FC Bayern München – VfL Wolfsburg 2:2 (2:0)

Tobi Trenner 22.09.2017

Zu Beginn des 6. Spieltages wartete mit dem VfL Wolfsburg eine Wundertüte.

Falls ihr es verpasst habt:

Carlo Ancelotti wechselte wie erwartet auf einigen Schlüsselpositionen. So wurde die komplette Innenverteidigung ausgetauscht, es startete mit Jerome Boateng und Mats Hummels die vermeintliche Königslösung. Im zentralen Mittelfeld ersetzte Sebastian Rudy den Franzosen Tolisso und auf den Flügeln kehrte der Trainer zum altbekannten Duo Ribery und Robben zurück – der auf Schalke noch sehr beeindruckende James Rodriguez musste also auf der Bank Platz nehmen.

FC Bayern, GrundformationenFC Bayern München – VfL Wolfsburg

Auch Martin Schmidt, der erst vor wenigen Tagen Andries Jonker als Wölfetrainer ersetzte, tauschte vierfach. So feierte unter anderem der junge Linksverteidiger Gian-Luca Itter sein Bundesligadebüt.

Zudem rotierten Tisserand, Guilavogui und William in eine Startelf, die mit dem Wolfsburg der letzten Jahre nicht mehr viel gemeinsam hatte.

Der FC Bayern startete druckvoll in die Partie, konnte aus drei aufeinanderfolgenden Ecken in der dritten Minute jedoch keine frühe Führung kreieren. Die Gäste ließen sich in der Defensive schnell in ein enges und tiefes 4-5-1-System zurückfallen, welches den Bayern keinen Raum für Kombinationen erlauben sollte. Die Gastgeber versuchten, mit einer flexibel beweglichen Offensive für Unruhe zu sorgen.

In der 13. Minute sah Arturo Vidal eine frühe gelbe Karte für ein riskantes, aber vergleichsweise harmloses Einsteigen gegen Camacho im Mittelfeld. Eine durchaus harte Entscheidung von Schiedsrichter Dingert, die die Konterabsicherung der Münchner beeinflussen könnte.

Beide Mannschaften taten sich sichtlich schwer, aus dem Spiel heraus für Torgefahr zu sorgen. Wolfsburg kam nur selten in echte Kontersituationen, die Bayern konnten die eng besetzten Zonen nicht bespielen und flüchteten sich regelmäßig in lange Bälle hinter die Abwehr. Im Vergleich zum Spiel auf Schalke gab es keinerlei Raum für die Offensivreihe der Roten, auch das ständige Rochieren zwischen Müller und Robben konnte die Abwehrmauer der Gäste nicht ins Wanken bringen.

Die erste halbe Stunde verging ohne erwähnenswerte Highlights. Man musste mit dem Schlimmsten rechnen. Doch dann gab es aus dem Nichts einen Elfmeter für den FCB. Robert Lewandowski wurde von Tisserand nach der Ballannahme mit dem Rücken zum Tor gelegt – ein fragwürdiger Pfiff. Den Strafstoß verwandelte der Pole selbst und erzielte so die wichtige Führung (33.).

Im Anschluss ging es weiter wie gehabt: es passierte praktisch nichts, bis die Bayern aus dem Nichts ein weiteres Tor erzielten. Nach Ballgewinn im Mittelfeld darf sich Arjen Robben ungehindert aus zentraler Position dem Strafraum nähern. Sein Schuss wird abgefälscht und segelt unglücklich über den machtlosen Casteels hinweg. Eine seltsame 2:0-Führung (44.).

Robben trifft zum 2:0. Rafinha fälscht den Ball noch ab.
(Foto: Sebastian Widmann / Bongarts / Getty Images)

Sekunden vor dem Halbzeitpfiff durfte dann auch Sven Ulreich beweisen, dass er nicht in der Kabine geblieben ist. Der Distanzschuss von Origi war jedoch harmlos. Eine gute Defensivleistung der Gäste wurde mit dem Maximum an Pech zunichte gemacht, für Bayern gab es neben der Führung immerhin reichlich Verbesserungspotenzial, schließlich spielte man sich nicht eine ernstzunehmende Torchance heraus.

Zur zweiten Halbzeit brachte Gäste-Coach Schmidt jede Menge Erfahrung auf den Platz: Jakub Blaszczykowski ersetzte William, ein Tausch ohne Konsequenzen auf die Formation. Die erste Chance in Halbzeit zwei hatte aber der FC Bayern, Arjen Robben verpasste das Tor mit einer Direktabnahme nur knapp. Kurz darauf tauchte auch der VfL vor dem gegnerischen Tor auf, es blieb jedoch bei zwei Halbchancen. Dennoch gestaltete sich das Spiel nun etwas offener, da die Wolfsburger aggressiver herausrückten.

Nach 56 Minuten das dritte Tor des Abends, diesmal für die Gäste. Einen zentral getretenen, harmlosen Freistoß von Maxi Arnold ließ Sven Ulreich ohne jeden Grund ins eigene Tor klatschen (56.). Ein Torwartfehler der herben Sorte, der das Spiel unerwartet öffnete. Arjen Robben vergab nur eine Minute später frei vorm Tor und verpasste es so, das erste halbwegs herausgespielte Tor der Partie zu erzielen.

In der 63. Minute nahm Ancelotti dann den verwarnten Vidal vom Feld und ersetzte ihn durch Corentin Tolisso. Am Spielverlauf änderte dies nichts, keine der beiden Mannschaften kontrollierte das Geschehen. Die wohl größte Chance dieser Phase wusste Mats Hummels mit einer großartigen Grätsche zu verhindern, ansonsten hätte Yunus Malli wohl aus kurzer Distanz aufs Tor schießen können.

Die Schlussviertelstunde wurde von einem gefährlichen Distanzschuss von Robben eingeleitet, den Koen Casteels noch zur Ecke abwehren konnte. Kurz darauf führte eine seltene Kombination der Gastgeber zur Chance für den sonst unsichtbaren Ribery, doch der Ball segelte über den Kasten.

Acht Minuten vor dem Ende passierte es dann. Nachdem die Bayern einige ordentliche Kontersituationen kläglich vergeben hatten, köpfte der eingewechselte Daniel Didavi aus dem Lauf eine Halbfeldflanke ins lange Eck (83.).

Beide Trainer reagierten umgehend auf den Ausgleich. Schmidt brachte Bazoer für Origi, um das Unentschieden zu halten, während Ancelotti mit Coman und Rodriguez die Flügel auffrischte. Insbesondere die Auswechslung von Ribery hätte wesentlich früher passieren dürfen, der Franzose war kein Faktor in dieser Partie.

Der wilde Druck des FCB führte noch zu einer Chance auf den Siegtreffer, doch Hummels’ Kopfball in den Schlusssekunden verpasste das Tor knapp.

Nach zwei Minuten Nachspielzeit wurden die Zuschauer erlöst, der Schiedsrichter beendete eine Partie, die keinen Sieger verdient hatte und dennoch auf jeden Fall vom FC Bayern hätte gewonnen werden müssen.

Drei Dinge, die auffielen:

1. Offensiv kastriert

Es ist bezeichnend, dass die beiden Innenverteidiger Boateng und Hummels mit Abstand die meisten Ballaktionen in dieser Partie hatten. Gegen das kompakte System der Wolfsburger sah die Münchner Offensivfraktion keinen Stich. In Ballbesitzphasen lief der Ball im berühmten U, bis der Angriff in einem verzweifelten Vertikalball endete.

Zwar bewegten sich insbesondere Müller und Robben viel, ohne kreative Pässe brachte dies aber alles nichts. Die Bayern agierten ohne jegliche Kreativität und konnten sich in Halbzeit eins keine echte Torchance herausspielen.

In den zweiten 45 Minuten hatte man mehr Raum, den man nicht nutzte. Die wenigen Möglichkeiten wurden manchmal knapp, meist hingegen fahrig vergeben. Das Mittelfeldduo Vidal und Rudy konnte dem Spiel nicht seinen Stempel aufdrücken, der engagierte Kimmich wurde zu selten eingebunden.

2. Defensiv kaschiert

Das System der Wolfsburger sah sicherlich vor, aus der geordneten Defensive immer wieder gefährliche Konter zu setzen. Hierzu waren die Gäste jedoch überhaupt nicht in der Lage, weshalb die zuletzt schwache Konterverteidigung der Bayern in diesem Spiel keinem ernsthaften Test unterzogen wurde.

Eine bemerkenswerte Sicherheit strahlte der Münchner Abwehrverbund dennoch nicht aus, wenn man vom zweikampfstarken Jerome Boateng absieht. Am verletzungsgeplagten Innenverteidiger sind Origi und Co mehrmals humorlos abgeprallt. Ein Boateng in alter Form ist Gold wert, dieses Spiel schürte Hoffnung darauf.

Robben und Müller nach dem Wolfsburger Treffer zum Ausgleich.
(Foto: Sebastian Widmann / Bongarts / Getty Images)

Leider konnte sich die Abwehr auch nicht durch einen sicheren Rückhalt geschützt fühlen. Sven Ulreich agierte unsicher und musste gefühlt bei jeder Aktion nachfassen, um den Ball zu kontrollieren. Das erste Gegentor passte ins Bild des nervösen Torhüters, der sich mental noch seinen Platz in der Startelf erkämpfen muss.

Dass man gegen dieses Wolfsburg zwei Gegentore kassieren konnte, ist eine Kunst.

3. Paris Calling

Es ist zwar nur Spieltag zwei in der Gruppenphase, doch die CL-Partie gegen Paris ist in aller Munde – aus unschönen Gründen. Im Spiel gegen Wolfsburg gelang es den Bayern, den Aufwärtstrend der letzten Spiele krachend zu widerlegen.

Ein Unsicherheitsfaktor im Tor, eine grundsätzliche Unruhe in der Defensivarbeit, ein Mittelfeld ohne Verve, eine uninspirierte Offensive – nur ein Ausrutscher oder doch mehr?

Die Startelf in Paris wird fraglos eine andere sein. Zu sehr spielte sich zum Beispiel James Rodriguez gegen Schalke in den Fokus, zu sehr bewarb sich Franck Ribery gegen Wolfsburg auf einen Bankplatz. Und Thiago tut dieser Mannschaft natürlich immer gut.

Aber dennoch, wenn man in der kommenden Woche einen ähnlichen Auftritt zeigt, dann dürfte es auf internationaler Bühne so richtig krachen.

Es braucht nun eine Trotzreaktion und den unbedingten Willen zu beweisen, dass dies nur ein einmaliger Fauxpas war. Wir sind gespannt.

FC Bayern München – VfL Wolfsburg 2:2 (2:2)
Bayern Ulreich – Kimmich, Boateng, Hummels, Rafinha – Rudy, Vidal (63. Tolisso) – Robben (85. James), Müller, Ribéry (85. Coman) – Lewandowski
Bank Früchtl, Friedl, Martinez, Süle
Wolfsburg Casteels – Verhaegh, Tisserand, Uduokhai, G. Itter – Camacho (73. Didavi), Guilavogui – Arnold – William (46. Blaszczykowski), Malli – Origi (85. Bazoer)
Bank Grün, Knoche, Ntep, Hinds
Tore 1:0 Lewandowski (33., Foulelfmeter), 2:0 Robben (43.), 2:1 Arnold (56.), 2:2 Didavi (83.)
Karten Gelb: Vidal / Tisserand, William
Schiedsrichter Christian Dingert (Lebecksmühle)
Zuschauer 75.000 (ausverkauft)

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