FC Bayern: Kompanys Werk und Kimmichs Beitrag – das Pressing in der Analyse
Der FC Bayern ist zurück. Im Winter und Frühjahr gab es Diskussionen darüber, ob die Münchner in der Lage sein würden, ihre Form rechtzeitig wieder auf das höchste Level zu hieven. Nach einem 6:1-Auswärtssieg bei Atalanta sind diese Debatten erstmal Geschichte – und Europa dürfte zutiefst beeindruckt sein.
Miasanrot analysierte zwischen dem 2:2 gegen den HSV und dem 5:1 gegen die TSG Hoffenheim das Pressing des FCB und stellte fest: Die hohen Ballgewinne sind zurückgegangen. Gegner finden vermehrt Wege, selbst in Ballbesitz zu bleiben oder das aggressive Anlaufen der Münchner zu umspielen.
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Sieben Spiele sind seitdem vergangen. Sieben Spiele, in denen die Bayern ihre Griffigkeit im Pressing wiedergefunden haben. Der Saisonschnitt lag bis zum Hoffenheim-Spiel bei knapp 16 hohen Ballgewinnen pro 90 Minuten in allen Wettbewerben. In den besagten sieben Partien waren es mehr als 20 pro 90 Minuten.
Taktisch hat sich dabei gar nicht so viel verändert. Aber der Zugriff ist wieder besser und auch die Arbeit mit dem Ball ist präzise. Miasanrot fokussiert sich in dieser Analyse allerdings auf das Anlaufverhalten und erklärt, warum die Arbeit gegen den Ball so gut organisiert ist.
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Bayerns Mannorientierungen: Chancen und Risiken
Mit Angriffspressing wird oft das aggressive Ansprinten der gegnerischen Verteidiger in Verbindung gebracht. Stürmer, die mit hoher Intensität dafür sorgen, dass der Spielaufbau gestört wird. Bayerns Pressing ist dahingehend erstmal recht simpel, weil Mann gegen Mann verteidigt wird.
Bedeutet: Baut der Gegner auf, hat jeder Feldspieler exakt einen Gegenspieler und bleibt in der Regel auch bei ihm, egal wohin er sich bewegt. Oder in Worten, die bei der Basis in der Kreisliga sehr beliebt sind: Wenn dein Gegenspieler auf’s Klo geht, dann gehst du mit.
Die Vorteile liegen im Abbau der Komplexität. Klarer könnte eine Aufgabe kaum formuliert sind. Nachteile zeigten sich jüngst bei Atalanta: Wenn dein Gegner so ballsicher ist wie der FC Bayern und auch noch Spieler zur Verfügung hat, die mit einem Dribbling dafür sorgen können, dass eine Mannorientierung aufgelöst wird und somit eine Überzahlsituation entsteht, dann hast du Probleme.
Deshalb sieht man auch regelmäßig, dass Angreifer zögern, wenn der Ball zum gegnerischen Torwart gespielt wird. Denn andernfalls müsste ein Stürmer seinen Gegenspieler aufgeben, der dann plötzlich Raum hätte. Es kann eine Kettenreaktion entstehen, die das gesamte mannorientierte Pressing hinfällig macht.
FC Bayern: Knifflige Entscheidungen im Anlaufverhalten
Für das Pressing des FC Bayern ist es also nicht nur wichtig, dass die Stürmer ihre Gegenspieler anlaufen, sondern auch, dass hinter ihnen die Räume verknappt werden. Oft sieht man, dass die Flügelspieler etwas eingerückt positioniert sind, sodass sie einerseits das Zentrum verdichten, andererseits aber kurze Wege haben, wenn der Ball doch auf den Flügel eröffnet wird.
Außerdem schieben die zentralen Mittelfeldspieler aggressiv nach vorn. Joshua Kimmich ist beispielsweise ein Spieler, der gern auch mal bis zum Torwart durchpresst, um den langen Ball zu erzwingen. Und selbst die Innenverteidiger sind gefordert. Dayot Upamecano geht regelmäßig Wege weit in die gegnerische Hälfte.
Dafür braucht es Abwägung und Anitzipation: Wann sind diese Wege wirklich notwendig und wann ist es besser, die Position zu halten, um keine einfachen langen Bälle zu ermöglichen. Jeder Mannschaftsteil hat damit Entscheidungen zu treffen, die große Auswirkungen haben können. Und alle hängen miteinander zusammen. Trifft ein Spieler eine falsche Entscheidung, hat das direkte Konsequenzen für die Spieler in der Nähe.
Und weil Fußball von Menschen gespielt wird, passieren diese Fehler immer mal wieder. Bayern ist gut darin, diese durch großen Laufaufwand und eine hohe Intensität zu kaschieren. Gerade in der Rückwärtsbewegung sind sie sehr schnell wieder hinter dem Ball, weil die Spieler selten abschalten oder den Fokus verlieren.
Grundordnung in Ballbesitz ist bereits entscheidend
Ein großer Teil der hohen Ballgewinne entsteht derweil aus Gegenpressing-Situationen. Hier ist die Organisation der Bayern besonders stark, weil sie bereits in Ballbesitz gut organisiert sind.

Haben sie Ballbesitz tief in der gegnerischen Hälfte, dann greifen sie meist auf ein 2-3-5 zurück, das allerdings sehr dynamisch ist. Durch viele gegenläufige Bewegungen und Positionswechsel entstehen auch Momente, in denen die Ordnung nicht ganz so klar zu erkennen ist. Deshalb werden „Systeme“ gern als Telefonnummern bezeichnet. Sie bieten Orientierung, aber sind keine starre Verpflichtung.
Trotzdem ist es wichtig für die Bayern, dass sie das Zentrum sinnvoll verteilt besetzen. Zwei Innenverteidiger sind in der Regel das Minimum, um die Tiefe einigermaßen sicher abzusichern, aber auch das Maximum, um ausreichend Spieler in Mittelfeld und Offensive zu haben. Denn dort soll schließlich für Durchbrüche gesorgt werden, die vor allem in Gleich- oder Überzahl entstehen.
Fünf Angreifer sind deshalb sowohl gegen Vierer- als auch gegen Fünferketten eine gute Zahl. Die restlichen drei Spieler sorgen für die Absicherung bei Ballverlusten. Denn gerade die zweite Pressingwelle hat hier einen enormen Einfluss.
Joshua Kimmich: Seine besondere Rolle im (Gegen-)Pressing
Eine besondere Bedeutung hat dahingehend Kimmich. Denn er besetzt sehr konsequent den Raum zwischen Innenverteidigern und vorderster Gegenpressingwelle. Schon in Ballbesitz sucht er ständig nach Räumen, in denen er sich anspielbereit positionieren kann, in denen er gleichzeitig aber auch einen guten Zugriff hat, wenn die erste Welle überspielt wird. Ein gutes Beispiel ist diese Szene gegen Atalanta:

Bayern hat einen eigenen Angriff und kommt gefährlich in den Strafraum. Dann kommt Atalanta in Ballbesitz. In der roten Zone kommt es jetzt nur auf eins an: Druck machen. Alle vier Bayern-Spieler orientieren sich sofort an den Spielern, die an den Ball kommen könnten oder den Ball haben. Der Druck ist so groß, dass die Italiener nur unkontrolliert klären können.
In der zweiten Zone hat sich derweil Kimmich schon in Position gebracht. Der Mittelfeldspieler kommt an den Ball und kann den Ballbesitz erstmal sichern, ehe eine neue Situation entsteht. In der blauen Zone geht es wiederum darum, mögliche lange Bälle abzusichern und den Kontakt zur zweiten Pressinglinie zu halten. Ein schwieriger Balanceakt. Oft ist ein Verteidiger hier dafür zuständig aggressiver zu verteidigen (Upamecano), während der andere sich etwas fallen lässt und absichert (Tah).
Kimmichs Gespür für die richtigen Räume ermöglicht es den Angreifern, bedenkenlos ins Risiko zu gehen. Der Nationalspieler ist eine Art „Sammler“, der zweite Bälle erobert und dem Gegner in der Regel keine leichten Befreiungspässe ermöglicht.
Vincent Kompany hat eine Maschine gebaut
Exakt so entstand auch der Ausgleich gegen den BVB. Nur weil Kimmich am Sechzehner in seiner „Sammler-Position“ war und eine unzulängliche Klärungsaktion von Waldemar Anton einsammelte, konnte er den Chipball auf Serge Gnabry spielen, der wiederum auf Harry Kane querlegte.

Gegen Atalanta hatte Kimmich insgesamt zwölf Balleroberungen. Nur Upamecano hatte mit 16 mehr. Beide tauchen relativ häufig unter den Spielern mit den meisten Eroberungen auf, weil sie die wichtigsten Rollen in Kompanys System einnehmen. Sammler 1 und Sammler 2, könnte man sagen. Kimmich sammelt alles ein, was durch die erste Pressingzone kommt und ermöglicht den Spielern dort sorgenfreie Aggressivität.
Und Upamecano hält Kimmich den Rücken frei, indem er nach vorn durchdeckt, also offene Gegenspieler aufnimmt, die sich im Rücken von Kimmich positionieren. Das Risiko einer solchen Spielweise hat man hin und wieder gesehen, wenn der Gegner sich daraus befreien konnte oder die entscheidenden Schritte gefehlt haben.
Auch in Zukunft wird das hin und wieder vorkommen. Aber der Ertrag ist enorm, wenn es wie in dieser Saison größtenteils funktioniert. Kompany hat hier mit seinem Trainerteam an einer echten Maschine gewerkelt. Und der Beitrag von Spielern wie Kimmich oder Upamecano ist immens. Es wird spannend zu sehen, wie sich dieses System im Viertelfinale schlagen wird, wenn es Stand jetzt gegen Real Madrid geht.


