Borussia Dortmund – FC Bayern München 0:1 (0:1)

Steffen Trenner 04.04.2015

Falls ihr es verpasst habt:

Kein Robben, kein Ribéry, kein Badstuber, kein Martínez, kein Alaba. Pep Guardiola war ausgerechnet vor dem schweren Spiel bei Borussia Dortmund zur Improvisation gezwungen. Einmal mehr tat Guardiola genau das. Dante rückte etwas überraschend in die Startelf und komplettierte damit die dagegen durchaus erwartete Dreierkette mit Benatia und Boateng. Auch das zuletzt viel gescholtene Duo Alonso und Schweinsteiger begann von Anfang an. Dieses Mal ergänzt von Lahm, der zum ersten Mal nach seiner Verletzung wieder in der Startelf stand. Götze blieb dafür zunächst, wie auch Thiago, auf der Bank. Klopp entschied sich auf der Gegenseite gegen Kagawa und Mkhitaryan und begann dafür mit Kampl, Kuba und Bender neben den gesetzten Reus und Gündogan. Der Dortmunder Trainer kündigte schon vor dem Spiel ein aggressives Pressing seiner Mannschaft an, das vor allem Neuer im Spielaufbau in Entscheidungen zwingen sollte.

Das Spiel begann sehr intensiv und mit engagiert geführten Zweikämpfen. Dortmund presste vor allem auf die zweiten Bälle und setzte die Münchner so von Beginn an unter Druck. Die Münchner brauchten 15 Minuten, um sich an das Tempo zu gewöhnen. Erst dann wurden die Ballstaffetten länger und kontrollierter. Müller hatte die erste echte Chance, als er in der 8. Minute der Dortmunder Viererkette nach einem Rafinha-Pass im Rücken entwischte und mit einem Heber scheiterte. Kurze Zeit später setzte Alonso einen Freistoß nur knapp neben den Pfosten. Dortmund blieb zwar zweikampfstark, erspielte sich aber in der ersten Halbzeit keine einzige Torchance. Auch die Münchner taten sich schwer, Großchancen zu kreieren, zeigten sich vor dem Tor aber eiskalt. Lewandowski köpfte in der 36. Minute einen abgewehrten Schuss von Müller, den er zuvor selbst vorbereitet hatte, zum zu diesem Zeitpunkt verdienten 1:0 über die Linie. Dabei blieb es bis zur Pause.

Nach dem Wechsel musste Schweinsteiger, der sich bei einem harten Foul von Kuba am Knöchel verletzt hatte, früh runter. Für ihn kam Rode. Bayern war in der Folge anzumerken, dass ein Fixpunkt im Aufbauspiel fehlte. Dortmunds Pressing wirkte so wieder etwas gefährlicher und Bayerns Fehler häuften sich. Nach einem nicht klar geklärten Ball von Boateng bekam Reus eine gute Schusschance aus halbrechter Position. Der Ball landete am Außennetz (61.). Bayern beschränkte sich zusehends darauf das Ergebnis zu verwalten und schaffte kaum einmal Entlastungsangriffe. Dortmund kam so durchaus häufiger zu Situationen im Strafraum, blieb jedoch aus dem Spiel heraus komplett ohne Torgefahr. Am Ende hielt Manuel Neuer mit einer glänzenden Parade gegen einen stark getretenen Freistoß von Reus den Sieg im wahrsten Sinne des Wortes fest. Ein großer, erkämpfter Sieg in einem erwartet schweren Spiel.

Drei Dinge, die auffielen:

1. Defense wins Championships

Es überraschte nicht unbedingt, dass Guardiola wie zuletzt in den Partien gegen Dortmund auf eine Mischung aus Dreier- und Fünferkette setzte. Die Dreierkette hat unheimlich viele Vorteile gegen das Pressing der Dortmunder und bietet durch die zusätzlichen Absicherungsmöglichkeiten der Flügelspieler auch enorm viel Stabilität. Fast wirkte es so, als ob die Bayern am Samstag-Abend insgeheim mit einem Unentschieden sehr gut hätten leben können. Die eher defensive Grundausrichtung war auch eine Ansage von Guardiola an Klopp. Nicht Balldominanz war das wichtigste Ziel der Münchner Ausrichtung, sondern defensive Stabilität. Damit forderte der Tabellenführer die Dortmunder in genau dem Bereich heraus, in dem sie in den vergangenen Wochen die größten Probleme hatten. In der Kreativität und der Kreation von Torchancen gegen einen kompakten Gegner. Guardiola, dem häufig vorgeworfen wird keinen Plan B in der Tasche zu haben, attackierte damit eine potenzielle Schwachstelle des Gegners. Drei Mal waren die Borussen in den vergangenen Wochen komplett ohne Torerfolg geblieben. Auch am Samstag-Abend fiel es den Dortmunder extrem schwer jenseits von frühen Ballgewinnen die Ordnung des Gegners zu stören und damit gefährliche Aktionen zu provozieren.

Zwar kam der BVB auf insgesamt 15 Torschüsse, davon allerdings nur acht im Strafraum und nur zwei (darunter der Freistoß von Reus) aufs Tor. Während die drei zentralen Mittelfeldspieler Alonso, Lahm und Schweinsteiger die Bedenken über ihre defensiven Qualitäten im direkten Zweikampf nicht zerstreuen konnten und vor allem Alonso immer wieder zu spät kam, zeigten die drei Verteidiger in der hintersten Reihe sowohl individuell als auch im Verbund eine herausragende Leistung. Allen voran Benatia war omnipräsent und stoppte einen Angriff des BVB nach dem anderen. 17 gewonnene Zweikämpfe (73%), 12 effektive Klärungen, davon 10 im Strafraum und 7 per Kopf sowie drei abgefangene Pässe runden eine der besten individuellen Defensiv-Leistungen der gesamten Saison ab. Auch Boateng (14/20 gewonnene Zweikämpfe) und Dante (14/24 gewonnene Zweikämpfe) standen Benatia kaum nach. Weil Boateng aber mit einem halbherzig geklärten Ball Dortmunds einzige Chance aus dem Spiel heraus miteinleitete und Dante ein paar Querschläger produzierte ist Benatia hier noch einen Tick heraus zu heben.

Die einzigen Phasen, in denen es Dortmund gelang richtig Druck aufzubauen waren die ersten und die letzten 15 Minuten. Bayern schlug in dieser Phase viele Bälle zu leichtfertig hinten heraus und kontrollierte auch die zweiten Bälle immer seltener. Trotz der Hereinnahme von Rode überspielten die Borussen gegen Ende zu leicht das Mittelfeld und kamen auf dem Flügel zu mehreren eher unbedrängten Flanken (11 insgesamt). Dass daraus im Prinzip keine echte Torchance entstand, war, wie gesagt, vor allem der Verdienst der drei Türme im Zentrum.

Kein Dortmunder Offensivspieler gewann über 50 Prozent der Zweikämpfe. Aubameyang sogar nur 29 Prozent. Es bleibt sicher abzuwarten, wie sich Bayerns Ausrichtung in den kommenden Wochen gegen andere Gegner und Spielstile verändern wird, aber es ist im Moment schwer vorstellbar, dass es irgendeiner Mannschaft gelingt gegen ein solches Bollwerk (das auch durch Badstuber statt Dante ergänzt werden könnte) viele hochkarätige Torchancen zu erspielen. Vielleicht hat Guardiola hier etwas Großes entdeckt.

2. Neue Statik ohne Robbery

Es war im Vorfeld der Partie mit Spannung erwartet worden, wie Guardiola den Ausfall seiner beiden Flügelstürmer kompensieren würde. Eins zu Eins sind beide Spielertypen mit diesem Kader nicht zu ersetzen. Guardiola unternahm auch gar nicht den Versuch. Bayerns Spiel wirkte deshalb wie schon vor einigen Wochen gegen Bremen in der Statik stark verändert. Das 3-5-2 war deutlich weniger flügellastig als das 4-3-3 zuletzt. Bayern spielte im eigenen Drittel extrem in die Breite und versuchte Dortmunds Pressing so auseinander zu ziehen und den Zugriff zu erschweren. Auch Bernat und Rafinha wurden hier stark mit einbezogen. Vorstöße der beiden Flügelstürmer waren selten.

Den typischen Bayern-Aufbau über die Innenverteidigung durch das Zentrum und von dort auf die Flügel gab es so gut wie nie. Stattdessen suchten Benatia und Boateng, aber auch Schweinsteiger und Alonso, häufig den direkten Weg mit scharfen Pässen auf die beiden Angreifer Müller und Lewandowski. So wie vor dem 1:0, als Boateng Dortmund-Pressing mit einem Vertikalpass auf Lewandowski durchbrach. Dortmunds hohes Pressing sorgte hier immer wieder für 3:2 oder 4:3-Situationen in der BVB-Defensive, wenn Lahm oder Schweinsteiger den vertikalen Weg mitgingen. Auch die Ballbesitzzonen veränderten sich durch diese Statik stark. 182 Pässe spielte Bayern im eigenen Defensivdrittel, 260 im Mitteldrittel und 100 Pässe im Angriffsdrittel. Zum Vergleich: Gegen Mönchengladbach waren es 88 im Defensivdrittel und 482 im Mitteldrittel.

Der große Profiteur dieser Ausrichtung war Robert Lewandowski. Der Pole spielte, ganz anders als sonst im Bayern-Trikot, nicht in Strafraumnähe, sondern im Bereich des Mittelkreises mit dem Rücken zu Tor und Gegner. Unfassbare 63 Zweikämpfe bestritt Lewandowski laut bundesliga.de und gewann davon ebenso unglaubliche 30 (!). Der absolute Bestwert aller Spieler auf dem Feld. Allein 10 Kopfballduelle gewann der 26-Jährige und wirkte auch ansonsten im Zusammenspiel mit Sturmpartner Müller wie befreit. Acht Mal passte Müller auf Lewandowski, sieben Mal Lewandowski auf Müller. Beide waren am einzigen Treffer entscheidend beteiligt, als Lewandowski sich um Hummels herum schlängelte, Müller bediente und den Abpraller nach energischem Nachrücken über die Linie drückte. Es war nicht die einzige Szene, in der das Zusammenspiel der beiden gut funktionierte. Lewandowski hätte in der zweiten Hälfte nach schöner Kombination und einem bewussten Tunnel von Müller noch einen weiteren Treffer erzielen können, wurde aber im letzten Moment geblockt. Müller und Lewandowski dominierten mit 29 beziehungsweise 25 Sprints und 69 sowie 78 intensiven Antritten auch die Laufstatistiken und beschäftigten die Dortmunder Hintermannschaft über 90 Minuten. Beide zusammen hatten 5 der 7 Münchner Torschüsse und bereiteten vier dieser Torschüsse vor.

All dieses Lob soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Münchner gerade in der zweiten Hälfte im Spiel nach vorne viel zu viele Fehler machten. Die (nur) 50,6 Prozent Ballbesitz allein auf eine geniale taktische Maßnahme von Guardiola zu beziehen, greift viel zu kurz. Bayern scheute mit zunehmender Spielzeit den Aufwand eines kontrollierten Ballvortrags und schlug immer mehr lange Befreiungsschläge. Vor allem Neuer wurde durch späte Rückpässe unter Druck immer wieder zu hohen und weiten Bällen gezwungen. Dass er am Ende die meisten Fehlpässe spielte (15) ist eine direkte Folge davon. Auch Rafinha, Boateng, Dante, Müller, Benatia und Alonso hatten am Ende 10 oder mehr Fehlpässe. Die schwache Passquote von 77 Prozent war so nicht allein auf das direktere Offensivspiel zurückzuführen. Es war spürbar, dass das Verständnis für die Laufwege der beiden Stürmer noch fehlte. Vielversprechende Kontersituationen verpufften so mehrfach oder wurden auf die Flügel abgedrängt. Einige Fehlpässe von Alonso in Strafraumnähe waren zudem besorgniserregend. Schweinsteigers verletzungsbedingte Herausnahme trug auch nicht gerade zur Passicherheit des Münchner Mittelfelds bei.

So zeigte Bayerns Offensivspiel am Ende ein paar interessante alternative Ansätze gegen ein gutes Pressingteam. Mehr als Ansätze waren es aber noch nicht. Gewonnen wurde das Spiel in der Defensive.

3. Thiago <3

Eigentlich sollte hier ein Extrapunkt zu Manuel Neuers überragender Abwehr gegen Marco Reus Freistoß stehen. Es war vielleicht die spektakulärste Parade von Neuer im Bayern-Trikot überhaupt. Die Kahnesqueste war sie in jedem Fall.

Trotzdem soll es hier um einen anderen Bayern-Spieler gehen. Thiago kam in der 69. Minute für Philipp Lahm aufs Feld und brauchte gerade einmal drei Minuten, um alle daran zu erinnern was für ein besonderer Spieler er ist. Als er kurz nach seiner Einwechslung einen scharfen Pass von Alonso mit dem Außenrist an Sven Bender vorbei legte und den Dortmunder mit einer Körpertäuschung aussteigen ließ, wird der 23-Jährige sicher nicht nur bei mir eine Mischung aus Lächeln und Gänsehaut hervorgerufen haben.

Ein Jahr nach seiner Knieverletzung und vielen Rückschlägen stand Thiago wieder auf dem Platz. Dieser geniale Fußballer, der dem Ball in einer anderen Szene so viel Spin gab, dass er optimal getimed in den Lauf von Alonso kullerte. Es machte nichts, dass der Spanier in den Schlussminuten noch etwas überfordert von Tempo und Physis des Spiels wirkte. Thiago kann dem Bayern-Spiel mit seinen Qualitäten auf engstem Raum nur gut tun. Seine kurzen Tempoverschärfungen und schnellen Drehungen können ein ganz wichtiges Element für Bayerns Spiel werden. Das hat er schon im Vorjahr in seinen leider viel zu wenigen Einsätzen angedeutet. Es ist schwer zu prognostizieren, wie schnell Thiago so fit ist, dass er seinem Team wieder von Anfang an helfen kann. Im Moment ist das aber ohnehin zweitrangig.

Thiago liefen Tränen herunter, als er am Samstag-Abend nach dem Schlusspfiff den Platz verließ. Die Mannschaft rief in der Kabine rythmisch seinen Namen. Der 23-Jährige dankte nach dem Spiel der ganzen Mannschaft und besonders Bastian Schweinsteiger für die Unterstützung in den vergangenen Monaten. Ja, es war ein besonderer Fußball-Abend für den FC Bayern und nebenbei ein ganz entscheidender Schritt in Richtung der dritten Deutschen Meisterschaft in Folge.

Borussia Dortmund – FC Bayern München 0:1 (0:1)
Dortmund Weidenfeller – Sokratis, Subotic, Hummels, Schmelzer – Gündogan (79. Mikhitaryan), Bender – Blaszczykowski (67. Kagawa), Reus, Kampl (68. Ramos) – Aubameyang
Bank Langerak – Dudziak, Ginter,  Kehl,
FC Bayern Neuer – Benatia, Boateng, Dante – Rafinha, Schweinsteiger (58. Rode), Alonso, Lahm (69. Thiago), Bernat – Müller (79. Götze), Lewandowski
Bank Reina – Weiser, Gaudino, Pizarro
Tore  0:1 (36.) Lewandowski,
Karten Gelb: Schmelzer, Aubameyang / Rode, Xabi Alonso, Schweinsteiger
Zuschauer  80.667
Schiedsrichter Knut Kircher (Rottenburg)

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