Vorschau: Duell der Ungleichen in Fürth

Justin Trenner 23.09.2021

Für den FC Bayern München ist es durchaus eine spannende zweite Phase dieser noch jungen Saison. Einer wenig überzeugenden, weil auch für das Trainerteam extrem komplizierten Sommervorbereitung folgten nun sieben Siege und ein Unentschieden in acht Pflichtspielen. Der Rekordmeister scheint seinen Rhythmus früh gefunden zu haben und insbesondere der deutliche 7:0-Erfolg gegen den VfL Bochum führte abermals zu nahezu resignierenden Diskussionen rund um die Spannung der Männer-Bundesliga.

Gewissermaßen ist das auch ein Kompliment für die Bayern. Gerade haben sie erst die Tabellenführung übernommen, da macht sich in Deutschland bereits das große Gähnen breit. Nicht nur die Ergebnisse sind beeindruckend, sondern auch die schnelle Anpassung an den neuen Trainer. Wie problematisch ein solcher Wechsel sein kann, zeigen aktuell neben Vizemeister Leipzig noch einige andere Klubs.

Die Bayern aber marschieren weiter in Richtung zehntem Titel in Folge. Es ist sicher viel zu früh, um eine große Überraschung komplett auszuschließen, aber vieles deutet letztendlich doch wieder darauf hin, dass sie auf diesem Weg nicht zu stoppen sind.

Wie viel rotiert Julian Nagelsmann?

Und so untersteht der Gastauftritt bei Fürth nicht nur der großen Frage, wie hoch die Bayern letztendlich gewinnen werden, sondern darüber hinaus wird es weitere Erkenntnisse dahingehend geben, wie sehr Nagelsmann der gesamten Kaderbreite schon vertraut.

Einerseits betonte er vor dem Bochum-Spiel, dass der vordere Stamm des Kaders Spielpraxis brauche, um weiterhin Rhythmus aufnehmen zu können. Andererseits steht er inklusive einiger angeschlagener Spieler nun vor der ersten wirklich relevanten englischen Woche. Auf das Gastspiel bei Fürth folgt der zweite Champions-League-Auftritt daheim gegen Dynamo Kiew. Abschließend kommt dann Eintracht Frankfurt nach München, ehe es in die Länderspielpause geht.

Drei Siege sind der Anspruch des FC Bayern. Personell wird das Trainerteam neben den ohnehin zuletzt schon ausgefallenen Spielern auch auf Kingsley Coman verzichten müssen, der nach einer OP am Herzen das Lauftraining wieder aufgenommen hat. Überdies sind Jamal Musiala, Serge Gnabry und Lucas Hernández allesamt mit unterschiedlichen Problemen zwar wieder im Training, aber dennoch fraglich. Die Chancen, dass Musiala und Gnabry gegen Fürth starten, schätzte Nagelsmann auf der Pressekonferenz als gering ein.

Standardtraining unter der Woche

Zeit also, die Kaderbreite erstmals richtig zu testen? Bisher wurde nur wenig rotiert und wenn Spieler aus der zweiten Reihe Einsatzzeiten bekamen, dann tendenziell nach höheren Führungen. Gegen Aufsteiger Fürth, die bei 3:13 Toren erst einen Punkt gegen Arminia Bielefeld geholt haben, bietet sich jetzt aber die Möglichkeit, mindestens die angeschlagenen Spieler zu schonen.

Unter Flick gab es gegnerunabhängig fast immer einen spürbaren Leistungsabfall, sobald er mal auf mehr als drei oder vier Positionen tauschte. Wird sich das unter Nagelsmann ändern? Zumindest scheint sein System weniger anfällig für Konter nach Ballverlusten zu sein, was neuen Spielern in der Startelf entgegenkommen sollte.

In der Trainingswoche legte das Trainerteam besonderen Wert auf Einwürfe. Standardsituationen, so Nagelsmann, würden 30 % der Tore ausmachen und Einwürfe zähle er dazu. Gegen Bochum war er mit der Qualität nicht zufrieden. Aus taktischer Perspektive dürfte es gegen Fürth aber ansonsten wenig Anpassungen geben.

Greuther Fürth: Der sichere Absteiger?

Greuther Fürth ist schließlich der Top-Favorit auf den Abstieg. Bei allem Respekt vor der Leistung, die der Klub in den letzten Monaten erbracht hat, erscheint es unwahrscheinlich, dass sie es mit diesem Kader schaffen werden. Das hat vielerlei Gründe, die zunächst gar nicht viel mit Fürth selbst zu tun haben. Wenn über den unausgeglichenen Meisterschaftskampf diskutiert wird, muss auch die Schwelle zwischen der 2. Bundesliga und dem Oberhaus eine Rolle spielen.

In den letzten Jahren gab es immer wieder unterschiedliche Arten von Aufsteigern. Zunächst jene wie der VfB Stuttgart, Hannover 96 oder Fortuna Düsseldorf, die allesamt in der jüngeren Vergangenheit mindestens eine kleine Bundesligahistorie haben. Für solche Klubs ist das Vorhaben Klassenerhalt durchaus realistisch, weil sie über die notwendigen Strukturen verfügen.

Dann gibt es wiederum Klubs wie Union Berlin und Arminia Bielefeld, deren Aufstieg sich über mindestens zwei Jahre angedeutet hatte. Beide hatten es in der zweiten Liga geschafft, sich mit viel Ruhe auf den Fall vorzubereiten, dass es in die Bundesliga geht. Gerade bei Union war es eine sich über mehrere Jahre anbahnende Entwicklung. Hinzu kommt zumindest in Berlin ein Ballungsraum, der viel Potential bietet.

Unions Klassenerhalt wurde zurecht als Sensation gefeiert, unterlag aber anderen Strukturen als jener der Bielefelder, die eher noch in die dritte Kategorie an Aufsteigern gehören: Braunschweig, Paderborn und eben Fürth. Für diese Klubs ist ein Klassenerhalt fast unmöglich, wenn andere Bundesliga-Klubs ihnen nicht gehörig in die Karten spielen und derart absurd schwächeln, wie es beispielsweise Bremen, Köln und Schalke in der vergangenen Saison getan haben.

Stärken

  • Aggressivität
  • Gegenpressing
  • Schnelle Abschlüsse

Schwächen

  • individuelle Qualität
  • zu viele Ballverluste
  • Abstände zwischen den Mannschaftsteilen in höheren Pressingsituationen
  • Horizontale Abstände der Abwehrkette
  • Pressing läuft zu häufig ins Leere
  • zu ungefährlich im Spiel nach vorn
  • Anfälligkeit bei Standards
  • Zu geringe Erfolgsquote beim Pressing

Typische Spielweise

  • 4-4-2-Variationen
  • Mittelfeldpressing
  • Versuch, den Gegner auf außen zu lenken und dort zu pressen
  • Schnelles Spiel in die Spitze
  • Gegenpressingmomente im Angriffsdrittel provozieren
  • Dafür auch mal lange Bälle
  • Fokus auf den rechten Flügel
  • Gegen Bayern womöglich der Versuch, einen hohen Linksverteidiger wie Davies irgendwie mit langen Bällen für sich zu nutzen

Der Strohhalm Klassenerhalt

Der Abstand von Fürth zum Rest der Liga ist in allen Bereichen so groß, dass ihre Möglichkeiten, wenn man es positiv formulieren will, stark begrenzt sind. Es ist sicher nicht unmöglich, dass Aufsteiger die Klasse halten. Aber es ist aufgrund der Schwelle zwischen den beiden Top-Ligen eine Angelegenheit, in der sie sehr abhängig davon sind, wie groß die Schwächen von etablierten Bundesliga-Teams sind.

In Fürth arbeiten sie durchaus am Limit und es ist ein Kader entstanden, der seine Qualitäten hat – inklusive etwas Bundesliga-Erfahrung. Rachid Azzouzi, sportlicher Leiter der Spielvereinigung, betonte vor einigen Wochen im aktuellen Sportstudio, dass man aber nichts Verrücktes tun werde, nur um sich eine kleine Chance auf den Klassenerhalt zu erkaufen. Das Risiko sei schlicht zu groß, wie man andernorts schon sehen konnte.

Und so wird man darauf hoffen, dass sich das Team möglichst schnell an das neue Niveau gewöhnt, insbesondere die jungen Spieler eine rasante Entwicklung nehmen und im Tabellenkeller der eine oder andere Klub ungeahnte Schwächen zeigt. Es ist der Strohhalm, nach dem Klubs wie Greuther Fürth eben greifen müssen.

Offensive Idee mit individuellen Schwächen

Fußballerisch versucht man trotz des Qualitätsunterschiedes, sich selbst treu zu bleiben. In der zweiten Liga überraschten die Kleeblätter viele Gegner mit hohem Pressing und schnellen offensiven Umschaltaktionen. Mit durchschnittlich 32,2 Drucksituationen im Angriffsdrittel pro 90 Minuten stehen sie auch in der Bundesliga auf dem elften Platz – hinter Gladbach (34,6) und Dortmund (36,2). Im Mittelfeld setzen sie ihre Gegenspieler pro Spiel 70,6-mal unter Druck (Platz 6) und im Defensivdrittel sind es 45,6 Drucksituationen (Platz 10). Damit zählen sie insgesamt zur aggressiveren Hälfte der Männer-Bundesliga.

Trainer Stefan Leitl hält nicht so viel davon, sich vor dem eigenen Strafraum zu verschanzen und auf Kontersituationen mit langen Wegen zu warten. Stattdessen möchte er sein Team möglichst oft in der Hälfte des Gegners sehen. Lange Bälle (65 pro Partie, ein Anteil von fast 2/5 an allen Pässen) sollen helfen, um aus der eigenen Defensivhaltung herauszukommen und das Spiel in aktive Pressingsituationen zu verlagern. Das Problem: Gerade weil die meisten Einzelspieler große Anpassungsprobleme auf Bundesliga-Niveau haben, verlieren die Fürther zu oft den Ball in Situationen, in denen die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen zu groß sind.

Gegen die Bayern wird es ihnen aber ohnehin nicht allzu oft gelingen, nach vorn zu schieben. Exemplarisch dafür könnte die Leistung beim Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg vor zwei Wochen sein. Fürth ließ sich relativ schnell hinten reindrücken und schaffte es dann nicht mehr wirklich, nach vorn zu kommen. Insbesondere der Raum vor der eigenen Abwehr blieb oftmals sträflich frei. Vor dem 0:1 konnte Wolfsburg gleich mehrfach ungehindert in den Zehnerraum spielen. Leitl appellierte deshalb unter der Woche an den Mut seiner Mannschaft. Es ist aus Sicht des Rekordmeisters wohl mit einer ähnlichen Anfangsphase zu rechnen wie gegen den VfL Bochum am Samstag. Aber auch mit ähnlichen Schwächen des Aufsteigers, die das Spiel schnell in Richtung der Gäste kippen können.

Fürth und der Versuch der Kompensation

Die Bayern hatten gegen Bochum zwar insgesamt keine große Schwierigkeiten, aber so richtig reingefunden ins Spiel haben sie auch erst nach einem Standardtor und einer Einladung der Gäste. Angenommen, Fürth würde es gelingen, aus einer solchen Anfangsphase eine frühe Führung mitzunehmen und sich so Selbstvertrauen aufzubauen, könnte sich vielleicht eine Situation ergeben, in der die Bayern letztendlich ein engeres Spiel erwartet.

Allerdings stehen auch sie vor der großen Herausforderung, den riesigen Qualitätsunterschied auf individueller Ebene irgendwie ausgleichen zu müssen. Fürth hatte bisher in jeder Bundesliga-Partie damit zu kämpfen und warum sollte sich das ausgerechnet gegen die Bayern ändern?

Im Moment hat der Auftritt von der Spielvereinigung im Oberhaus ein bisschen was von „ins offene Messer laufen“. Und vielleicht führt das dazu, dass Leitl irgendwann doch auf seine für einen Aufsteiger offensive Grundidee verzichten muss, um die Defensive zu stabilisieren. Aber primär, das ist eben die nüchterne Erkenntnis nach fünf Spielen, liegt es am viel zu großen Qualitätsunterschied zur Konkurrenz – auf allen Ebenen. Wie deutlich wird dieser dann erst gegen den FC Bayern zu erkennen sein? Der Freitagabend wird es verraten. Alles deutet aber darauf hin, dass das Duell der Ungleichen eine deutliche Angelegenheit wird.



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