WM-Boykott: Dreesen, der FC Bayern und die Angst vor dem Präzedenzfall
Die politische Lage in den USA hat sich seit Donald Trumps Wiederwahl sichtbar verschärft. Innenpolitisch wie außenpolitisch bewegt sich das Land in Richtung Autoritarismus, politische Gewalt wird zunehmend normalisiert.
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Vor diesem Hintergrund stellte St.-Pauli-Präsident und DFB-Vizepräsident Oke Göttlich die Frage, ob über einen Boykott durch den DFB diskutiert werden müsse.
Hochrangige Fußballfunktionäre wie DFB-Präsident Bernd Neuendorf, Multi-Funktionär Hans-Joachim Watzke und DFB-Geschäftsführer Sport Andreas Rettig versuchten die Debatte einzufangen, bevor sie aufkochte: weder die Debatte noch ein Boykott seien angebracht.
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Im Rahmen des DFL-Neujahrsempfangs äußerte sich auch Jan-Christian Dreesen, Vorstandsvorsitzender des FC Bayern zum Thema: „Es hat noch nie eine WM gegeben, die boykottiert worden wäre (…). Ich wüsste nicht, warum wir nicht an dieser WM teilnehmen sollten“, so Dreesen.
Miasanrot ordnet die Aussage des Bayern-CEOs ein.
Dreesen im Faktencheck: Es gab WM-Boykotte
Gab es in der Vergangenheit Boykotte von Fußball-Weltmeisterschaften? Die kurze Antwort lautet: ja.
Wenn Dreesen davon spricht, dass eine Weltmeisterschaft noch nie boykottiert worden sei, hat er vielleicht die umstrittenen WM-Turniere 1978 in Argentinien, 2018 in Russland oder 2022 in Katar im Sinn, die alle trotz Protesten in voller Teilnehmerzahl durchgeführt wurden.
Doch damit reist er zu kurz in die Vergangenheit. Die Sportschau ordnete die Boykott-Diskussion bereits vor Dreesens Äußerungen historisch ein. Sie listet im Artikel insgesamt sieben Boykotte von 1930 bis 1974 auf:
- Es begann bereits 1930 bei der ersten Weltmeisterschaft mit der Weigerung einiger europäischer Teams, nach Uruguay zu reisen und vier Jahre später mit der Replik der Uruguayer.
- Für die WM 1938 in Frankreich nahmen die Teams aus Großbritannien gar nicht erst an der Qualifikation teil. Als England ein Nachrückerplatz für die ans Deutsche Reich angeschlossenen Österreicher angeboten wurde, lehnten sie dankend ab und spielten stattdessen ein Sommerturnier mit ihren Nachbarn von den Britischen Inseln.
- 1966 sagten die afrikanischen Teams en bloc bereits die Qualifikation ab, weil ihnen kein sicherer, ganzer Qualifikationsplatz zugestanden wurde.
- 1974 verzichtete die UdSSR auf das Playoff-Qualifikationsspiel in Chile, nachdem es dort einen Putsch unter USA-Mithilfe gab.
Zwar hatten die WM-Boykotte von 1930 bis 1974 nicht die Gravität wie etwa die weitaus prominenteren Boykotte der Olympischen Spiele 1980 und 1984 im Kalten Krieg. Und in einigen Fällen ist es eine Interpretationsfrage, ob es sich um einen Boykott, einen Protest oder eine sonstige Absage handelt. Doch das sind semantische Taschenspielereien. Alleine schon, weil noch nicht klar wäre, wie eine hypothetische Nichtteilnahme an der WM 2026 bezeichnet werden würde.
Klar ist: Es gab in der Vergangenheit Boykotte bei Fußball-Weltmeisterschaften.
Dreesen und Neuendorf: Abblocken und von der Sach-Diskussion ablenken
Während Dreesen die Historie als Referenz heranzieht, wies Neuendorf auf den falschen Zeitpunkt für eine solche Debatte hin. Sowohl Neuendorf als auch Rettig betonten außerdem, dass Göttlich noch nicht lange im DFB-Präsidium dabei sei und die Diskussion, wenn überhaupt, dann dorthin ins Gremium gehöre.
Alle Antworten wirken auf den ersten Blick ungeschickt und am Thema vorbei. Doch genau das ist womöglich das Ziel der Kommunikation vom DFB und auch Dreesen: Die Diskussion wird nicht auf der Sachebene geführt, sondern auf eine Metabene verschoben.
Das wirkt plump, insbesondere wenn die Argumente so schwach sind wie bei Dreesen und Neuendorf – wann wäre der richtige Zeitpunkt? Wie lange muss Göttlich im Präsidium sein, bevor er eine Diskussion starten darf?
Doch es funktioniert. Artikel wie dieser arbeiten sich an der Metaebene ab, bevor sie zur inhaltlichen Auseinandersetzung kommen.
WM-Boykott? Die Angst vor dem Präzedenzfall
Das Motiv für die Ablehnung ist nachvollziehbar. Die Spitze des deutschen Fußballs will keinen WM-Boykott mit all seinen Folgen. Zu wichtig ist die Eroberung des lukrativen US-Sportmarkts. Und zu gefährlich ist das Risiko eines Präzedenzfalls: Auf den ersten großen Boykott der Neuzeit könnten schnell Forderungen nach weiteren folgen. Länderspiele in China? Champions-League-Spiele in Budapest? Dreesen und Co. scheuen den Dammbruch und weitere Boykottforderungen. Der FC Bayern erinnert an sein Verhalten rund um kritische Sponsoren.
Doch bei einem potenziellen WM-Boykott droht dem Spitzenfußball noch mehr Ungemach: Zu riskant und unabsehbar sind drohende Verwerfungen im Weltfußball. Denn was braucht es für einen Boykott? Zunächst benötigt Deutschland Mitstreiter. Alleine wird der DFB den Kopf nicht nach vorne strecken. Um die finanziellen Schäden abzumildern, bräuchte es eine lukrative sportliche und wirtschaftliche Alternative. Vielleicht in Form eines Turniers mit acht oder sechzehn Top-Nationen.
Das aber wäre zum einen in der Kürze der Zeit fast nicht zu stemmen. Es würde diplomatisch eine harsche Reaktion aus Washington hervorrufen. Und des Weiteren eine Reaktion der FIFA. Der DFB und die Bundesregierung wirken nicht, als wären sie bereit für diese Eskalation. Das ist realpolitisch allzu verständlich.
Europa beugt sich mal wieder
Aber auch ebenso konservativ wie typisch für das aktuelle Europa. Nicht mal im Weltfußball, wo der Kontinent die größte Machtposition inne hat, traute man sich rechtzeitig an eine adäquate Lösung, die Haltung zu den eigenen Werten ausstrahlt. Die Entwicklungen in den USA waren grob absehbar.
Statt frühzeitig an möglichen Druckmitteln zu arbeiten, saßen die größten Verbände Europas das Geschehen aus – in der Hoffnung, es würde schon nicht so schlimm werden. Und mit der altbekannten Strategie des Aussitzens. Denn kurz vor Turnierstart lässt sich wie schon vor der Katar-WM leicht mit fehlender Zeit und gespielter Überraschung argumentieren.
Auch das Vermeiden der inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Boykott-Frage ist nachvollziehbar. Das Abwägen, ab wie vielen Toten ein Boykott nötig sei, die Grenze zu ziehen, wie viel Autoritarismus noch okay sei, ist zynisch. In einer Diskussion dazu die Pro-Seite einzunehmen ist nicht einfach. Es wäre eine Diskussion, bei der Dreesen, Neuendorf und Co. kaum gewinnen können.
Fazit: Boykott unwahrscheinlich, Diskussion notwendig
Ein Boykott der Fußball-Weltmeisterschaft in den USA in Form eines Nichtantretens einzelner oder mehrerer Nationalteams ist äußerst unwahrscheinlich.
Die wirtschaftlichen und sportlichen Interessen sind zu groß, ein deutscher Alleingang praktisch ausgeschlossen. Realistisch wäre ein Boykott nur als gemeinsamer Schritt mehrerer Top-Nationen, so wie die Briten 1938 ihr kleines Privatturnier spielten. Das aber hätte das Potenzial, eine Revolution des Weltfußballs auszulösen. Und ist genau deshalb nicht zu erwarten.
Die Kommunikation von Dreesen und Neuendorf ist dabei gleichermaßen plump wie effektiv. Ihre Motive, am Turnier festzuhalten, sind nachvollziehbar. Auch ihre Verweigerung einer inhaltlichen Auseinandersetzung ist es.
Doch auch wenn die Diskussion akademisch bleibt: Sie gehört geführt. Dazu braucht es Impulse von außen: aus der Gesellschaft, aus den Kurven. Oder von Vereinen, die ihre Werte nicht nur auf Papier drucken.
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