»Eigentlich freue ich mich jetzt schon auf das Spiel der Amateure«

Der Bundesligaauftakt unserer Triple-Bayern sollte normalerweise einfach ein schöner Stadionbesuch sein. Zwar hat man – zumindest gefühlt – erst vor wenigen Tagen gefeiert und kurz darauf den historischen Erfolg erlebt, aber nach der zu kurzen Pause geht es wieder los. Heimspiel, Allianz Arena. Vielleicht war es auch ein Auswärtsspiel.

Hermann Gerland Kampfbahn Grünwalder

Ich kann mich nicht daran erinnern mit derart gemischten Gefühlen den Schal umgelegt und zu einem Fußballspiel gefahren zu sein. Seit Jahren brodelt es in München, aber in den letzten Wochen spitzte sich die Lage trotz der einmaligen Erfolge weiter zu. Inzwischen betritt man die Südkurve, also die Blöcke 112/13, durch ein Zugangssystem mit Drehkreuzen aus Edelstahl. Kleine grüne Pfeile weisen den Weg an das Gerät zum Einscannen der Karte oder leuchten bei Problemen rot auf. »Einstempeln«, durch das Drehkreuz gehen, sich wenige Meter in Richtung Rasen bewegen und die Betonstufen heruntersteigen. Eigentlich schaut alles aus wie immer, aber man fühlt sich abgegrenzter, ja fast ausgeschlossener, als irgendwo sonst in der Allianz Arena. Und dabei gehöre ich nicht zu den jahrelangen Stammgästen, deren Gefühle hier wesentlich stärker ausgeprägt sind. Vermutlich zeigen Leute auf der Gegengerade mit dem Finger in Richtung Süd und wundern sich über die Vorkommnisse. Oder über das was eben nicht passiert. Keine Fahnen, kaum Leute die sich herzlich mit einem »Ja, endlich wieder hier« begrüßen und gähnende Leere im – auch in der Vergangenheit schon beschaulichen – Block der Heimfans. So wird es auch über die gesamten 90 Spielminuten bleiben. Vereinzelt versuchen sich kleine Gruppen an einem Gesang, von links dringt mal etwas rüber, aber grundsätzlich hört man nur die Gästekurve unter ihrem Dach im Münchner Norden. Voller Scham sieht man zu wie die Fans des FC Bayern auf einen Gesang der Gäste reagieren und sich erheben. Die Gladbacher haben natürlich kein »Steht auf, wenn ihr Bayern seid« gesungen. Das Wort »Steuern« überhörten anscheinend die meisten Heimfans. Eine Antwort aus der Südkurve ist unter den gegebenen Umständen nicht möglich.

Es ist schlichtweg traurig die eigene Mannschaft vor so einer »Kulisse« zu sehen. Die Pässe können noch so wunderbar sein, Tore noch so früh fallen, der Saisonauftakt gut funktionieren, aber das Umfeld in der Allianz Arena war für den Triplesieger unwürdig. Und es wird so bleiben, denn die Gräben zwischen aktiven Fans der Südkurve und Vereinsführung sind tief und es gibt keine Signale für Veränderungen. Die Aufklärungsarbeit läuft schleppend und Aktionen, wie Petitionen oder offene Briefe, haben unnötige Spitzen. Man redet über- statt miteinander. Gleichzeitig ruhen die Verantwortlichen seitens FC Bayern gelassen auf ihren gepolsterten Sesseln. Die Hütte ist voll, Stimmung wird schon irgendwann wiederkommen und falls nicht, ja, dann sorgen sie eben selbst dafür. Es ist ein Trauerspiel.

Schon während der ersten Hälfte schaute ich meine Begleiter an und irgendwie hatten wir den selben Gedanken. Wir freuen uns jetzt schon – keine halbe Stunde nach dem Start der neuen Bundesligasaison – auf die Unbeschwertheit des Besuchs unserer FC Bayern Amateure. Junge talentierte Spieler, eine beschauliche, offene und freundliche Fankurve und Nachmittage ohne die Probleme aus der Allianz Arena. Viele Fans des FC Bayern kämpfen seit Jahren für die Verbesserung der Situation und den Erhalt ihrer Fankultur. Die Amateure sind wahrscheinlich auch ihre Zuflucht. Den aktiven Fans gehört großer Respekt für den unermüdlichen Einsatz, der derzeit an hausgemachten Problemen und dem Fehlen jeglichen Dialogs scheitert. Verbesserungen sind nicht in Sicht, aber die Bemühungen dürfen nicht eingestellt werden.

Trotz der installierten Drehkreuze, der schwachen Aussichten auf Veränderung und des komischen Gefühls im Stadion bleibt Hoffnung. Zumindest bei mir. Aber wie lange noch?

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Leserkommentare
  1. Sascha

    Schön geschriebener Text. Dafür erstmal ein Lob.

    Ich möchte mal meine Sicht der Dinge darstellen.

    Der FC Bayern ist garnicht gewillt eine derartige Fanszene zu unterstützen. Denkt nur mal an die Koan Neuer Proteste .. ich will ich garkeine Position beziehen, aber das hat dem Vorstand und dem Rest der Fans (passive, Eventfans, sporadische Besucher, Touristen usw.) nicht gefallen (zumindest großen Teilen). Diese Fans teilen nicht die Ultra Ansichten. Denen ist das Problem, das der Manuel Neuer ein ehemaliger Ultra oder was auch immer war bewusst, können aber es nicht einordnen.
    Zum anderen möchte der FCB eine möglichst hohe Zuschauerfluktuation erreichen, um einen höheren Absatz von Fanartikeln zu erzielen. Das ist betriebswirtschaftlich natürlich vernünftig und sollte auch jeder “aktive” Fan verstehen können. Daher ist dem FCB die Südkurve die wenig konsumiert ein Dorn im Auge.
    Aber was heißt das für den Tourist oder Eventfan?
    Meiner Meinung nach wird das Stadionerlebnis getrübt, über kurz oder lang wird auch von dieser Klientel nicht mehr die Bereitschaft bestehen, viel Geld und Zeit zu investieren um Gästefans brüllen zu hören. Ganz Europa schaut neidisch nach Deutschland wegen unserer Fankultur. In Barca gibt es sowas nicht mehr, kommt kein Messi ist das Stadion nicht ausverkauft.
    Sowas kann unmöglich von unserem Vorstand gewünscht sein.
    Ich habe die Befürchtung, das sich dieses auch auf Auswärtsspiele auswirkt (Karten für ortsansässige Fanclubs) und früher oder später auch Vereine wie den S04 oder BVB09 ereeilen wird. Denn diese wollen auch national dem FCB Paroli bieten. Daher ist es meiner Meinung nach wichtig, das die ganze Fanszene in Deutschland Solidarität mit uns zeigt und wie schon bei Bordeaux, Bochum oder Fürth gesehen, Flagge für uns zeigt.
    mit rot weißen Grüßen

    Sascha

  2. @Sascha: Besten Dank für deinen ausführlichen Kommentar! Einige Ansichten teilen wir beide und wahrscheinlich auch viele andere Leser hier.

    Diese Fans teilen nicht die Ultra Ansichten. Denen ist das Problem, das der Manuel Neuer ein ehemaliger Ultra oder was auch immer war bewusst, können aber es nicht einordnen.

    Diese Aktion hat dem Ansehen der Münchner Ultras sicher geschadet. Besonnders weil sie nicht verstanden worden ist bzw. die Hinter- und Beweggründe nicht klar kommuniziert worden sind. Dazu muss man die Ultra-Kultur verstehen und nicht nur die hochgehaltenen Zettel im Stadion sehen. Für mich fällt das auch wieder in die Kategorie »Wer sich versteckt, wird nie verstanden werden«

    Daher ist dem FCB die Südkurve die wenig konsumiert ein Dorn im Auge.
    Aber was heißt das für den Tourist oder Eventfan?

    Wirtschaftlich gesehen ist diese Zuschauerfluktuation gut. Ob der FC Bayern aber jetzt bemerkt, dass diese 400 Freiverkaufkarten der Südkurve den Konsum anregen… wahrscheinlich nicht.

    Wo ich dir vollkommen recht gebe: die Vereinsführung hat nicht erkannt, dass die Südkurve essentieller Bestandteil des Stadionerlebnisses ist. Auch der Gelegenheitsbesucher – wie du sehr richtig schreibst – will nicht 90 Minuten lang die Gladbacher hören. Und da empfangen wir ja noch wesentlich lautere Gästefans.. man denkt nur an den Club oder Frankfurt.

  3. Sascha

    Kleine Ergänzung:
    Die 400 neuen Karten wird der FCB vllt nicht wirklich messbar merken, aber ich gehe davon aus das nachdem die Nordkurve mit Drehkreuzen bestückt wurde es nur ein kleiner Schritt zur “Vollkontrolle” ist. Dann wird ähnlich wie bei der AWDK geschaut wer wie oft diese JK nutzt und schon werden Plätze frei, wenn nicht vorher schon eine gewissen Anzahl von Leuten einfach keinen Bock mehr haben in die AA zu fahren. Eins muss man immer im Hinterkopf haben: Sobald eine Infrastruktur geschaffen wird, wird sie auch genutzt (Vorratsdatenspeicherung, Prism usw.) Es fängt immer nur klein an.

    Meiner Meinung nach müsste die Schickeria, IB usw. also der Ultrakern jetzt auf “Normalos” zugehen und ihre Sicht der Dinge darstellen und Unterstützer im Stadion und auch ausserhalb finden. Wenn UH, KHR usw. merken wie die Stimmung in Richtung Pro Ultras fällt, dann findet vielleicht doch noch ein Umdenken statt.

    Aber dafür stecke ich nicht tief genug in der Thematik drin und wohne auch zu weit weg um mir ein direktes Urteil bilden zu können.

    Das sind nur meine Ansichten als ausstehender, verrückter und langjähriger Bayernfan, der zu jeden Spiel fährt wofür er mal Karten bekomme.

  4. Meiner Meinung nach müsste die Schickeria, IB usw. also der Ultrakern jetzt auf “Normalos” zugehen und ihre Sicht der Dinge darstellen und Unterstützer im Stadion und auch ausserhalb finden. Wenn UH, KHR usw. merken wie die Stimmung in Richtung Pro Ultras fällt, dann findet vielleicht doch noch ein Umdenken statt.

    DAS ist der allerwichtigste Schritt in den nächsten Wochen. Aufklärungsarbeit über die Gruppen, ihre Interessen, Belange und gewissermaßen auch Forderungen. Leider fehlt ein Sprecher. Die gemeinsame Stimme der Südkurve. Eine Person die auch in der Öffentlichkeit auftreten kann und von den Gruppen legitimiert ist.

  5. […] Miasanrot stand im berühmt-berüchtigten “Drehkreuz-Block” in der Allianz Arena. Sein […]

  6. RWDJojo

    Ich habe die Befürchtung, das sich dieses auch auf Auswärtsspiele auswirkt (Karten für ortsansässige Fanclubs) und früher oder später auch Vereine wie den S04 oder BVB09 ereeilen wird. Denn diese wollen auch national dem FCB Paroli bieten.

    Ja und Nein!!! In dieser Form wird das Schicksal den S04 oder den BxB nicht ereilen. Ich kenne die Situation bei euch nur aus wenigen Blog- und Zeitungsartikeln, so dass ich mir sicherlich kein abschließendes Urteil erlauben kann. Aber Im Unterschied zur Allianz Arena gibt es auf Schalke und in der Wellblechhütte in Lüdenscheid-Nord einen deutlich größeren Stimmungskern und erheblich mehr Stehplätze. Auf Schalke war es nach Eröffnung der Arena für 1-2 Jahre so, dass es in der Nordkurve Blockbindung gab. Hatte man eine Karte für den Block N5 durfte man auch nur in diesen Block hinein. Diese Blockbindung wurde auf Initiative der Ultras GE abgeschafft. Nun darf jeder Inhaber einer Nordkurvenkarte in den Block seiner Wahl. Die Ordner vor und im Block achten darauf, dass der Blockzugang gesperrt wird, wenn ein Block voll ist. Betroffen davon sind in der Regel jedoch nur die mittleren Blöcke. Beim Verlassen des Blocks erhält man einen Stempel, mit dem man dann auch wieder Zutritt zum Block erhält. Diese Vorgehensweise hat den Vorteil, dass die Fans, die Stimmung machen wollen zusammenstehen können und die etwas “ruhigeren” Stehplatzbesucher sich eher in den Blöcken am Rand aufhalten.
    Andererseits muss ich leider zustimmmen, dass auch auf Schalke nicht alles toll ist. Die Stimmung im Stadion kann atemberaubend sein, wenn plötzlich alle (sogar die VIPs) mitmachen. Kommt jedoch nur bei Führung und gutem Spiel vor… Läuft es hingegen nicht so gut, wird es auch schnell relativ ruhig in der Arena. Dies war vor ein paar Jahren noch anders.
    Die Nordkurve an sich ist jedoch eine heilige Kuh, an die sich die Vereinsoberen nicht herantrauen. Insgesamt muss ich sagen, dass das Verhältnis zwischen Fans und Vorstand zwar nicht immer reibungslos (viaNOgo, Kartenpreise, etc.) ist, aber dennoch darauf geachtet wird, dass sich Fans und Vorstand einigermaßen auf Augenhöhe unterhalten. Der Knall zum Thema viaNOgo war zwar nicht schön, hat jedoch gezeigt, dass die Vereinsmitglieder und aktiven Fans immer noch in der Lage sind, dem Vorstand Paroli zu bieten.
    Die schlechtere Stimmung auf Schalke hat übrigens nur indirekt etwas mit dem Gebahren den Vorstands zu tun. Sicherlich werden durch die hohen Kartenpreise (insbesonder im Sitzplatzbereich) viele alte Schalker aus dem Stadion gedrängt, was dazu führt, dass mehr Eventfans in die Arena kommen. Aber für die Stimmung sind wir Fans verantwortlich. Vom Vorstand bekommen wir keine Knüppel zwischen die Beine geworfen (Blockbindung, Verringerung der Stehplätze, Verbot von Megafonen, etc, etc.).

    Auch das Image des Vereins ist da etwas fanfreundlicher (auch wenn es ebenfalls nur der Geldgenerierung dienen soll). Während euer Vorstand (aus meiner Sicht) ein Image aufbauen möchte, dass einen elitären, leicht arroganten (ihr nennt es Mia san Mia) Verein darstellt, sind wir Schalker Malocher. Eine laute, kritische Fanbasis passt eben besser zu einem Kumpel- und Malocherclub, der seine historischen Wurzeln in der Bevölkerung hat, als zu einem elitären Vorzeigeverein.

    Aber seid euch meiner Solidarität sicher! Es ist zwar nett, sich drüber lustig zu machen, dass ein paar Hundert Gästefans bei euch den Ton angeben können, jedoch wird es traurig, wenn man mal ein wenig drüber nachdenkt. Auch wenn unsere Vereine grundverschieden sind, gibt es auch bei euch fanatische Anhänger, die es nicht verdient haben, dass eure Stimmung den Bach runter geht. Ja, für die Stimmung seid IHR verantwortlich, aber wenn euch Knüppel zwischen die Beine geworfen werden, ist dies schwer umzusetzen!

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