Die Rückkehr der Willy-Sagnol-Gedächtnisflanke – die Entwicklung von Rafinha

Rafinha erlebt beim FC Bayern wohl seinen zweiten oder dritten Frühling. Vor Jahren geholt, um eine langfristige Lösung auf der rechten Außenverteidigerposition zu sein, geriet er nach durchwachsenen Leistungen schnell in Abseits. Nach einigen Versuchen ihn sinnvoll einzubinden – inklusive Lahm als Linksverteidiger, gab Jupp Heynckes in der Saison 2011/2012 die Hoffnung auf und installierte David Alaba als Linksverteidiger. Mit dem Ergebnis, dass der Platz von Lahm nun auf der rechten Seite war und der von Rafinha auf der Bank. Was folgte waren fast zwei Jahre, die unter dem Begriff Back-Up-Dasein fallen. Er wurde in Spielen gebracht, die auf dem Papier schon gewonnen waren – zum Beispiel gegen Düsseldorf, Fürth und sonstige Vereine aus dem unteren Tabellendrittel. In der letzten Saison brachte er es trotzdem noch auf 17 Spiele, davon 9 als Einwechselspieler, da es Jupp Heynckes verstand geschickt zu rotieren. Was die These vom Ergänzungsspielerdasein bestätigt.

Rafinha im Bayerntraining

Im Sommer passierte eines dieser typischen Fußballmärchen. Der neue Trainer Pep Guardiola sah in Rafinha Dinge, die Jupp Heynckes nicht zu sehen vermochte. Schon in den Testspielen durfte er regelmäßig auflaufen. Durch die Ausfälle von Schweinsteiger, Martinez und Götze im Mittelfeld bekam Rafinha nun seine zweite Chance, da wiederum Lahm kurzerhand zum zentralen Mittelfeldspieler umfunktioniert wurde. Spielerisch liegt der Vorteil auf der Hand: Durch das (meist) gute Pressing von der Mittelfeldachse Lahm/Thiago/Kroos, bekommt die Abwehr weniger Druck und so wird der Gegner weit vom Tor weggehalten. Man kaschiert geschickt die eigenen Schwachstellen. Diese liegen bei Rafinha in der defensiven Zweikampfführung. Hin und wieder steht er zu weit weg von seinem  potenziellen Gegenspieler, mal ist er zu passiv oder er lässt dem Gegner an der zu langen Leine in Ruhe agieren. Besonders gut konnte man das beim Heimspiel gegen Hannover sehen oder auch jetzt vor kurzem in Stuttgart. Sein Abwarten hat oftmals zur Folge, dass der Gegner Tempo aufnehmen kann – wie zum Beispiel der Stuttgarter Werner. Rafinha selbst verfügt nicht über diesen schnellen Antritt und hat folglich Probleme überhaupt noch in den Zweikampf zu kommen. Kurzum: Das Stellungsspiel könnte hin und wieder aktiver sein.

Unter Pep Guardiola bringt es der Brasilianer dennoch auf 26 Pfichtspieleinsätze – mit lediglich 3 Einwechslungen, weil die hier angesprochenen Probleme selten vorkommen. Mit anderen Worten: Rafinha ist aktuell Stammspieler. Waren seine Einsätze am Anfang der Saison gegen Freiburg und Hannover gerade noch ausreichend, steigerte er sich im Laufe der Hinserie von Spiel zu Spiel. So konnte er gegen Schalke und in Manchester sicherlich seine persönlichen Highlights setzen. Dort wurde er von Pep sehr offensiv eingesetzt – fast wie bei seinem Ausflug in die Seria A beim FC Genua. Dort spielte er im rechten Mittelfeld, sehr offensiv und fütterte die Stürmer regelmäßig mit Flanken. Gerade den Diagonalpass gg. City auf Ribery vor dem 1:0 haben noch viele im Kopf oder auch die Willy-Sangol-Gedächtnis-Flanke auf Thiago gegen Stuttgart. Offensiv wünscht man sich dennoch etwas mehr Impulse. Das liegt wohl an besagtem Philipp Lahm, der in der Vorsaison als Rechtsverteidiger über 22 Torvorlagen in 58 Spielen lieferte und damit den perfekten Außenverteidiger gab. Man darf allerdings nicht unterschlagen, dass sich das Spiel des FC Bayern verändert hat. Es werden im Vergleich zur Vorsaison weniger Flanken gespielt. Das klassische Hinterlaufen von Robben durch Lahm sieht man von Rafinha selten, weil der Trainer eine neue Spielphilosophie etabliert hat. Das liegt aber auch daran, dass das Zusammenspiel mit Robben noch ausbaufähig ist. Oftmals hängt der Holländer etwas in der Luft, weil Rafinha zunächst auf Absicherung bedacht ist. Ob das taktisch gewollt ist, oder ihm der Mut fehlt, ist schwer zu beurteilen. Gelingt es ihm das Zusammenspiel zu verbessern, schafft er sicher auch mehr als „nur“ fünf Assists.

Dennoch zeigt der Trend in der Summe nach oben. Schon alleine, weil sich Lahm scheinbar als ZM festgespielt hat und von dieser Position nicht mehr wegzudenken ist. Ob Rafinha mittelfristig der Spieler sein kann, der die Abwehr in Gefahrensituationen stabilisiert (z.B. gegen die großen Mannschaften der Champions League) und sich offensiv zu einem wichtigen Faktor entwickeln kann, vermag wohl nur die Zeit zu zeigen. Auch zu Beginn der Rückrunde vertraut Pep Guardiola auf ihn. Schon alleine aus Mangel an Alternativen. Ein Vladimir Rankovic ist noch zu grün hinter den Ohren, um dauerhaft als Rechtsverteidiger zu spielen. Außerdem laboriert er derzeit an einer Oberschenkelverletzung. Zwar überzeugt er bereits mit 14 Vorlagen in 23 Spielen in der Regionalliga, allerdings gegen Gegner, die selten Druck auf eine Abwehr ausüben können. Des Weiteren ging Rankovic etwas die Luft zum Ende der Hinserie aus. Das Gleiche gilt wohl für einen Mitchell Weiser – bei dem es zumindest vorstellbar ist, dass er weiter nach hinten rückt. Allerdings müsste er für einen Rechtsverteidiger wohl noch deutlich an Kraft und Masse zulegen.

Dass Guardiola mit der Leistung von Rafinha nicht vollends zufrieden ist, zeigt sich auch immer wieder im Versuch die Dreierkette zu installieren. In der ersten Halbzeit gegen Salzburg saß Rafinha auf der Bank – er kam erst in der zweiten Halbzeit. Vielleicht weil es aktuell keine bessere Lösung gibt – jedenfalls bis 2017, denn bis dahin wurde sein Vertrag unlängst verlängert.

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Leserkommentare
  1. Gehört am Sonntagabend im Stadion: »Ein gutes Spiel von Rafinha sieht man dann, wenn er uns im Stadion beim Zusehen überhaupt nicht auffällt«

  2. Schöner Artikel.
    Auch wenn ich den letzten Absatz so nicht unterschreiben würde. Ich denke Guradiolas Versuche eine Dreierkette zu installieren, lassen nicht auf Rafinhas Leistungen schließen. Ich denke der Grund ist viel mehr Guardiolas Liebe für zentrale Mittelfelspieler. So war die Dreierkette gegen Salzburg ja eine echte Dreierkette und nicht wie in Italien eher eine verkappte Fünferkette.

  3. drschnell1

    Ich sehe Rafinha, unabhängig davon, dass er derzeit praktisch Stammspieler ist, als unseren größten Schwachpunkt an. Er hat in der Defensive starke Probleme. In der Offensive kommt von ihm viel zu wenig. Er “glänzt” vor allem mit Rückpässen. Unser Offensivspiel leidet stark. Aus meiner Sicht sind wir unser größten Stärke beraubt, wenn Lahm im Mittelfeld eingesetzt wird. Unsere Flügelzange links Lahm/Robben und rechts Alaba/Ribery ist das stärkste was es weltweit gibt. Vor allem auf der rechten Seite weiß der Gegner nie ob Robben nach innen zieht oder einen No-Look-Pass auf Lahm spielt der dann auf die Grundlinie zieht. Mit Rafinha ist das nicht zu machen. Ich bin der gleichen Ansicht wie der “kicker” der ihn der Rangliste bei den “Außenverteidigern” (wo ganz wenige gelistet waren), nicht berücksichtigt hatte, da sein Notendurchschnitt zu schlecht ist. Und das obwohl er in der Vorrunde Stammspieler beim besten Verein der Welt ist.

  4. Thorsten

    Ich finde, dass Rafinha nicht soooo gut spielt. Wäre also nicht enttäuscht, wenn er den Verein verlassen würde und dafür ein Youngster ins Team aufsteigen würde.

    Weiß auch ehrlich gesagt nicht, warum er von gewissen Stellen so hochgelobt wird. Der Artikel ist super geschrieben, auch wenn ich nicht alles nicht so unterschreiben würde. Vielleicht habt ihr ja Lust auf meine Sportnachrichten!?

  5. Bazi78

    Ich denke das zur nächsten Saison ein neuer rechter Verteidiger geholt wird wenn sich Rafinha defensiv nicht steigern kann.Guardiola will doch nicht über die Flügelzange angreifen sondern lieber durch die Mitte kombinieren.Dann im letzten Drittel raus auf die Flügel spielen um den kompakten Gegner ins laufen zu bringen.Um dann wieder in die Mitte zu passen usw. bis sich eine Lücke ergibt.Alles flache Pässe und wenn möglich keine hohen Flanken.Die Außenverteidiger ziehen zur Mitte im Aufbauspiel und hinterlaufen die Außenstürmer nur noch selten.Unser Flügelspiel aus den letzten Jahren wird doch nur dann ausgepackt wenn man einfach kein Tor erziehlen kann und mit der Brechstange agieren muß.Schweinsteiger wird wieder als Achter spielen wie vor seiner Verletzung.Lahm als Sechser im Wechsel während des Spiels mit Schweini bzw. Thiago.Diese Drei werden wohl auch gegen die wichtigen Gegner im Zentrum auflaufen.Um immer wieder die Positionen flexibel zu tauschen…

    1. Nur.. wenn würdest du denn als RV holen wollen?

      1. Sandro

        Ich bin von Rafinha auch nicht ganz überzeugt aber bei aller Kritik darf man nicht vergessen, dass der FCB in dieser Bundesligasaison erst 9 Gegentore bekommen hat und Rafinha da sicher auch seinen Teil dazu beiträgt.

        Als Alternative können man ja mal den Tony Jantschke ins Auge fassen. Ich finde er spielt für seine jungen 23 Jahren unheimlich abgeklärt sowohl auf der rechten Seite als auch in den letzten Spielen in der Innenverteidigung. Und ich meine Ribery hat in den letzten Spielen gegen ihn auch nicht wirklich einen Stich gemacht (korrigiert mich wenn ich hier falsch liege …)

        Auch bei KKSTR ist er weit über den (von euch ausgerufenen) 60-80 Punkten für einen durchschnittlichen Spieler ;-)

  6. Bazi78

    Es kann ja auch ein unbekannter Spieler sein.Er muß nur schnell,beweglich und zweikampfstark sein.Lahm ist auch nicht mehr der schnellste wie man gegen Stuttgart sehen konnte als ihn Timo Werner im Zentrum einfach überlaufen hat.Der hat nicht nur mit Rafinha gemacht was er wollte.Unsere Abwehr steht im gegensatz zur letzten Saison deutlich höher und deshalb brauchen wir mMn auch andere Abwehrspieler.Nur Alaba(LV) und Boateng(IV) sind schnell genug im direkten Laufduell.Also fehlt noch ein rechter Verteidiger mit den beschriebenen Eigenschaften.Da unser Offensive sehr gut und aussreichend stark besetzt ist sollte man sich auf die Verpflichtung von neuen Defensivspielern konzentrieren…

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