FC Bayern Muenchen Annual General Assembly

Am Stallgeruch erstickt?

Tobi Trenner 30.11.2017

Der schlafende Riese ist erwacht und droht nun, alles in seinen gigantischen Schatten zu stellen, was nicht Schritt halten kann. Nach mehr als einem halben Jahrzehnt der orientierungslosen Verschwendung hat die Premier League – nahezu simultan im Kollektiv – gelernt, dass Kompetenzimport keine Schande ist. Endlich hat England den modernen Fußball verstanden.

Für den FC Bayern stellt dies eine ungeheure Gefahr dar. Konnte man sich in der Vergangenheit sicher sein, dass auf der Insel auch Inselmentalität herrscht und die Konkurrenten im europäischen Transferkampf an einer Hand abzuzählen sind, so ist man nun bestenfalls einer von Vielen.

Die Zeiten des garantierten Sonnenscheins neigen sich in München dem Ende zu, der britische Schatten umhüllt die Säbener Straße in unerbittlichem Tempo. Ohne Monopol auf deutsche Talente, ohne die Gewissheit der Verschwendung andernorts braucht es proaktives und progressives Handeln, um einen der gewünschten Plätze an der Sonne zu verteidigen und nicht im Schatten der europäischen Zweitklassigkeit zu verschwinden.

Doch genau dies ist beim deutschen Rekordmeister aktuell nicht in Mode. Im Streben nach der bayerischen Wohlfühloase verlässt man sich auf Vertrautes. In der Sucht nach Stallgeruch droht der FC Bayern an ebenjenem zu ersticken.

Moderne Strukturen

Vor etwas mehr als acht Jahren traf man eine für Münchner Verhältnisse mutige Entscheidung. Von der Entwicklung der Nationalmannschaft entzückt, von der 0:4-Demütigung in Barcelona wachgerüttelt, verpflichtete man mit Louis van Gaal einen Trainer, der in Deutschland kein Standing hatte und zudem stur für eine Spielphilosophie stand. In echter Vereinstradition drohte dieses Experiment nach einigen schwierigen Monaten zu scheitern. Schließlich war der Wunsch nach einem radikalen Umbruch kein innerer, sondern lediglich von einzelnen Ereignissen hervorgerufen. Dass man diesmal nicht bei der erstbesten Gelegenheit den Rückzug ins sichere Haus suchte, lag nicht unerheblich am Duo Philipp Lahm und dessen Berater Roman Grill.

Fünf Jahre später befand sich der Verein auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Fast noch wichtiger: Diesen Höhepunkt erreichte man nicht zufällig, sondern durch fokussiertes und nachhaltiges Arbeiten. Mit Heynckes und später Guardiola hatte man Trainer geholt, die zur neuen Spielphilosophie passten. Neben ihnen agierte mit Matthias Sammer ein Mensch, der stets den Finger in die kleinste Wunde zu legen bereit war. Der Kader war modern aufgebaut und durch eine einmalige Balance aus Spitze und Breite zeitweise eventuell sogar der beste in Europa. Als wäre der Status Quo nicht schon genug, holte man mit Michael Reschke einen (inter-)national anerkannten Entdecker und Kaderplaner.

Das Flügeldilemma

Fraglos passte nicht jeder Handgriff der damaligen Zeit. Auf der offensiven Außenbahn gelang es bis heute nicht, gleichwertigen Ersatz für Ribéry und Robben zu stellen. Im Nachhinein ist es auch leicht, zu kritisieren, dass sich der Verein trotz nahezu abgeschlossener Verhandlungen nicht für Kevin de Bruyne, Leroy Sané oder Sadio Mane entschied. Zu den damaligen Zeiten war allgemein anerkannt, dass die aufgerufenen Ablösesummen jeweils zu hoch sind. Schließlich war eine europaweite Explosion der Transferkosten in diesem Ausmaß vor zwei Jahren noch nicht unbedingt erwartbar. Dennoch eine vergebene Chance, wenn auch aus nachvollziehbaren Gründen.

Robbery: noch immer alternativlos. (Foto: Clive Mason/Getty Images)
Robbery: noch immer alternativlos.
(Foto: Clive Mason/Getty Images)

Der Vorsprung wurde verspielt

Der aktuelle Kader des FC Bayern ist schwächer als vor drei oder vier Jahren. Neben einiger unglücklicher Entscheidungen, wie sie überall stattfinden, liegt dies auch am bereits erwähnten Erwachen in England. Auf dem heutigen Transfermarkt könnte sich der Verein glücklich schätzen, wenn er von drei Goldstücken wie Thiago, Götze und Lewandowski auch nur eines abbekommt. Man teilt sich die Spitze der Nahrungskette nicht mehr brüderlich mit den Kollegen aus Barcelona und Madrid. Aus dem Oligopol ist dank der englischen Big Six, dank Paris und (mit Abstrichen) auch dank dem schrittweisen Wiedererstarken Italiens ein echter Wettbewerb geworden.

Umso wichtiger ist es, dass der Verein auf sämtlichen Ebenen frisches Fachwissen akquiriert und umsetzt. In Sachen Kaderplanung hatte man dies durch Reschke, der sich der neuen Herausforderungen bewusst war und vermehrt auf Transfers der Marke Kimmich setzen wollte, um die teuren Spitzentransfers auf das notwendige Ausmaß zu reduzieren. Reschke brachte ein riesiges Netzwerk mit. Ob Hasan Salihamidzic diesen Kurs fortführen oder gar seinen eigenen Stempel aufdrücken kann, bleibt abzuwarten. Ein Philipp Lahm, der wohl geeignetste Kandidat mit Stallgeruch der letzten Jahrzehnte, wäre für die Leitung dieser Entwicklung die sichere Wahl gewesen.

Auch im Jugendbereich entwickelte sich der Verein extrem weiter. Dass nach Badstuber und Müller über lange Zeit nichts aus der Jugend nachkam, war kein Zufall. Hier modernisierte sich der Verein. Bis heute werden geeignete Leute für die Jugendarbeit eingestellt, diese positive Personalpolitik wird sich demnächst auch auszahlen. Umso fataler ist es, dass man dieser wichtigen Investition in die Zukunft mit Hermann Gerland einen Leiter zur Verfügung gestellt hat, der inzwischen wie kein anderer im Verein den Stallgeruch als Mief darstellt und in vielen Entscheidungen der Jugendabteilungen als konservativer Bremsklotz agiert. Dadurch wird die eigentlich erfolgreiche Trennung von Ausbildung und Profigeschäft zumindest behindert.

Die Suche nach garantierter Perfektion

Das wohl offensichtlichste Symptom des kränkelnden FCB, der den Anschluss zu verpassen droht, ist und bleibt das Geschehen auf dem Platz. Aus einer nahezu perfekt abgestimmten Mannschaft, die in Europa respektiert und häufig gefürchtet war, wurde in weniger als zwei Jahren das pure Chaos. Die Maschine wurde auseinandergenommen, die einzelnen Bestandteile müssen die gleichen Aufgaben nun ohne Verbindung zueinander lösen. Kurzum: Der FC Bayern ist taktisch wie spielerisch verkümmert.

Zweifel an der Verpflichtung Ancelottis waren berechtigt, wenngleich das Ausmaß des (inhaltlichen, nicht ergebnistechnischen) Scheiterns so keineswegs abzusehen war. Insofern war die Verpflichtung selbst vielleicht weniger ein Fehler als das Festhalten über den vergangenen Sommer hinaus. Die Probleme waren intern bereits bekannt, sie multiplizierten sich im August und September nur. Hatte man sich von den letztendlich doch positiven Ergebnissen der letzten Saison blenden lassen? Glaubte man tatsächlich daran, dass sich ein Coach im Spätherbst seiner Karriere von der Installierung Willy Sagnols als „Wachhund“ beeinflussen und anspornen ließe?

Was auch immer der Grund war, es war ein Zeichen des neuen alten FCB. Der unermüdliche Anspruch auf guten, nachhaltig erfolgreichen Fußball und seriöses Arbeiten für den Verbleib an der europäischen Spitze wurde offiziell zu einem Ding der Vergangenheit. In einer Phase, wo der englische und französisch-katarische Atem im bayerischen Nacken zu spüren ist, entschließt man sich in München, den manchmal schmerzhaften Sprint zu beenden und das Wettrennen im Spaziergang weiterzuführen.

Die weiterhin laufende, krampfhafte Suche nach einem neuen Trainer verdeutlicht die Probleme. Immerhin ist man sich intern der Wichtigkeit dieser Entscheidung bewusst, schließlich ist die mit van Gaal beginnende Ära endgültig beendet und es gilt ein neues Gesicht zu entwickeln, um nicht weiterhin im Individualismus und der auf Zufall basierten Spielphilosophie zu verkümmern.

Da man augenscheinlich auf der Suche nach einem Trainer mit taktischem Profil zu sein scheint, hat man auch aus einem großen Fehler der letzten Zeit gelernt. Taktisch gute Trainer gibt es auf hohem Niveau durchaus. Doch der FC Bayern beschneidet sich in der Suche selbst, indem er nach der eierlegenden Wollmilchsau sucht. Taktisch soll der neue Coach was drauf haben, menschlich ja sowieso – so weit, so gut. Die zusätzlichen Kriterien hingegen sind zwar mit der Absicht des eigenen Anspruchs hinterlegt, basieren jedoch auf völlig falschen Erkenntnissen.

So soll der nächste Übungsleiter doch bitte ein Deutscher sein. Warum eigentlich? Auf dem ersten Blick ist der Wunsch verständlich. Guardiola und Ancelotti scheiterten in Deutschland an ihrer Außendarstellung – interessanterweise aus absolut unterschiedlichen Gründen: Guardiola litt unter seiner lobenswerten wie tödlichen Besessenheit, bei einem deutschen Verein unbedingt und überall Deutsch sprechen zu müssen. Dies ließ in Gesprächen mit Medien eine negativ-sterile Stimmung aufkommen, da seine Sprachkenntnisse und sein Sprachgefühl für Zwischentöne nicht ausgeprägt genug waren. Ancelotti hingegen sah keine echte Notwendigkeit darin, die Sprache zu lernen, was keinesfalls eine falsche Entscheidung sein muss, bei Misserfolg aber direkt als weiterer Beweis seiner scheiternden Laissez-Faire-Politik benutzt wurde. [Anmerkung: Dieser Abschnitt erschien in der ersten Fassung gekürzt, weshalb es zu inhaltlichen Missverständnissen kam.]

Aus diesen Fehlentwicklungen zieht man nun das Fazit, dass das Problem nur dadurch zu beheben ist, überhaupt keinen Trainer mit Sprachbarrieren einzustellen. Dabei lag das Problem nicht in der Sprachbarriere selbst, sondern im Umgang mit dieser bzw. mit der Persönlichkeit im Ganzen. Ein Anecken von Thomas Tuchel mit Mannschaft oder Medien ist jedenfalls nicht weniger wahrscheinlich als es bei einem Antonio Conte oder Luis Enrique wäre. Die reflexartige Rückkehr zum FC Deutschland ist bequem, aber sie beschneidet den Verein unnötig in seinen Möglichkeiten.

Zwei mögliche Kandidaten für den Trainerposten. (Foto: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images)
Zwei mögliche Kandidaten für den Trainerposten.
(Foto: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images)

Ebenso scheint es intern bei vielen Kandidaten noch Zweifel an der Erfahrung, am Stallgeruch bei großen Vereinen zu geben. Dies ist schon an sich ein gewisses Problem, schließlich sind erprobte Trainer entweder bei einem anderen großen Verein aktiv oder sie sind mindestens an der letzten Probe gescheitert. In Kombination mit dem Wunsch des Taktikverständnisses (noch vereinbar) und des Deutschseins (hartes Ausschlusskriterium) verknappen sich Hoeneß und Rummenigge auf einen möglichen Kandidatenkreis von vier bis fünf mehr oder weniger geeigneten Kandidaten. Jedoch ist einer nicht erprobt (Nagelsmann), einer hat die erste Probe nicht bestanden (Tuchel) und einer ist nur bei baldigem Versagen verfügbar (Klopp). Die einzige aktuell passende Lösung wäre wohl Joachim Löw, wenn man die Karriere als Vereinstrainer mal ignoriert. Hier ist jedoch noch offen, ob er überhaupt zur Verfügung stehen wird.

So hat sich der Verein in der Suche des nächsten Trainers einen kleinen Kreis an Kandidaten gebastelt, deren Verfügbarkeiten so fraglich und deren Mängel so unterschiedlich sind, dass die Optionen in Abhängigkeit zueinander zu stehen scheinen. Man wird das Gefühl nicht los, dass es hier keinen Plan A und Plan B gibt, sondern viele verschiedene Wege und kein leitendes Entscheidungskriterium. Selbst innerhalb der Konzeptsuche wird die Entscheidung durch kurzfristige Entwicklungen wie Hoffenheimer Europapokalergebnisse beeinflusst.

Ein Blick auf den FC Bayern des Jahres 2017 zeigt einen Verein, der den internationalen Wissens- und Strukturvorsprung der vergangenen Jahre aufgeben musste und durch eine reaktionäre Besinnung auf interne Stärken nun stark gefährdet ist, sogar in Rückstand zu geraten. Noch ist es nicht zu spät, um die vorhandenen Strukturen wieder aufzugreifen und den strukturellen wie inhaltlichen Umbruch des Klubs fortzuführen. Hierfür bedarf es einer klaren, modernen Linie – nicht eine Anwendung alter Methoden bei neuen Herausforderungen. Sollte der FCB den eigenen Stallgeruch jedoch weiterhin als unanfechtbares Qualitätsmerkmal sehen, wird er im Rennen um die internationale Erstklassigkeit daran ersticken.

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