Lennart Karl: Seine beeindruckende Debütsaison beim FC Bayern in Zahlen
Wenn Lennart Karl mal eine Zeit lang nicht spielt, gibt es auf den Pressekonferenzen häufig Nachfragen. Was ist los beim zuletzt noch 17-Jährigen, der mittlerweile volljährig ist? Warum spielt er nicht häufiger?
Vincent Kompany hat die passende Antwort immer schon parat: Geduld, Freunde. Geduld. Der Belgier weiß, dass Formschwankungen in diesem Alter ganz normal sind. Und er weiß andererseits, dass die bisherigen Leistungen von Karl alles andere als normal sind. Allerdings in der positivsten aller Deutungen.
In der Geschichte des FC Bayern München gab es nicht viele 17-Jährige, die sich so schnell an das raue Klima im Umfeld und an das Tempo sowie die physischen Voraussetzungen gewöhnt haben. Als der Linksfuß am Freitagabend gegen Borussia Mönchengladbach mal wieder von Anfang an spielte, fügte er sich nicht nur ein. Er gab zumindest in der Anfangsphase die Schlagzahl in der Offensive mit vor.
Und auch die Zahlen untermauern, dass Karl eine außergewöhnlich gute Saison spielt, wenn man bedenkt, wie jung er ist und dass das seine erste Spielzeit auf diesem Niveau ist.
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Lennart Karl: Beeindruckende Zahlen in seiner Debütsaison beim FC Bayern
Mit sieben Toren und fünf Vorlagen kommt der flexibel einsetzbare Offensivspieler bereits auf 0,71 Torbeteiligungen pro 90 Minuten. Ein gewisser Jamal Musiala kam in seinem ersten Jahr auf 0,55. Schon jetzt hat Karl auch mehr Pflichtspielminuten gesammelt als Musiala in der Saison 2020/21.
1.522 Minuten sind es in Bundesliga, Champions League, Pokal und Supercup. Musiala kam auf 1.304 Minuten in seiner gesamten Debütsaison. Und schon das war ein außergewöhnlicher Wert. Viele Talente können froh sein, wenn sie in München überhaupt mit vierstelligen Minuten starten.
Dass Karl außergewöhnliche Fähigkeiten mitbringt, hat er in dieser Saison schon mehrfach bewiesen. Auch gegen Gladbach lieferte er vor allem in der ersten Halbzeit eine starke Leistung. Der 18-Jährige attackiert immer wieder die Tiefe mit guten Schnittstellenläufen und hat keine Angst davor, in Dribblings zu gehen oder sich einen Abschluss aus der Ferne zu nehmen.
Dem Bayern-Spiel gibt das eine neue Ebene. Auch die anderen Offensivspieler sind torgefährlich, aber Karls Zug zum Tor und seine Vertikalität zeichnen ihn aus. Mit 4,6 Dribblings pro 90 Minuten ist er laut Wyscout nur knapp hinter Luis Díaz (5). Musiala und Michael Olise (jeweils 8,2) spielen in ihrer eigenen Liga. Mit einer Erfolgsquote von fast 56 Prozent ist er bereits auf dem Niveau der anderen. Nur Musiala fällt mit 45 Prozent aktuell ab.
Karl überzeugt mit mentaler Stärke
Karl ist der Inbegriff eines Kreativspielers. Er bereitet vor, er kann selbst vollenden und er ist in jeder Situation des Spiels fokussiert darauf, die maximale Torgefahr zu kreieren. Das wiederum führt auch mal zu Ballverlusten. 11,5 sind es pro 90 Minuten. Allerdings stehen Olise (13,5), Musiala (10,6) und Díaz (10,7) hier nicht wirklich besser da.
Sie alle zählen zu den Spielern, von denen eine Spielweise erwartet wird, die mit Ballverlusten einhergehen kann. Karl nimmt sich diese Momente und lässt sich nach zwei, drei weniger gelungenen Momenten nicht gehen, sondern bleibt fokussiert. Gegen Gladbach folgte auf die starke Anfangsphase eine eher schwächere Phase, in der er oft den Ball verlor und wenig Einfluss aufs Offensivspiel hatte.
Am Ende hatte er dann aber doch noch seine Aktion und spielte einen starken Assist für Nicolas Jackson zum zwischenzeitlichen 4:0. Dass die Erwartungshaltung an ihn schon jetzt relativ groß ist, zeigt nur, wie herausragend seine Veranlagung ist.
Die Rolle von Vincent Kompany
Karl bringt alles mit, um eines Tages in die Riege der Bayern-Spieler vorzurücken, die Spiele entscheiden können. Hier und da hat er das bereits getan. Was er in den kommenden Jahren aufbauen muss, sind Konstanz und das Gefühl dafür, wann er wie viel Risiko gehen kann und soll.
Nichts, was man in einer ersten Profisaison erwarten kann und sollte. Umso beeindruckender ist es, wie stark seine Zahlen jetzt schon sind – viele Spiele vor Ende der Saison. Auch das Gerede um eine WM-Teilnahme unterstreicht das. Wenngleich Julian Nagelsmann zu Recht abwartend agiert und wohl erst kurz vor dem Turnier eine Entscheidung treffen wird.
Zu Beginn der Saison wurde noch etwas nervös verfolgt, wie zurückhaltend Kompany mit Karl umging – auch vom Autoren dieses Artikels. Mittlerweile muss man wie bei vielen Themen feststellen: Kompany hatte recht. Einerseits damit, Karl nur sehr langsam an das Team heranzuführen. Kurz darauf hatte er seine bisher stärkste Phase.
Aber auch jetzt hat Kompany recht, wenn er Woche für Woche betont, dass Geduld wichtig sei und man nichts überstürzen sollte. Karl bekommt seine Einsätze auch dann, wenn es nicht hundertprozentig rund läuft. Das ist wichtig für ihn und zeigt, dass das Trainerteam eine positive Fehlerkultur für ihn etabliert hat. „Kein Druck“, sagte Kompany am Freitag vor dem Gladbach-Spiel bei Sky über Musiala, der nach einer schweren Verletzung erst noch auf dem Weg zurück ist.
Dann ergänzte er: „Für Lenny eigentlich auch nicht.“ Mit einem Grinsen, das zeigt, dass er natürlich Erwartungen an ihn hat. Aber gesunde. Unter diesen Umständen ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Karl exakt die richtige Entwicklung nehmen wird. Auch wenn das bei jungen Spielern kaum vorhersagbar ist.



