Was der Schweinsteiger-Abgang bedeutet

Steffen Trenner 11.07.2015

Emotional wird die Entscheidung wahrscheinlich jedem Bayern-Fan einen Schlag in die Magengegend versetzt haben. Schweinsteiger ist wohl die größte Identifikationsfigur einer gesamten Generation von Bayern-Anhängern. Er ist das Bindeglied zwischen der 2001er und der 2013er Mannschaft, die jeweils die Champions League gewann, weil er auch mit großen Teilen des 2001er Teams noch zusammenspielte. Es wird schwer, sich an Schweinstieger in einem anderen Trikot zu gewöhnen. Trotz dieses diffusen Unbehagens: Auf seine Bedeutung für den Verein, mit dem er alles gewonnen hat was es zu gewinnen gibt wird der Wechsel keinen großen Einfluss haben – vor allem wenn man in 5-10 Jahren auf seine Karriere zurückschaut. Sein Weggang ist trotzdem eine Zäsur, die Folgen hat für den Verein und den längst antizipierten Umbruch im Kader endgültig einläutet.

Was Schweinsteigers Abgang bedeutet:

1. Alle Augen auf Guardiola

Egal ob es stimmt oder nicht, dass Guardiola seinen Vize-Kapitän mehr oder weniger vergrault hat – der öffentliche Druck auf den Coach wird in der kommenden Saison enorm steigen. Schon am Freitag drehten viele Journalisten die Geschichte in diese Richtung. Guardiola setze auf seine Spanier (Thiago und Xabi Alonso) und der Fußballgott muss darunter leiden. So einfach war die Lesart in vielen Kommentaren. Realistisch ist das nicht. Dass Schweinsteiger in beiden wichtigen Spielen gegen Barcelona in der Vorsaison in der Startelf stand, wird von vielen offenbar gern vergessen. Auch Buchautor Martí Perarnau, der anders als die meisten Kommentatoren einen direkten Draht zu Guardiola hat, sah das Verhältnis der beiden alles andere als schlecht. Im Gegenteil: In seinem Buch über das erste Jahr des Katalanen wird mehrfach betont, wie intensiv und vertrauensvoll das Verhältnis der beiden sei – und wie sehr Guardiola den ihm in der strategischen Denkweise ähnlichen Schweinsteiger schätze. Dass es in der letzten Saison zu einem Bruch kam? Kaum vorstellbar und Karl-Heinz Rummenigge bestätigte, dass Trainer und Spieler ein intaktes Verhältnis haben.

Fakt ist: Schweinsteiger wäre in München einer von sehr vielen hochqualifizierten Kräften im zentralen Mittelfeld gewesen. Garantien, dass er bei einem FC Bayern in Bestbesetzung immer in der Startelf stehen würde, gab es nicht. Vor allem nicht auf der von ihm bevorzugten 6er Position. Dies und Schweinsteigers offensichtliche Lust auf eine Auslandserfahrung bei einem der größten Namen Europas werden am Ende wohl den Ausschlag gegeben haben.

In der öffentlichen Wahrnehmung ist das jedoch egal. Der Abgang wird als erneute Machtdemonstration des Trainers gewertet. Der Druck, im kommenden Jahr erneut einen Meistertitel einzufahren und wohl auch in der Champions League den nächsten Schritt zu gehen steigt noch einmal. Es könnte ein ungemütliches Jahr für den Bayern-Coach werden, der zudem über die Verlängerung seines Vertrags entscheiden muss.

2. Chance für die jungen Wilden

Der FC Bayern hat registriert, dass Xabi Alonso im Vorjahr nach einer starken Hinserie zunehmend die Luft ausging. Er wird deutlich weniger spielen als in der Vorsaison. Da jetzt auch noch Schweinsteiger geht, entstehen große Chancen auf Spielzeit für die jungen Wilden im zentralen Mittelfeld. Namentlich sind hier Sebastian Rode, Pierre Emile Hojbjerg und vor allem Joshua Kimmich zu nennen. Rode hat seinen Wert als 10.-15. Mann und Energizer von der Bank bereits unter Beweis gestellt. Der ehrgeizige Hojbjerg, bei dem eine erneute Leihe immer noch nicht ganz vom Tisch ist, muss beweisen, dass er den nächsten Schritt machen kann.

Mit Kimmich kommt in diesem Sommer ein Juwel dazu, von dem die gesamte sportliche Führung des FC Bayern zu 100 Prozent überzeugt ist. Er gilt als technisch versierter, passstarker Stratege mit feinem defensivem Timing und könnte schon im ersten Jahr deutlich mehr Einsatzzeit bekommen als viele glauben. Alle drei stehen in der Mittelfeld-Rangordnung immer noch ein Stück hinter Thiago, Lahm, Alonso und auch Alaba und Martínez. Trotzdem werden sie durch Schweinsteigers Abgang mehr Zeit bekommen sich zu beweisen. Das gleiche gilt, wenn auch etwas abgeschwächt, für Gaudino. Für alle U25-Akteure beginnt jetzt auch das Wettrennen um eine Rolle ab 2016, wenn Alonso wohl den Verein verlässt und mit Lahm ein weiterer Ü30-Spieler langsam weniger Einfluss bekommen könnte. Erfüllen sie die Anforderungen in der kommenden Saison nicht könnten auch andere Namen (Gündogan, Verratti) wieder stärker in den Fokus rücken.

3. Mehr Freiheiten für Alaba

David Alaba war bis zu seiner Verletzung als strategisches Element für Guardiola Gold wert. Keiner ist so vielseitig wie der Österreicher, der auf mindestens drei Positionen (linker Verteidiger, zentraler Mittelfeldspieler und vor allem linker Halbverteidiger) Weltklasse verkörpert. Durch Schweinsteigers Weggang steigen auch für ihn die Möglichkeiten in zentraleren Positionen zu agieren – so wie er es über weite Strecken der Hinrunde getan hat. Nicht ausgeschlossen ist deshalb auch, dass die Münchner auf der Außenverteidiger-Position noch einmal tätig werden. Rafinha auf der einen und auch Bernat auf der anderen Seite haben im Vorjahr enorm viele Minuten gesammelt. Zusätzliche Rotationsspieler könnten hier durchaus helfen.

Während es rechts mit Lahm, Rode, Hojbjerg und auch Kimmich ein paar Kandidaten im Kader gäbe, bleiben links eigentlich nur Bernat und Alaba. Es sollte deshalb nicht verwundern wenn die Münchner hier noch in diesem Sommer nachlegen, um Alaba für eine variable Rolle frei zu machen. Matteo Darmian, den wir hier im Blog vor einigen Wochen als Kandidaten vorgestellt hatten, wechselt offenbar zu Manchester United. Der FC Bayern hatte sich zuvor nach unseren Informationen gegen eine Verpflichtung des Italieners entschieden.

4. Anpassungen in der Hierarchie

Mit Schweinsteiger verlässt die Münchner auch ein (außerhalb des Sportbild-Universums) seit Jahren anerkannter Führungsspieler. Spieler wie Thomas Müller, Manuel Neuer und Jerome Boateng werden so wohl noch wichtiger für das Mannschaftsgefüge. Vor allem Müller könnte in den kommenden Jahren noch stärker die Rolle als Identifikations- und Führungsfigur nach außen einnehmen. Schon in der vergangenen Saison war zu beobachten, dass er zum Beispiel rund um die Spiele gegen den FC Barcelona die Situation aus Mannschaftssicht einordnete. Die Diskussion um sein angeblich schlechtes Verhältnis zu Guardiola ist übertrieben. Müller ist ein streitlustiger Typ, der in der Vergangenheit auch schon mit anderen Trainern oder Teammitgliedern aneckte. So lange Müller so torgefährlich bleibt wie in den vergangenen Jahren kommt ohnehin kein Trainer an ihm vorbei. Müller ist einer der Kandidaten auf die Nachfolge von Philipp Lahm als Bayern-Kapitän. Seine Bedeutung für den Verein wird weiter steigen.

5. Fehlende Torgefahr aus dem zentralen Mittelfeld

Schweinsteigers wichtigste Fähigkeit in der vergangenen Saison war die Torgefahr, die er aus dem zentralen Mittelfeld einbrachte. Immer wieder stieß er in den Strafraum nach und bewies seinen Torinstinkt und sein gefährliches Kopfballspiel. Er sorgte so unabhängig von den Offensivkönnern für zusätzliche Gefahr. An 28 Toren (16 eigene Treffer) war er so in den vergangenen drei Bundesliga-Saions beteiligt. Vor allem hier reißt sein Abgang sportlich eine Lücke, die zu füllen ist.

Lahm und Alonso sind völlig ungefährlich vor dem Tor. Alaba wirkt in Strafraumnähe manchmal zu überhastet. Thiago traf zwei Mal gegen Porto, ist jedoch auch mehr Vorbereiter als Abschlusspieler. Hojbjerg wäre jemand, der es könnte – bei ihm bleibt jedoch abzuwarten wie viel Einsatzzeit er bekommt. Auch Götze ist in diesem Kontext zu nennen – vor allem dann wenn er aus zentralerer Position kommt als noch über weite Strecken der Vorsaison. Insgesamt wird Schweinsteigers Torgefahr den Münchnern bei der derzeitigen Kaderzusammensetzung jedoch fehlen.

Schweinsteigers Abgang wird – unabhängig von der emotionalen Betrachtungsweise – Folgen für die Akteure des FC Bayern und ihre Spielweise haben. Er wird eine Lücke reißen, auf die Mannschaft und das Trainerteam reagieren müssen. Die Saisonvorbereitung und der Auftakt in die Spielzeit 2015/16 wird zeigen, wie gut dies gelingt.

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