtig nach einer Einzelaktion. Kingsley Coman drehte auf rechts Grimaldo einmal so richtig auf links, flankte perfekt auf Lewandowski, der genauso mitlief, wie man es vom besten Stürmer der Welt es auch erwarten konnte. Ein Kopfball aus nächster Nähe später und es stand 1:0 (25.).

Damit war es aber noch nicht geschehen, wenige Minuten später erhöhten die Bayern direkt mit ihrer nächsten Großchance. Kimmich riss mit einem präzisen Nadelstich Benficas Hinterreihe auseinander, Lewandowski legte quer und Serge Gnabry verwandelte mit einem wunderschönen Hackentrick zum 2:0. Vier Minuten später scheiterte erneut Gnabry im Eins-gegen-Eins das Spiel mutmaßlich mit 3:0 auch gleich zu entscheiden, fast im Gegenzug machte es Benfica dann wieder spannend. Nach einem cleveren Freistoßtrick, überfüllten die Portugiesen den Münchener Strafraum mit sprunggewaltigen Recken, am Ende köpfte Morato zum 1:2-Anschlusstreffer ein (38.).

In der letzten Minute der Halbzeit zeigte sich mal wieder wie wichtig der Videoassistent im modernen Fußball ist. Verissimo blockierte aus nächster Nähe einen Schuss Leon Goretzkas mit voller Absicht mit dem Arm, doch erst durch das Anraten des VARs erkennt der ansonsten einwandfrei schiedsende Szymon Marciniak was passiert war. Lewandowski konnte diese Vorlage seines polnischen Kollegen allerdings nicht verwerten und zeigte den mit Abstand schwächsten Elfmeter seiner Bayern-Karriere. So endete eine am Ende doch recht turbulente Halbzeit mit einer 2:1-Führung für den FC Bayern.

2. Halbzeit 

Ohne Wechsel kamen beide Teams aus der Pause und wo Lewandowski vom Punkt noch scheiterte, machte Bayern im Verbund als Team nach einer tollen Kombination besser. Kimmich verabreichte eine perfekte Dosis zu Davies, der das Spielgerät perfekt abtropfen ließ, damit Sané einen Volley ins lange Eck durchziehen konnte – 3:1 (49.).

Joshua Kimmich konnte auch noch ein drittes Tor mit seinen langen Bällen einleiten. Quer über das halbe Feld jagte er die Kugel zu Leroy Sané, der den Ball erst sichern und dann zu Lewandowski weiterleiten konnte. Was der dann veranstalte war pure Fußballmagie. Mit dem ersten Kontakt schaltete er in vollem Lauf seinen Gegenspieler aus und bereitete seinen perfekten Abschluss vor, als er mit dem zweiten Kontakt per Außenrist Vlachodimos überlupfte.

Das Spiel war nun natürlich entschieden und es begannen die großen Wechselspiele. Jesus tauschte gleich dreimal auf einmal, die Bayern erst Richards und Musiala für Davies und Coman, danach Sabitzer und Müller für Kimmich und Sané. Das Glück mit knappen Abseitsentscheidungen, welches den Portugiesen in der ersten Halbzeit noch fehlte, hatten sie nun. Bei einem Konter steckte Joao Mario zu Darwin, der im Anschluss Manuel Neuer tunneln konnte (76.).

Ein besonderes Schmankerl hatte die Partie aber noch zu bieten. Als nach einer eigentlich geklärt schienen Bayern-Ecke Benfica sich zu öffnen versuchte, kam der Ball von Spielmacher Manuel Neuer (!) zurück. Die gesamte Mannschaft überspielt, konnte Lewandowski den Ball erneut perfekt verarbeiten und erneut mit einem Lupfer treffen (84.). Dies war die letzte nennenswerte Aktion, Bayern gewann 5:2, am Samstag empfängt man den SC Freiburg.

Dinge, die auffielen

1. Wenig Spielkontrolle

Der FC Bayern mag zwar wieder auf der Siegesstraße zurückgekommen sein, doch die Geister von Mönchengladbach sind noch nicht exorziert. Die Mannschaft war in dieser Spielzeit mit Ball schon weiter was die Konterabsicherung und das Auseinanderspielen von Pressing, sowie ohne Ball, was das Gegenpressing angeht. Nun war alles nicht ansatzweise so desaströs wie noch eine Woche zuvor in Gladbach, doch überstanden ist dieses Tief noch nicht. Die Formel wie Nagelsmanns Bayern geknackt werden können, scheint aktuell gefunden zu sein.

Auch offensiv wurde vieles mehr von individueller Klasse, als großartigen Kombinationen überstrahlt. Coman und Lewandowski beim ersten und vierten, sowie fünften Tor sind hier offensichtliche Beispiele. Kombinationen fanden sich in der ersten Hälfte meist in den Beinen Benficas wieder. In der zweiten Halbzeit wurde es dann besser, gerade das 3:1 war hier besonders schön und erfolgreich.

2. Kimmich in Isolation

Wie viel vehementer der Staat Portugal die Pandemie bekämpft und zu welchen drastischen Mitteln er greift, kam an diesem Abend zu Tage. Die Gesundheit geht eben vor, also hatten die Portugiesen sich offensichtlich vorgenommen, Kimmich konstant mit 1,5 Metern Sicherheitsabstand zu belegen. Kaum ein Spieler wusste Kimmich zu decken, selten wurde er effektiv gepresst. So konnte dieser sich vollends seiner Rolle als Quarterback hingeben. Am Ende spielte er bei gleich drei Toren den berüchtigten vorletzten Pass. Das bringt ihm zwar keine Scorer- oder Man-of-the-Match-Punkte, doch sein Wirken ist evident. Spielen tat er zwar nur 70 Minuten, doch in diesen war er der beste Spieler auf dem Feld. Trotz der Lewandowski-Show oder Sanés fulminantem Auftritt.

Die Vehemenz der öffentlichen Debatte hatte Joshua Kimmich ganz offensichtlich kalt erwischt. So litten zuletzt auch seine Leistungen auf dem Platz. Weder gegen Gladbach, noch gegen Union konnte Kimmich seine gewohnte Ruhe ins Spiel bringen oder den Taktstock schwingen. Gegen Benfica war dies nun anders. Das war nun ein erster Schritt aus diesem plötzlichen Tief. Der zweite wird folgen, wenn er am Samstag an diese Leistung anknüpfen kann, obwohl er dann wieder gejagt werden wird. Denn eines ist sicher: Auf Sicherheitsabstände wird Christian Streich pfeifen.

3. Tanguy Nianzou angenehm unauffällig

Es war die Überraschung der Spieltagsformation: Tanguy Nianzou durfte sich endlich, endlich mal wieder beweisen. Wieso er so lange kalt gestellt wurde, wurde an diesem Tag nicht klar. Nein, brillieren tat der junge Franzose wahrlich nicht, ein ums andere Mal leistete er sich auch einen Lapsus, doch größtenteils zeigte er eine solide, unauffällige Leistung. Das ist in diesem Fall ein absolutes Kompliment, denn Unauffälligkeit ist genau das, was Nianzou jetzt auch braucht. Dass er sich nach seiner gelben Karte zurücknahm und nicht einen erneuten Platzverweis riskierte oder seinen Trainer zum Wechsel zwang, ist ebenfalls ein Schritt in die richtige Richtung. Am Samstag wird Nianzou wieder auf die Bank müssen, doch mit diesem Auftritt sollte er sich zurück in Nagelsmanns Rotation gespielt haben, was an sich schon ein Erfolg ist.

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