Vincent Kompany vom FC Bayern München. Die Aufnahme zeigt ihn von unten, im Hintergrund ist das Dach der Allianz Arena zu sehen.
Bild: Adam Pretty/Getty Images

Evolution unter Vincent Kompany: Anpassungen und Probleme im Pressing

Justin 05.02.2026



Der FC Bayern München durchlebt gerade eine im Vergleich zur ersten Saisonhälfte schwierige Phase. Man könnte sie so umschreiben: Nach anfänglicher Leichtigkeit, die das Team durch alle Wettbewerbe trug, ist Fußball jüngst wieder zu deutlich mehr Arbeit geworden.

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Über die Ursachen wurde viel diskutiert. Von nachvollziehbarer Müdigkeit bis hin zu taktischen Veränderungen. Interessant ist dahingehend auch, wie Vincent Kompany seine Idee über die Zeit angepasst hat. Von gnadenlos hohem Pressing in den ersten Wochen bis hin zu einem etwas pragmatischeren Ansatz in der Arbeit gegen den Ball.

Aber welche Auswirkungen hatten diese Veränderungen? Miasanrot analysiert mit Hilfe der Daten und dem Videomaterial von Wyscout, wie sich die aktuelle Saison mit der Debütsaison des Belgiers vergleichen lässt. Teil 1 der Analyse befasst sich vor allem mit dem Pressing, in einem weiteren Artikel wird es dann demnächst um das Spiel mit dem Ball gehen.

Vincent Kompany beim FC Bayern: Pressing und Gegenpressing als Spielmacher?

Trainer*innen werden gern in Schubladen gepresst. Pep Guardiola als Ballbesitzpapst und Jürgen Klopp als Gegenpressingkaiser bildeten über viele Jahre in der Bundesliga und in der Premier League zwei Pole, die viel zu oft als gegensätzlich behandelt wurden. Frei nach dem Vier-Phasen-Modell von Louis van Gaal (das Spiel wechselt ständig zwischen Ballbesitz und Nicht-Ballbesitz, hat dazwischen aber jeweils die Umschaltmomente) ist jedoch klar: Beide Trainer müssen für jede Phase Lösungen haben.

So ist es natürlich auch bei Kompany. Zu Beginn erinnerte vieles an die Bayern unter Hansi Flick: Extrem hohes Pressing, sehr vertikales Spiel in die Spitze, viel Laufarbeit. Aber auch eine gewisse Anfälligkeit bei langen Bällen und Kontern. Pressing und Gegenpressing galten als die besonderen Merkmale.

Doch je länger Kompany beim FCB gearbeitet hat, desto deutlicher wurde der Einfluss, den Guardiola auf ihn hatte: Kontrolle mit dem Ball ist ebenso wichtig, um in der Arbeit gegen den Ball nicht auszubrennen. Nach einigen Schlüsselerlebnissen wie in Barcelona, bei Aston Villa oder in Rotterdam passte der Trainer sein System sukzessive an – und veränderte so auch einige Dinge rund um sein Pressing.

Ein Beispiel vom 3:0-Sieg gegen Leverkusen zeigt, wie der Idealzustand des ganz hohen Pressings der Bayern aussieht: Die Münchner schieben von hinten nach vorn aggressiv durch. Selbst als der Torwart angespielt wird, wird der im Vollsprint angelaufen. Das Risiko dabei ist, dass dadurch in der mannorientierten Grundordnung ein Feldspieler von Leverkusen frei wird. In dem Fall Robert Andrich.

Es bestünde also die Chance, dass Leverkusen über die Eröffnung des Keepers Andrich freispielen kann. In dem Fall bräuchte es einen Pass über einen Dritten, um zu ihm zu gelangen. Das ist wichtig: Der den Torwart anlaufende Spieler muss es schaffen, dass der freie Feldspieler nur über einen Umweg oder einen Chipball zu erreichen ist. Denn beide Optionen geben dem restlichen Bayern-Team wichtige Zeit, um zu verschieben.

Hier ist Lennart Karl der Schlüsselspieler. In dem Moment, in dem Leverkusens Keeper angelaufen wird, schiebt Karl bereits leicht zu Andrich, ohne aber die Option zu sehr zu eröffnen, dass die Werkself sich über den linken Innenverteidiger befreien kann – Karls Gegenspieler. Die Eröffnung läuft damit wie erwartet: Nämlich auf den rechten Innenverteidiger in der Hoffnung, dass der auf Andrich spielen kann.

Aber Karl ist da und zwingt Leverkusen damit auf den linken Flügel, wo die Münchner zupacken und den Ball hoch erobern können. Solche Szenen sind jedoch auch schon das eine oder andere Mal schief gegangen, wenn das Befreien über den Dritten dann doch geklappt hat.

Wie Kompany das Anlaufverhalten angepasst hat

Bayern ist hier über die Zeit etwas vorsichtiger geworden. Sie wählen ihre Momente, in denen sie bis nach ganz vorn durchschieben, im Schnitt besser aus. Die Stürmer versuchen häufiger, den Torwart nicht einfach anzusprinten, sondern entweder nur das Pressing anzudeuten, um den langen Ball zu erzwingen oder mit dem Deckungsschatten so zu arbeiten, dass eine Befreiung über den Dritten unwahrscheinlich wird. Wie hier in Köln:

Kane überstürzt hier nichts, sondern lässt den Torwart etwas andribbeln. Mit seinem Deckungsschatten stellt er seinen Gegenspieler zu. Erst spät übt er mit einem leichten Antraben Druck aus, erzwingt den langen Ball und der landet bei Jonas Urbig.

Wichtig ist hier das Vertrauen darin, dass die Spieler im Mittelfeld nah an ihren Gegenspielern sind. Dann wird es für den Torhüter auch schwer, eine gute Anspieloption zu finden. Die Zahlen von Wyscout belegen eine leichte Anpassung in der Intensität des Pressings – wobei die Werte jeweils Kontext und Einordnung brauchen und keinen endgültigen Beweis darstellen.

Rückgang bei den hohen Ballgewinnen

In dieser Saison kommen die Bayern in allen Pflichtspiel-Wettbewerben auf etwas weniger als 16 hohe Balleroberungen pro Partie – hoch bedeutet in dem Fall: Eigenes Angriffsdrittel und mit Eroberung ist von Fehlpässen des Gegners bis direkte Zweikampfführung alles gemeint, was einen Ballbesitzwechsel erzeugt.

Das ist ein Rückgang um knapp zwei hohe Balleroberungen pro Spiel im Vergleich zur Vorsaison. Interessant: Bei den Balleroberungen im Mittelfelddrittel gibt es ebenfalls einen Rückgang: Von knapp 38 auf knapp 33 pro Spiel. 30 Balleroberungen im eigenen Aufbaudrittel sind hingegen zwei mehr als die rund 28 im ersten Kompany-Jahr.

Das muss jedoch nicht zwingend eine negative Entwicklung sein. So ist es möglich, dass der Rückgang von Balleroberungen insgesamt und in einzelnen Bereichen darauf zurückzuführen ist, dass die Münchner kontrollierter spielen und seltener ins Pressing gehen müssen. Natürlich ist es andersherum auch möglich, dass Gegner bessere Lösungen entwickelt haben und deshalb längere Ballbesitzphasen haben, was zur Folge hätte, dass Bayern seltener Ballgewinne erzeugt. Aber auch hier gäbe es die Möglichkeit, dass der Ballbesitz eher brotlos ist und die Münchner gut verschieben.

Insofern reichen diese Werte allein noch nicht für eine genaue Analyse. Es lässt sich aber zunächst festhalten, dass die Bayern etwas seltener zu sehr hohen Ballgewinnen kommen – was in manchem Spiel ein Problem war, wenn aus strukturiertem Ballbesitz heraus die Lösungen fehlten. Denn hohe Ballgewinne führen häufig zu vielversprechenden Angriffssituationen.

FC Bayern lässt den Gegnern im Schnitt mehr Zeit

Eine weitere Statistik, die ein guter Indikator dafür ist, wie aggressiv eine Mannschaft gegen den Ball spielt, ist „Passes per Defensive Action“ (PPDA). Sie gibt an, wie viele Pässe ein Gegner im Spielaufbau spielen darf, bis eine Defensivaktion erfolgt. Dafür werden nur Aktionen in den ersten 60 Prozent des Spielfelds aus Sicht des Gegners gewertet. Ein niedriger Wert bedeutet, dass man eher aggressiv und wohl auch hoch presst.

Bayerns Entwicklung ist hier rückläufig. In der ersten Kompany-Saison lag man bei rund 9,5 PPDA. Jetzt sind es rund 10,4. Zum Vergleich: Flicks Extrempressing führte zu einem Schnitt von 8,3 PPDA in der Saison 2019/20, unter Thomas Tuchel lag man 2023/24 bei 11,8. Flicks Barcelona steht in dieser Saison bei knapp über 8. Andere Top-Teams bewegen sich in Europa ebenfalls zwischen 9,5 und 11 PPDA.

Der Wert der Bayern ist also immer noch niedrig, aber „nur“ noch normal für ein Team, das sehr hoch anläuft und nicht mehr besonders. Auch das muss nicht zwingend negativ sein. Es kann zwar bedeuten, dass das Pressing der Münchner weniger durchschlagskräftig geworden ist. Gleichzeitig kann es aber auch bedeuten, dass man sich eben ein, zwei Pässe des Gegners mehr Zeit lässt, um dann eine kluge Anlaufentscheidung zu treffen.

Mehr Ballbesitz beim Gegner

In den letzten Wochen und auch Monaten war jedoch tatsächlich im Spiel der Münchner zu beobachten, dass das ganz hohe Pressing eher etwas seltener zu qualitativ hochwertigen Ballgewinnen führt. Und auch wenn die Anzahl der Gegentore im Vergleich beider Spielzeiten aktuell gleich ist (ein Gegentor pro Partie), lässt sich zumindest nachweisen, dass die Gegner mehr Zeit am Ball haben und sich insgesamt mehr Chancen und Chancenqualität herausspielen.

Der bayerische Ballbesitz ist von etwa 66 Prozent auf 63 Prozent zurückgegangen. In dieser Saison lässt der FCB zudem 9,4 Schüsse pro Spiel zu, was im Vergleich zu den 6,7 im Vorjahr ein Anstieg von 40 Prozent ist. Was wiederum zu verkraften wäre, wenn dadurch die Chancenqualität geringer wäre. Im ersten Jahr unter Kompany gab es mancherorts Kritik, dass man zwar wenige Chancen, aber dafür hochkarätige zulasse.

Damals lag der Expected-Goals-Schnitt (xG) der Gegner aber bei 0,89 pro Spiel, jetzt ist er auf 1,02 angestiegen – was immer noch ein guter Wert ist. Arsenal (0,85), Barcelona (1,37), Manchester City (1,14) oder Inter Mailand (0,98) zeigen, dass die Münchner hier weiterhin zu den Besten gehören. Dennoch könnte der leichte Anstieg darauf hinweisen, dass Gegner bessere Mittel gefunden haben, um Tore gegen Bayern zu erzielen.

Neben dem Überspielen des Pressings durch mutiges Anlocken mit dem Torwart und anschließender Kombination über einen Dritten sind auch lange Bälle zunehmend ein Mittel gegen den FCB. Im Vergleich zur vergangenen Spielzeit spielen Gegner pro Partie etwas mehr als zwei lange Bälle mehr. 47 sind es aktuell. Die Passgenauigkeit bei den langen Pässen ist indes nur marginal angestiegen: Von 54,6 Prozent auf 55,9 Prozent.

Gleich der erste lange Ball des HSV in der 7. Spielminute zeigte am vergangenen Wochenende, wie dieses Mittel zum Erfolg führen kann. Die Hamburger spielten mutig, erarbeiteten sich eine längere Ballbesitzphase und arbeiteten mit Positionswechseln. So ließ sich Fábio Vieira zunächst ins Mittelfeld und von dort bis nach ganz hinten an den eigenen Strafraum fallen. Dabei zog er Dayot Upamecano mit sich, der auf einmal in einer Situation war, in der er Torwart Heuer Fernandes im Sprint anlief.

Der wiederum schlug den langen Ball kontrolliert auf die eigentliche Upamecano-Position, wo plötzlich Ransford Königsdörffer ein ungleiches Kopfballduell mit Alphonso Davies hatte. Der HSV hält den Ballbesitz und kommt auf seiner halblinken Seite zum Abschluss, wo normalerweise Upamecano verteidigt hätte. Gewollte Missmatches, die Gegner immer häufiger auszunutzen versuchen.

Braucht es beim FC Bayern weitere Anpassungen?

Demgegenüber stehen im gesamten Saisonverlauf natürlich trotzdem unzählige Momente, in denen die Bayern mit diesem Ansatz Angriffe verhindert haben. Gerade bei Teams, die den spielerischen Ansatz wählen und mit Positionswechseln solche Situationen erzwingen können, müssen womöglich aber neue Lösungen her.

Eine Option wäre es, Gegenspieler konsequenter zu übergeben oder zumindest in einzelnen vordefinierten Situationen stärker auf eine Übergabe zu setzen. Das Problem dabei ist, dass jede einzelne Übergabe ein Entscheidungsprozess ist, der die Anfälligkeit für Missverständnisse erhöht. Inwiefern dieses Konzept also besser ist, müsste getestet werden.

Ohnehin ist eine übergeordnete Frage, wie sehr die Bayern darin vertrauen, dass die aktuelle Phase vor allem durch Rotation, Verletzungen und Formschwäche einzelner Spieler zu Stande kommt und wie sehr sie echten Bedarf dafür sehen, Details oder gar größere Aspekte des eigenen Spiels zu verändern. In jedem Fall lässt sich beobachten, dass selbst Bundesliga-Teams wie Hamburg oder Augsburg zuletzt weniger ängstlich gegen das Pressing des FCB agiert haben als in der Vergangenheit.

Es gibt also beide Entwicklungen: Fehlende Schärfe und Frische bei den Bayern, aber eben auch eine Veränderung darin, wie andere Teams die Partien gegen sie angehen. Letzteres kann durchaus Anlass sein, um sich zumindest im Detail weitere Anpassungen zu überlegen.

Mit Blick auf den kommenden Transfersommer wird es indes auch darum gehen, den Kader in der Breite noch besser aufzustellen. Das bedeutet nicht, dass es mehr Spieler braucht, sondern passendere Spieler, die im Pressingverhalten sowie in weiteren Kernaspekten des Systems besser zu den Anforderungen passen. Wobei das noch stärker auf die aktuellen Probleme in Ballbesitz zutrifft.

Dazu dann im zweiten Teil mehr, der in den kommenden Tagen erscheinen wird.

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