Joshua Kimmich im schwarzen Trikot des FC Bayern. Er schaut etwas besorgt.
Bild: Maja Hitij/Getty Images

Kimmichs „Krise“ in Zahlen: Warum sich der FC Bayern trotzdem (noch) keine Sorgen machen muss

Justin 24.02.2026



Wie groß sein Anteil letztendlich wirklich am zweiten Gegentor gegen Eintracht Frankfurt war, ist Ansichtssache. Fakt ist: Zum Zeitpunkt des Passes war Min-jae Kim ein freier Mann, den er bedenkenlos anspielen konnte. Fakt ist auch: Sein Pass war nicht perfekt gespielt, auch wenn der Südkoreaner ihm einfach nur entgegengehen muss.

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Nicht zum ersten Mal in diesem Kalenderjahr agierte der 31-Jährige unpräzise. Gegen den FC Augsburg verlor er als Rechtsverteidiger das Duell mit Dimitros Giannoulis, der die Hereingabe zum Siegtreffer spielte. Gegen den HSV verschuldete er einen Elfmeter.

Hinzu kommen einige Pässe, die man von ihm so nicht gewohnt ist. Beim 3:0-Sieg gegen Werder Bremen führte einer seiner Ballverluste ebenfalls fast zum Gegentor. So sehr man in jeder einzelnen Situation auch über Teamtaktik reden kann und muss, so auffällig sind die Ungenauigkeiten des Mittelfeldstrategen – in dessen Schatten Aleksandar Pavlović immer mehr zum besten Mittelfeldspieler des Kaders aufrückt.

Miasanrot hat sich die Zahlen des Bayern-Mittelfelds bei Wyscout genauer angesehen – und einen klaren Unterschied zwischen Kimmichs Hin- und seiner Rückrunde erkannt.

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Joshua Kimmich: Bisher noch nicht ganz sein Jahr

Wir haben dabei den Schnitt zum Jahreswechsel gesetzt – also die Pflichtspiele aus dieser Saison (Bundesliga, Champions League, DFB-Pokal und Supercup) bis zum 31.12.2025 mit denen seit dem 1.1.2026 verglichen. Was auffällt: Kimmich hat deutlich an Präzision verloren, ist aber gleichzeitig auch etwas weniger dominant in seinem Spiel.

So erreichen ihn pro 90 Minuten nur noch rund 67 statt zuvor 71 Pässe seiner Mitspieler. Er selbst spielt ebenfalls „nur“ noch 81 statt zuvor 85 Pässe. Seine Passquote ist insgesamt in etwa gleich geblieben (91 Prozent), aber im Detail gibt es Auffälligkeiten. So spielt Kimmich aktuell vertikaler, aber ungenauer. 24 Vorwärtspässe sind im Jahr 2026 1,5 mehr als die vorherigen 22,5. Die Passquote ist hierbei um rund zwei Prozent von 83 auf 81 Prozent gesunken.

  • Vorwärtspässe sind Zuspiele, die in einen Raum im 90-Grad-Winkel zum gegnerischen Tor hin gespielt werden
  • Progressive Pässe sind Zuspiele gelten als solche, wenn ein bestimmter vertikaler Raumgewinn erzeugt wird. Aus der eigenen Hälfte heraus muss dieser 30 Meter betragen, in der gegnerischen Hälfte sind es nur noch zehn Meter, beim Übergang zwischen beiden Hälften sind es 15 Meter.

Bei den progressiven Pässen ist der Unterschied noch deutlicher. Hier ist die Passquote von Kimmich von rund 88 Prozent auf rund 82 Prozent gesunken – außerdem spielt er neun statt zehn pro 90 Minuten.

Kimmich macht mehr Fehler als in der ersten Saisonhälfte

Es gäbe noch weitere interessante Statistiken, die den Eindruck einer Formkrise bestätigen. Zusammenfassen lassen sich diese so: Je vertikaler das Spiel ist und je weiter es in die gegnerische Hälfte geht (Steckpässe oder erfolgreiche Pässe in die Gefahrenzone vorm gegnerischen Tor), desto ungenauer wird sein Spiel im Vergleich zur ersten Saisonhälfte.

Seine Passquote bei Zuspielen in den gegnerischen Strafraum beträgt beispielsweise nur noch 44 Prozent. Zuvor waren es 60 Prozent. Spannend ist wiederum, dass seine Werte in Bezug auf direkte Torgefahr leicht angestiegen sind. Zwei Torschussvorlagen im Vergleich zu 1,5 oder ein Schlüsselpass im Vergleich zu 0,6 zuvor pro 90 Minuten sind Beispiele.

  • Eine Torschussvorlage beinhaltet alle Situationen, in denen eine Aktion zu einem Schuss führt – auch wenn sie nicht intendiert war.
  • Ein Schlüsselpass hingegen beinhaltet nur Situationen, die sofort zu einer klaren Torchance für einen Mitspieler führen.

Auch bei Assists und Toren sind seine Werte leicht angestiegen. Mögliche Ursachen für seine stärkere Offensivpräsenz könnten Standards sein, aber auch die stabilen Einsatzzeiten von Pavlović, der ihm den Rücken freihält und ihm so Freiheiten in der Offensive gewährt. In der Hinrunde saß der 21-Jährige häufig noch auf der Bank.

Aleksandar Pavlović liefert Top-Werte

Pavlović ist aber auch ein guter Vergleichspunkt zu Kimmich. Denn der gebürtige Münchner hat sich in diesem Jahr in vielen relevanten Statistiken nochmal gesteigert oder sein Niveau gehalten. Sein Spiel ist minimal vertikaler geworden, seine Passquote bleibt derweil stabil auf einem sehr hohen Level.

Der einstige Campus-Spieler ist offensiv nicht so gefährlich wie Kimmich, aber das ist auch nicht sein Auftrag. Er gibt dem Spiel Stabilität und verteilt die Bälle klug. Er löst Pressingsituationen auf und verschafft Kimmich entsprechende Freiheiten in der Vorwärtsbewegung. Bemerkenswert zudem: Pavlović hat sich gegen den Ball gesteigert. Sein Verhalten im Pressing ist besser geworden, er antizipiert Situationen schneller und kommt damit auch mit größerer Erfolgschance in die Zweikämpfe.

69 Prozent seiner Defensivduelle hat er im neuen Jahr gewonnen. Zuvor waren es nur 55 Prozent. Er fängt zudem vier Pässe pro 90 Minuten ab – zuvor 2,4. Kimmichs Zweikampfquote ist indes von starken 71 Prozent bis zum Jahreswechsel auf 61 Prozent gefallen.

FC Bayern im Jahr 2026: Joshua Kimmich und Aleksandar Pavlović im statistischen Vergleich

Alle Daten von Wyscout und bis auf die Gesamtminuten (mit Nachspielzeiten) auf pro 90 Minuten berechnet.

Statistik (pro 90)Joshua KimmichAleksandar Pavlović
Minuten756928
Pässe80,786,2
Vorwärtspässe (erf.)24,1 (80,7 %)20,9 (88,4 %)
Progressive Pässe (erf.)9,4 (82,2 %)10,5 (85,2 %)
Deep Completions*1,40,6
Schussvorlagen20,5
Pässe erhalten67,474
Zweikämpfe (erf.)4,9 (61 %)5 (68,6 %)
Interceptions4,14

*Deep Completions sind Pässe in die Gefahrenzone vorm gegnerischen Tor – mit einem Radius von 20 Metern zur Tormitte.

Der FC Bayern hat keine „Kimmich-Krise“

Wie immer brauchen diese Zahlen auch Kontext. Sie einfach nur zu lesen und zu schlussfolgern, etwas sei besser oder schlechter geworden, reicht nicht. Ein Kontext ist beispielsweise, dass die Bayern in diesem Kalenderjahr viele Spiele hatten, in denen sie weit unter ihrem durchschnittlichen Ballbesitz lagen. Spiele, in denen die Defensivaktionen aller Spieler ansteigen, weil die Kontrolle mit dem Ball fehlt.

Und hier ist es zu einfach, nur Kimmich in die Verantwortung zu nehmen. Der Spielaufbau der Münchner war generell schon mal besser und präziser. Klar ist dennoch, dass der 31-Jährige als einer der erfahrensten Spieler ein Ankerpunkt sein sollte, der er aktuell nicht mehr in der Form ist, wie er es noch im vergangenen Jahr war.

Dass der FCB in vielen Spielen in diesem Jahr nicht durchgängig auf seinem Toplevel war, lässt sich nicht an einer Person festmachen. Im Gegenteil kann es auch sein, dass Kimmichs Formschwankungen Teil einer generellen Schwankung sind, die der FC Bayern gerade durchläuft. Dass also an ihm besonders zu sehen ist, dass es gruppen- und individualtaktisch gerade die eine oder andere Herausforderung zu bewältigen gibt.

Das Kollektiv trägt Mitverantwortung an der Form des Einzelnen

Kimmich geht auch rund 0,3-mal häufiger ins Dribbling pro 90 Minuten, aber seine Erfolgsquote ist von 69 auf 43 Prozent gesunken. Ein Indiz dafür, dass ihm die Optionen manchmal ausgehen und das Freilaufverhalten der Bayern nicht mehr so gut ist oder Gegner sie besser zustellen? Möglich. Denn Kimmich ist eigentlich kein Dribbler und wählt in der Regel lieber den Pass.

Und dann sollte nicht vergessen werden, dass Kimmich nicht so schlecht unterwegs ist, wie ihm das gern vorgeworfen wird. Er ist aktuell nur nicht auf dem Top-Level, das er schon hatte. Gegen Bremen hatte er zwar mit 14 Ballverlusten so viele wie zuletzt gegen den FC Sankt-Pauli im November, aber er hatte auch zehn Ballgewinne in der gegnerischen Hälfte. Viele davon in zentralen und vielversprechenden Positionen. Auch gegen Frankfurt gelangen ihm acht Eroberungen in der gegnerischen Hälfte.

Es sind Details, die in seinem Spiel aktuell nicht optimal sind. Seine Werte sind jetzt auch nicht schlecht, sondern nach wie vor sehr gut. Aber es haben sich eben Ungenauigkeiten gehäuft. Das fällt bei ihm besonders auf, weil er in der Regel ein extrem hohes Niveau hat.

Der FC Bayern braucht beide in Topform

Für das Trainerteam rund um Vincent Kompany und die Mannschaft wird es wichtig sein, dass Kimmich schnell wieder in Form kommt. Zwar hat man mit Tom Bischof einen spielstarken Mittelfeldmann in der Hinterhand, doch wer die Mechanismen im Fußball kennt, weiß auch, dass Kompany einen derart tiefen Schnitt nicht mitten in der Saison vornehmen wird. Das Risiko wäre enorm.

Zumal es auch noch keinen Grund zur Panik gibt. Kimmichs mindestens leichte Formkrise ist sicherlich etwas, was den FCB umtreiben sollte. Aber dass er immer noch ein herausragender Fußballer ist, steht gleichzeitig außer Frage und dass er aus ähnlichen Phasen auch schon schnell herauskam, zeigt die Vergangenheit. Die Hoffnung, dass er mit entsprechendem Rhythmus bald wieder die Leistungen zeigen kann, die ihn zu einem der besten Spieler Europas in der vergangenen Hinrunde gemacht haben, ist berechtigt.

Inwiefern seine Verletzung am Ende des vergangenen Jahres und die Ausfallzeit zu Beginn von 2026 noch eine Rolle spielen, ist kaum seriös einzuschätzen. Für die entscheidenden Spiele im kommenden Monat ist aber eines klar: Der FC Bayern braucht neben Pavlović einen stabilen und offensivstarken Kimmich.

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