Mehr als ein Vertrag: Upamecano, Hoeneß und der Grundsatzstreit um Berater
„Geldgierige Piranhas“, „Weglotsen“, „schädlich für den Fußball“ – Uli Hoeneß hat über Berater selten etwas Gutes zu sagen. Schon gar nicht, wenn der FC Bayern München involviert ist. Die jüngste Eskalation richtete sich klar gegen Moussa Sissoko, den Berater von Dayot Upamecano.
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Dass der Abwehrchef trotz massiver Störgeräusche wohl verlängern wird, wurde an der Säbener Straße als Sieg der Vernunft verkauft. Intern weiß man aber: Dieser Burgfrieden war teuer erkauft. Sportlich wie finanziell.
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Mehr als Polemik: Uli Hoeneß trifft einen wunden Punkt
In der Beraterbranche lösen Hoeneß’ Attacken nach Informationen von Miasanrot meist nur Schulterzucken aus. Hinter den Kulissen werden sie jedoch sehr genau zur Kenntnis genommen. Viele Agenten sehen darin ein altbewährtes Muster: Wenn Verhandlungen aus dem Ruder laufen oder Gehaltsgrenzen gesprengt werden, ist der „gierige Berater“ das dankbare Feindbild.
Es lenkt davon ab, dass Vereine selbst Teil eines globalen Marktes sind, in dem sie längst wie Wirtschaftsunternehmen agieren.
Gleichzeitig hinterlassen Begriffe wie „Piranha“ reale Schäden. Vertrauen, das ohnehin die härteste Währung in Transfergesprächen ist, wird weiter ausgehöhlt. Gerade bei Großagenturen, die mehrere Bayern-Spieler vertreten, vergisst man solche öffentlichen Abreibungen nicht.
Warum Berater so einen schlechten Ruf haben – nicht nur beim FC Bayern
Dass Berater bei Fans und Funktionären gleichermaßen unter Generalverdacht stehen, hat strukturelle Gründe. Da ist die Intransparenz: Wenn bei einem 80-Millionen-Transfer plötzlich zweistellige Millionensummen an Vermittler fließen, ohne dass dafür sportliche Leistung sichtbar wird, entsteht Unverständnis. Dazu kommt die gefühlte Söldner-Mentalität. Während Fans Vereinstreue teilweise sehr bewusst leben, denken Berater in Vertragszyklen, natürlich auch, weil Provisionen an Abschlüsse gekoppelt sind.
Am sensibelsten ist jedoch die Machtfrage. Agenturen, die ganze Kadersegmente kontrollieren, verschieben das Kräfteverhältnis. Viele Vereine fürchten, die Kontrolle über ihre Personalpolitik zu verlieren, beim FCB ist diese Angst aktuell greifbar.
Im Zentrum der letzten Diskussion steht der Upamecano-Berater Moussa Sissoko. Angeblich reizte er die Verhandlungen bis an die Schmerzgrenze aus. Ein kolportiertes Paket aus rund 16 Millionen Euro Jahresgehalt plus bis zu 20 Millionen Euro Handgeld sprengte intern alle Maßstäbe. Genau dieses „Handgeld-Phänomen“ treibt Hoeneß auf die Palme: Zahlungen, die sonst bei ablösefreien Wechseln üblich sind, werden nun schon bei Verlängerungen fällig.
Das Kalkül dahinter ist klar: Verlängert der Spieler nicht, droht ein ablösefreier Abgang und damit ein noch größerer Zahltag für Berater und Spieler. Hoeneß nennt das „schädlich für den Sport“. Faktisch ist es die logische Konsequenz eines Marktes, den Vereine selbst über Jahre mit aufgebläht haben.
Die andere Seite: Berater als Schutzschild
Etwas anders klingt es aus der Branche selbst. Die Beraterin Jasmina Čović bringt es im Gespräch mit Miasanrot differenziert auf den Punkt. Sie kann Hoeneß’ Ärger durchaus verstehen, betont aber, dass die „gierigen Berater“ nicht das Kernproblem seien. Vielmehr ziehe das Fußballbusiness zwangsläufig auch unseriöse Akteure an, auf beiden Seiten des Tisches. Für sie sollte das ganze Reglement neu definiert und gedacht werden.
Čović erinnert auch daran, dass Spieler selten auf Augenhöhe mit erfahrenen Sportdirektoren verhandeln. Verträge umfassen heute hunderte Seiten, dazu kommen rechtliche, steuerliche und mediale Fallstricke. Ein seriöser Berater sei kein Brandbeschleuniger, sondern ein Schutzschild für die Karriereplanung, Rechtssicherheit und auch das Krisenmanagement. „Schädlich sind Berater nur dann“, so Čović, „wenn sie unseriös arbeiten, das Gleiche gilt aber auch für Vereine.“
Interessant ist ihr Hinweis auf die bewusst eingegangenen Abhängigkeiten. Viele Klubs lassen sich strategisch auf Agenturen ein, die mehrere Spieler betreuen und wundern sich später über Machtverschiebungen. Im Frauenfußball, so Čović, seien diese Verflechtungen teils sogar noch enger: „Da betreut ein Berater den Sportdirektor der Frauen, den Trainer und etliche Spielerinnen. Wenn diese Abhängigkeit dann vom Berater ausgenutzt wird, ärgern sich Vereine und die Fans. Aber man hat sich zu einem gewissen Zeitpunkt bewusst dazu entschieden diesen Weg zu gehen.“
Fazit: Symptom statt Ursache
Der Fall Upamecano zeigt also, wie sehr sich der Konflikt zugespitzt hat. Hoeneß’ Wut ist nachvollziehbar, sie ist die Wut eines Patrons, der akzeptieren muss, dass die Ära der Handschlag-Deals endgültig vorbei ist. Die Berater sind nicht die alleinigen Brandstifter, sondern das Symptom eines überhitzten Systems, in dem Verträge, Gehälter und Handgelder immer neue Dimensionen erreichen.
Upamecano bleibt beim FC Bayern. Der strukturelle Konflikt bleibt es aber auch. Und solange Vereine einerseits das Sparen predigen und andererseits Rekordpakete unterschreiben, wird der nächste „Piranha“-Vorwurf nur eine Frage der Zeit sein.
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