Benjamin Pavard: Jahr der Entscheidung beim FC Bayern

Daniel Trenner 02.07.2022

Der überflüssige Pavard?

Benjamin Pavard hat eine ereignisreiche Zeit hinter sich. Anfangs, im Sommer 2018 noch, bejubelte man das umsichtige Dingfestmachen eines solchen Talents für das nächste Jahr. Er kam jedoch nicht als der Weltmeister, der er tatsächlich war, sondern als Gesicht des Stuttgarter Wiederabstiegs. Gegen alle Unkenrufe entwickelte Pavard sich auf der rechten Seite zum absoluten Stammspieler, verpasste kaum eine Sekunde. Wahrgenommen wurde dies trotzdem nicht wirklich. Er war nie mehr als der elfte Spieler des FC Bayerns, galt als Verlegenheitslösung. Einer, der Woche für Woche aus der Mannschaft geschrieben wurde.

Dann verletzte er sich vor dem Finalturnier in Lissabon und die Kritiker schienen Recht zu behalten. Gezwungen auf Pavard verzichten zu müssen, beorderte Hansi Flick Joshua Kimmich auf dessen Position und Thiago an die Seite Leon Goretzkas. Alle drei Spieler zeigten in Portugal daraufhin absolute Weltklasse. Pavard vermisste keiner. Mehr noch, siegestrunken keiften nicht wenige, Pavards Verletzung wäre ja sogar ein Glücksfall gewesen, wo doch erst dann Bayerns absolute Topelf zusammenkommen konnte.

Bloß eine Legende?

Die Dimension an Bosheit dieser Formulierung mal außen vor gelassen, hatten diese Leute dummerweise auch gar nicht komplett unrecht. Jedenfalls bezogen auf das Turnier in Lissabon. Pavards Charakteristika sind die des defensiven Arbeiters, der den Offensivkünstlern in seinem Team den Rücken frei hält und in eigenem Ballbesitz die Kugel überlegt zum besser positionierten Spieler bringen kann, ohne dass der Flow des Angriffs unterbrochen wird. Gerade gegen den FC Barcelona und etwas weniger auch gegen Olympique Lyon wurde das nicht benötigt, beide rang man mit schier ungebremster Offensivkraft ungespitzt in den Boden. Kimmich war hier tatsächlich der perfekte Mann dafür.

Doch gegen PSG sahen die Dinge anders aus. Hier waren eigentlich Pavards Qualitäten gefragt um im direkten Duell Neymar aufzuhalten. Dennoch vermisste ihn niemand, weil Kimmich die wohl defensiv aufgeweckteste Leistung seiner Rechtsverteidigerkarriere ablieferte. Die Champions League wurde mit einem Assist eines der seltenen Offensivvorstöße des Ersatzmanns gewonnen und die Legende des überflüssigen Pavards war perfekt.

Pavards selten gewordene Stärken

Dabei war er im Triple-Jahr alles andere als überflüssig, betrachtet man es in Gänze. Neben seiner bereits beschriebenen taktischen Notwendigkeit als klassischer Verteidiger ein wichtiges Gegenstück zu Flicks Sturm-und-Drang-Offensive zu bilden, waren es auch schlichtweg seine Leistungen. Pavard gewann zumeist die Zweikämpfe, die er zu gewinnen hatte, machte schlicht einen grundsoliden Job. Nein, ein Paolo Maldini oder Liliam Thuram vermochte er nicht zu sein, doch war das völlig in Ordnung. Auch ohne diese Höhen zu erreichen, war er ein absolut ausreichend guter Defensiv-Rechtsverteidiger.

Und doch ist er bis heute umstritten. Sind dies alles Überbleibsel von einer Legendenbildung aus dem Sommer 2020? Nein, gewiss nicht. Es sind völlig berechtigte Zweifel in Folge eines klaren Leistungsabfalls in den beiden Jahren darauf. Seine taktische Rolle blieb, unter Julian Nagelsmann wurde sie sogar eher noch mal größer, indem er noch öfter das wichtige Verbindungsstück wurde, um aus einer Viererkette eine faktische Dreierreihe zu machen. Doch sind es nicht taktische Probleme, die an ihm zweifeln lassen. Nicht einmal seine Fähigkeiten am Ball erhitzen die Gemüter. Nein, es sind die ganz normalen Innenverteidiger-Dinge, die Pavard in den letzten zwei Jahren schlechter machte. Entscheidende Zweikämpfe verlor er schlicht zu oft, meist mit direkten Gegentoren in Folge dessen. Der geneigte Bayern-Sympathisant regte sich in den letzten beiden Saisons allzu oft über leichte Gegentore auf. Über pures Chaos, ja gar von Slapstick war nicht selten die Rede. Hier trugen alle Abwehrspieler eine wechselnde Teilschuld. Über Upamecano haben wir hier bereits gesprochen, bei Süle führten die Leistungen schlussendlich dazu, dass der FC Bayern ihn recht emotionslos zum BVB ziehen ließ. Hernández war trotz zahlreicher Fehler wohl noch der beste Innenverteidiger.

Pavard befindet sich hier im Mittelfeld, die krassen Ausrutscher nach unten eines Upamecanos, wo dieser gar ausgewechselt werden musste, hatte er nicht. Zu viele Gegentore provozierte er trotzdem. Im Herbst diesen Jahres stabilisierte er sich ein wenig, doch lange hielt diese Form auch nicht. Von seiner Leistung aus dem ersten Jahr war er auch so ohnehin weit entfernt.

Übrigens, kleiner Exkurs hier: Die kalte Statistik untermauert Pavards Zweikampfschwäche gar nicht. Seine schwächste Quote hatte er in seinem ersten Jahr. Allerdings muss man hier fragen, inwieweit die Statistik “Zweikampfquote” überhaupt belastbar ist. Was sehen Statistiker als Zweikampf? Wie wird dieser gewertet? Ist das Gewinnen eines Zweikampfs überhaupt immer wünschenswert, wenn man darauffolgend in einer ungünstigen Position steht?

Braucht nicht nur auf der Nase den Druck.
(Foto: Daniel Mihailescu – Pool/Getty Images)

Das Jahr der Entscheidung

Benjamin Pavard steht am Scheideweg. Sein Vertrag läuft noch bis 2024, das heißt, der FC Bayern wird mit ihm entweder verlängern oder ihn nächstes Jahr versuchen zu verkaufen. Durch die Verpflichtung Noussair Mazraouis wird Pavard nun vermehrt auch von vornherein den reinen Innenverteidiger spielen, Pavards erklärte Lieblingsposition. Seit Joshua Kimmichs Abzug ins Mittelfeld war Pavard de facto konkurrenzlos, konnte es sich auf seiner rechten Seite gemütlich machen. Selbst Josip Stanišićs beherzte Auftritte bei gleichzeitig eigener Formschwäche kosteten Pavard seinen Stammplatz nicht. Konkurrenz belebt das Geschäft und Pavard konnte sie in der Vergangenheit gar beflügeln.

Schaut man sich seinen Werdegang an, kann man leicht zum Schluss kommen, dass Pavard den Druck braucht. Er stieg mit dem VfB als junges Talent in die Bundesliga auf und wollte sich beweisen. Er spielte so gut, dass er auf das Radar Bayerns und der französischen Nationalmannschaft kam. Dort wurde er anfangs belächelt, erneut musste er sich beweisen. Erneut brachte es ihn zu Höchstleistungen. Er wurde als Stammspieler Weltmeister. Nun musste er sich nicht mehr beweisen, seine Leistungen beim VfB nahmen dementsprechend ab. Erneut gab es einen Chor an Kritik, er sei gar nicht so gut. Als er nach München wechselte, war er also wieder da, der Druck. Erneut konnte er dies in positive Energie katalysieren. Es folgten zwei Jahre, in denen sein Stammplatz weder in der Nationalmannschaft, noch beim FC Bayern wackelte, der Druck war weg und seine Spitzenleistungen ebenfalls.

Konkurrenz hat er nun, vielleicht hievt sie ihn erneut zu Spitzenleistungen. Pavard muss sich stabilisieren und mindestens eine konstante Saison auf das Feld bringen, andernfalls wird der Verein nur ähnlich zögerliche Vertragsgespräche führen wie bei Niklas Süle.