FC Bayern – Miasanrot-Adventskalender, Nummer 24: Roque Santa Cruz

Steffen Trenner 24.12.2022

Der YouTube-Algorithmus ist manchmal eine wunderbare Sache. Man muss nur oft genug „Oliver Kahn best saves„-Videos schauen und irgendwann besteht der persönliche YouTube-Feed mehr und mehr aus Videos und Schnipseln, die irgendeinen Bezug zum FC Bayern oder Torhütern haben. Herrlich.

Vor kurzem wurde mir so ein Video angezeigt mit dem Titel „Roque Santa Cruz pone el 3-1 vs Olimpia„. Darin köpft ein groß gewachsener Anfang 30-jähriger Roque Santa Cruz in schwarz-weißem Trikot das 3:1 für Libertad aus Asunción gegen Olimpia aus Asunción. Erst beim zweiten und dritten Hinsehen verstand ich: Das Video ist aus diesem Jahr und Santa Cruz sieht nur aus wie Anfang 30. Inzwischen ist der frühere Bayern-Stürmer Anfang 40 und spielt ganz offensichtlich immer noch eine wesentliche Rolle beim Topclub der Primera Division. Was für eine Karriere.

Roque Santa Cruz Zeit im Bayern-Trikot
(Quelle: Lukas)

23 Jahre und mindestens drei Fußball-Generationen ist es her, dass Santa Cruz mit 17 Jahren als lächelnder, aber auch ziemlich schüchterner Neuzugang beim FC Bayern aufschlug. Santa Cruz, der bereits mit 16 Jahren in der ersten Liga Paraguays debütiert hatte, war den Münchnern bei der Junioren Weltmeisterschaft im Frühjahr 1999 aufgefallen. Paraguay schied dort im Achtelfinale gegen Uruguay erst im Elfmeterschießen aus, war aber zuvor in der Gruppe mit Deutschland Tabellenführer geworden. Das Turnier hatte mit Ronaldinho, Xavi oder Diego Forlan eine Reihe späterer Weltstars bereit.

Der nächste Ronaldo? Not so much! 

Der Transfer war eine ziemliche Sensation. Teenager-Transfers  ‒ noch dazu aus Südamerika  ‒ waren damals vor allem für den FC Bayern noch eine absolute Seltenheit. Santa Cruz war mit ca. 5 Millionen Euro Ablöse der teuerste Transfer in der Geschichte Paraguays. Und in deutschen Medien wurde bereits vom „neuen Ronaldo“ (Kicker) geraunt, der da in München unterschrieben habe. Von Hoeneß ist der Satz überliefert Santa Cruz sei „in fünf Jahren wahrscheinlich der Beste, den wir weltweit haben”. Eigentlich war die Karriere in München damit schon erledigt.

Wie soll man solche Erwartungen erfüllen? Santa Cruz mühte sich insgesamt acht Jahre lang. Acht Jahre in denen das „was könnte werden, wenn…“ über jedem seiner Spiele schwebte. Es ging immer darum, was möglich wäre, wenn er endlich… ja was eigentlich… den nächsten Schritt macht? Endlich befreit aufspielt? Endlich konstanter wird? Endlich seine Position gefunden hat? Endlich länger verletzungsfrei bleibt? Endlich alles raushaut? Fairerweise bediente Santa Cruz dieses Narrativ in seinen wenigen Interviews auch selbst. Die Idee Santa Cruz umwehte so viel Konjunktiv, dass es den Blick auf den Fußballer Santa Cruz im Bayern-Trikot im hier und jetzt komplett vernebelte.

Vielleicht hätte man dann wertschätzen können, dass Santa Cruz als Teenager schon in seinem ersten Jahr viel Spielzeit sammelte und wettbewerbsübergreifend immerhin neun Mal traf. Vielleicht hätte man sich stärker auf die Verbesserung seiner Defizite (zu unkonstant in der Spieleinbindung, manchmal zu verspielt im Strafraum, Core-Strength) und die Stärkung seiner Stärken (Kopfballspiel, Ballverarbeitung, Positionierung im Strafraum) konzentrieren und so einen sehr guten Bayern-Spieler formen können. Aber auch das ist schon wieder Konjunktiv.

Santa Cruz arbeitete häufig neben Giovane Elber oder später Claudio Pizarro. Oft musste er für sie auf den Flügel ausweichen. Das lag seinem Spiel nicht wirklich, weil er zwar eine überragende Ballbehandlung hatte, aber auch schon in jungen Jahren mit seinem hohen Körperschwerpunkt nicht gerade als Tempodribbler agieren konnte. Sein gutes Kopfballspiel fiel auf. Sein wichtigstes Tor im Bayern-Trikot war vielleicht das Kopfballtor gegen Bayer Leverkusen am 32. Spieltag der Saison 2000/2001. Dieses Tor machte die spätere Last-Minute-Meisterschaft in Hamburg überhaupt erst möglich. Santa Cruz schoss zwischen 1999 und 2004 trotz zahlreicher Verletzungen jedes Jahr konstant fünf Bundesliga-Tore pro Saison. Das ist bei nüchterner Betrachtung kein Weltuntergang, sondern für einen U23-Spieler ganz schön in Ordnung.

Explosion erst bei den Blackburn Rovers

Nach danach deutlich unruhigeren Jahren mit teilweise schweren Knieverletzungen versuchte man es später unter Magath auch mal mit Santa Cruz auf der Zehn. Das klappte 2006 phasenweise sogar so gut, dass Karl-Heinz Rummenigge ihn zum Nachfolger von Michael Ballack auserkor. Das klappte nicht. Nach einer insgesamt schlechten Saison 2006/2007 ging Santa Cruz mit 25 Jahren entnervt nach England. Die Ablöse waren wieder rund 5 Millionen Euro – wie damals 1999. Das passt. Acht Jahre in denen unglaublich viel passiert ist, Santa Cruz alle wichtigen Titel gewann, über 30 Bundesligatore schoss, an zwei Weltmeisterschaften teilnahm und doch irgendwie wieder auf Los stand.

Natürlich passierte im folgenden Jahr was passieren musste. Santa Cruz explodierte bei den Blackburn Rovers. Er erzielte 19 Tore in der Premier League und war damit viertbester Torjäger hinter Cristiano Ronaldo, Emmanuel Adebayor und Fernando Torres. Es ist der Auftakt in die zweite Phase der Karriere von Roque Santa Cruz, die ihn später über Manchester City, Malaga und Betis Sevilla erst 2016 zurück nach Paraguay führt wo er – wie ich vor kurzem lernen durfte – immer noch Tore schießt. So gut wie 2007/2008 für Blackburn spielte er jedoch nie wieder.

Ich habe mich oft gefragt was in diesem Jahr anders war als in den vielen Bayern-Jahren davor, als so ein Ausreißer nach oben fehlte. Natürlich ist da die Last der Erwartungen, die abfiel. Auch Santa Cruz sprach damals davon, dass er sich erstmals seit Jahren wieder richtig gebraucht fühlte.

Goalimpact Chart von Roque Santa Cruz.
(Quelle: Goalimpact)

Sportlich waren es jedoch zwei Dinge, die bei genauerer Betrachtung auffielen: Santa Cruz spielte in Blackburn anders als in München als echter Mittelstürmer. Nicht als verkappter Flügelangreifer oder hängende Spitze, sondern nah am Tor. Zudem wirkte er ab Mitte 20 körperlich ausdefinierter, stabiler. Die 1,93 Meter wirkten so nicht mehr schlaksig und durch leichte Schubser am Oberkörper aus der Balance zu bringen. Wenn die Eleganz mit dem Ball und die Stabilität im Zweikampf- und Kopfballspiel zusammenkam – und das kam sie in der Blackburn-Zeit häufiger – dann war das Peak Santa Cruz.

Blickt man zurück auf heute über 800 Pflichtspiele und über 200 Pflichtspieltore, dann kann man vor der Karriere von Roque Santa Cruz nur den Hut ziehen. Und umso größer der Abstand, desto versöhnlicher wirkt in der Rückschau auch seine Zeit in München. Ein zweiter Ronaldo wurde er nicht. Wurde aber auch kaum jemand, wenn man ehrlich ist.

So bleibt der einzige fade Beigeschmack, dass der beste Santa Cruz auf der Höhe seiner Leistungsfähigkeit kein rotes Trikot trug, sondern ein Blau-Weißes. Was wäre also gewesen, wenn Santa Cruz einfach etwas später zum FC Bayern….. aber lassen wir den Konjunktiv.