3:2! Weltfussballer der Herzen entscheidet Topspiel per Elfmeter

Maurice Trenner 04.12.2021

Unter dem sperrigen Titel “Der Klassiker” hat sich seit der Doppelmeisterschaft der Schwarz-Gelben eine Rivalität entwickelt, die in den letzten zehn Bundesliga-Spielen jedoch meist die Roten als Sieger hervorbrachte. Der letzte Dortmunder Sieg liegt schon mehr als drei Jahre zurück. Für Nagelsmann war es das zweite Duell gegen die Borussen als Münchner Trainer. Den Supercup hatte das Team im August mit 3:1 gewonnen.

Kleines Kuriosum am Rande: Trotz – oder gerade wegen – seiner Jahre in Dortmund ist Robert Lewandowski mit 20 Toren der erfolgreichste Torschütze der Bayern-Historie in direkten Duellen gegen Schwarz-Gelb.

In der Miasanrot-Redaktion war die Stimmung vor dem Anpfiff gemischt. Nur vier von neun Redakteuren tippten auf einen Sieg der Roten. 

Falls ihr es verpasst habt

Die Aufstellung

Der FC Bayern hatte vor dem Topspiel gleich mehrere Ausfälle zu vermelden. Impf-Verweigerer Kimmich verpasste, wie auch sein Genosse im Geiste Choupo-Moting, das Spiel aufgrund seiner Covid-Erkrankung. Damit erwies er einmal mehr seiner Mannschaft einen absoluten Bärendienst. Mit einer Verletzung fielen zudem Stanisic, Sarr und Sabitzer aus.

Kurzfristig wurde Goretzka fit und nahm prompt seine angestammte Position im Mittelfeld ein. Ihm zur Seite stand erneut Tolisso. Davor stürmte der gewohnte Fünferpack rund um die Formstarken Sané und Coman. In der Abwehr vertraute Nagelsmann auf die Dreierkette aus Pavard, Upamecano und Hernandez. Süle, Musiala und Gnabry blieben als weitere Spitzenkräfte auf der Bank.

Bei der Borussia feierte Stürmerstar – und potentieller Lewandowski-Nachfolger – Haaland sein Startelf-Debüt nach Verletzung. Zudem wurde mit Bellingham der zentrale Mittelfeldspieler rechtzeitig fit. Dahoud und Can bildeten gemeinsam das Zentrum vor einer Abwehrkette rund um den Ex-Münchner Hummels.

1. Halbzeit

Bereits nach drei Minuten konnte man den Plan der Hausherren erkennen. Nach hohen Ballverlusten der aufgerückten Münchner wurde schnell Zielspieler Haaland gesucht, der ins Laufduell mit der Bayern-Hintermannschaft geschickt wurde. In diesem Fall kam Neuer gerade noch rechtzeitig und rettete dreißig Meter vor dem eigenen Tor.

Doch keine zwei Minuten später war es soweit. Nach einem Schiedsrichterball im Mittelfeld überrumpelten die Dortmunder komplett überraschte Münchner, die viel zu weit von ihren Gegenspielern weg standen. Brandt stand nach zwei Pässen plötzlich alleine gegen Davies, den er aussteigen ließ und ins Tor abschloss. 

Die Antwort der Gäste ließ nicht lange auf sich warten und entsprang erneut einer Umschaltsituation. Müller blockte auf Höhe der Mittellinie einen langen Pass von Hummels und verwickelte den Innenverteidiger in einen Zweikampf. Im Vollsprint kam Lewandowski hinzu, nahm den Ball auf und verwandelte eiskalt. Ein wahrhaftig turbulenter Start in das Abendspiel. 

Nach dem Ausgleich blieben die Münchner am Drücker. Sané aus der Distanz (12.) und Müller nach einem Überfallangriff (18.) scheiterten jedoch. Der Druck der Gäste ließ nicht nach. In der 22. Minute eroberte Coman den Ball im gegnerischen Strafraum, verpasste aber den Pass auf Lewandowski. Doch wenn dieses hohe Pressing schief ging, war Dortmund bei Kontern gefährlich. Die beste Chance hatte Haaland (29.), verfehlte allerdings das Tor von Neuer knapp. 

Als alle bereits mit Pause der rechneten traf plötzlich Coman aus einer diffusen Situation zur bayerischen Führung. Nach einer Seitenverlagerung von Tolisso spielte Davies ins Zentrum, wo die Dortmunder Hintermannschaft den Ball nicht klären konnte. Wie im Flipper-Automat sprang das Leder über Umwege zu Coman. Dessen Schuss wurde noch von Reus abgefälscht und flog knapp über den auf der Linie verteidigenden Guerreiro ins Tor. Das Spiel war gedreht.

2. Halbzeit

Die zweite Hälfte startete mit einem Schocker für den Rekordmeister. Nach einer geschickten Seitenverlagerung konnte Upamecano den Ball nicht klären und stand prompt alleine gegen zwei Angreifer. Mit einem absoluten Weltklasse-Abschluss erzielte Haaland den erneuten Ausgleich (48.).

Nach dem Tor wurde die Partie hektischer. Can sah die erste gelbe Karte der Partie (51.), während auf der anderen Seite Reus vehement einen Strafstoß nach einem Zweikampf mit Hernandez forderte (53.). Innerhalb von einer Minute musste Kobel stark gegen Coman retten, bevor Pavard doppelt einen Abschluss von Haaland blockte (58.).

Mit Gnabry und Musiala für den glücklosen Sané sowie den ausgelaugten Goretzka wollte Nagelsmann nach etwa einer Stunde neuen Schwung ins Offensivspiel der Münchner bringen. Denn das intensive Spiel forderte auf beiden Seiten seinen Tribut. Zunächst musste Brandt nach einem Zusammenstoß mit Upamecano vom Feld. Danach verdrehte sich Hernandez bei einer Klärungsaktion das Bein und wurde kurze Zeit später durch Süle ersetzt (73.).

Nach einer Gnabry-Ecke und dem fälligen Abstoß wurde es plötzlich ruhig im Stadion. Schiedsrichter Zwayer stand im Funkkontakt mit Köln und lief anschließend selbst zum Bildschirm. Die Zeitlupe offenbarte, dass Hummels bei seiner Klärungsaktion ein strafbares Handspiel begangen hatte. Den fälligen Strafstoß verwandelte Lewandowski obwohl Kobel an den Ball kam (78.). Nach dem Tor wurde BVB-Trainer Rose mit Gelb-Rot des Feldes verwiesen.

Kurz vor Ende der regulären Spielzeit ersetze Nianzou den Torschützen Coman. Passend zum intensiven Spiel gab es dann noch einmal 10 Minuten Nachschlag. Nicht nur Salihamidzic rieb sich verwundert die Augen, kennt der gemeine Bundesliga-Fan eine solche Nachspielzeit sonst nur aus dem Fernsehen. Doch auch diese sollten dem BVB an diesem Abend nicht reichen. Zwar hatten die Dortmunder noch zwei Halbchancen, doch am Ende hielt Neuer den Sieg fest. Tolisso vergab beim Konter sogar noch einen Abschluss aufs leere Tor.

Mit nunmehr vier Punkten Vorsprung thronen die Bayern komfortabel an der Tabellenspitze. Die drei ausstehenden Partien in der Liga werden bis zur Winterpause in einer englischen Woche ausgetragen. Zunächst geht es aber noch in der Champions League gegen Barcelona um eine weiße Weste. Die Überwinterung im Wettbewerb ist bereits seit geraumer Zeit gesichert.

Dinge, die auffielen

1. All or Nothing

Nur mäßige Auftritte seit der Länderspielpause, ein brüchiges zentrales Mittelfeld ohne Kimmich und Sabitzer sowie ein angeschlagener Goretzka: Es hätte genügend Gründe gegeben für Nagelsmann einen konservativen Ansatz im Topspiel zu wählen. Doch im ersten großen Spiel wählte der 34-Jährige das volle Risiko.

Wie bereits in den letzten Wochen setzte er auf eine Fünfer-Angriffsreihe mit Schienenspieler Davies, die nur durch eine Dreierkette abgesichert wurde und den Gegner extrem hoch anlief. Gerade gegen die schnellen Dortmunder mit Knipser Haaland eine mutige Ausrichtung. Nach der frühen Führung des Rivalen schien das Urteil über den Plan bereits gefällt. Zu offen stand die Defensive und bot zu viele Schnittstellen für die tiefen Pässe der Dortmunder. 

Besonders zwei Gründe stachen dafür ins Auge. Die offensive Position von Davies, der teilweise nach Ballverlusten von Sané ersetzt wurde, bot den Dortmundern viel Raum auf der rechten Seite, über die zeitweise über 40% der Angriffe liefen. Zudem zeigte sich, dass Goretzka keineswegs fit war. Häufig konnte man beobachten, wie er lediglich joggen konnte und daher Tolisso weite Wege gehen musste. Kamen die beiden zentralen Spieler nicht in die Zweikämpfe wurde es fast immer brenzlig. 

Doch Nagelsmann gab seinen Plan nicht so schnell auf. Lediglich an zwei Stellen nahm er minimale Anpassungen vor. So stand die Dreierkette nun etwas tiefer und Davies wurde in der Rückwärtsbewegung konsequenter. Damit wurde die Defensive etwas stabiler. Im Angriff konnte man die schnellen Umschaltmomente sehr gut ausnutzen und lief ein ums andere Mal überfallartige Angriffe. So entstand auch der Ausgleich. Es entwickelte sich in der ersten halben Stunde ein offener Schlagabtausch.

2. Weltfussballer in a nutshell

Es war der Aufreger der Woche und soll auch hier nicht unerwähnt bleiben: Robert Lewandowski musste sich bei der bei der jährlichen Gala von France Football mit dem Titel des “Weltfussballers der Herzen” (O-Ton Matthäus) begüngen. Gewinner des Awards war wie so oft zuvor Lionel Messi.

Die Partie heute gegen Dortmund zeigte einmal mehr das Dilemma in dem der polnische Ausnahmestürmer steckt. In der Bundesliga ist er DER Dominator. Das direkte Duell mit seinem Konkurrenten um die Torjägerkanone Haaland entschied er heute für sich. Zudem traf er einmal mehr gegen das zweitstärkste Team der Liga und entschied damit auch die Partie.

Doch die deutsche Liga scheint in der internationalen Wahrnehmung fast egal. Seine Leistung in Topspielen bedeutet den Redakteuren der weltweiten Presse genauso wenig wie der neue Torrekord. 

Der letzte Schritt auf dem Weg zum Weltfußballer scheint nur über die Champions League zu gehen in der Lewandowski zwar eine hervorragende Trefferquote hat, wo ihm aber auch das Manko anheftet in großen Spielen zu selten zu treffen. 

3. Ohne Kontrolle im Zentrum

Während gerade im ganzen Land Impfzertifakte kontrolliert werden, fehlte den Münchnern ein Spieler ganz dringend, der viel zur Kontrolle beitragen kann nur eben keinen Impfnachweis. Gerade auf der großen Bühne fehlte Kimmich im zentralen Mittelfeld an allen Ecken und Enden.

In der zweiten Hälfte der ersten Halbzeit versuchten es die Münchner mit einem kontrollierten Angriffsspiel und viel Ballbesitz. Die Staffelung der Spieler war dabei sehr gut, besetzten sie doch jeden Zwischenraum, den ihnen die Dortmunder anboten. Es fehlte allerdings an zündenden Idee und kreativen Pässen. Der Spielaufbau lief in dieser Phase komplett über die Verteidigung und an dem Mittelfeld Goretzka/Tolisso vorbei. Auch daher hatten die drei Verteidiger zur Halbzeit die meisten Ballkontakte.

In der hektischer Spielphase der zweiten Halbzeit fehlte dann die Ruhe im Zentrum. Pässe wurden nur noch steil gespielt. Ein kontrollierter Aufbau aus der eigenen Verteidigung fand nicht statt. Die dauerhafte Präsenz als Anspielstation eines Kimmich fehlte mindestens so sehr wie dessen scharfe Pässe sowie kleine Finten, die Räume öffneten.

Goretzka war an diesem Abend physisch zu angeschlagen, um diese Rolle auszufüllen. Sein Nebenmann Tolisso zeigte sich stark verbessert zum letzten Spiel und lieferte eine gute Partie mit viel Einsatz und einer klugen Seitenverlagerung vor dem 2:1. Doch immer wieder fehlte ihm die Präzision im letzten Pass. Mit zunehmender Spielzeit wurde er immer unsichtbarer, vermutlich da die intensive Partie ihm viel abverlangte.

Gerade rund um die Stundenmarke hätte Nagelsmann vermutlich nur zu gerne mehr Sicherheit im Zentrum eingewechselt. Doch die Bank gab heute einen solchen Wechsel nicht her. Dementsprechend musste Musiala die Rolle von Goretzka übernehmen, konnte aber auch keine “Kimmich”-Akzente setzen.

4. Der Luxus auf dem Flügel

Kingsley Coman ist spätestens nach der Länderspielpause in dieser Saison angekommen. Nach seinen Herzproblemen kommt der Franzose immer besser in die Spielzeit und konnte bereits gegen Kiew das wichtige zweite Tor erzielen. Heute erzielte er die wichtige Führung vor der Pause. Insgesamt steht der 25-Jährige damit schon bei vier Treffern in nur 670 Minuten Einsatzzeit. Seine persönliche Bestmarke von acht Toren scheint greifbar und wäre ein wichtiges Argument für eine Vertragsverlängerung, die noch ausstehend ist.

Gleichzeitig zeigt sich aber auch, dass das System von Nagelsmann aufgeht. Einer der Münchner Flügelstürmer performt immer. Heute zeigte Coman eine starke Leistung während Sané einen schwächeren Tag erwischte. Gegen Bielefeld waren die Rollen noch umgekehrt. Zudem stehen mit Gnabry und Musiala zwei weitere Hochkaräter jederzeit bereit. 

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