Spieler des Monats September: Leroy Sané

Daniel Trenner 20.10.2021

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Natürlich müssen wir im August beginnen, beim Heimspiel gegen den 1. FC Köln. Wie alle Berichte derzeit über Leroy Sané. Die Geschichte ist mittlerweile trotz der Frische fast wieder ausgelutscht. Wir erinnern uns: Erstes Heimspiel seit Ausbruch der Pandemie, erstes Heimspiel von Sané vor bayrischem Publikum überhaupt – und er wird ausgepfiffen. Es war ein Kahlschlag, der den Verein in große Unruhe versetzte. Jeder sprach darüber. Effektiv sollte man es wohl eher als einen weiteren Dominostein in Sanés problematischer Beziehung zur (deutschen) Öffentlichkeit sehen. Schon im Sommer war er bei einer schwachen Mannschaftsleistung der Nationalmannschaft der große Sündenbock für die Öffentlichkeit. Und obwohl er ein ganzes Jahr lang effektiv keinen Fußball spielen konnte, interessierte dies niemanden in der Bewertung von Sanés Debütsaison. Er sollte gefälligst gleich Franck Ribéry und Arjen Robben in Nichts nachstehen und scheiterte daran, also war seine Saison schwach. Details schienen niemanden zu interessieren. Offenbar selbst die Münchener Stadiongänger, offenbar selbst Hasan Salihamidžić selbst (“Sané steht vor einem Jahr der Wahrheit”).

Doch genau als allgemein eine längere schwierige Talsohle in Sanés Entwicklung erwartet wurde, überraschte Sané. Ob es nun die Pfiffe waren oder etwas anderes, auf einmal schien es bei Sané “klick” gemacht zu haben. Er zeigte sich nicht nur verbessert, kaum war die Verstopfung beseitigt, sprudelte es aus der Leistungs-Ketchupflasche nur so heraus.

Bereits wenige Tage nach dem Köln-Spiel sammelte er die ersten Scorerpunkte der Saison, doch die Gegner waren die hoffnungslos überforderten Fünftligisten des Bremer SV, von einem echten Wendepunkt konnte also keine Rede sein. Ähnliches galt für das letzte Spiel im Monat August – Sané assistierte, doch die Hertha war bereits geschlagen, seine Vorlage zu Lewandowskis zwischenzeitlichem 4:0 juckte keinen.

Bei der Nationalmannschaft lagen die Dinge jedoch anders, noch immer werden Leistungen dort stärker registriert als in schnöden Ligaspielen. Zweimal traf er, in allen drei Spielen gehörte er zu den jeweils besten Spielern. Leroy Sané war der klare Gewinner von Hansi Flicks erster Länderspielwoche.

Frisch injiziert mit schwarzrotgoldenen Endorphinen konservierte Sané diese Klasse auch im Verein. Die Scorerpunkte fluteten nun herein – in fünf Spielen waren es am Ende ganze sieben Stück. Auch weil er nun wieder absoluter Stammspieler war, waren diese nun nicht mehr nur Randnotizen, sondern spielentscheidend. Das Eröffnungstor gegen Bochum per Freistoß, das effektiv spielentscheidende 3:0 gegen RaBa Leipzig, dazu assistierte er zum Führungstreffer in Barcelona, sowie beim 2:0 gegen Greuther Fürth. Abgerundet wurde das ganze noch von zwei Scorerpunkten gegen ein allerdings bereits geschlagenes Dynamo Kiev.

Der Linksrutsch mit kanadischer Unterstützung

Woher kam die Leistungsexplosion? Ein Schlüssel dafür war sicherlich Sanés Positionstausch. Schon in den kurzen Auftritten nach dem Tiefschlag gegen Köln spielte Sané auf der linken Seite und nach Beratung mit seinem Vereinstrainer, tat er dies auch in der Nationalmannschaft. Sané spielt mittlerweile ausschließlich auf der linken Seite. Der Seite, auf der er in England durchstartete, was nicht wenige zum Gedanken verleitet, er sei tatsächlich ausschließlich ein Linksaußen. Ich bin mir da unschlüssig, schon unter Hansi Flick spielte er einige Male links und zeigte keine nennenswerten Ausschläge nach oben. Tatsächlich glaube ich, die Leistungsexplosion entspringt einer Mischung aus klassischem Trainerhandwerk (Sané behutsam den Rücken stärken) und der nun präsenteren Unterstützung seines Außenverteidigerpartners.

Alleine gut, gemeinsam eine Waffe – Leroy Sané mit Alphonso Davies (und der stärksten Waffe überhaupt – Robert Lewandowski)
(Foto: Lukas Barth-Tuttas – Pool/Getty Images)

Alphonso Davies hat den Fluch der zweiten Saison überwunden und spielt eine richtig gute Runde, sein Name fiel ebenfalls in der internen Diskussion zum Spieler des Monats. Ganz ähnlich wie in seiner Debütsaison sucht er wieder konsequent den Gang nach vorne, etwas was seine Pendants auf der rechten Seite nicht so tun. Josip Stanišić ist aus nachvollziehbaren Gründen noch immer sehr vorsichtig, Pavard kippt meist effektiv in eine Dreierkette ab oder stößt eher ins Mittelfeld hinein und Niklas Süle ist eben Sülinho. Oft der pure Wahnsinn, aber eben sehr impulsiv, weniger stringent und eingeplant, wie es Davies Vorstöße sind.

Überhaupt ist die Kombination Alphonso Davies und Leroy Sané eine doch eher überraschende Waffe. Auf dem Papier sind es doch sehr ähnliche Spieler. Beide Linksfüßer, beide blitzschnell, beide mehr Assistgeber, denn Torjäger, beide präferieren links eher die Seite, denn den Halbraum. Der Gedanke kam somit schnell, dass beide sich auf der gleichen Seite eher auf den Füßen stehen würden, doch falsch gedacht. In der Praxis sehen die Dinge ganz anders aus. Setzt der eine einen Sprint an, geht der andere in die Mitte oder sichert ab, in die Haare kommen die beiden sich nie. Tatsächlich klappt das Zusammenspiel in meinen Augen schon jetzt besser, als das von Davies mit Serge Gnabry, die sich wirklich trotz ihrer mittlerweile dritten gemeinsamen Saison, erstaunlich oft gegenseitig negieren. Spielt Gnabry links mit Davies, strahlt am Spielende meist nur einer von beiden.

Dass Serge Gnabry rechts eher stärker als links ist, ist bekannt, bei Kingsley Coman sehen die Dinge allerdings anders aus. Leroy Sané profitierte im September von dessen Verletzung. Es bleibt abzuwarten wo sich Coman in dieser Saison noch eingliedert, bislang war bei ihm der Unterschied zwischen rechts und links sogar größer, als es bei Sané der Fall war.

Im September zeigte Sané, wieso ihn die Bayern solange gejagt, wieso sie gar auf ihn gewartet haben. Er brillierte gar nicht so sehr wie es die inversen Flügelstürmer Ribéry und Robben vor ihm taten, sondern als richtigfüßiger Kreativspieler, der links, wie rechts am Gegner vorbeiziehen kann. Der Tore assistieren oder selber erzielen kann, der den Weitschuss so beherrscht wie den Abstauber. Es bleibt abzusehen, ob er dies tatsächlich ausschließlich auf seiner linken Seite tun wird, wo er in isolierte Dribblingduelle gehen kann. Er selbst spielt rechts tatsächlich ja lieber. Womöglich werden wir in Zukunft noch eine weitere Neugeburt des Leroy Sanés sehen. Bis dahin aber bejubeln wir sein neu gewonnenes Glück und überreichen -etwas verspätet- den Miasanrot-Award für den Spieler des Monats September.

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