Leon Goretzka: Eine Erfolgsgeschichte geht zu Ende – große Chance für den FC Bayern?
Nun ist es also offiziell: Leon Goretzka wird den FC Bayern München verlassen. Nicht wie zuletzt noch spekuliert im Winter, sondern erst im Sommer. Christoph Freund hatte das auf der Pressekonferenz am Freitag bestätigt.
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„Im Sommer wird sein Weg beim FC Bayern vorbei sein“, sagte der Österreicher: „Wir haben offen kommuniziert mit allen Beteiligten, sein Vertrag läuft im Sommer aus. Durch diese Dynamik in den letzten Wochen haben wir die Gespräche intensiviert und offen gesprochen, was im Sommer sein weiterer Weg sein wird.“
Goretzka selbst sprach von „konstruktiven Gesprächen“. Damit wird eine Erfolgsgeschichte enden, die sich paradoxerweise schon länger nicht mehr wie eine anfühlt. Seine Zeit in München glich einer Achterbahnfahrt mit unglaublichen Höhen wie dem Champions-League-Sieg 2020 und Tiefen wie der Ausbootung aus der Nationalmannschaft.
Auch im Moment ist seine Situation beim FCB nicht leicht. Wer sich in das tiefe Loch der Netzwerke gräbt, die den Zusatz „sozial“ eigentlich längst nicht mehr verdient haben, wird schnell feststellen, dass Goretzka bei einem Teil der Fans schon länger in Ungnade gefallen ist. Trotz allem dürfte es die richtige Entscheidung von ihm sein, seinen Vertrag zu erfüllen, statt schon jetzt zu gehen.
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Leon Goretzka: Eine Achterbahnfahrt beim FC Bayern
Das hat mehrere Gründe. Zunächst mal wäre da die rein emotionale Perspektive. Die Fans in den benannten Netzwerken mögen zwar laut sein, aber das muss nicht bedeuten, dass sie eine Mehrheit abbilden. Goretzka hat sich in den letzten Jahren in den Herzen vieler Bayern-Fans verewigt.
Von Beginn an war relativ offensichtlich, dass der heute 30-Jährige technisch den einen oder anderen Nachteil gegenüber anderen Profis im Kader hat. Diesen Nachteil konnte er über weite Strecken seiner Zeit beim Rekordmeister jedoch kaschieren – mit Physis, Energie, Torgefahr und cleveren Laufwegen. Mit der Bereitschaft, sich für das Team aufzuopfern und zwischen den Strafräumen Lücken zu füllen.
Immerhin 47 Tore und 48 Vorlagen gelangen ihm in 292 Pflichtspielen für den FC Bayern bisher. Eine beeindruckende Quote für einen Mittelfeldspieler, die umso beeindruckender wird, wenn man bedenkt, dass er in den letzten 71 Partien nur noch an neun Toren beteiligt war.
Beeindruckend ist auch die Tatsache, dass er in seinen verschiedenen Phasen in München nie wirklich für Ärger sorgte. Spielte er nicht, entschied er sich für Antworten auf dem Trainingsplatz. Das imponierte nicht nur Vincent Kompany so sehr, dass er ihn nach anfänglicher Nichtberücksichtigung doch regelmäßig einsetzte, sondern auch Ex-Trainer Julian Nagelsmann, der seine ursprüngliche Entscheidung, ihn nicht mehr zu nominieren, revidierte.
Goretzka ist im Prinzip die Art Spieler, die sich jeder Fan in seinem Verein wünscht: Loyal, ruhig, immer da, wenn man ihn braucht. Und doch war er in den vergangenen Jahren mehrfach Kritik daran ausgesetzt, er würde den Klub nicht verlassen. Paradox.
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Goretzka hatte zuletzt Schwierigkeiten in München
Gewiss gibt es da sportliche Zusammenhänge. Es ist wahr, dass Goretzka speziell in den letzten rund zwei Jahren nicht mehr die Leistungen bringt, für die er einst viel Wertschätzung erfuhr. Sowohl unter Thomas Tuchel als auch jetzt unter Kompany spielte der gebürtige Bochumer in einer tieferen Mittelfeldrolle, in der er sich nicht hundertprozentig wohlfühlt.
Denn auf der Sechs oder tiefen Acht muss er sich im sehr ballbesitzlastigen Spiel stärker in den Spielaufbau integrieren. Goretzkas Stärken liegen weder im Freilaufverhalten, noch darin, sich aus engen Drucksituationen zu befreien. Dafür reicht seine Handlungsschnelligkeit oft nicht aus. Immer wieder gibt es Situationen, in denen er die Laufwege seiner Mitspieler nicht sieht und Pässe in die Tiefe verpasst, die andere im Bayern-Mittelfeld spielen können.
Damit verlangsamt er unfreiwillig das Spiel. Goretzka benötigt in seinem Spiel mehr Offensivfreiheiten, als er sie derzeit beim FC Bayern erhält. Das Problem für Kompany ist allerdings, dass die Räume, in denen der 67-malige Nationalspieler stark ist, in der Regel von Spielern wie Serge Gnabry, Harry Kane, Michael Olise, Lennart Karl oder Jamal Musiala besetzt werden – und somit von Spielern, die der Belgier dort lieber sieht als Goretzka.
Nicht mehr gefragt? Goretzka ist stark abhängig vom Spielsystem
Es schien zuletzt so, als wären seine Qualitäten nicht mehr gefragt. Ex-Miasanrot-Autor Steffen Meyer hielt in den vergangenen Jahren einen Runninggag mit viel Wahrheitsgehalt am Laufen. Wenn Goretzka ein Kopfballtor erzielte, oder spät in den Strafraum rückte um zu treffen, schrieb er auf seinen Kanälen: Leon Goretzka in seiner besten Rolle als Michael Ballack.
Tatsächlich trifft es das teilweise ganz gut. Mit dem Unterschied, dass Ballack technisch versierter war und Räume mit dem Ball am Fuß schneller erkennen konnte. Gerade das späte Überladen des letzten Drittels, der Abschluss, die Kopfballstärke und die Robustheit gegen den Ball sind jedoch Parallelen.
Goretzka ergänzte den Kader des FC Bayern lange mit einer Dynamik, die unter Trainern wie Hansi Flick oder Nagelsmann eine wichtige Ergänzung für das sonst sehr technisch versierte Team war. Die beiden genannten Trainer ließen einen sehr vertikalen und risikofreudigen Fußball spielen, in dem es zwangsweise mehr Umschaltmomente in alle Richtungen gab als unter Tuchel und Kompany.
Dieses Wechselhafte liegt Goretzka sehr gut. Denn im kontrollierten Chaos blüht er auf – wenn er viel pressen darf, wenn er offensiv agieren darf, wenn er die Freiheit bekommt, regelmäßig in die letzte Linie vorzustoßen. Unter Kompany ist Goretzka einer der wenigen Spieler, die nicht gänzlich zufrieden mit ihrer Rolle sein dürften.
Und das betrifft nicht die Spielzeit, sondern die taktische Einbindung. Goretzka spielt eine Kompromissposition. Er muss defensiver agieren, wird in Ballbesitz meist in Räume geschoben, in denen das Spiel an ihm vorbeiläuft und taucht nur noch selten weiter vorn auf.
Viele Fans tun ihm Unrecht
Bisweilen wirkt sein Spiel jedoch auch lustlos. Immer wieder gingen Clips viral, in denen er über das Feld spazierte oder trabte, statt sich voll reinzuwerfen. Allerdings verzerren diese Ausschnitte auch Teile der Wahrheit und sorgen für einen unverhältnismäßigen Ärger. Denn wenn Goretzka wirklich so lust- und energielos spielen würde, hätte er längst nicht mehr das Standing, das er aktuell hat – bei Mitspielern und Trainerteam.
Es dürfte auch mit seiner für ihn nicht optimalen taktischen Rolle erklärbar sein, dass es mitunter so wirkt, als würde viel an ihm vorbeilaufen. Vor allem aber hinterlassen viele seiner Leistungen den Eindruck, dass er sich nicht vollends für diese Einbindung motivieren kann. Als würde es ihn nicht mehr erfüllen.
Spätestens das ist der Punkt, an dem der Wechsel sinnvoll ist. Sowohl Goretzka als auch der FC Bayern mussten akzeptieren, dass sein Spielertyp im System von Kompany nicht ausreichend gut aufgehoben ist. Die Münchner brauchen Spieler im Mittelfeld, die das Geschehen mit dem Ball am Fuß lesen und kontrollieren können.
Für Tiefe sorgen die Offensivspieler, für Dynamik sorgen die Dribbler und Kombinierer in der letzten Reihe. Die Aufgabe des Mittelfelds, so beschrieb es Goretzka in einem Interview mit der Zeit jüngst selbst, ist es, den Kreativen im Angriffsdrittel Freiheiten zu verschaffen. Was er nicht sagte, was zwischen den Zeilen aber durchaus zu interpretieren war: Er wäre selbst gern einer mit diesen Freiheiten.
Der FC Bayern sollte nicht den Palhinha-Fehler wiederholen
Goretzka hat akzeptiert, dass er das in München nicht mehr bekommen wird. Und der FC Bayern muss jetzt mit Blick in Richtung Sommer eine kluge Entscheidung treffen. Mit Joshua Kimmich, Aleksandar Pavlović und Tom Bischof steht ein hervorragendes Trio im Kader, das alle Fähigkeiten mitbringt, die es im Bayern-Mittelfeld braucht.
Je nachdem, wie sich Bischof in der Rückrunde präsentiert, wird man im Sommer also entweder eine größere Ausgabe tätigen, um das Zentrum zu stärken oder jemanden für die Position dahinter suchen. Die Hinrunde deutete darauf hin, dass Bischof bereit ist, die klare Nummer drei im Mittelfeld zu sein. Andererseits scheute sich Kompany bisher davor, ihn gemeinsam mit Kimmich spielen zu lassen – wohl auch, weil er darin ein defensives Risiko sieht.
Auch der Campus bietet hier spannende Optionen. Felipe Chávez feierte jüngst sein Debüt, ist ein Spieler mit Offensivqualitäten, aber auch einer, der technisch anspruchsvollen Fußball spielen kann. Jonathan Asp Jensen spielt eine hervorragende Saison in der Schweiz, ist im Mittelfeld flexibel einsetzbar – auch wenn er seine Stärken eher weiter vorn hat. Das trifft für Goretzka jedoch ebenfalls zu. Und auch bei Javier Fernández ist die Hoffnung nach den Verletzungen noch nicht ganz verloren, dass er in Zukunft eine Option sein kann.
Einen Fehler sollte der Rekordmeister jedoch nicht wiederholen: Die defensiven Qualitäten eines potenziellen Neuzugangs überzubewerten. Das ging bei João Palhinha bereits nach hinten los. Der Portugiese ist einer der besten Zweikämpfer der Welt, passte wegen seiner technischen Limitationen aber ebenso wenig ins System wie aktuell Goretzka.
Die Bayern brauchen in erster Linie keine Holding Six. Sie brauchen einen Spielgestalter, der technisch das Niveau hat, das anspruchsvolle Spiel der Bayern ohne großen Qualitätsverlust aufrecht zu erhalten, wenn er gebraucht wird. Je nachdem, für welches Regal man sich entscheidet, gibt es solche Spieler auf nahezu jedem Level. Dafür muss kein Superstar das Kabinenklima vergiften.
Goretzka geht mit zahlreichen Titeln
Nach vielen Jahren, in denen man den Fokus vor allem darauf gelegt hat, athletische und zweikampfstarke Spieler zu holen, bietet der Goretzka-Abgang nun die Chance, das Mittelfeld zukunftsfähig für dominanten Fußball aufzustellen. Und auch für Goretzka bietet der Neuanfang eine große Chance.
Bei einem anderen Klub kann er womöglich wieder zu alter Stärke finden und die Freiheiten bekommen, die er sich taktisch wünscht. Sein Ende in München ist nicht mit fehlender Qualität zu begründen, sondern damit, dass seine spezifischen Fähigkeiten nicht mehr gebraucht werden.
Und doch sollte man bei allem Unmut über die letzten ein bis zwei Jahre nicht vergessen, was für eine Erfolgsgeschichte dieser Transfer war. Goretzka kam 2018 ablösefrei vom FC Schalke 04. Siebeneinhalb Jahre später hat er sechs Meisterschaften, zwei Pokalsiege, drei Supercup-Siege, den Champions-League-Titel 2020 sowie den UEFA Supercup 2021 gefeiert. Bei der alten Klub-WM 2020 sammelte er keine Einsätze, aber auch diesen Titel holte er.
An vielen Erfolgen war Goretzka wesentlich beteiligt. In der Triple-Saison sammelte er 19 Torbeteiligungen in 38 Partien. Ein Wert, den er danach nie wieder erreichen sollte. Interessant ist dahingehend auch seine körperliche Veränderung. Vom dynamischen „Schlaks“ hin zum Muskelpaket. Vielleicht hat er in diesen Jahren zu viel an Beweglichkeit und Geschwindigkeit eingebüßt. Seine neuen physischen Vorteile konnte er in München hingegen nicht perfekt einbringen.
Haltung neben dem Platz: Einer wie kaum ein anderer
Mit Goretzka wird auch jemand gehen, der in den vergangenen Jahren mehrfach Haltung bewiesen hat. Sei es, indem er sich intern oder vor Kameras lautstark für gesellschaftspolitische Themen stark gemacht hat, oder indem er als einer von wenigen weißen Fußballern stets den Kampf gegen Rassismus mitgeführt hat.
„Wir als Nationalspieler und Fußballprofis finden sehr viel Gehör. Ich glaube, dass man die Gelegenheit nutzen kann, um sich zu solchen Themen zu positionieren“, sagte er 2022 im Interview mit Sky: „Und da lasse ich keine Gelegenheit aus, mich in der Hinsicht klar zu positionieren, um auch meiner Vorbildrolle gerecht zu werden.“ Das gelang ihm in vielerlei Hinsicht – sei es mit seiner Einstellung zum Sport oder mit wichtigen Statements und sozialen Projekten.
Spannend ist aber auch die Entwicklung, dass er dahingehend in den letzten Jahren etwas ruhiger wurde. Im Zeit-Interview betonte er, dass Themen wie Antirassismus, Diversität und Klimaschutz „in der Defensive“ wären. Dabei haben gerade Fußballer wie er die Möglichkeit, sie in die Offensive zu bringen.
Gleichzeitig ist seine Erklärung nachvollziehbar: „Wenn du dich als Sportler offensiv äußerst, gehst du ins Risiko. Du musst gewinnen, sonst geht ein Engagement nach hinten los, wird bewusst falsch verstanden oder wiedergegeben.“ Auf individueller Ebene hat der 30-Jährige in den letzten Jahren nicht mehr viel gewonnen. Er hatte vor allem mit sich selbst und mit seinem Kampf um den Stammplatz zu tun.
Hätte er sich in dieser Phase aktiver zu gesellschaftspolitischen Themen geäußert, wäre ihm das wohl nicht nur von zahlreichen Fans, sondern auch vom Verein negativ ausgelegt worden. Eine Entwicklung, die zu bedauern ist. Für Goretzka war es aber wohl die rationale Entscheidung, um sich selbst zu schützen.
Das Ende einer Erfolgsgeschichte: Leon Goretzka wird dem FC Bayern vor allem menschlich fehlen
Nun wird dieses Kapitel also enden. Aus persönlicher Sicht auf die wohl bestmögliche Art und Weise. Ein spontaner Abgang durch die Wintertür wäre seinen nun bald acht Jahren in München nicht gerecht geworden. Sicherlich hätte es auch hier sportliche Argumente für eine sofortige Trennung gegeben.
Kompany hätte dann mehr auf Bischof im Mittelfeld setzen können, um zu testen, wie er sich dort schlägt und herauszufinden, welche Art von Verstärkung es im Sommer benötigt. Goretzka wiederum hätte sich woanders noch stärker für die anstehende WM empfehlen können. Aber es hätte auch das Risiko gegeben, dass der Kader durch Verletzungen in Engpässe gerät.
Vor allem emotional haben nun aber alle Seiten die Chance, ihren Frieden mit der suboptimalen Schlussphase der Zusammenarbeit zu schließen. Und Goretzka kann im Sommer durch die Vordertür gehen. So, wie es sich jemand verdient hat, der viel für den FC Bayern geleistet hat. Menschlich wird er dem Rekordmeister gewiss fehlen. Er brachte oft Wärme in das eher kalte Business. Sportlich, da gibt es mittlerweile keinerlei Zweifel mehr, war diese Trennung unvermeidbar.
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