Kaderbreite des FC Bayern München: Uli Hoeneß liegt nur teilweise richtig
Wenn Uli Hoeneß ein Interview gibt, dann nutzt er in der Regel jede sich bietende Gelegenheit, um eine kleine Wagenburg gegen die Medienwelt aufzubauen. So auch jüngst in der Kaderthematik rund um den FC Bayern München.
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Während des Legenden Cups sagte er bei MagentaSport, dass der FCB mit einer klugen Transferpolitik erfolgreich gewesen sei, „indem wir den Kader klein gehalten und nicht so viele teure Spieler geholt haben, wie sie die Medien von uns verlangt haben“.
In Frage stellen könnte man diese Behauptungen auf mehreren Ebenen. Da wäre zum Beispiel die Frage, inwiefern die doch eher zufällig daherkommenden Transferprozesse als Plan bezeichnet werden können. Oder die Frage, ob es wirklich von Beginn an eine Überzeugung war, die Offensive dünn aufzustellen oder nicht eher eine günstige Reaktion darauf, dass man den einen oder anderen Spieler nicht bekam.
Gerade das Spiel gegen den FC Augsburg hat aber mal wieder unter Beweis gestellt, dass es noch einen viel wichtigeren Aspekt zu diesem Thema gibt. Nämlich Definitionsfragen: Was bedeutet Kaderbreite eigentlich? Und ist der Kader der Bayern wirklich breit genug?
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Die ewige Kaderdiskussion rund um den FC Bayern
Das Spiel gegen den FCA war nicht das erste in dieser Saison, in der Vincent Kompany auf mehreren Positionen umbaute – freiwillig oder durch Ausfälle dazu gezwungen. Und es ist auch nicht das erste Spiel, in dem der Qualitätsunterschied zur Topelf derart deutlich auffällt.
Aktuell gibt es sicherlich noch mehr Gründe für die etwas unsauberen Auftritte der Bayern. Anpassungen der Gegner, Verletzungen, Formlöcher, Belastung mental und physisch, einigermaßen frische Gegner – eine Saison verläuft nie nur mit Höhen. Selbst in den besten Jahren haben die Bayern Phasen gehabt, in denen es nicht rund lief.
Allerdings ist die Kaderbreite hier entscheidend. In einem Punkt hat Hoeneß hier zweifellos recht: Es hätte keinen weiteren Superstar für sehr viel Geld gebraucht. Womöglich nicht mal einen weiteren Spieler. Die Anzahl der Spieler passt. 20 Feldspieler mit Profiniveau sind die perfekte Kadergröße. Spieler wie Lennart Karl und Tom Bischof haben bewiesen, dass sie zu Recht Teil dieser 20 sind.
Von der Anzahl der Spieler her ist die Mannschaft also breit genug aufgestellt. Widersprechen kann man Hoeneß allerdings qualitativ.
Kaderlytics: Der Bayern-Kader in der ausführlichen Analyse
- Teil 1: Grundsätze zur Kaderzusammenstellung und Kadergröße für den FCB
- Teil 2: Zur Mischung aus Superstars, Stars, Ergänzungsspielern und Talenten
- Teil 3: Kadercheck Bayernkader 2023/24
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FC Bayern: Rotation mit starkem Qualitätsverlust
Die Bayern verlieren im besonderen System von Kompany sofort erhebliche Qualität in entscheidenden Bereichen ihres Spiels, wenn sie einigermaßen viel rotieren. Das war auch schon so, als die Formkurve noch steil nach oben ging. Beim Auswärtsspiel gegen die TSG Hoffenheim spielten sie eine der schwächsten Halbzeiten der Saison. Oft genug konnten sie es schon korrigieren.
Die Ergebnisse täuschen darüber hinweg und Kompany muss rotieren, wenn er in den Pokalwettbewerben erfolgreich sein will. Das dürfte eine Schlüsselerkenntnis aus den Verletzungen der letzten Rückrunde gewesen sein. Aber er kann oft nicht mit entsprechender Qualität nachlegen.
Und dabei geht es gar nicht um einen weiteren Superstar, bei dem Hoeneß ebenfalls zu Recht anmerken würde, dass es Probleme in der Kabine gäbe. Es geht eher um die Auswahl der Spielertypen. Ein sehr gutes Beispiel, wie es in einem Kader mit klarer Spielidentität gelöst werden sollte, ist Tom Bischof als Ersatz für Joshua Kimmich.
Beide Spieler ähneln sich in ihren Anlagen, bringen ähnliche Fähigkeiten mit. Außerdem gibt es eine natürliche Hierarchie dadurch, dass Bischof deutlich jünger und unerfahrener ist. Wenn Bischof im Mittelfeld für Kimmich spielte, zeigte er oft eine starke Leistung. Ein weiteres gutes Beispiel ist die Integration von Lennart Karl, der als Spielertyp sehr gut ins Offensivspiel der Münchner passt und mehrere Positionen auf gutem Niveau bekleiden kann.
Zu viel Improvisation bei der Rotation
Allerdings hat der Kader auch viele Beispiele dafür, wie es nicht sein sollte. Leon Goretzka mag zwar auf dem Papier einige Qualitäten mitbringen, die als Ergänzung im Kader gut sein könnten. Aber dass er in Kernelementen des Bayern-Spiels unter Kompany nicht gut genug ist, hat sich nun mehrfach gezeigt. Nicolas Jackson ist ein Konterstürmer, der den Bayern bisher weder im Alltag noch in den wenigen Spielen, in denen Konter eine Bedeutung haben, wirklich weiterhalf.
Wenn Alphonso Davies ausfällt, haben die Münchner keinen schnellen Linksverteidiger mehr zur Verfügung, obwohl Tempo eine wichtige Komponente im System ist. Selbst bei Min-jae Kim, der als dritter Innenverteidiger sicherlich eine Luxusvariante ist, gibt es das Problem, dass ohne Dayot Upamecano der Spielaufbau erheblich leidet.
Der Kader der Bayern ist nicht gut aufeinander abgestimmt, wenn es um die Spielertypen geht, die es braucht, wenn wichtige Säulen wegbrechen. Kompany muss zu oft improvisieren, Spieler positionsfremd aufstellen oder anderweitig umbauen.
Kontinuität auf der Trainerposition ist ein wichtiger Schlüssel
Und die Gründe dafür sind in den letzten Jahren recht einfach nachzuvollziehen: Seit der Saison 2016/17 hatten die Bayern nun sieben Trainer. Acht, wenn man das kurze Intermezzo von Willy Sagnol dazuzählt. Noch besorgniserregender als die geringe Halbwertszeit eines FCB-Coachs sind aber die unterschiedlichen Spielphilosophien.
Von Carlo Ancelotti über Jupp Heynckes, Niko Kovač, Hansi Flick, Julian Nagelsmann und Thomas Tuchel bis hin zu Kompany hat sich der dargebotene Fußball in München beinahe häufiger gewechselt als die Meinung von Markus Söder zu wichtigen politischen Themen. Immerhin nur beinahe.
Entsprechend gab es auch keinen nachvollziehbaren roten Faden in der Kaderpolitik. Es wurde in den Transferfenstern viel zu oft von Saison zu Saison gearbeitet und weniger mit Weitblick. Der heutige Kader ist in Teilen ein Relikt aus dieser wechselhaften Ära, in der immer mal wieder der Kurs auf wichtigen Positionen recht deutlich gewechselt wurde. Mal suchte man eher athletische Spieler im Mittelfeld, mal spielstarke Spieler, mal eine Holding Six.
Es ist gut und wichtig, hier und da Spielertypen im Kader zu haben, die eine neue Note einbringen können, weil sie anders sind als das, was in der Startelf steht. Aber dann müssen diese Spieler in den wesentlichen Aspekten des geforderten Systems dennoch mindestens gut sein.
Was Bayern aus dieser Phase lernen muss
Die gute Nachricht aber ist, dass man mit Kompany die Chance hat, aus den Fehlern der vergangenen Jahre zu lernen. In zwei oder drei Transferfenstern lassen sich die Probleme nicht lösen, die man über einen langen Zeitraum gesammelt hat. Kaderplanung ist immer ein laufender Prozess.
Umso wichtiger wird es sein, auf der Trainerposition wieder Kontinuität zu haben. Das kann einerseits bedeuten, Kompany den Rücken auch in vielleicht noch anstehenden Krisenzeiten zu stärken. Es kann andererseits aber auch bedeuten, sich auf eine Philosophie festzulegen und bei der nächsten Trainersuche nicht wieder von Xabi Alonso zu Julian Nagelsmann zu Ralf Rangnick zu Kompany zu springen.
Dann kann auch unabhängig vom Trainer eine Kaderplanung aufgebaut werden, die Kontinuität verkörpert. Wie wichtig Rotation ist, zeigt die aktuelle Saison. Kompany fuhr deutlich schlechter damit, im Zweifelsfall lieber gar nicht zu rotieren. Hier und da hatte der Belgier in dieser Saison aber schon das Spielglück auf seiner Seite.
Die erste Niederlage gegen den FC Augsburg kam in jedem Fall nicht aus dem Nichts. Und in Sachen Kaderplanung muss der FC Bayern genau hinsehen, wo er im Sommer weiter optimieren kann. Hoeneß hat recht: Es braucht nicht zwingend neue Superstars. Aber es braucht eine klarere Rollendefinition und die Möglichkeit für den Trainer, mit weniger Improvisation zu rotieren.
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